Multiple Sklerose: Ursachen sind immer noch unklar

Multiple Sklerose: Ursachen sind immer noch unklar

Multiple Sklerose ist ein Grund für Pflegebedürftigkeit. Lernen Sie mehr über die Autoimmunerkrankung.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
22.11.2019

Multiple Sklerose oder MS ist keine klassische Alterskrankheit. Da sie jedoch einen schweren Verlauf nehmen und das Leben dauerhaft einschränken kann, ist es wichtig, Symptome zu erkennen. Nur so kann schnell eine geeignete Therapie eingeleitet werden. MS ist allerdings nicht heilbar.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem den eigenen Körper angreift.
  • Entzündete und geschädigte Nerven führen zu Missempfindungen und Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates.
  • MS ist chronisch und nicht heilbar. Medikamente können zwar das Fortschreiten verhindern, aber ein schwerer Krankheitsverlauf kann auch zu lebenslanger Behinderung führen.

Immer mehr Menschen erkranken an Multipler Sklerose – aktuell sind es etwa 240.000 in Deutschland und weltweit schätzungsweise 2,5 Millionen. Ähnlich wie bei Osteoporose leiden vor allem Frauen unter MS.

Menschen erkranken meist in der ersten Lebenshälfte, doch da bis zur eindeutigen Feststellung der Erkrankung Jahre vergehen können, erfahren Betroffene erst nach langer Beschwerdezeit davon. In der Regel wird MS zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert, wobei Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr eher selten sind.

Wichtige Nerven werden dauerhaft geschädigt

Nervenschäden bei MS

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet, das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper und greift die Schutzschicht der Nervenfasern an. Dadurch entsteht eine entzündliche Reaktion, die den langsamen Abbau der Nervenfasern zur Folge hat.

Botenstoffe und Reize werden nicht mehr wirkungsvoll übertragen, sodass Betroffene unter Missempfindungen und Beeinträchtigungen beim Gehen leiden. Hinzukommen Schwierigkeiten beim Sehen und Hören.

Multiple Sklerose ist nicht heilbar, denn sind wichtige Nervenfasern einmal verletzt, dann kann dieser Prozess nicht wieder umgekehrt werden. Prognosen über Verlauf und Schwere der Erkrankung können Ärzte selten treffen, da sich die Symptome individuell zusammensetzen. MS kann bei schwerem Verlauf langfristig zu Behinderungen und Pflegebedürftigkeit führen. Für Erkrankte ist es deshalb sinnvoll, die eigenen Behandlungswünsche mit einer Patientenverfügung bindend festzulegen und die Pflege mit einer privaten Pflegeversicherung finanziell zu sichern. Aufgrund der Vorerkrankung kommt hier nur der staatlich geförderte Pflege-Bahr infrage.

Verlauf lässt keine Prognose zu

Auch wenn die chronische Erkrankung in den meisten Fällen in Schüben verläuft, lassen sich drei verschiedene Verlaufsformen beobachten:

  • Schubförmiger Verlauf: In mehr als 80 Prozent der Fälle tritt MS schubweise auf. Das bedeutet, die Beschwerden treten in Intervallen immer wieder neu auf und dauern mindestens 24 Stunden an. In der Regel bilden sich die Symptome innerhalb von sechs bis acht Wochen teilweise oder vollständig zurück. Zwischen einzelnen Schüben vergehen mindestens 30 Tage, manchmal sogar Monate oder Jahre. In der Zeit leiden Betroffene unter keinen Beschwerden und die Krankheit stagniert.
  • Primärer fortschreitender Verlauf: Zehn bis 15 Prozent der Betroffenen leiden nicht unter einem schubförmigen Verlauf. Die Krankheit verläuft schleichend und Symptome nehmen mit der Zeit zu. Mitunter verbessern sich die Symptome bzw. verschlimmern sich nicht.
  • Sekundär fortschreitender Verlauf: Etwa die Hälfte der Patienten erleben beide Verläufe. Zunächst leiden sie unter Schüben, bevor die Beschwerden nach durchschnittlich zehn Jahren schleichend zunehmen. Gelegentlich treten Schübe weiterhin auf.

Individuelles Krankheits- und Beschwerdebild

Dass Diagnosen mitunter erst nach langer Zeit gestellt werden, liegt an individuell ausgeprägten Krankheitsbildern. Multiple Sklerose kann sich auf unterschiedliche Nervenregionen wie Rückenmark, Sehnerven sowie Groß- oder Kleinhirn auswirken, sodass sich der Krankheitsverlauf bei Patienten unterschiedlich darstellt.

Grundsätzlich macht sich MS auf unterschiedliche Weise erkennbar:

  • Gefühls- und Sensibilitätsstörungen: In 30 bis 50 Prozent der Fälle gehören Empfindungsstörungen zu den ersten Anzeichen. Sie äußern sich in Kraftlosigkeit und Taubheitsgefühlen in den Gliedmaßen. Die Feinmotorik ist beeinträchtigt, was das Tasten und Berührungsempfinden erschwert.
  • Seh- und Koordinationsstörungen: Ist der Sehnerv von der chronischen Entzündung betroffen, können plötzliche Sehstörungen wie Doppelbilder, Sehunschärfe und Blickfeldausfälle auftreten. In der Folge leiden Erkrankte unter Koordinationsstörungen.
  • Schluck- und Sprechstörungen: Solche Symptome sind nicht nur typisch bei Schlaganfall, sondern auch bei Multipler Sklerose. Sie sind die Folge von Lähmungserscheinungen oder Koordinationsstörungen der Gesichtsmuskulatur und stellen somit kein eigenständiges Beschwerdebild dar.
  • Lähmungen: Zu den frühen Warnsignalen der Erkrankung gehören auch Lähmungserscheinungen. Grund dafür sind Beeinträchtigungen der Muskelfunktionen, die sich zunächst auf eine Hand und im Verlauf der Krankheit auf den gesamten Arm auswirken können. Im schlimmsten Fall ist eine gesamte Körperhälfte betroffen.
  • Spastik: Entzündungsherde in der Hirnstruktur für das muskuläre System erhöhen die Muskelspannung. Da kein Gegenmuskel diese ausgleichen kann, kommt es zu Störungen im Bewegungsapparat. Betroffene berichten von Schmerzen in Armen und Beinen sowie Muskelkrämpfen und -zuckungen. Nach dem Aufstehen fühlen sich Gliedmaßen steif und angespannt an. Mit der Zeit kommt es zu dauerhaften Fehlstellungen und unnatürlichen Haltungen.
  • Müdigkeit: Durch Kurzschlüsse zwischen entzündeten Nerven tritt plötzliche Erschöpfung auf, nicht nur körperlich, sondern auch kognitiv. In der Folge sinkt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit.
  • Inkontinenz: Über 70 Prozent der Betroffenen haben Blasenentleerungsstörungen. Die Funktion der Blase wird zum einen über ein Areal im Gehirn, zum anderen von Bereichen im Rückenmark gesteuert. Sind diese Nerven entzündet, ist der Harndrang nur noch eingeschränkt kontrollier- und steuerbar.

Maßnahme zur Diagnose ausschöpfen

Entnahme Nervenwasser

Die Diagnose wird erschwert, das viele Symptome nicht nur bei MS auftauchen. Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen und eine Beeinträchtigung des Bewegungsapparates kommen beispielsweise auch bei einem Bandscheibenvorfall vor. Umso wichtiger ist es, dass der Arzt alle diagnostischen Möglichkeiten ausnutzt.

Zunächst verschafft sich er sich einen Überblick über die bisherige Krankheitsgeschichte seines Patienten. Dann fragt er nach akuten Anzeichen, bei Verdacht auf MS vor allem nach bisherigen neurologischen Ausfällen sowie möglichen Autoimmunerkrankungen der Eltern. Im Anschluss erfolgt eine körperliche und neurologische Untersuchung. Zusätzlich werden Urin und Blut im Labor untersucht.

Zudem gibt es beim Verdacht auf Multiple Sklerose spezielle Untersuchungsverfahren, um die Diagnose zweifelsfrei stellen zu können. Neben der Elektroenzephalografie vom Gehirn (ähnlich wie das Elektrokardiogramm für das Herz) und einer Magnetresonanztomografie (MRT) ist das vor allem die Entnahme von Flüssigkeit aus dem Rückenmark. Im sog. Nervenwasser lassen sich Entzündungen des Gehirns und Rückenmarks feststellen. Doch wie bei jeder Operation ist auch dieser vergleichsweise kleine Eingriff mit Risiken und Komplikationen verbunden.

Größtenteils medikamentöse Therapie

MS ist bis jetzt nicht heilbar, allerdings können Medikamente Schübe verhindern, das Fortschreiten verlangsamen und eine schwere Behinderung hinauszögern bzw. vermeiden.

In akuten Phasen spritzt der Arzt hoch dosiertes Kortison in die Vene, um Entzündungen zu hemmen. Bilden sich diese nur unzureichend zurück, kann entweder die Behandlung mit erhöhter Dosis wiederholt oder eine Blutwäsche durchgeführt werden. Bei dieser sog. Plasmapherese werden Antikörper aus dem Blut entfernt, die zur Schädigung der Nerven beitragen. Bei einem besonders schweren Schub kann auch ein Medikament die Reaktion des Immunsystems unterdrücken.

Um zukünftigen Schüben vorzubeugen, kommen Medikamente zum Einsatz, die das Abwehrsystem des Körpers ausschalten. Betroffene müssen sich diese selbst spritzen. Auch biotechnologisch hergestellte Antikörper werden immer öfter in Tablettenform verschrieben.

Die medikamentöse Therapie wird ergänzt durch die Behandlung individueller Beschwerden. Ein gezieltes Konzentrationstraining fördert die Gedächtnisleistung, während Physio- und Ergotherapie die Mobilität verbessert. Sprach- und Schluckstörungen werden mit Logopädie behoben.

Bei Blasenproblemen ist es ratsam, die Beckenbodenmuskulatur zunächst durch Beckenbodentraining zu trainieren, bevor Medikamente eingenommen werden. Schmerzen, Spastik oder Depressionen werden in der Regel begleitend mit Medikamenten therapiert.

Genaue Ursachen sind noch unklar

Nach wie vor sind die Auslöser von Multipler Sklerose nicht bekannt. Damit es zu solch drastischen Fehlsteuerungen des Abwehrsystems kommt, müssen allerdings mehrere erbliche und äußerliche Faktoren aufeinandertreffen.

Gemeinsam bewirken sie, dass sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Eigentlich schützt ein funktionierendes Immunsystem vor schädlichen Krankheitserregern, indem es diese abwehrt. Bei MS scheint dieser Abwehrmechanismus teilweise fehlgeleitet zu sein, denn die Abwehrelemente richtet sich gegen Myelin, welches die Nervenfasern umgibt und schützt. Die ständigen Entzündungen greifen diese Schutzschicht immer mehr an, bis auch die Nerven geschädigt werden.

Gesunder Lebensstil ist wichtig

Sowohl die ungeklärte Entstehung als auch die verschiedenen Verläufe von MS lassen eine individuelle Prognose nicht zu. Sie müssen sich strikt an die verordneten Therapiemaßnahmen halten, damit sie ihre Lebensqualität so weit wie möglich erhalten können.

Im Alltag sollten Patienten Stress möglichst vermeiden und die richtige Balance zwischen zu wenig und zu viel Belastung finden. Um weiteren Infekten vorzubeugen, sollten sich Betroffene beispielsweise gegen Grippe impfen lassen. In starken Schmerzphasen ist es ratsam, Entspannungstechniken anzuwenden. Die Therapiemaßnahmen sind mittlerweile so komplex, dass der Alltag mit MS ohne große Einschränkungen funktioniert.