Oberschenkelhalsbruch: Darum ist er oft gefährlich

Oberschenkelhalsbruch: Darum ist er oft gefährlich

Bei einem Oberschenkelhalsbruch verhindert oft nur eine schnelle Operation schlimme Folgen.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
09.12.2019

Der Oberschenkelhalsbruch ist eine der häufigsten Frakturen bei älteren Menschen, und er kann gravierende Folgen haben: Je länger eine operative Versorgung auf sich warten lässt, desto höher ist die Sterberate der Patienten. Wie Warnsignale erkannt und folgenschwere Stürze im Alltag verhindert werden können, erfahren Sie bei uns.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Der Oberschenkelhalsbruch (auch: Schenkelhalsfraktur) ist eine der häufigsten Ursachen für Pflegebedürftigkeit im Alter.
  • Die Fraktur des Oberschenkelknochens ist nicht nur schmerzhaft, sondern hat auch eine hohe Mortalitätsrate.
  • Bei Verdacht auf einen Oberschenkelhalsbruch sollte sofort ein Arzt zu Rate gezogen werden, eine frühzeitige Behandlung ist entscheidend für den weiteren Krankheitsverlauf.

Auf etwa 2,5 Milliarden Euro jährlich belaufen allein in Deutschland die Behandlungskosten für Patienten mit Oberschenkelhalsbruch, bzw. einer Schenkelhalsfraktur. Jährlich sind rund 100.000 Menschen davon betroffen, der Großteil davon Personen im fortgeschrittenen Alter.

Dass vor allem ältere Leute anfällig für eine Schenkelhalsfraktur sind, liegt unter anderem an der häufiger vorkommenden Multimorbidität im Alter. Bestehende Erkrankungen begünstigen nicht nur folgenschwere Stürze, sondern erschweren auch die Heilung von Brüchen. So sterben mehr als 10 Prozent der Betroffenen innerhalb der ersten vier Wochen nach dem Sturz, bis zu 20 Prozent sind danach in ihrer Mobilität so sehr eingeschränkt, dass sie dauerhaft im Pflegeheim betreut werden müssen – ein teures Unterfangen. Nur 40 bis 60 Prozent erholen sich nach der Fraktur und erreichen ihren ursprünglichen Gesundheitszustand.

Der Oberschenkelhalsbruch als Ursache für Pflegebedürftigkeit im Alter sollte also nicht unterschätzt werden. Prävention ist ein wichtiger Faktor, doch auch für den Notfall sollte vorgesorgt werden. Dazu gehört nicht nur eine private Pflegezusatzversicherung, die die Pflegelücke schließt, sondern auch eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, die Behandlungswünsche und Vertrauenspersonen rechtlich bindend für Situationen festlegt, in denen sich Menschen nicht frei äußern können.

Symptome

3D Oberschenkelknochen

Obwohl der medizinisch korrekte Passus eigentlich Schenkelhalsbruch / Schenkelhalsfraktur oder Hüftfraktur lauten müsste, hat sich umgangssprachlich der Terminus Oberschenkelhalsbruch durchgesetzt. Es handelt sich um eine Fraktur des längsten und kräftigsten Knochens im Körper: dem Oberschenkelknochen. Bei Stürzen oder Unfällen kann dieser unterhalb des Hüftkopfes brechen, dem sog. Oberschenkelhals.

Nach einem Oberschenkelhalsbruch spüren Betroffene Schmerzen im Hüftbereich, die bis in den Oberschenkel, die Leiste und das Becken ausstrahlen können. Bei Bewegung verstärken sie sich, das Hüftgelenk ist in seiner Beweglichkeit eingeschränkt, und Belastung ist kaum noch möglich. Je nach Ursache können zudem Schwellungen, Prellmarken und Blutergüsse im Hüft- und Oberschenkelbereich auftreten.

Ursachen und Risikofaktoren

Die häufigste Ursache für Frakturen am Oberschenkelknochen sind Stürze auf die Körperseite. Obwohl Stürze in fortgeschrittenem Alter ohnehin gefährlich sind, ist der Oberschenkelhals meist besonders gefährdet, weil Vorerkrankungen wie Osteoporose vorliegen, ein typisches Krankheitsbild im Alter. Bei Osteoporose ist die Regeneration der Knochensubstanz krankhaft verändert, sodass die Knochendichte fortlaufend abnimmt. Betroffene Knochen verlieren an Stabilität. Überdurchschnittlich häufig sind Frauen betroffen, der sinkende Östrogenspiegel nach den Wechseljahren wirkt sich zusätzlich auf den Knochenstoffwechsel aus und erhöht das Risiko zusätzlich.

Dass es überhaupt zu Stürzen kommt, liegt zunächst am natürlichen Alterungsprozess. Mit dem Alter sinkt die Beweglichkeit, die Muskelmasse nimmt ab. Gebrechlichkeit und Kraftlosigkeit nehmen zu. Folgende Risikofaktoren begünstigen Stürze:

Konservative und operative Therapie

Bruch Oberschenkelknochen

Operation

Ähnlich wie beim Herzinfarkt oder Schlaganfall zählt beim Oberschenkelhalsbruch jede Minute. Die Richtlinien der Unfallchirurgie schreiben vor, die Fraktur innerhalb von sechs bis 24 Stunden zu operieren, ansonsten steigt gerade bei Betroffenen im fortgeschrittenen Alter die Wahrscheinlichkeit für lebensbedrohliche Operationsrisiken.

Die Bruchform ist entscheidend für die Operation. Deshalb wird für jeden Bruch der sog. Pauwels-Grad nach der Pauwels-Klassifikation bestimmt: Je größer der Winkel zwischen Frakturlinie und Horizontale (Grad I bis Grad III), desto notwendiger ist ein chirurgischer Eingriff.

Dem Chirurgen stehen verschiedene Verfahren bei der Hüft-OP zur Verfügung. Bei jüngeren und aktiven Patienten versucht er, den Hüftkopf so weit wie möglich zu erhalten, denn Hüftgelenk-Endoprothesen haben eine begrenzte Lebensdauer und müssen nach mehreren Jahren in einer Folgeoperation ausgetauscht werden. Deshalb verzichten Ärzte darauf, Hüftgelenke durch Prothesen zu ersetzen und verbinden stattdessen die Bruchstücke in korrekter anatomischer Stellung mit Schrauben, Platte oder anderen Implantaten. Im Anschluss müssen sich die Patienten über mehrere Wochen schonen.

Aufgrund des fortgeschrittenen Alters und des Risikos möglicher Durchblutungsstörung werden bei älteren Patienten Gelenkkopf und Hüftpfanne in der Regel durch eine Endoprothese ersetzt. Das künstliche Gelenk kann direkt nach der Operation belastet werden, sodass die Betroffenen schnell wieder mobil sind und mental und körperlich weniger abbauen. Krankengymnastische Übungen und eine Reha im Anschluss an den chirurgischen Eingriff unterstützen den Heilungsprozess.

Konservative Therapie

In seltenen Fällen wird ein Oberschenkelhalsbruch konservativ behandelt, also ohne Operation. Zu diesen Ausnahmen gehören stabile Frakturen und solche, bei denen der Winkel kleiner als 30 Grad (Pauwels Grad I) ist und die Bruchlinie somit günstig liegt. Die konservative Behandlungsmöglichkeit umfasst anhaltende Bettruhe und eine Schiene aus Schaumstoff als Stütze, außerdem werden Medikamente gegen Thrombose gereicht. Ein Wirkstoff verhindert, dass sich Blutgerinnsel bilden und lebenswichtige Blutgefäße verstopfen. Betroffene sollten außerdem regelmäßig mobilisiert werden, um einem möglichen Dekubitus entgegenzuwirken. Nachdem sich der Bruch stabilisiert hat, können Bewegung und Belastung langsam gesteigert werden, erste begleitende Maßnahmen wie Krankengymnastik können den Heilungsprozess nun unterstützen. Regelmäßige Röntgenaufnahmen zeigen, ob die Bruchstelle wie geplant verheilt. Im Unterschied zur operativen Behandlung erfordert die konservative Therapie viel Geduld und kontinuierliche Mitarbeit des Patienten.

Mögliche Risiken einer Operation

Jeder operative Eingriff ist mit gängigen OP-Risiken wie Wundheilungsstörungen oder Gefäß- und Nervenverletzungen verbunden. Darüber hinaus kann es beim Oberschenkelhalsbruch zu weiteren Verlaufsschwierigkeiten im Heilungsprozess kommen.

Gefahren birgt die Hüftkopfnekrose, bei der das Knochengewebe nach und nach abstirbt. Die Ursache dafür liegt in einer fehlerhaften Durchblutung des Gewebes, etwa bei einem gestörten Stoffwechsel, bei regelmäßigem Alkohol- und Tabakkonsum oder Diabetes. Als Folge kommt es zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff – die Gelenkfläche stirbt ab, und der Knochen wird dauerhaft zerstört. Das führt zu chronischen Schmerzen an Hüfte und Leiste, häufig damit auch zu erheblichen Bewegungseinschränkungen. Aus dieser Symptomatik kann Arthrose entstehen. Die Möglichkeit einer Hüftkopfnekrose steigt mit einem schwachen Allgemeinzustand. Wer schwerwiegende Vorerkrankungen hat und sehr betagt ist, hat ein höheres Risiko. Auch die Wartezeit bis zum Behandlungsbeginn hat Einfluss auf das Auftreten der Nekrose.

Auch wenn der Bruch operativ versorgt und mit Implantaten stabilisiert wurde, kann es zu Spätfolgen wie einer Beinlängendifferenz kommen, etwa durch gelockerte Implantate oder einen beeinträchtigten Heilungsprozess. Mit der Zeit kann sich ein Beckenschiefstand entwickeln, der oftmals mit chronischen Schmerzen und Problemen an der Hüfte einhergeht und Rücken den Rücken zusätzlich belastet. Besonders fehlende Bewegung kann lebensbedrohliche Konsequenzen haben: Betroffene können Thrombosen, Lungenembolie oder eine Lungenentzündung entwickeln; auch Harnwegsinfekte und Dekubitus (Wundliegen) kommen häufiger vor.

Prognose und Verlauf

Krankenschwester hilft Patientin beim Aufstehen

Umso wichtiger ist eine umfangreiche Behandlung (inklusive zeitiger Mobilisation), um Prognose und Verlauf positiv zu beeinflussen. Das ist besonders im fortgeschrittenen Alter wichtig, denn Vorerkrankungen können negative Auswirkungen auf den Heilungsprozess haben.

Deshalb raten Ärzte nicht nur dazu eine Oberschenkelhalsfraktur zeitnah zu operieren, sondern auch auf die begleitenden gesundheitlichen Probleme des Patienten zu achten. Diese erfordern in der Regel eine Versorgung durch Ärzte aus unterschiedlichen Fachrichtungen, weshalb der Teamansatz ein entscheidender Faktor für die Prognose ist.

Neben einer interdisziplinären medizinischen Betreuung ist auch eine frühzeitige Mobilisation des Patienten ausschlaggebend. Je länger die Bettruhe nach dem Eingriff dauert, desto schwerer ist die Rückkehr in ein eigenständiges Leben. Deshalb streben Physiotherapeuten im Krankenhaus an, dass Patienten spätestens nach 24 Stunden die ersten eigenen Schritte unternehmen. Das bringt das Herz-Kreislaufsystem in Gang, und das Risiko für Komplikationen wie Thrombosen und Lungenentzündungen sinkt.

Reha-Übung

Ein Reha-Aufenthalt nach dem Krankenhaus begleitet den Genesungsprozess und unterstützt Betroffene dabei, wieder in den Alltag zurückzukehren. Sie lernen nicht nur, Stürze mit der sog. Sturzprophylaxe zu vermeiden, sondern auch wie sie sich ohne Angst im Leben zurechtfinden. Deshalb steht in der Rehabilitationsphase nicht nur die physische Heilung auf dem Plan, sondern auch die seelische.

Doch auch wenn viele Risiken minimiert werden können: Auch ohne medizinische Komplikationen sterben immer noch 20 Prozent der Betroffenen innerhalb des ersten Jahres nach der Operation, ohne dass die Gründe dafür bislang eindeutig geklärt sind. In einer alternden Gesellschaft wird nach Ansicht von Experten auch die Zahl der Oberschenkelhalsbrüche bis zum Jahr 2030 um etwa 30 bis 40 Prozent zunehmen. Deshalb ist es unumgänglich, schon jetzt an der medizinischen Infrastruktur zu arbeiten, um Betroffenen die beste medizinische Behandlung beim Bruch des Oberschenkelknochens zu ermöglichen.