Gicht: Rheumatische Beschwerden durch erhöhten Harnsäurespiegel

Gicht: Rheumatische Beschwerden durch erhöhten Harnsäurespiegel

Bei Gicht lagern sich Harnsäurekristalle in den Gelenken ab. Betroffene leiden unter schmerzhaften Entzündungen. Erfahren Sie mehr.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
03.12.2019

Spinat, Krustentiere, Sojaprodukte und fettiges Fleisch haben eine Gemeinsamkeit: Sie enthalten sehr viel Purin. Deshalb sind sie vor allem für Menschen mit Gicht nicht geeignet, denn sie erhöhen den Harnsäurespiegel im Blut. Lagert sich Harnsäure als Kristalle in Organen und Gelenken ab, entstehen schmerzhafte Entzündungen. Wie Betroffene Gichtanfälle vermeiden können, erklärt unser Beitrag.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Gicht ist eine Krankheit des rheumatischen Formkreises. Durch einen gestörten Purin-Stofffwechsel kommt es zu typischen Symptomen wie Schwellungen, Entzündungen und Schmerzen an betroffenen Gelenken.
  • Häufige Gichtanfälle können zu Verformungen des Skeletts führen. Betroffene sind weniger mobil und können dadurch pflegebedürftig werden.
  • Medikamente können schmerzhafte Anfälle hinauszögern oder ganz verhindern. Auch eine Ernährungsumstellung verbessert den Erfolg der Therapie.

Wer morgens mit einer schmerzhaften Schwellung am Grundgelenk des großen Zehs aufwacht, kann unter einem Gichtanfall leiden. Bei dieser Stoffwechselerkrankung kommt es zu rheumatischen Beschwerden, die sich in Schüben äußern. Im späteren Krankheitsverlauf können auch Bewegungseinschränkungen und Verformungen von Gelenken auftreten. Damit gehört Gicht zu den Krankheitsbildern, die im schlimmsten Fall zu Pflegebedürftigkeit führen können.

Umso wichtiger ist es, sich mit der eigenen Vorsorge auseinanderzusetzen und die Pflegelücke durch eine private Pflegezusatzversicherung zu schließen, denn Gicht hat sich in den letzten Jahren zu einer echten Wohlstandskrankheit entwickelt. Bedingt durch Multimorbidität im Alter sowie Übergewicht und Bewegungsmangel erhöht sich für viele Menschen das Risiko, an Gicht zu erkranken.

Auch Ernährungsgewohnheiten begünstigen Gicht, denn Lebensmittel – gesunde und ungesunde, aber auch Fast Food – sind ausreichend vorhanden. So steigt die Anzahl der Betroffenen in Deutschland immer weiter an: Aktuell leiden rund 1,4 Prozent der Deutschen an Gicht. Zum Vergleich: Rheumatoide Arthritis galt lange Zeit als häufigste chronische Gelenkentzündung; sie betrifft allerdings „nur“ 0,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland.

So entsteht Gicht

Gicht ist eine Form von Rheuma, bei dem entzündliche Prozesse harte und weiche Strukturen im Körper befallen. Bei Gicht im Speziellen handelt es sich um eine Erkrankung des Purin-Stoffwechsels, die sich durch Schmerzen am Bewegungsapparat äußert. Diese werden durch einen hohen Harnsäurespiegel im Blut ausgelöst. Sog. Uratkristalle aus Harnsäure lagern sich in Gelenken, Sehnen, Schleimbeuteln sowie harnableitenden Organen ab und verursachen dort schmerzhafte Entzündungen.

Harnsäure entsteht bei der Aufspaltung von Purinen. Diese befinden sich zum einen in manchen Lebensmitteln, zum anderen bilden sie sich Purine beim Abbau kranker Zellen. Normalerweise filtern die Nieren Harnsäure aus dem Blut und geben diese über den Urin ab. Produziert der Körper zu viel davon oder scheiden die Nieren zu wenig ab, erhöht sich der Harnsäurespiegel und es droht ein akuter Gichtanfall.

Die Medizin unterscheidet zwischen primärer und sekundärer Gicht. Erstere ist angeboren: Die Nieren scheiden zu wenig Harnsäure aus bzw. der Körper produziert zu viel. Anders die sekundäre Gicht: Diese Form wird durch bestehende Erkrankungen ausgelöst. Bei Leukämie werden beispielsweise viele körpereigene Zellen abgebaut, wodurch große Mengen an Purine freigesetzt werden. Auch bestimmte Medikamente zur Chemotherapie sowie Bestrahlungen im Rahmen einer Krebstherapie können die Produktion von Harnsäure erhöhen.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss eines ungesunden Lebensstils: Eine fleisch-, fruktose- und alkohollastige Ernährung, zu wenig Bewegung sowie Übergewicht erhöhen das Risiko, dass Gicht entsteht.

Sonderfall Metabolisches Syndrom

Primäre Gicht tritt häufig auch mit dem sog. Metabolischen Syndrom auf, denn zu viel Harnsäure lässt den Stoffwechsel stolpern. Das Metabolische Syndrom bezeichnet keine eigene Erkrankung, sondern eine Kombination verschiedener Symptome, die zeitgleich auftreten: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und erhöhte Blutfettwerte.

Weil alle Faktoren die Sterblichkeit von Betroffenen erhöhen, werden sie umgangssprachlich auch „tödliches Quartett“ genannt. Gemeinsam können sie die Blutgefäße schädigen, dadurch die Entstehung von Arteriosklerose begünstigen sowie das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkt erhöhen.

Am häufigsten sind Menschen über 60 Jahre betroffen. Aktuell leiden in Deutschland etwa 30 bis 35 Prozent der Einwohner am Metabolischen Syndrom, wobei es beide Geschlechter gleichermaßen trifft.

Gichtanfälle können immer auftreten

Ein akuter Gichtanfall wird durch bestimmte Faktoren ausgelöst:

Purinhaltige Lebensmittel
  • Übermäßiger Verzehr von purin- und fruktosereichen Lebensmitteln: Fleisch, Innereien und gesüßte Obstsäfte
  • Übermäßiger Genuss von Alkohol: Vor allem Bier enthält viele Purine
  • Crash-Diäten: Dabei baut der Körper Muskulatur ab und Purine werden freigesetzt
  • Körperliche Überanstrengung: Milchsäure entsteht, die den Abbau von Harnsäure blockiert
  • Abführmittel und harntreibende Mittel: Sie können das Blut verdicken, wodurch die Konzentration von Harnsäure ansteigt
  • Bewegungsmangel
  • Übergewicht

Typischerweise tritt der Anfall nachts auf. Dann schwillt das Großzehengrundgelenk an, die Haut ist gerötet und fühlt sich heiß an. Für den Betroffenen sind die Schmerzen enorm: Schon eine leichte Berührung des Zehs durch die Bettdecke reicht aus, um den Schlaf zu unterbrechen. Der Schlafentzug belastet auch die Psyche. Leiden Betroffene immer häufiger unter solchen Anfällen, ohne dass Therapiemaßnahmen Wirkungen zeigen, steigt auch das Risiko für Depression.

In der Regel dauert ein Gichtanfall etwa eine bis zwei Wochen, wobei eine rechtzeitige Behandlung die Dauer verkürzen kann. Solche Schübe können jederzeit auftreten und dazu führen, dass Gicht chronisch wird.

Ermittlung der Harnsäurewerte

Um den Verdacht von Gicht zu bestätigen, stehen dem Arzt verschiedene Diagnoseverfahren zur Verfügung. Nach einem Gespräch mit dem Patienten über dessen Krankheitsgeschichte untersucht er das schmerzende Gelenk und veranlasst eine Blut- und Urinuntersuchung. Dadurch lässt sich feststellen, ob die Harnsäurewerte erhöht sind.

Zusätzlich kann der Arzt auch im Rahmen einer Gelenkpunktion Flüssigkeit aus dem Gelenk entnehmen. Im fortgeschrittenen Stadium sind zudem auf Röntgenaufnahmen Veränderungen der Gelenke und Gichtknoten sichtbar. Diese Knoten bestehen aus Harnsäure, die sich in der Gelenkinnenhaut, im Knochen und am Knorpel einlagern. Typische Stellen sind aber auch Ohrmuschel und Hände. Solange sie nicht entzündet sind, sind Gichtknoten in der Regel schmerzlos.

Auf die Mithilfe kommt es an

Die Therapie besteht in der Regel aus einer medikamentösen Behandlung und einer Umstellung des Lebensstils.

Während eines akuten Gichtanfalls helfen entzündungshemmende Schmerzmittel sowie eine kurzfristige Therapie mit Kortisonpräparaten. Betroffene sollten zudem das Gelenk schonen, hochlagern und kühlen. Als Dauertherapie kommen sog. Urikostatika zum Einsatz, die den Umbau von Purinen zu Harnsäure hemmen und die Ausscheidung über die Nieren erhöhen.

Betroffene können ihr Risiko für Gichtanfälle zudem selbst reduzieren. Dazu gehört eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, die konsequent durchgeführt werden muss. Vom Speiseplan gestrichen gehören alle Lebensmittel, die einen hohen Puringehalt haben: Spinat, Rosenkohl, Soja, Hülsen- und Trockenfrüchte, Fleisch (vor allem Innereien) sowie Fisch, Schalen- und Krustentiere. Wer frisch kocht, hat den besten Überblick über die Lebensmittel, die er konsumiert.

Zusätzlich sollten Menschen mit Gicht auf gesüßte Fruchtsäfte und Alkohol verzichten. Stattdessen ist es wichtig, mindestens zwei Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich zu nehmen. Geeignet sind Wasser sowie ungesüßte Kräuter- und Früchtetees. Eine strenge purinarme Ernährung trägt maßgeblich zum Therapieerfolg bei und kann die Lebensqualität nachhaltig verbessern.