Erbe ausschlagen: So gehen Sie vor

May 23, 2019
2019-05-23
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Das Wichtigste in Kürze:

  • Eine Erbschaft umfasst nicht nur das Vermögen des Verstorbenen,sondern auch alle bestehenden Schulden
  • Für ererbte Schulden haftet der Erbe auch mit seinem Privatvermögen, wenn die Höhe der Schulden den Wert der Erbmasse übertrifft
  • Übersteigen die ererbten Schulden den Wer des Erbes, dann kann der Erbe die Erbschaft fristgerecht innerhalb von sechs Wochen ausschlagen
  • Schlägt der Erbe die Erbschaft aus, geht die Erbschaft auf den nächsten Berechtigten nach der gesetzlichen Erbfolge über, der seinerseitsdas Erbe ausschlagen kann. Eltern sollten das Erbe immer auch für Ihre minderjährigen Kinder mit ausschlagen. An letzter Stelle steht der Staat.
  • Erbt der Staat die Schulden, werden erhalten die Gläubiger nur soviel, wie aus dem Nachlass entnommen werden kann.

Warum sollten Sie ein Erbe ausschlagen?

Erbschaft und Nachlass klingen verlockend. Und tatsächlich vermachen Deutschlands Bürger gewaltige Werte. Rund 3 Billionen(!) Euro Gesamtwert umfasst der Wert aller vermachten Vermögen zwischen 2015 und 2024 nach einer Prognose des Statistikportals Statista. Doch nicht immer bedeutet eine Erbschaft Vermögenszuwachs. Rund sieben Millionen Privatpersonen waren in Deutschland im Jahr 2018 überschuldet, und im Todesfall vermacht ein Schuldner neben seinem Vermögen immer auch seine Verbindlichkeiten, denn wie der Lateiner sagt: Pacta sunt servanda – Verträge müssen eingehalten werden; im Zweifel von den Erben eines Schuldners. Nicht immer wird ein überschuldeter Haushalt allein von direkten Verbindlichkeiten erdrückt, auch ein baufälliges Haus mit teuren Sanierungsauflagen kann ein Grund sein, ein auf den ersten Blick einträgliches Erbe auszuschlagen.

Wann sollten Sie ein Erbe ausschlagen?

Überstürzen Sie nichts, Sie haben vom Moment der Eröffnung des Testaments sechs Wochen Zeit, um eine Erbschaft auszuschlagen. Verschaffen Sie sich zunächst einmal Überblick. Dabei sollten Sie unterscheiden zwischen möglicherweise vorhandenen Immobilen und dem übrigen Nachlass. Beide Seiten bergen nicht selten mehr oder eben weniger willkommene Überraschungen.

Der Nachlass

So gehört es zur Bestandsaufnahme, die Unterlagen des Erblassers zu überprüfen und eine möglichst vollständige Aufstellung sämtlicher Vermögenswerte und Verbindlichkeiten vorzunehmen. Prüfen Sie Konten, Depots,Schmuck- und Kunstgegenstände genauso wie die Korrespondenz mit Versicherern und Ämtern. Achtung: Lassen Sie sich nicht dazu drängen einen Erbschein zu beantragen, um Einblick in Konten oder Depots zu erhalten. Mit dem Antrag auf Erbschein treten Sie das Erbe verbindlich an! Banken dürfen nicht auf Vorlage eines Erbscheins bestehen! Fast immer genügt es, eine Sterbeurkunde gemeinsam mit dem Familienstammbuch vorzulegen. Noch besser ist es, wenn der Erblasser Sie im Rahmen einer Vorsorgevollmacht als Kontobevollmächtigten eingesetzt hat.

Sollten Sie ohnehin mit dem Gedanken spielen, das Erbe auszuschlagen, lohnt ein Blick in die Post der dem Tod vorangegangenen Wochen: Stapeln sich Rechnungen, Mahnungen und Pfändungsbeschlüsse, dann sind Sie für die Einlösung sämtlicher Verbindlichkeiten zuständig, wenn Sie das Erbe annehmen. Aber auch Bestattungskosten, Notarkosten und der Anspruch auf Pflichtteile anderer Erben gehören in Ihre Aufstellung.

Grundstücke und Immobilien

So schön es sein kann, ein altes Haus zu erben, so groß können auch die Folgekosten sein, wenn Sie eine Immobilie mit erheblichem Sanierungsstau übernehmen. Alte Zentralheizungen müssen nach bestimmten Fristen ausgetauscht werden, bröckelnder Putz darf Passanten nicht gefährden, und löchrige Dächer können schnell teuer werden. Manch ein altes Haus ist auch mit Materialien belastet, die heute nicht mehr verbaut und teuer entsorgt werden müssen. Übersteigen die möglichen Folgekosten nicht nur den sonstigen Vermögenswert der Erbschaft, sondern auch Ihre eigene Finanzkraft, kommt nur ein Verkauf der ererbten Immobilie in Frage – und gerade bei baufälligen Gebäuden kann das eine komplizierte Angelegenheit sein. Prüfen Sie auch, ob Grundstücke oder Immobilien mit Hypotheken belastet sind!

Die eigene Situation

Zwei weitere Aspekte sollten Sie objektiv in Ihre Betrachtung einbeziehen, wenn Sie überlegen ein Erbe auszuschlagen: Haben Sie selbst Schulden, oder befinden Sie sich gerade in Privatinsolvenz? Ist ein Erbe verschuldet, kann eine Erbschaft dazu dienen, die eigenen Verbindlichkeiten abzulösen. Übersteigen die eigenen Schulden den Wert der Erbschaft erheblich, könnten Sie versucht sein, das Erbe auszuschlagen, da es an Ihrer Situation nichts Grundlegendes ändert. Sie sollten aber in Betracht ziehen, dass Sie mit einem plötzlichen Vermögenszuwachs in eine Situation gelangen, die es Ihnen ermöglicht, mit Ihren Gläubigern die Ablösung der Schuld mittelfristig neu zu verhandeln. Befinden Sie sich als Erbe in Privatinsolvenz, bzw. Verbraucherinsolvenz, dann fällt die Hälfte der Erbschaft an den Insolvenzverwalter. Wohlgemerkt nur die Hälfte. Es lohnt also in jedem Fall, sich einen genauen Überblick zu verschaffen.

Übrigens: In unserem Lexikon informieren wir Sie umfassend rund um Vorsorge und Erbschaft, lesen Sie unsere Lexikoneinträge zum Thema Vermächtnis, Testamentsvollstreckung und Teilungsanordnung.

Wieviel Zeit habe ich, um das Erbe auszuschlagen?

Sie haben ab dem Zeitpunkt, von dem Sie erfahren haben, berechtigter Erbe zu sein, sechs Wochen Zeit, um die Vermögensverhältnisse des Erblassers zu überprüfen. Hat der Verstorbene zuletzt im Ausland gelebt, oder befanden Sie sich selbst im Ausland, als Sie vom Erbe erfahren haben, dann gilt eine Frist von sechs Monaten. Wichtig: Reagieren Sie, und verschaffen Sie sich Überblick! Wenn Sie erfahren haben, dass Sie als Erbe eingesetzt worden sind und das Erbe nicht ausschlagen, dann haben Sie es vor dem Gesetz angenommen – mit allen Konsequenzen. Sie sind an zwei Voraussetzungen gebunden: 1. Sie haben vom Tod des Erblassers erfahren. 2. Sie wissen, dass Sie als Erbe in Frage kommen. Wenn Sie wissen, dass Sie mit dem Verstorbenen verwandt waren, dann gehen sämtliche öffentlichen Stellen davon aus, dass Sie über die gesetzliche Erbfolge in Kenntnis sind, die Frist beginnt dann also.

Sollten Sie nicht sicher sein, wie Sie nach Ablauf der Sechs-Wochen-Frist entscheiden sollten, dann können Sie das Erbe antreten und im Ernstfall eine Nachlassverwaltung beantragen. Auch eine Nachlassinsolvenz beim zuständigen Gericht ist möglich. Sie dient dazu, ererbte Schulden nur aus dem Nachlass abzuzahlen – ohne das Privatvermögen des Erben mit einzubeziehen.

Wo kann ich das Erbe ausschlagen?

Sie können sich als Erbe an das zuständige Nachlassgericht an Ihrem Wohnsitz wenden. Dazu ist es notwendig, dass Sie sich persönlich vorstellig machen und mit Ihren Ausweisdokumenten identifizieren. Die Ausschlagung des Erbes wird dann protokolliert und amtlich festgehalten. Darum ist es auch nicht ausreichend, die Ausschlagung des Erbes telefonisch oder per Post vorzunehmen. Sie können allerdings einen Notar damit beauftragen, das Erbe in Ihrem Auftrag auszuschlagen.

Was kostet es, das Erbe auszuschlagen?

Da in den meisten Fällen ein Erbe ausgeschlagen wird, das ohnehin überschuldet ist, sind die Gebühren überschaubar, die fällige Gebühr beträgt Stand 2019 gerade einmal 30€. Nur bei Ablehnung eines Erbes, das einen höheren Wert hat, werden die Verfahrenskosten nach dem Wert des Nachlasses berechnet (§103 Abs. 1 GNotKG).

Kann ich von meiner Entscheidung, das Erbe auszuschlagen zurücktreten?

Grundsätzlich handelt es sich bei dem Entschluss ein Erbe auszuschlagen um eine unwiderrufliche Entscheidung. Lediglich in speziellen Einzelfällen besteht die Möglichkeit, seine Entscheidung zurückzunehmen. Das ist etwa der Fall, wenn Ihnen wichtige Einzelheiten der Erbschaft innerhalb der Frist nicht zugänglich waren. So können Sie Ihre eigene Entscheidung zur Ablehnung sechs Wochen lang, nachdem Sie von neuen Voraussetzungen erfahren haben, anfechten und bei Erfolg das Erbe wiederum antreten. Wie in praktisch allen rechtlichen Konstellationen, können Sie Ihre Entscheidung auch dann anfechten, wenn Sie infolge von Drohung oder als Ergebnis einer Täuschung gefällt worden ist.

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