Für wen ist eine Pflegezusatzversicherung sinnvoll?

Für wen ist eine Pflegezusatz­versicherung sinnvoll?

Eine Pflegezusatz­versicherung soll Pflegebedürftige und ihre Angehörigen vor hohen Pflegekosten schützen. Doch ist so eine Versicherung für jeden sinnvoll?

Christina Horst
Christina Horst
03.03.2020

Eine Versicherung, die vor schwer kalkulierbaren und häufig sehr hohen Pflegekosten schützt: Dass das grundsätzlich eine gute Idee ist, meinen auch Verbraucherschützer – und doch wird an Pflegezusatzversicherungen auch Kritik geübt. Viele stellen sich deshalb die Frage, ob eine Pflegezusatzversicherung notwendig bzw. sinnvoll ist. Die Antwort lautet wie so oft: Es kommt darauf an. Wir erklären, wer die Zusatzabsicherung in Erwägung ziehen sollte.

Pflegezusatzversicherung: Wozu braucht man sie überhaupt?

Eine Pflegeversicherung und eine Krankenversicherung muss jede in Deutschland lebende Person haben, damit eine Grundversorgung im Krankheits- und Pflegefall sichergestellt ist. Warum also ist eine Pflegezusatzversicherung überhaupt notwendig, wenn es doch die Pflegepflichtversicherung gibt? Das ist schnell erklärt: Die gesetzlichen Leistungen reichen in den meisten Fällen nicht aus. Vor allem die Kosten im Pflegeheim können viele Betroffene schnell finanziell überfordern.

Pflegebedürftige müssen einen Eigenanteil zahlen, der das Einkommen stark belasten und das Vermögen erheblich mindern kann. Das Sozialamt zahlt erst, wenn bis auf ein geringes Schonvermögen alles aufgebraucht ist und holt sich das Geld gegebenenfalls von unterhaltspflichtigen Angehörigen zurück (mit einem Jahreseinkommen von über 100.000 Euro). Es gibt also Alternativen zur Pflegezusatzversicherung – doch die Perspektive, nach und nach die Rücklagen aufzubrauchen oder gar das Vermögen zu veräußern, ist nicht attraktiv.

Eine Pflegezusatzversicherung kann die Vorsorge für das Alter ergänzen. Sie kommt im vereinbarten Rahmen für entstehende Pflegekosten auf und sorgt dafür, dass Betroffene dafür weder ihr eigenes Einkommen und Vermögen noch das der Angehörigen belasten müssen.

Zu beachten ist bei der Pflegezusatzversicherung, dass der Versicherer ausschließlich im Pflegefall zahlt, das heißt: Wenn der Pflegefall nicht eintritt, bekommt man die Beiträge nicht zurück. Lohnt sich der Abschluss also? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Fest steht: Die Planung der Pflegefinanzierung sollte man nicht auf die lange Bank schieben. Zwar kann niemand vorhersagen, ob er einmal zum Pflegefall wird, doch das Risiko lässt sich anhand statistischer Werte abschätzen:

  • Mit zunehmendem Alter erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, zum Pflegefall zu werden: Über 70 Prozent der Pflegebedürftigen sind 90 Jahre alt oder älter.
  • Das Pflegerisiko hängt auch vom Geschlecht ab: Für Frauen ist die Wahrscheinlichkeit höher, zum Pflegefall zu werden – vor allem, weil ihre Lebenserwartung höher ist als die der Männer.
  • Das Bundesgesundheitsministerium geht aufgrund der alternden Bevölkerung davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 auf rund 6 Millionen ansteigen wird. Derzeit empfangen ca. 4 Millionen Menschen in Deutschland Leistungen der Pflegekasse.

Ist eine Pflegezusatzversicherung für mich sinnvoll?

Diese Frage lässt sich am besten im Rahmen einer persönlichen Beratung beantworten. Denn anders als beispielsweise bei einer Privathaftpflichtversicherung, die jeder haben sollte, entscheidet die individuelle Lebens-, Einkommens- und Vermögenssituation bei der Pflegezusatzversicherung darüber, ob und wann der Abschluss sinnvoll ist.

Ob es in der eigenen Planung für den Pflegefall eine Finanzierungslücke gibt, die sich mit einer Pflegezusatzversicherung sinnvoll schließen lässt, ist durch eine simple Rechnung zu ermitteln. Allerdings muss man dafür zum Teil auf Schätzwerte zurückgreifen: Zieht man von den vermuteten Pflegekosten die Leistungen der Pflegeversicherung und die eigenen finanziellen Mittel für den Pflegefall ab, so bleibt der Anteil übrig, der noch nicht finanziert ist.

Wer bei der Berechnung eine Finanzierungslücke feststellt oder einfach sichergehen möchte, dass das Vermögen im Pflegefall unangetastet bleibt, für den könnte eine Pflegezusatzversicherung von Nutzen sein. In Frage kommt der Abschluss einer Pflegezusatzversicherung allerdings nur für diejenigen, die sich die Beiträge über die gesamte Laufzeit hinweg leisten können – das sind nicht selten mehrere Jahrzehnte.

Eine Rolle spielt auch das Alter: Nicht in jedem Lebensabschnitt ist der Abschluss einer Pflegezusatzversicherung sinnvoll. Zwar sind die Beiträge für junge, gesunde Menschen niedriger. Doch wer gerade im Beruf durchstartet oder eine Familie gründet, braucht andere Versicherungen meistens dringender (z. B. Versicherung gegen Berufsunfähigkeit, Risikolebensversicherung). Wer die Pflegezusatzversicherung hingegen erst spät abschließt bzw. Vorerkrankungen hat, zahlt einen Risikozuschlag. Damit sich der Abschluss einer Pflegezusatzversicherung lohnt, sollte der beste Zeitpunkt abgepasst werden: Allgemein empfohlen wird die zusätzliche Pflegefallvorsorge ab ca. 40 Jahren.

Berechnung der individuellen Finanzierungslücke: So geht’s

Taschenrechner und Hand, die ins Notizbuch schreibt
Um zu beurteilen, ob eine Pflegezusatz­versicherung sinnvoll ist, ist eine Bestandsaufnahme des voraussichtlichen Alterseinkommens und der Vermögenswerte notwendig.

Pflegekosten

Die Pflegekosten lassen sich wohl am schwierigsten vorhersagen. Sie hängen vor allem vom Grad der Pflegebedürftigkeit (Pflegegrad 1–5) und der Pflegeform ab (zuhause z. B. durch pflegende Angehörige, ambulant durch einen Pflegedienst oder vollstationär im Heim). Auch der Wohnort spielt eine wichtige Rolle, denn zwischen den einzelnen Bundesländern und zwischen Stadt und Land bestehen teilweise erhebliche Unterschiede bei den Pflegekosten. Am besten ist es, beim Errechnen einer möglichen Finanzierungslücke verschiedene Szenarien durchzuspielen.

Weil die Pflege durch Angehörige, Nachbarn oder andere private Pflegepersonen grundsätzlich ehrenamtlich erbracht wird, lassen sich dafür schwer Kosten kalkulieren. Die Pflegekasse zahlt unter anderem Pflegegeld und einen Entlastungsbetrag, damit Pflegepersonen eine Aufwandsentschädigung erhalten. Damit auch diese Form der häuslichen Pflege von der privaten Vorsorge abgedeckt ist, ist eine Pflegezusatzversicherung nur sinnvoll, wenn das Geld frei verwendet werden kann – z. B. bei Pflegekostenversicherungen ist das aber in der Regel nicht der Fall. Bei einer Pflegetagegeldversicherung steht es dem Versicherten in der Regel frei, wofür er den ausgezahlten Betrag einsetzt; allerdings sollte man die Konditionen dahingehend überprüfen.

Für den Eigenanteil bei professioneller Pflege können folgende Durchschnittswerte als Orientierung dienen (Finanztest 11/2017):

Pflegegrad

Ambulanter Pflegedienst

Pflegeheim

1

125 Euro

1.500 Euro

2

500 Euro

1.500 Euro

3

1.100 Euro

1.500 Euro

4

2.200 Euro

1.500 Euro

5

2.200 Euro

1.500 Euro

Dass der Eigenanteil für einen Pflegeheimplatz unabhängig vom Pflegegrad ist, liegt am sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE): Zur Berechnung teilt das Pflegeheim die Summe aller Eigenanteile durch die Anzahl der Bewohner. Diese Neuerung wurde im Rahmen des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes (PSG II) eingeführt, weil zuvor Bewohner mit höheren Pflegegraden überproportional belastet wurden. Hinzu kommen Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten, die die Pflegekasse nicht übernimmt. Auskunft über die tatsächlichen Kosten im Pflegeheim können nur die in Frage kommenden Pflegeheime geben.

Wichtig: Es ist wahrscheinlich, dass die Kosten für professionelle Pflege in Zukunft weiter steigen werden, beispielsweise durch Lohnerhöhungen in Pflegeberufen und die immer bessere medizinische Versorgung.

Leistungen der Pflegeversicherung

Im Gegensatz zu den potenziellen Pflegekosten lässt sich relativ sicher vorhersagen, mit welchen Zuschüssen der Pflegekasse zu rechnen ist, denn es handelt sich um bundesweit einheitliche Pauschalbeträge: Auf welche Pflegeleistungen Anspruch besteht, hängt vom Pflegegrad und der Pflegesituation ab. Da die Pflegekosten sich je nach Region teils stark unterscheiden, bleibt nach Abzug der Leistungen der Pflegeversicherung je nach Wohnort ein unterschiedlich hoher Eigenanteil.

Einkommen, Vermögen, Unterstützung durch Angehörige

Wie hoch das Einkommen und Vermögen im Alter sein werden und wie viel davon man für potenzielle Pflegekosten aufwenden möchte, ist entscheidend dafür, ob eine Pflegezusatzversicherung sinnvoll ist. Bei einer detaillierten Bestandsaufnahme sind folgende Bereiche zu berücksichtigen:

1. Einkommen

Welche regelmäßigen bzw. einmaligen Einnahmen habe ich im Alter?

Beispiele:

  • Rentenansprüche (z. B. Altersrente, Betriebsrente)
  • Einnahmen aus Vermietung oder Verpachtung
  • Sonstiges (z. B. eine zu erwartende Erbschaft)

2. Vermögen

Welche Vermögensbestandteile kann ich im Pflegefall veräußern und welche sollen in jedem Fall für mich oder meine Erben erhalten bleiben?

Beispiele:

  • Barvermögen, Sparguthaben, Rücklagen für das Alter
  • Immobilien, Grundstücke
  • Aktien, Fonds
  • kapitalbildende Lebens- und Rentenversicherungen

3. Unterstützung von Angehörigen

Kann ich auf die Unterstützung von Familienangehörigen zählen – und möchte ich sie überhaupt annehmen?

Beispiele:

  • finanzielle Unterstützung z. B. durch Elternunterhalt
  • Unterstützung im Haushalt und pflegerische Betreuung

Welche Pflegezusatzversicherungen sind nicht sinnvoll?

Wird an Pflegezusatzversicherungen Kritik geübt, bezieht sich diese häufig auf bestimmte Modelle. So raten Verbraucherschützer im Allgemeinen von diesen Arten der Pflegezusatzversicherung ab:

  • Pflegerenten gelten als intransparent und zu teuer.
  • Pflege-Bahr-Policen sind staatlich geförderte Pflegezusatzversicherungen. Sinnvoll sind sie unter Umständen für Menschen mit Vorerkrankungen, nicht aber für Gesunde.
  • Pflegekostenversicherungen sind nicht flexibel genug: So zahlen sie z. B. häufig nicht oder nur wenig, wenn der Versicherte durch Angehörige gepflegt wird.

Pflegetagegeldversicherungen hingegen werden von Verbraucherschutzorganisationen als grundsätzlich sinnvoll erachtet, wenn sie sich hinreichend an den individuellen Bedarf anpassen lassen.

Ob eine Pflegezusatzversicherung sinnvoll ist oder nicht, hängt also stark vom gewählten Modell und den Vertragsbedingungen des Anbieters ab. Mehr über die verschiedenen Modelle von Pflegezusatzversicherungen und deren Vor- und Nachteile lesen Sie in unserem Ratgeber: „Pflegezusatzversicherung: Privat vorsorgen für den Pflegefall“.

Checkliste: Ist eine Pflegezusatzversicherung sinnvoll für mich?

  • Ist in meiner aktuellen Lebenssituation der Abschluss einer Pflegezusatzversicherung sinnvoll oder haben andere Vorsorgemaßnahmen Vorrang?
  • Kann ich mir die Beiträge (und eventuelle Beitragssteigerungen) über einen langen Zeitraum hinweg leisten?
  • Wie möchte ich einmal gepflegt werden und mit welchen Kosten muss ich rechnen?
  • Kann ich im Alter auf mein Einkommen, mein Vermögen und die Unterstützung Angehöriger zurückgreifen, um potenzielle Pflegekosten zu bezahlen?
  • Bin ich bereit, diese Ressourcen zu nutzen – und wenn ja, in welchem Umfang?
  • Ist es mir besonders wichtig, mein Vermögen zu schützen und/oder meine Angehörigen nicht finanziell zu belasten?
  • Bin ich ausreichend über Pro und Contra der verschiedenen Pflegezusatzversicherungen informiert?