Bundesweiter Aktionstag für pflegende Angehörige am 8. September 2019

Bundesweiter Aktionstag für pflegende Angehörige am 8. September 2019

Wer Angehörige pflegt, leistet einen großen Beitrag für den Pflegebedürftigen und die Gesellschaft. Afilio bedankt sich für den Einsatz und schärft den Blick für Herausforderungen.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
09.09.2019

Rund 2,5 Millionen – so viele Hauptpflegepersonen gab es 2018 in Deutschland. Zum gestrigen bundesweiten Aktionstag für pflegende Angehörige rücken wir diejenigen in den Fokus, die sich jeden Tag um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Wir möchten ihnen nicht nur für ihren Einsatz danken, sondern auch den Blick dafür schärfen, welche Herausforderung die Pflege eines Angehörigen tagtäglich für Geist und Körper bedeutet.

Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut

In Deutschland gelten 3,4 Millionen Menschen als pflegebedürftig, doch nur ein geringer Teil davon lebt in einem Pflegeheim oder einer anderen Einrichtung. Tatsächlich sind es immer häufiger Angehörige der Betroffenen, die die Pflege in den eigenen vier Wänden leisten. Für die Pflegebedürftigen hat die Betreuung im vertrauten Umfeld viele Vorteile: Sie müssen sich an keine neue Umgebung gewöhnen und auch kein Vertrauen zum Pflegepersonal aufbauen.

In den Hintergrund rückt dabei leider allzu oft die Belastung für die pflegenden Angehörigen. Sie müssen nicht nur ihren Alltag oft genug grundsätzlich neu planen und dabei nicht nur auf Freizeit, sondern auch auf viele Freiheiten verzichten, um Zeit für die Pflege zu gewinnen. Nur 8,4 Prozent der Hauptpflegepersonen arbeiten deshalb noch mehr als 30 Stunden pro Woche in ihrem Beruf. Der Großteil mit über 65 Prozent gelingt es nicht, Pflege und Beruf zu vereinen – sie sind nicht länger erwerbstätig. Eine Hauptsorge gilt oft dem eigenen Lebensunterhalt, bei 44,2 Prozent der pflegenden Angehörigen liegt das monatliche Haushaltseinkommen unter 1.000 Euro und damit nahe der Armutsgrenze.

Psychische Belastung ist für pflegende Angehörige sehr hoch

Da ist es nicht verwunderlich, dass viele pflegende Angehörige an ihre Grenze stoßen – sowohl psychisch als auch körperlich. Wie sehr die Versorgung von Angehörigen zur Belastung werden kann, zeigt auch der Pflegereport 2018 der BARMER.

Grafik Das belastet pflegende Angehörige BARMER
Quelle: BARMER

Eines der größten Probleme ist das Schlafdefizit: Über 38 Prozent der Befragten fehlt es an Schlaf zur Verbesserung ihres psychischen und physischen Wohlbefindens. Mit fast 30 Prozent ist auch der Anteil der pflegenden Angehörigen auffällig hoch, der sich in seiner Rolle gefangen fühlt. Zu den möglichen Ursachen gehört nicht nur das eigene Pflichtgefühl, auch der fehlende Ausgleich zur alltäglichen Pflege geht vielen ab. Das trifft noch mehr auf diejenigen zu, die angesichts des hohen Pflegeaufwands keinem Beruf mehr nachgehen können. Und dabei stellen Zukunfts- und Existenzängste bei weitem nicht die einzige Belastung dar. Die Pflege von Angehörigen erfordert es oft genug auch über den eigenen Schatten zu springen. Jemanden zu waschen oder nach dem Toilettengang zu reinigen sind für 13,8 Prozent der Befragten Tätigkeiten mit einem Scham- oder Ekelgefühl verbunden.

Pflegende Angehörige sind häufiger krank als Nicht-Pflegende

Die dauernde Belastung bleibt nicht ohne Wirkung auf die psychische Verfassung. Mit knapp 60 Prozent besteht bei mehr als der Hälfte der pflegenden Angehörigen der Verdacht auf Depression. Obwohl weit verbreitet, werden die Auswirkungen depressiver Störungen häufig unterschätzt. Nicht nur körperliche Beschwerden und verminderte Leistungsfähigkeit treten auf, viele Betroffene klagen auch über ein Gefühl von Gleichgültigkeit: Sie beeinträchtigt die soziale Komponente im Kontakt mit Pflegebedürftigen maßgeblich.

In einem Vergleich zwischen Menschen, die einen Angehörigen pflegen, und allen anderen ohne Pflegeverantwortung, waren im Jahr 2017 diejenigen häufiger krank, die sich um einen anderen Menschen kümmern – und das bei einer ganzen Reihe von Krankheitsbildern. Macht Pflege also krank?

Grafik Pflegende Angehörige kränker als nicht Pflegende BARMER
Quelle: BARMER

Sie ist in jedem Fall belastend: Während psychische Störungen bei 42,5 Prozent der Nicht-Pflegenden auftreten, waren im gleichen Zeitraum 48,7 Prozent der pflegenden Angehörigen betroffen – eine Differenz von über 6 Prozent. Auch Belastungsstörungen sind häufiger bei pflegenden Angehörigen. Pflege kann bei fehlendem Ausgleich also durchaus Folgen für die eigene Gesundheit haben.

Angebote zur Erholung sollten mehr genutzt werden

Wer einen Angehörigen pflegt, darf sich selbst nicht vernachlässigen. Wer an die eigenen Grenzen stößt, muss die Chance bekommen, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Eine wichtige Stütze für pflegende Angehörige sind ambulante Pflegedienste. Außerdem gibt es staatliche Unterstützung zur Finanzierung der Pflege.

Urlaub ist nicht nur Auszeit: Er verschafft dringend nötige Erholung. Um die Versorgung des Pflegebedürftigen brauchen Sie sich keine Sorgen machen, denn genau für diese Situation gibt es die sog. Verhinderungspflege. Hat der Pflegebedürfte Pflegegrad 2, Pflegegrad 3, Pflegegrad 4 oder Pflegegrad 5, dann erstattet die Verhinderungspflege die Kosten für einen Zeitraum von bis zu 6 Wochen und bis zu maximal 1612 €. Für die Versorgung des Pflegebedürftigen ist also gesorgt, während der Angehörige dringend nötige Erholung bekommt.

Doch es geht auch um Ihr seelisches Wort. Pflegende Angehörige haben Anspruch auf eine Kur! Sie kann nicht nur dabei helfen, körperliche Beschwerden anzugehen. Auch konkrete Tipps für belastende Situationen im Alltag werden im Rahmen eines Kuraufenthalts vermittelt. Und vielleicht das Wichtigste: Während der Kur bleibt auch Zeit für die eigenen Wünsche: Spaziergänge, Sport oder auch einfach die Tasse Kaffee und das lange ins Auge gefasste Buch. Ansprechpartner sind der eigene Haushalt oder die Krankenkasse.

Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie sich eine Auszeit nehmen. Nur wer sich psychisch und physisch wohlfühlt, kann auch für andere da sein!