Depression: Wenn seelisches Leiden das Leben bestimmt

Depression: Wenn seelisches Leiden das Leben bestimmt

Hinter Niedergeschlagenheit und Interessenverlust kann mehr als nur eine schlechte Phase stecken. Erfahren Sie mehr über Depression und die Symptome.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
28.10.2019

Wenn Betroffene über Antriebslosigkeit, gedrückte Stimmung und negative Gedanken klagen, tut es die Gesellschaft häufig als schlechte Phase ab. Halten die Symptome jedoch über einen längeren Zeitraum an und werden beispielsweise von Schlafstörungen, gestörter Konzentrationsfähigkeit oder gemindertem Appetit begleitet, kann eine Depression vorliegen. Dabei handelt es sich um eine schwere psychische Krankheit, die ernst zu nehmen ist. Erkranken ältere Menschen daran, spricht die Medizin von Altersdepression. Mehr über mögliche Auslöser und Behandlungsmöglichkeiten erfahren Sie bei uns im Ratgeber.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Depression ist eine ernstzunehmende psychische Störung, die immer häufiger auftritt und das Leben von Betroffenen massiv einschränkt. Depressive Menschen verlieren die Freude am Leben, Kontrolle über den Alltag und soziale Kontakte.
  • Die Ursachen sind sowohl neurobiologisch als auch psychosozial: Traumatische Erlebnisse oder eine Veränderung im Hormonhaushalt können die Erkrankung begünstigen.
  • Bei rechtzeitiger Diagnose können Medikamente und Psychotherapie zu einer deutlichen Besserung der Symptome führen. In einer Verhaltenstherapie lernen Menschen, wie sie im Alltag mit negativen Gedankenmustern umgehen können.

Depressionen sind häufiger verbreitet, als viele denken. Laut der deutschen Depressionshilfe gelten in Deutschland aktuell 5,1 Prozent der Männer und 11,3 Prozent der Frauen als depressiv. Im Laufe eines Jahres erkranken etwa 8,2 Prozent der deutschen Bevölkerung – also insgesamt 5,3 Millionen. Weltweit sind rund 350 Millionen Menschen von einer Depression betroffen. Damit lässt sich mittlerweile von einer Volkskrankheit sprechen, die einen erheblichen Einfluss auf das Leben von Betroffenen hat.

Wichtig ist deshalb Aufklärung, denn diese psychische Erkrankung kann tatsächlich jeden treffen. Zwar gibt es genetische Auslöser, die das Risiko erhöhen, doch auch Stress, Traumata oder familiäre Probleme können zu solch einer psychischen Belastung führen, dass daraus Depressionen entstehen. Im Krankheitsverlauf verändert sich unter anderem das Bewusstsein für die Konsequenzen von Handlungen, sodass für Betroffene Schaden aus Entscheidungen entstehen kann, die sie etwa in einer depressiven Episode getroffen haben. Deshalb sollten Menschen beim Erstellen einer Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht auch den möglichen Fall einer psychischen Störung mitbedenken.

Welche Anzeichen und Symptome kommen bei Depression vor?

“Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht.” Deutsche Depressionshilfe

Eine Depression ist eine psychische Störung, die sich sowohl in körperlichen als auch psychischen Symptome ausdrücken kann. Viele Betroffene können die Beschwerden zunächst schwer einordnen, da sie unspezifisch sind. In der Regel verlieren Menschen das Interesse an Dingen, die ihnen vor der psychischen Störung gefallen haben, und das Empfinden für Freude. Sie müssen sich immer mehr zwingen, hinauszugehen und ihren Alltag zu bewältigen.

Um die Diagnostik für Ärzte zu verbessern, werden die Symptome einer Depression deshalb nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 in Haupt- und Zusatzsymptome unterteilt:

Hauptsymptome

Zusatzsymptome

Depressive Grundstimmung

Konzentrationsstörungen

Verlust von Interesse und Freude

Störungen des Denkvermögens

Antriebslosigkeit

Aufmerksamkeitsstörungen

Erhöhte Ermüdbarkeit

Sinkendes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld überwiegen

Schlafstörungen

Appetitlosigkeit

Negativer Blick auf Zukunft

Suizidgedanken und -handlungen

Die Symptome müssen während der depressiven Phase nicht durchgängig die gleiche Intensität haben. Vielmehr ist es bei vielen Betroffenen so, dass die Heftigkeit der einzelnen Symptome während des Tages schwankt. Wer vormittags unter Konzentrationsstörungen leidet, muss dieses Empfinden nicht zwangsläufig auch am Abend verspüren. Das erschwert die Diagnose, denn sobald Betroffene eine Besserung der Symptome bemerken, sind sie nicht mehr so konzentriert auf die Beschwerden und diese geraten in Vergessenheit. Es ist die Aufgabe des Arztes, die Anamnese so durchzuführen, dass er gezielt auf solche Schwankungen achtet.

Grundsätzlich gehen Mediziner davon aus, dass eine depressive Störung dann vorliegt, wenn Betroffene länger als zwei Wochen mindestens zwei Symptome aus der Gruppe der Hauptsymptome und zusätzlich mindestens zwei Zusatzsymptome aufweisen. Erst dann wird die Diagnose Depression gestellt.

Gibt es unterschiedliche Verlaufsformen oder Arten von psychischen Störungen?

Die psychische Störung äußert sich auf unterschiedliche Weise. Die Schwere der Symptome variiert bei den Betroffenen und jeder fühlt sich unterschiedlich stark in seinem Alltag eingeschränkt. Individuelle Diagnosen lassen sich zwar nur schwer miteinander vergleichen, doch es gibt drei Verlaufsformen, die am häufigsten in der Gesellschaft auftreten:

  • Unipolare Depression
  • Bipolare Depression
  • Dysthymie

Die unipolare Depression zeichnet sich durch wiederkehrende depressive Episoden aus, die jeweils einige Wochen bis Monate andauern können. In dieser Zeit leidet der Betroffene unter Symptomen in unterschiedlichem Ausmaß. Nach einer depressiven Phase klingt die Symptomatik ab, können allerdings wiederkehren, wobei die Zeit zwischen den Episoden unterschiedlich lang sein kann. Experten sprechen von einer rezidivierenden, also wiederkehrenden unipolaren Depression, wenn sie im Leben eines Betroffenen mehrmals auftritt.

Auch die bipolare Depression ist durch unterschiedliche Phasen gekennzeichnet, wobei sich hier depressive und manische Phasen abbrechen. Betroffene nehmen ihr Gefühlsleben als Achterbahn wahr – auf eine depressive Episode folgt eine manische. Dann sind Betroffene plötzlich gut drauf und sprühen im Gegensatz zur depressiven Phase voller Tatendrang. Sie müssen sich nicht mehr zwingen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Gleichzeitig haben sie weniger Schlafbedürfnis und ihnen fehlt der Bezug zur Realität. Tatsächlich kann der Wechsel von einer depressiven in eine manische Phase über Nacht geschehen, was für Betroffene besonders belastend ist. Sie wissen nicht, mit welcher Gemütsstimmung sie am nächsten Tag aufwachen.

Die Dysthymie hat im Gegensatz zu den beiden anderen Verlaufsformen keine Episoden. Zum einen hat diese depressive Erkrankung einen chronischen Verlauf, zum anderen sind auch die Symptome meist weniger heftig. Betroffene leiden anhaltend unter einer depressiven Stimmungslage, sind niedergeschlagen und erleben diesen Leidensdruck über mehrere Jahre hinweg. Sie erhalten die Diagnose, wenn die depressive Stimmung mindestens über zwei Jahre anhält und zwei weitere Zusatzsymptome auftreten.

Welche Auslöser und Ursachen sind in der Medizin bekannt?

Anders als bei Krankheiten wie Arthrose oder Thrombose, bei denen sich die Faktoren meist auf einen Auslöser reduzieren lassen, hat Depression selten eine klar abgrenzbare Ursache. Die Medizin unterteilt die Ursachen deshalb in psychosoziale und neurobiologische Aspekte. Daraus ergeben sich unterschiedliche Therapiemöglichkeiten.

Als psychosoziale Aspekte gelten Faktoren, die seelisch und gesellschaftlich bedingt sind. Das können traumatische oder Verlusterlebnisse sein wie der Tod eines Elternteils, aber auch chronische Überlastung im Beruf, Alltag und in der Familie. Daraus ergeben sich Symptome wie Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Die neurobiologischen Aspekte hingegen umfassen genetische Faktoren und Veränderungen im Hormonhaushalt. Dadurch entsteht in bestimmten Hirnregionen ein Ungleichgewicht der Botenstoffe.

Welche Behandlungsmöglichkeiten haben Betroffene?

Ältere Frau nimmt Tablette mit Wasser ein

Die Behandlungsmöglichkeiten orientieren sich in der Regel an den Auslösern. Verursachen neurobiologische Aspekte wie Veränderungen auf der Stresshormonachse die Depression, dann besteht der Therapieansatz zunächst aus der Gabe von Medikamenten, die das Ungleichgewicht auflösen. Das sind in erster Linie Antidepressiva. Diese brauchen zwar rund zwei Wochen, bis Betroffene eine Besserung spüren, doch Antidepressiva machen nicht süchtig oder verändern die Persönlichkeit. Sie reduzieren zudem das Risiko von Rückfällen.

Leiden Betroffene aufgrund von traumatischen Erlebnissen und ähnlichem unter Depression, dann ist eine Psychotherapie ratsam. Durch die kognitive Verhaltenstherapie setzen sich die Betroffenen unter Anleitung eines Psychotherapeuten mit den Erlebnissen auseinander und lernen Strategien, wie sie im Alltag mit Erinnerungen und negativen Gedankenmustern umgehen können, ohne direkt in eine depressive Phase zu verfallen,

Mittlerweile sind sowohl die Pharmakotherapie, also die Medikamentenbehandlung, als auch psychotherapeutische Verfahren als wirksames Heilverfahren anerkannt, weshalb sie oft kombiniert werden. Zusätzlich können Betroffene weitere therapeutische Angebote zur Verbesserung der Symptomatik in Anspruch nehmen. Therapieansätze wie die Wach- oder Lichttherapie sowie Bewegungstherapie kommen immer häufiger zum Einsatz, um die Lebensqualität von Betroffenen im Alltag zu verbessern.

Wie lassen sich Altersdepression und Demenz voneinander abgrenzen?

Eine besondere Form der Depression stellt die Altersdepression dar. Depression im Alter zu diagnostizieren gestaltet sich oftmals schwierig, denn meist leiden Betroffene schon allein aufgrund des Alterungsprozesses unter einer komplexen Symptomatik. Deshalb überwiegen bei einer Altersdepression zunächst körperliche Symptome wie Gliederschmerzen Missempfindungen, Atemprobleme oder Kopfschmerzen im Vordergrund.

Erst im Verlauf der Erkrankung kommen typische psychische Symptome hinzu wie Konzentrationsstörungen, der Verlust von Freude und Interesse und mitunter sogar suizidale Gedanken. Zwar ist es naheliegend, bei älteren Patienten zunächst auf körperliche Ursachen zu schauen, doch Ärzte sollten dahingehend sensibilisiert werden, dass auch psychische Ursachen zu solch einer Symptomatik führen können.

Problematisch ist zudem, dass Depression und Demenz mit ähnlichen Symptomen einhergehen, aber eine unterschiedliche Therapie benötigen. Wer beim Arzt über kognitive Defizite und eine gestörte Konzentrationsfähigkeit klagt, bekommt oft die Diagnose Demenz. Tatsächlich liegt jedoch in manchen Fällen eine Depression vor. Zwar stimmen die jeweiligen Krankheitsbilder in vielen Punkten überein, doch der Krankheitsverlauf unterscheidet sich.

Während ein schleichender Prozess über Monate hinweg die Demenz charakterisiert, geschehen die Veränderungen bei einer Altersdepression in einem kurzen Zeitpunkt. Betroffene können sich auf Nachfrage oft an das auslösende Ereignis erinnern. Die depressive Stimmung hält an und ist wenig beeinflussbar. Viele Betroffenen klagen über den eigenen Zustand, dass sie immer weniger können und das Denken gestört ist. Im Gegensatz dazu leiden Demenzkranke unter Verwirrtheitszuständen und das vorwiegend nachts. Viele leugnen zudem die Symptome und möchten ihrer Umwelt glaubhaft vermitteln, sie haben keine Probleme. Außerdem lässt sich ihre Stimmung von außen beeinflussen – sie sind nicht konstant in negativen Gedankenmustern gefangen.

Eine Möglichkeit, die Demenz von Depression abzugrenzen, ist die Beobachtung des zirkadianen Rhythmus. Unter „Zirkadian“ versteht die Medizin den Tagesrhythmus, also die Schwankungen von Körperfunktionen im Tag- und Nachtwechsel. Dieser stellt sich bei Demenzkranken anders dar als bei depressiven Menschen. Bei ersteren nehmen die kognitiven Fähigkeiten im Tagesverlauf ab, während Depressive ihr Leistungsmaximum am Abend haben.

Mann sitzt vor einem Puzzle, das die Form eines Gehirns hat

Erhalten ältere Menschen die Diagnose Depression, sollte die Therapie zeitnah beginnen. Viele Altersdepressionen werden durch hormonelle Veränderungen im Gehirn ausgelöst, die auf den normalen Alterungsprozess zurückzuführen sind. In solchen Fällen empfehlen Ärzte die Einnahme von Antidepressiva oder anderen Medikamenten, um den Hormonhaushalt zu regulieren. Allerdings brauchen Antidepressiva bei älteren Menschen etwa sechs bis zehn Wochen, bis sie eine Besserung bewirken. Außerdem sollte die Erwachsenendosis etwas reduziert werden. Als Beobachtungszeitraum eignen sich etwa drei Monate, danach lassen sich Aussagen über den Erfolg der Therapie treffen. In der Regel ist die Altersdepression mit dieser Therapie gut behandelbar.

Ist ein bestimmtes Erlebnis der Auslöser für die Depression, dann empfiehlt sich auch für ältere Menschen eine Psychotherapie, um Hilfestellung bei der Verarbeitung zu geben. Bei manchen Menschen kann auch Einsamkeit der Grund für Depression im Alter sein. Umso wichtiger ist es, ältere Menschen aktiv ins Gesellschaftsleben zu integrieren. Eine Möglichkeit ist die Unterstützung per Telefon: Viele Vereine bieten Telefonhotlines an, um Bedürftige über das Telefon zu erreichen und ihnen die Einsamkeit im Alter zu nehmen.

Was steckt hinter der sogenannten Winterdepression?

Wenn Menschen immer wieder mit Beginn des Herbstes von Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit übermannt werden, kann eine Winterdepression die Ursache sein. Dabei handelt es sich um eine saisonal auftretende Störung des Gefühlslebens, von der in Europa schätzungsweise ein bis drei Prozent der Erwachsenen betroffen sind. Zwar erkranken vorwiegend Frauen, doch auch Männer, Kinder und Jugendliche können die Symptome entwickeln. Dass die Winterdepression häufiger in den nördlicheren Breiten als in südlichen Ländern vorkommt, zeigt den engen Zusammenhang zwischen Licht und persönlicher Stimmungslage. Dementsprechend bessert sich die Symptomatik einer Winterdepression mit Beginn des Frühlings wieder. Dadurch gehört sie zu den rezidivierenden (wiederauftretenden) depressiven Störungen.

Anhand der Symptome lässt sich die Winterdepression gut von der eigentlichen Depression abgrenzen. Menschen, die unter einer Winterdepression leiden, haben ein hohes Schlafbedürfnis, sind extrem müde und kommen morgens kaum aus dem Bett. Energie- und Lustlosigkeit sind neben einer gedrückten Stimmung keine Seltenheit. Auch im Essverhalten äußert sich die Winterdepression: Betroffene haben einen gesteigerten Appetit und regelrecht Heißhungerattacken auf Kohlenhydrate und Süßigkeiten. Anders ist es bei Depressiven, die häufig unter Appetitlosigkeit leiden.

Auch wenn neurobiologische Faktoren eine Winterdepression bedingen können, sind für Experten vor allem die veränderten Lichtbedingungen im Winter der Hauptauslöser. Die Zirbeldrüse sitzt auf der Rückseite des Mittelhirns und reagiert auf Licht. Fällt im Winter weniger Licht ins Auge, schüttet sie das Hormon Melatonin aus. Dieses steuert den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen und sorgt für Müdigkeit. Je dunkler es wird, desto mehr Melatonin schüttet der Körper aus. Dazu wandelt der Körper Serotonin um, das im Volksmund auch als Glückshormon bekannt ist. Sinkt der Serotoninspiegel im Blut, kann auch die Stimmung getrübt werden. Der Körper versucht diesen Prozess zu beeinflussen, und zwar durch Zucker, weshalb Betroffene gesteigerte Lust auf Süßes haben.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, eignet sich Lichttherapie. Spezielle Lichtgeräte mit bis zu 10.000 Lux helfen dem Körper dabei, genügend Helligkeit zu bekommen und die depressive Stimmung wieder aufzuhellen. Auch eine medikamentöse Therapie mit Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) ist oftmals nötig.

Dementsprechend können auch vorbeugende Maßnahmen das Risiko einer Winterdepression senken. Zum einen können sich Personen, die Stimmungsschwankungen im Herbst bemerken, selbst mit speziellen Lichtgeräten ausstatten, um so das Tageslicht künstlich für den Körper zu verlängern. Zum anderen sollten sie auch in der dunklen und kalten Jahreszeit möglichst viel Zeit im Freien verbringen: Lange Spaziergänge, Skisport und Radfahren verbessern nicht nur die Stimmung, sondern sorgen auch für ausreichend Bewegung.