Afilio Geschichten

 „Manchmal war man wütend auf sich selbst”

Bei Afilio Geschichten stellen wir Menschen vor, die selbst erlebt haben, wie wichtig das Thema Vorsorge ist. Was passieren kann, wenn Menschen nicht vorsorgen, mussten unsere Nutzerin Bianca* und ihre Familie sehr schmerzlich erfahren. Sie erzählt davon, wie ihr Großvater 2013 verstarb und wieso sie heute jedem Menschen zu einer Patientenverfügung und einer Vorsorgevollmacht rät.
Hintergrund Stadt

Aktiv, gesellig, herzlich, humorvoll und ein bisschen ungeduldig – wenn Bianca von ihrem Großvater Helmut Gräbel spricht, hört man sie förmlich lächeln. „Ich bin ihm für vieles dankbar. Vor allem dafür, dass er uns aufgenommen hat.“ Bianca, heute 47, verliert mit neun Jahren ihre Mutter, ihre Großeltern nehmen sie und ihre Schwester kurzerhand bei sich auf. „Und somit bin ich dann bei meinen Großeltern mütterlicherseits groß geworden.“ Sie geben den Schwestern ein neues Heim und sind für sie da. Für ihren Großvater, das weiß Bianca, ist die Familie einfach alles. „Ich konnte mit meinem Opa immer reden. Also er hat mir vieles mitgegeben auf den Weg. Da kann ich heute viel mit anfangen.“ Für das, was Ihre Großeltern für sie getan haben, ist Bianca dankbar. „Irgendwann werden sie ja auch älter und dadurch, dass die mich aufgenommen haben, war für mich natürlich klar, bin ich natürlich auch für sie da.“

„Natürlich habe ich mit ihm über Vorsorge gesprochen aber er sagte immer: ‚Bianca, warum soll ich das brauchen?‘“

Als ihre Großeltern älter werden, spricht Bianca das Thema Vorsorgedokumente an. Doch ihr Großvater ist davon überzeugt, dass er keine Patientenverfügung und auch keine Vorsorgevollmacht braucht, schließlich hatte es bisher auch ohne Vorsorgedokumente keine Probleme gegeben. Aus dem Umfeld der Familie war ebenfalls nichts dergleichen bekannt. „Meine Oma hat immer gesagt: ‚Ich werde mit einem Herzinfarkt umfallen und dann bin ich tot‘ und so war es auch. Und dann gibt es so Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis, die sind dann auch einfach eingeschlafen.“ Helmut Gräbel ist davon überzeugt, dass „wenn er was sagen würde, dass ihm dann geglaubt werden würde. Und wenn dann wären wir ja auch noch da und wir könnten ja auch für ihn reden. Ich hab ihm immer geglaubt, ich habe das für bare Münze genommen“, erinnert sich Bianca.

„Und dann war es irgendwann halt mal so, dass er ins Krankenhaus gekommen ist, weil er keine Luft gekriegt hat.“

Ihr Großvater hat im Alter mit immer mehr gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Vor allem seine Lunge macht ihm zu schaffen. Als ehemaliger Raucher hat er dauerhaft Probleme, wie starken Husten. „Also es gehörte eigentlich zu seinem Leben dazu.“ Doch eines Tages bekommt er gar keine Luft mehr, muss ins Krankenhaus. „Sie haben ihn dann mit Verdacht auf Tuberkulose in eine Klinik eingewiesen und da gehörte er dann natürlich in eine Isolation, weil sie eben auch immer gesagt haben, er wäre ansteckend.“ Für den sonst so geselligen Senior ist die Isolation eine echte Herausforderung, verschlimmert wird das Ganze noch durch seine Schwerhörigkeit. „Ja das eine Ohr hatte nur 5 Prozent, das andere Ohr hatte nur noch 10 Prozent.” Sein Gegenüber hören konnte Helmut Gräbel zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr, doch die Familie findet einen anderen Weg mit ihm zu kommunizieren. „Man konnte ihm Briefe vorlegen. Wenn er das lesen konnte, hat er es begriffen. Und er hat dann halt irgendwann gelernt, von den Lippen abzulesen, um dann die Leute zu verstehen.“ Im Krankenhaus ist das allerdings nicht mehr möglich, denn durch die mögliche Ansteckungsgefahr tragen behandelnde Ärzte und Krankenschwestern einen Mundschutz. Die Zeit, alles für Helmut Gräbel aufzuschreiben, haben sie nicht. Bianca muss ihrem Großvater also selbst erklären, wogegen er im Krankenhaus behandelt wird. Da sie nicht immer vor Ort sein kann, bittet sie das Klinikpersonal mehrfach, Erklärungen zur Medikation und Behandlung für ihren Großvater aufzuschreiben, damit er versteht, was mit ihm passiert. Ein Trost: In wenigen Wochen, so sagt man ihr, sei ihr Großvater medikamentös eingestellt und könne das Krankenhaus verlassen.

„Aber irgendwie eskalierte das dann alles.“
Helmut Gräbel

Bianca bittet das Klinikpersonal weiterhin, mit ihrem Großvater so zu kommunizieren, dass er es auch versteht. Immer wieder werden die Medikamente angepasst, doch eine Besserung seines Gesundheitszustandes ist nicht in Sicht. In der Zwischenzeit haben Bianca und ihr Großvater eine provisorische Vollmacht aufgesetzt, damit sie künftig für ihn entscheiden kann und Auskunft von den Ärzten bekommt. „Es hieß sozusagen, dass er mir in allen Bereichen die Vollmacht gibt, dass ich für seine Belange entscheiden darf. Also alles zu seinem Wohle, weil er hat mir immer gesagt: ‚Bianca, ich möchte hier nicht gequält werden. Wenn meine Zeit abgelaufen ist, ist sie abgelaufen. Dann will ich gehen dürfen.‘“ 

Als sie eines Tages ins Krankenhaus kommt, ist ihr Großvater am Bett festgeschnallt. Es habe einen Zwischenfall gegeben und ihr Großvater sei aggressiv geworden, erklärt ihr das Krankenhauspersonal. „Wo ich dann gedacht hab: Mein Opa soll aggressiv sein? Solange ich denken konnte ist der nie aggressiv gewesen, nie.“ Zusätzlich verweigert ihr Großvater nun auch die Einnahme der Tabletten, „weil er halt die Aufklärung nicht gekriegt hat“. Bianca versucht weiterhin zwischen dem Krankenhaus und ihrem Großvater zu vermitteln, fährt so oft wie sie kann aus ihrem Wohnort Lübbecke ins zwei Stunden entfernte Paderborn.

„Ich wurde handlungsunfähig gemacht.“

Die Klinik erkennt die provisorische Vollmacht, die der Großvater Bianca gegeben hat, nicht an und schaltet das Betreuungsgericht ein, das einen gesetzlichen Betreuer bestellt. Dieser veranlasst die Verlegung in eine psychiatrische Klinik – Bianca und ihre Familie erfahren nur auf Nachfrage davon. Als sie ihren Großvater in der psychiatrischen Klinik besucht kann sie jedoch aufatmen. „Das gefiel da unserem Opa sehr gut. Der sagte so: ‚Endlich bin ich da raus aus dem Krankenhaus. Hier werde ich ernstgenommen. Hier reden sie mit mir in Ruhe und vernünftig. Hier verstehe ich sie wieder.‘ Ja und dann habe ich eben halt noch versucht irgendwie, dass er dann vielleicht da behandelt werden könnte.“ Der Verdacht auf Tuberkulose besteht zu diesem Zeitpunkt noch immer – in der Psychiatrie kann er allerdings nicht behandelt werden. Stattdessen zieht er nach kurzer Zeit zurück in die Klinik. Bianca darf mittlerweile nichts mehr für ihren Großvater entscheiden, Ärzte und Krankenhauspersonal geben ihr keine Auskunft über den Zustand und die Behandlung ihres Opas. Sie spürt immer mehr wie sich die Hilflosigkeit in ihr breit macht. „Manchmal war man wütend auf sich selbst. Ich hab auch manchmal heute noch so das Gefühl, dass ich mir denke: Mensch hättest Du vielleicht noch mehr tun können. Vielleicht hättest Du mal einen Anwalt einschalten sollen oder so.“ Sie fragt bei der Rechtsschutzversicherung ihres Großvaters nach Unterstützung, bittet die Ärztekammer und die Krankenkasse um Hilfe – alles ohne Erfolg.

„Irgendwann war es eben so, dass unser Opa dann nur noch aufgegeben hat.“

Nach dem kurzen Aufschwung, den ihr Großvater in der psychiatrischen Klinik erlebte, verschlechtert sich sein Zustand im Krankenhaus täglich. „Diese Hilflosigkeit, dass man dann nachher nur noch zugucken kann. Vor allem wenn man dann sieht, dass es nur noch schlechter wird. Wie er immer mehr einfällt, die Haut wird immer nur noch blasser. Ich hab wirklich nur noch auf den Tag gewartet bis er stirbt. Damit er endlich einfach erlöst ist.“ Bianca kann nun nicht für ihren Opa sprechen, so wie er es sich immer gewünscht hatte.
„Er hat dann nicht mehr essen wollen und hat dann einfach alles verweigert. Der wollte dann einfach nicht mehr und ist dann auch irgendwann eingeschlafen.“ 

Eine Möglichkeit, sich von ihrem Großvater zu verabschieden, bekommen Bianca und ihre Familie nicht mehr, denn bis zuletzt bestand der Verdacht auf Tuberkulose. „Weil er wäre ja ansteckend gewesen. Und dann mussten wir ihn halt so beerdigen, ohne dass wir ihn nochmal sehen.“ Das Bestattungsinstitut bietet an, ihnen Fotos von ihrem Opa zukommen zu lassen, damit sie sich zumindest bildlich verabschieden können. Einige Zeit später will Bianca Klarheit. „Dann habe ich einfach mal beim Gesundheitsamt nachgefragt, was denn jetzt überhaupt wirklich wäre. Ich habe da dann halt die Auskunft gekriegt, dass er keine Tuberkulose hatte und selbst wenn hätten wir uns ruhig verabschieden können. Weil wenn man tot ist spuckt man nicht mehr aus und ist nicht mehr ansteckend.“

„Man kann die Situation auch nicht mehr ändern. Ich möchte einfach, dass das anderen erspart bleibt bzw. auch uns erspart bleibt.“

Heute sagt Bianca, dass sie ihren Großvater gezwungen hätte, eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht aufzusetzen, wenn sie gewusst hätte, was ihm und ihrer Familie bevorsteht. „Aber dass das mal so kommen würde, damit haben wir alle nicht gerechnet, alle nicht.“ Die Erfahrung von damals hat ihre Sicht auf das Thema Vorsorge komplett verändert. Nachdem sie den Tod ihres Opas verarbeitet hatte, begann sie, sich über die Patientenverfügung zu informieren. „Eine Freundin von mir, die mit Behinderten zu tun hat, die hatte dann auch so eine Patientenverfügung mit Vollmacht mit allem drum und dran. Aber da habe ich mich nicht so rangetraut.“ Sie soll in dieser und auch in Vorlagen aus dem Internet, die sie findet, in eigenen Worten beschreiben, was sie sich wünscht. Doch Sie fürchtet, dass das für eine gültige Verfügung nicht ausreicht. „Weil man muss ja wirklich vielschichtig alles drin haben. Und ich hatte Angst, dass ich dann nachher irgendwas vergesse und das Ganze umsonst ist.“ Für eine Weile verliert sie das Thema wieder aus den Augen, sorgt dann aber umfassend mit einer Patientenverfügung und einer Vorsorgevollmacht von Afilio vor. Ihre zwei Söhne, ihre Tochter und ihren Mann weiht sie ein. „Die kamen natürlich an: ‚Mama, sag mal stirbst Du? Warum machst Du das jetzt auf einmal?‘ Und da habe ich gesagt: ‚Nein. Das hat alles seinen Grund.‘ Und habe denen das natürlich auch alles erzählt dann. Ich hab das jetzt hier liegen, jeder weiß Bescheid und jetzt fühle ich mich gut und erleichtert.“ Doch sie möchte nicht nur, dass ihre Familie im Ernstfall abgesichert ist, sondern spricht auch mit anderen, gerade älteren, Menschen darüber, wie wichtig Vorsorgedokumente einmal sein können. „Ich bin so der Meinung, nur gemeinsam sind wir stark. Und wenn wir uns alle an die Hand nehmen und uns gegenseitig helfen, geht's uns allen besser. Das ist so meine Devise.“


*Ihr voller Name ist der Redaktion bekannt.

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