Altersdepression: Wenn Einsamkeit zur Krankheit wird

Altersdepression: Wenn Einsamkeit zur Krankheit wird

Immer mehr Menschen werden älter und die Häufigkeit psychischer Erkrankungen steigt. Afilio stellt Initiativen gegen Einsamkeit im Alter vor.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
01.10.2019

Auf den heutigen Dienstag fallen gleich zwei internationale Gesundheitstage: der europäische Depressionstag und der Tag der älteren Menschen. Und diese sind enger miteinander verbunden, als manch einer erwarten würde. Das Problem: Viele Ärzte führen psychische Beschwerden von älteren Menschen auf vorliegende Erkrankungen zurück, sodass Altersdepressionen oft unbehandelt bleiben. Dabei lassen sie sich bei frühzeitiger Diagnose gut in den Griff bekommen.

Immer mehr Menschen erkranken an Depressionen

Obwohl nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 322 Millionen Menschen unter Depressionen leiden, handelt es sich bei dieser psychischen Erkrankung weiterhin um ein Tabu-Thema in der Gesellschaft. Betroffene verschweigen Familie und Freunden die Diagnose und für manche Mediziner sind charakteristische Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder Freude- und Interessenverlust einfach nur ein Stimmungstief. Das ist nicht nur problematisch für den Gesundheitszustand von Betroffenen, sondern auch für die Therapie, denn eine Früherkennung erhöht die Heilungschancen.

Dabei gibt es für die Diagnose von Depressionen klare, einheitliche Richtlinien, die eine Abgrenzung zu anderen Erkrankungen ermöglichen sollen. Das ist umso wichtiger im Alter, denn Symptome werden oft körperlichen Beschwerden oder dem Altersprozess zugerechnet. Psychische Veränderungen sind erst spät ersichtlich, sodass es schwierig ist, ein typisches Krankheitsbild festzulegen.

Statistiken und Studien zeigen jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken, bei älteren Menschen höher ist als bei jüngeren. Neben Demenz ist die Altersdepression die häufigste psychiatrische Erkrankung. Schätzungsweise leiden etwa 20 Prozent der älteren Menschen an einer Altersdepression. Noch höher sind die Zahlen bei Bewohnern in Senioren- und Pflegeheimen: Hier gehen Experten von etwa 30 bis 40 Prozent Betroffenen aus. Einzig voll ausgebildete Depressionen mit schwerer Symptomatik sind mit 10 Prozent bei älteren Menschen seltener als bei jüngeren. Zum Vergleich: Rund 5 Prozent der gesamten Bevölkerung leidet an einer Depression.

Körperliche Symptome zunächst präsenter als psychische

Grundsätzlich sprechen Mediziner von einer Altersdepression, wenn Betroffene älter als 65 Jahre sind. Die psychischen Symptome einer Depression im Alter ähneln denen bei jüngeren Menschen:

  • Antriebslosigkeit
  • Niedergeschlagenheit
  • Lustlosigkeit
  • Verlust von Interesse und Freude
  • Sozialer Rückzug
  • Selbstzweifel
  • Suizidale Gedanken

Experten schätzen jedoch, dass etwa 40 Prozent der Altersdepressionen nicht erkannt werden. Das liegt daran, dass sich bei Depressionen Anzeichen psychischer Natur erst später entwickeln und körperliche Beschwerden wie die folgenden zunächst im Vordergrund stehen:

  • Rücken- und Gliederschmerzen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Kopfschmerzen
  • Schwindelgefühle
  • Appetitlosigkeit
  • Missempfindungen
  • Müdigkeit und Schlafstörungen
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Atemprobleme

Ältere, depressive Menschen leiden schätzungsweise zu 90 Prozent unter körperlichen Beschwerden, die auch bei anderen Krankheitsbildern vorkommen oder dem typischen Alterungsprozess entsprechen. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Diagnose, denn Mediziner müssen unterscheiden, ob Verhaltensweisen wie sozialer Rückzug oder unzureichende Nahrungszufuhr auf körperliche oder psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Schließlich ist bei älteren Patienten naheliegend, zunächst nach körperlichen Ursachen zu schauen als nach psychischen.

Verschiedene Ursachen können Altersdepression begünstigen

Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, im Alter an einer Depression zu erkranken. Neben einer genetischen Veranlagung oder bereits in jüngeren Jahren diagnostizierten psychischen Erkrankung sind das unter anderem neurobiologische, psychosoziale und körperliche Faktoren.

Körperliche Erkrankungen gehen oft mit anhaltenden Schmerzen und Alltagsbeschwerden einher, die die Lebensqualität massiv einschränken. Betroffene fühlen sich hilflos und in ihrer Situation gefangen, denn viele Krankheitsbilder wie Arthrose sind in der Regel nicht vollständig heilbar. Wer beispielsweise unter einer Gelenkerkrankung leidet, erfährt zumeist im Rahmen der Behandlung, dass Schmerzen möglicherweise den Rest des Lebens begleiten werden. Mit diesem Wissen zurecht zu kommen ist für viele Betroffene schwierig und stellt eine große psychische Belastung dar. Aber nicht nur Krankheiten können Menschen anhaltend belasten; gleiches gilt für psychosoziale Faktoren wie Traumata in jungen Jahren, der Verlust eines geliebten Menschen oder Einschränkungen der gewohnten Lebensführung.

Und nicht zuletzt das Alter selbst fordert auch emotional seinen Tribut: Altersbedingte hormonelle Veränderungen im Gehirn können die Entstehung von Altersdepressionen begünstigen. So kann ein Mangel des körpereigenen „Glückshormons“ Serotonin zu Unzufriedenheit und Unwohlsein führen. Durch Medikamente kann dieser Mangel zwar behoben werden, doch nicht selten erhöhen wiederum Medikamente auch das Risiko für Depressionen erhöhen, weshalb Ärzte bei Verschreibung und Medikamentenumstellung unbedingt auf Wechselwirkungen achten sollten.

Risikofaktor Einsamkeit

Einer der größten Risikofaktoren für Altersdepression ist jedoch Einsamkeit, denn die Anzahl der einsamen Menschen im Alter steigt kontinuierlich an. Immer mehr Menschen werden älter, und da die Lebenserwartung von Männern geringer als die von Frauen ist, sind es vor allem Frauen, die im Alter allein leben: Bei den über 65-Jährigen ist es jede zweite Frau, ab dem 85. Lebensjahr sogar 75 Prozent - bei den Männern ist es hingegen nur einer von dreien. Nicht überraschend, dass es deutlich mehr Frauen sind, die unter Altersdepression leiden.

Doch was ist überhaupt Einsamkeit? Laut Dr. Oliver Huxhold vom Deutschen Zentrum für Altersfragen ist Einsamkeit „das Gefühl, das entsteht, wenn meine objektiv vorhandenen sozialen Beziehungen nicht meine sozialen Bedürfnisse erfüllen.“

Die Ursachen für das Vorhandensein von Einsamkeit sind zwar vielfältig, doch für den Großteil der Betroffenen ist es der Tod des Partners oder einer anderen Bezugsperson. Diese sind während des Lebens ein zentraler Punkt, und wenn sie wegfallen, dann markiert das einen enormen Einschnitt in das Leben der Hinterbliebenen. Doch auch die eigene Erkrankung oder eingeschränkte Mobilität sind ein Isolationsfaktor, der Einsamkeit begünstigen kann. Betroffenen fällt es schwer, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, etwa wenn sie Schwierigkeiten haben, die Wohnung zu verlassen. Laut des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend besteht vor allem bei älteren Menschen über 80 Jahren ein erhöhtes Risiko einer sozialen Isolation, die in Einsamkeit enden kann.

Sind ältere Menschen durch dauerhafte Erkrankung oder dem Fehlen von Bezugspersonen einmal in den Kreislauf fehlender sozialer Teilhabe gekommen, dann wird es schwer, aus diesem auszubrechen. Sie ziehen sich immer mehr zurück, verlieren das Interesse am Leben und eine Altersdepression kann entstehen.

Die Lösung ist vergleichsweise einfach, aus diesem Kreislauf auszubrechen: wieder aktiv am sozialen Leben teilnehmen. Doch das ist ein Schritt, den die Gesellschaft gemeinsam unternehmen muss. Anstatt die Betroffenen allein in ihrer Einsamkeit zu lassen oder zu hoffen, dass sie selbst den Weg zurück ins Leben finden, muss die Gesellschaft zusammenarbeiten und Betroffene bewusst integrieren. Dass das möglich ist, zeigen verschiedene Initiativen, mit denen ältere Menschen aus der Einsamkeit geholt werden können.

Freunde alter Menschen e.V.

Der Verein setzt sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges gegen Einsamkeit und Armut im Alter ein und hat mittlerweile Tausende von aktiven Mitgliedern in Europa, den USA und Kanada. Zusammen organisieren die Freiwilligen verschiedene Veranstaltungen, um Menschen auch im Alter soziale Teilhabe zu ermöglichen. Neben regelmäßigen Besuchen von Älteren werden Reisen und Ausflüge angeboten, Feierlichkeiten an Weihnachten sowie Koch- und Spielerunden. Außerdem organisiert der Verein betreute Wohnformen wie für demenzkranke Menschen und unterstützt andere Initiativen bei der Verbreitung solcher Wohnformen.

Ein großartiges Angebot sind die Besuchspartnerschaften für einsame Menschen. Freiwillige besuchen ältere einsame Menschen regelmäßig zu Hause und tauschen sich mit ihnen aus – davon profitieren beiden Seiten und echte Freundschaften können entstehen. Mehr Informationen gibt es auf der Internetseite des Vereins.

https://www.famev.de/besuchspartnerschaften/

Silbernetz e.V.

Der Verein richtet sich an ältere Menschen über 60 Jahren in Berlin, die niemanden zum Reden haben. Um diesen Menschen ein Kommunikationsangebot und damit einen Weg aus der Einsamkeit zu bieten, gibt es seit einem Jahr das Silbertelefon. Einsame Senioren können einfach anrufen, wenn sie mit jemandem reden möchten. Aktuell ist das Silbertelefon täglich zwischen 8 und 22 Uhr erreichbar, doch perspektivisch soll es rund um die Uhr erreichbar sein. Dazu muss das Team der Hotline allerdings von derzeit 15 aus 25 Kräfte wachsen. Zusätzlich wurden im ersten Jahr rund 30.000 versuchte Anrufe verzeichnet, wenn alle Mitarbeiter im Gespräch waren. Tatsächlich sind über 80 bis 90 Prozent der Anrufer weiblich und viele möchten über gesundheitliche Themen wie Depression oder Erkrankungen sprechen. Interessierte erreichen das Senioren-Telefon unter 0800 4 70 80 90. Ein Blick auf die Webseite lohnt sich.

https://www.silbernetz.org/

Mehrgenerationenhäuser

Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend engagiert sich und bietet mit rund 540 Mehrgenerationenhäusern bundesweite Begegnungsstätten für Jung und Alt an. In den Einrichtungen können sich Mitglieder aus den unterschiedlichen Generationen treffen und das nachbarschaftliche Miteinander stärken. Der Ansatz: Jüngere helfen Älteren und umgekehrt. Beim sog. Offenen Treff können sich die Menschen kennenlernen, untereinander austauschen, miteinander spielen und über die eigenen Erfahrungen berichten. Jeder kann sich und seine individuellen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einbringen und einen Teil dazu beitragen, dass sich alle Menschen generationsübergreifend willkommen fühlen. Zusätzlich bieten die verschiedenen Mehrgenerationenhäuser weitere Aktivitäten für die Nachbarschaft an. Einsame Menschen finden unter dem folgenden Link Häuser in der Nähe:

https://www.mehrgenerationenhaeuser.de/mehrgenerationenhaeuser/haeuser-in-ihrer-naehe/

Netzwerk Nachbarschaft

Dass der Zusammenhalt in der Gemeinschaft und das gegenseitige Aufeinander Acht geben immer wichtiger wird, zeigt die Arbeit des Netzwerk Nachbarschaft. Der Verein sieht „Nachbarschaft“ als eine wichtige Ressource, von der jeder einzelne profitieren kann. Bilden Mitglieder verschiedener Bevölkerungsschichten und Altersgruppen ein regionales Netzwerk, dann können Ausgrenzung, Anonymität und Einsamkeit gemeinsam vermieden werden. Der Verein hilft bei der Gründung von vernetzen Nachbarschaften und stellt regelmäßige Aktionen von Nachbarschaften vor, um Beispiele zu zeigen, wie jeder aktiv werden kann. Einsame ältere Menschen können nach Initiativen in der Nähe suchen und dort Anschluss finden.

https://www.netzwerk-nachbarschaft.net/nachbarn/initiativen/