Leistenbruch: Alles zur Diagnose und Behandlung

Leistenbruch: Alles zur Diagnose und Behandlung

Ein Leistenbruch (auch Leistenhernie oder Inguinalhernie) ist ein Eingeweidebruch in der Leistenkanalgegend.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
30.08.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Obwohl es auch Fälle von angeborenen Leistenbrüchen gibt, liegt in den meisten Fällen eine Bindegewebsschwäche als Ursache dafür vor, dass der Leistenkanal nachgibt und es zum Leistenbruch kommt.

  • Deutlich mehr Männer als Frauen sind vom Leistenbruch betroffen. Allerdings ist gerade bei Frauen eine ärztliche Begutachtung angeraten.

  • Dank erfahrener Operateure und Techniken können Leistenbrüche in einer Operation schnell behoben und Komplikationen eingegrenzt werden.

  • Den chirurgischen Eingriff und die Nachbehandlung sollte man dennoch mit einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht absichern.

Wer in seiner Leiste eine Vorwölbung entdeckt, bekommt häufig die Diagnose Leistenbruch. Die Hernia inguinalis, wie der Mediziner sie nennt, war in der Operationsstatistik vom Jahr 2017 unter den 20 häufigsten Operationen. Warum diese Körperregion besonders anfällig ist für eine Hernie und wie ein Leistenbruch behandelt wird, erfahren Sie in unserem Ratgeber.

Was ist ein Leistenbruch?

Auch wer beim Begriff Leistenbruch an einen Knochenbruch denkt: Bei einer Leistenhernie bricht kein Knochen, vielmehr brechen Schichten der Bauchwand durch den Leistenkanal hindurch. Die Bauchwand hält die Bauchorgane an Ort und Stelle und besteht aus verschiedenen Muskel- und Bindegewebsschichten. Im Vergleich zu anderen Körperpartien ist die Leiste dennoch relativ muskelschwach, sodass sich dort häufig Löcher ausbilden. Diese können entweder angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Bei angeborenen Leistenbrüchen verschließt sich der Leistenkanal vor der Geburt nicht vollständig, während ein erworbener Leistenbruch im Laufe der Jahre entsteht und meist mit einer Bindegewebsschwäche einhergeht.

Die Ursachen von Leistenbrüchen entwickeln sich häufig bereits vor der Geburt: Da bei der Entwicklung männlicher Embryos die Hoden aus dem Bauchraum über die Leistenkanäle in den Hodensack wandern, sind Männer deutlich öfter von Leistenbrüchen betroffen als Frauen. Insgesamt knapp 17 Millionen chirurgische Eingriffe wurden im Jahr 2017 in deutschen Krankenhäusern durchgeführt - davon waren über 175.000 die Behebung eines Leistenbruchs. Auch wenn der Eingriff Routine für den Mediziner ist: Steht bei Ihnen eine Leistenbruch-OP an, dann sorgen Sie noch heute vor und sichern Sie Ihre Behandlung mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht ab.

Welche Symptome ruft ein Leistenbruch hervor?

Erkennbar ist ein Leistenbruch für die Betroffenen durch eine sicht- und tastbare Schwellung in der Leistengegend, die auf Druck nachgibt. Dabei handelt es sich in der Regel um eingeklemmtes Gewebe. Nicht bei jedem Leistenbruch verspürt der Betroffene Schmerzen; oftmals handelt es sich um ein nicht greifbares Druckgefühl oder Ziehen in der Leistengegend, das sich bei Belastung verschlimmert.

Abzugrenzen ist der Leistenbruch vom Oberschenkelhalsbruch, der vermehrt bei älteren Menschen mit Osteoporose auftritt. Auch auch er zeichnet sich durch Schmerzen aus, die in die Leiste und den Oberschenkel ausstrahlen können. Einem solchen Bruch geht allerdings meist ein Sturz voraus, sodass auch das Unfallgeschehen Aufschluss über das mögliche Krankheitsbild gibt.

Lebensbedrohlich ist ein Leistenbruch erst dann, wenn sich Darmschlingen durch die Bruchpforte drücken und im engen Leistenkanal einklemmen. Dadurch werden diese nicht mehr ausreichend durchblutet, starke Schmerzen stellen sich ein. Hinzukommen oft Übelkeit und Erbrechen. In solchen Fällen sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen, da Darmschlingen absterben können und ein Darmverschluss entstehen kann.

Welche Ursachen hat ein Leistenbruch?

Eine Bindegewebsschwäche ist der größte Risikofaktor für einen Leistenbruch im Laufe eines Lebens. Die Bauchwand hält die Organe im Bauch an ihrer Position, doch bei einer Bindegewebsschwäche ist die Stützfunktion nicht mehr gegeben. Vor allem die Leistengegend ist beim Heben schwerer Lasten, Husten, Niesen oder beim Stuhlgang starken Belastungen ausgesetzt. Während das gesunde Gewebe den Druck aufnimmt und abschwächt, kann der Leistenkanal bei einer Bindegewebsschwäche nachgeben; dabei kann eine Lücke im Gewebe entstehen. Durch diese Lücke drückt dann das Bauchfell, und der charakteristische Bruchsack wird außerhalb des Bauchs sichtbar.

Auch andere Faktoren können einen Leistenbruch begünstigen, wobei diese entweder die Bindegewebsschwäche selbst auslösen oder den Druck im Bauchraum erhöhen. Dazu zählen ein ungesunder Lebensstil genauso wie eine Reihe von Vorerkrankungen, darunter etwa:

  • Übergewicht
  • Rauchen
  • Asthma
  • Diabetes
  • Divertikulose
  • Mukoviszidose
  • Marfan-Syndrom

Wie erfolgt die Diagnose eines Leistenbruchs?

Treten Schmerzen in der Leiste auf oder bemerken Betroffene eine Beule in der Leistengegend, dann führt der erste Wege i.d.R. zum eigenen Hausarzt. Nach einem Anamnesegespräch, zu Krankengeschichte und Beschwerden folgt die körperliche Untersuchung. Normalerweise tastet der Arzt beim die Leistengegend ab, um Schwellungen zu ermitteln. Der Patient kann mithelfen, indem er auf Kommando hustet oder die Bauchmuskeln anspannt, auf diese Weise lässt sich der Druck im Bauchraum steigern und die Schwellung verstärken, um eine Ausstülpung besser sichtbar zu machen.

Liegt ein Leistenbruch vor, wird geprüft, ob sich der Bruchsack in den Bauchraum zurückschieben lässt. Ist dies möglich, handelt es sich um einen reponiblen Leistenbruch. Bei einem irreponiblen Leistenbruch ist der Bruchinhalt mit dem Bruchsack verwachsen und kann deshalb nicht mehr zurückgeschoben werden. Zur Absicherung empfiehlt sich die Durchführung einer Sonografie, bei der die Leistengegend mit Ultraschall dargestellt wird. Oftmals lässt sich so auch eine Aussage über die ungefähre Größe der Bruchpforte treffen, was entscheidend ist für das weitere Vorgehen.

Welche Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten gibt es?

Ein Bruch in der Leistengegend wächst nicht mehr von allein zu, er kann im Laufe der Zeit sogar größer werden. Um eine Bruchpforte zu schließen, ist also immer ein chirurgischer Eingriff nötig. Wie schnell er durchgeführt wird, hängt zum einen von der Größe der Hernie ab, zum anderen vom Geschlecht. Da beim Mann das Risiko einer Einklemmung insgesamt deutlich geringer ist, wird oftmals abgewartet und nicht sofort operiert. Verursacht der Leistenbruch keine größeren Probleme im Alltag, ist es nicht notwendig Patienten unnötigen OP-Risiken auszusetzen.

Bei Frauen hingegen sollte ein Leistenbruch immer operiert werden, falls es zur Differenzialdiagnose Schenkelbruch kommt. Dabei befindet sich die Bruchpforte unterhalb des Leistenbandes, sodass die Schmerzen sogar bis in den Oberschenkel ausstrahlen können. Da eine Schenkelhernie in bis zu 30 Prozent der Fälle zu Einklemmungen führt und Frauen häufiger einen Schenkel- als einen Leistenbruch erleiden, wird dieser grundsätzlich operiert. Wurden bereits Eingeweide eingeklemmt, erfolgt die Operation sofort.

Wie läuft eine Leistenbruch-OP ab?

Um einen Leistenbruch operativ zu beheben, stehen dem Operateur offene und minimalinvasive Verfahren zur Verfügung, die sich in der Art des Zugangs zur Bruchpforte unterscheiden. Während bei einer offenen OP ein großer Schnitt in der Leiste vorgenommen wird, kommen minimalinvasive Eingriffe mit kleinen Hautschnitten aus. Für welches Operationsverfahren sich der Operateur entscheidet, hängt vom Allgemeinzustand des Patienten genauso ab wie vom Ausmaß des Bruchs. Alle OP-Techniken haben sich in den letzten Jahren so verbessert, dass es in der Regel nur zu einem ambulanten Eingriff kommt. Nur Risikopatienten bleiben zur genaueren Beobachtung üblicherweise anschließend einige Tage im Krankenhaus.

Offene Operationstechnik

Bei der offenen Operationstechnik nimmt der Operateur in der Leistengegend einen Schnitt vor, um die betroffenen Strukturen freizulegen. Zunächst drückt er der Bruchinhalt zurück in den Bauchraum. Um die Bruchstelle zu schließen, stehen drei Techniken zur Verfügung: Bei der Leistenbruch-OP nach Lichtenstein wird ein Kunststoffnetz mit den Bauchmuskeln vernäht, um die Bauchwand zu stabilisieren. Das Verfahren nach Bassini kommt ohne Kunststoffnetz aus, denn zur Stabilisation wird erst die Bruchstelle verschlossen und dann das Leistenband mit den Bauchmuskeln vernäht. Bei der Operation nach Shouldice wird die vernähte Bruchstelle verstärkt, indem der Operateur ein Teil des Bindegewebes der Bauchmuskulatur über der Bruchstelle annäht.

Minimalinvasive Operation

Der minimalinvasive Ansatz ist noch deutlich schonender für den Patienten: Der Chirurg verschließt die Bruchpforte im Rahmen einer Laparoskopie (Bauchspiegelung). Da er Werkzeuge und Kamera über kleine Hautschnitte in den Bauchraum führt, sind die Gewebeschäden gering. Auf einem Bildschirm kann er den gesamten Eingriff verfolgen, den Bruchinhalt in den Bauchraum drücken und die Bruchpforte verschließen. In der Regel setzt der Operateur ein Netz ein, das er entweder vom Bauchraum über der Bruchpforte oder zwischen Bauchfell und Muskulatur befestigt. Im Anschluss verschließt er die Hautschnitte und verbindet die Wunde.

Wie geht es nach der Operation weiter?

In beiden Varianten ist mit üblichen Wundschmerzen zu rechnen, die jedoch bereits mit gängigen Schmerzmitteln wie Ibuprofen zu bewältigen sind. Das ist wichtig, denn nach einer gewissen Ruhezeit sollten Patienten aufstehen und ein paar Schritte gehen, um den Kreislauf anzuregen. Dabei gilt es, die Bauchwand die ersten zwei bis drei Wochen nach der Operation so wenig wie möglich zu belasten, da das Gewebe noch nicht wieder vollständig zusammengewachsen ist und das Kunststoffnetz, das zur Stabilisation in die Leiste eingebracht wurde, Zeit benötigt, um mit den umliegenden Gewebestrukturen zu verwachsen.

Um den Druck im Bauchraum nicht zu erhöhen, ist eine ausgewogene und ballaststoffreiche Ernährung wichtig. Starkes Pressen auf der Toilette sollte vermieden werden, um die Operationswunde nicht zu belasten. Viel Flüssigkeit und kleine über den Tag verteilte Mahlzeiten sollen den Heilungsprozess unterstützen. Auch Husten, Niesen und Lachen sind eine Belastung für die Bauchwand und sollten nach Möglichkeit ohne unnötige körperliche Anspannung geschehen.

Die Aufnahme sportlicher Betätigungen ist eine individuelle Entscheidung. Verheilen die Wunden komplikationslos und ist der Patient schmerzfrei, dann sind Spaziergänge nach einer Woche eine schonende Möglichkeit zur Bewegung. Die Intensität kann langsam gesteigert werden, bis bei ausreichender Stabilisation des Gewebes wieder mit Sport begonnen werden kann. In Absprache mit dem Arzt ist das etwa einen Monat nach dem Eingriff möglich. Auch hier sollte man nicht direkt mit höchster Intensität einsteigen, sondern die Belastung langsam steigern. Auf das Heben und Tragen schwerer Lasten sollte jedoch vorläufig verzichtet werden. Erst nach vier Wochen sind leichte Hebeübungen möglich.

Welche Komplikationen können entstehen?

Es können immer Komplikationen nach Operationen entstehen. Zwar handelt es sich bei einer Leistenbruch-OP um einen Routineeingriff, dennoch gibt es Komplikationen, die dabei häufiger auftreten:

  • Massiver Druckanstieg und Schäden in der Bauchhöhle bei der Rückverlagerung großer Brüche
  • Wundheilungsstörungen
  • Wundinfektionen
  • Verletzung innerer Organe wie Darm, Harn- oder Samenleiter
  • Schädigung der blutversorgenden Gefäße und des Samenleiters durch narbenbedingte Verengungen in der Leiste
  • Blauverfärbung der Haut bis zum Hodensack durch Blutergüsse
  • Bruch der Bauchnaht
  • Verwachsungen im Bauchraum
  • Neu auftretende Leistenbrüche
  • Irritationen durch implantierte Kunststoffnetze