Pflegende Angehörige: Das müssen Sie wissen

Pflegende Angehörige: Das müssen Sie wissen

Das Wichtigste für pflegende Angehörige: Das kommt auf Angehörige zu, wenn ein Familienmitglied pflegebedürftig wird - Das können Sie jetzt tun.

Johannes Kuhnert
Johannes Kuhnert
19.08.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Ein Pflegefall tritt häufig unerwartet ein: Wer einen Angehörigen zuhause pflegt, hat Anspruch auf gesetzlich garantierte Pflegezeiten, die z.T. auch finanziell unterstützt werden.
  • Pflegende Angehörige haben darüber hinaus Anspruch auf Erholungszeit und Unterstützung in verschiedenen Abstufungen je nach Bedarf und Aufwand.
  • Während der Pflege übernimmt die gesetzliche Pflegeversicherung die Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung.
  • Je früher rechtliche und finanzielle Vorsorge getroffen werden, desto einfacher gestaltet sich der Ernstfall für Betroffene, Ärzte und Angehörige.

Pflegende Angehörige: Das müssen Sie wissen, wenn Sie Angehörige pflegen

Wer in der Pflege von „Betroffenen“ spricht, meint fast immer die Pflegebedürftigen selbst. Dabei betrifft ein Pflegefall fast immer ganze Familien. In erster Linie den eigenen Partner, meistens auch die eigenen Kinder, oft genug auch Nachbarn, Freunde und Verwandte. In unserer alternden Gesellschaft leben mehr als 3,4 Millionen Pflegebedürftige. Über 2,5 Millionen von ihnen werden zu Hause versorgt, rund 1,8 Millionen davon werden allein von ihren Angehörigen gepflegt, und über 800.000 erhalten die notwendige Pflege gemeinsam von professionellen Pflegediensten und Angehörigen. Und der Weg in die gute Pflege ist beschwerlich, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für pflegende Angehörige, denn ein Pflegefall ändert alles. Auch für Angehörige.

Vom Alltag zum Pflegefall – So finden Sie den Einstieg in die Pflege

Ob Krankheit, Operation oder Alterserscheinung – es gibt viele Ursachen dafür, dass ein naher Angehöriger zum Pflegefall wird. Neben Schlaganfall, Herzinfarkt und Demenz sind es häufig ganz unmittelbare Ursachen, die alles ändern: Ein Sturz in der Wohnung oder ein Schwächeanfall können genügen, um einen Menschen vom rüstigen Senioren zum Pflegebedürftigen zu machen – mit weitreichenden Folgen für alle Angehörigen. Und damit gilt es eine Vielzahl von Fragen zu klären: Was ist eigentlich Pflege? Wie pflege ich jemanden? Und kann ich das überhaupt selbst tun? Wie vereinbare ich Beruf und Pflege? Welche rechtlichen Grundlagen gelten und wo finde ich Hilfe? Was sind Pflegeleistungen und an welche Voraussetzungen sind sie gebunden? Pflege und Vorsorge stellen Betroffene und Angehörige vor große Herausforderungen. Afilio begleitet Sie bei den ersten Schritten in die neue Situation. Nutzen Sie dazu auch unseren Überblick Pflege zuhause >>

Die ersten Schritte: Rechtliche Grundlagen und Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege

Während eine kurzzeitige oder auch mehrwöchige Betreuung eines Angehörigen bei vielen Unternehmen heutzutage auf Verständnis stößt, ist das Thema Pflege oft zunächst eine Herausforderung. Denn Pflege ist oft vor allem eines: Sie ist ungewiss. Es ist oft nicht absehbar, wie groß der Pflegeaufwand für einen Angehörigen ist und für wie lange er auf Pflege und Unterstützung angewiesen ist. Aus diesem Grund hat der Gesetzgeber in den vergangenen 25 Jahren eine Reihe von Grundlagen geschaffen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu vereinfachen: Das Pflegeunterstützungsgeld zur kurzzeitigen Arbeitsverhinderung, die Pflegezeit, die Familienpflegezeit und das zinslose Darlehen. Alle vier Instrumente sind gestaffelt nach dem konkreten Zeitfenster, das Angehörige für die Pflege eines Betroffenen im Ganzen benötigen:

  • Pflegeunterstützungsgeld bei kurzzeitiger Arbeitsverhinderung Je eindeutiger der Fall und je akuter die Situation, desto kürzer ist in manchen Fällen der Entscheidungsweg. Zur kurzzeitigen Überbrückung hat der Staat das Pflegeunterstützungsgeld geschaffen, das eine kurzzeitige Arbeitszeitverhinderung ermöglichen soll. Für bis zu zehn Tage besteht ein gesetzlicher Anspruch auf Auszahlung des Pflegeunterstützungsgelds. Für die gleiche Dauer haben Angehörige auch Anspruch auf Freistellung von ihren beruflichen Verpflichtungen. In dieser Zeit können erste Weichen gestellt und die reguläre Pflege geplant werden.
  • Pflegezeit Die Pflegezeit schafft längerfristige Betreuungsmöglichkeiten im Rahmen der staatlichen Unterstützung: Für bis sechs Monate können Angehörige Pflegezeit in Anspruch nehmen. In dieser Zeit besteht in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern außerordentlicher Kündigungsschutz, damit Angehörige in den Stand versetzt werden, die reguläre Pflege eines Angehörigen unmittelbar zu leisten. Allerdings sind im Pflegezeitgesetz keine Geldleistungen vorgesehen. Hier greift ein anderer Mechanismus: Der Anspruch des Betroffenen selbst auf Pflegegeld. Diese gesetzliche Geldleistung ist auch dazu gedacht, Verdienstausfälle pflegender Angehöriger auszugleichen.
  • Familienpflegezeit Die Familienpflegezeit greift dann, wenn die Dauer der notwendigen Pflege und Betreuung mehr Zeit als sechs Monate in Anspruch nimmt. Mit der Familienpflegezeit können bis zu 24 Monate Pflegedauer überbrückt werden. Anders als in der einfachen Pflegezeit ist in der Familienpflegezeit auch die finanzielle Unterstützung für die Dauer der Pflege geregelt: Für Mitarbeiter in Unternehmen mit mehr als 25 Angestellten besteht nicht nur ein Rechtsanspruch auf Freistellung, sondern auch auf ein staatliches, zinsloses Darlehen, das beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beantragt werden kann.
  • Pflege konkret: Wie geht das überhaupt? Pflege ist komplex, und bei weitem nicht immer einfach. Als pflegender Angehöriger haben Sie aber nicht nur Anspruch auf finanzielle Unterstützung und ausreichend Zeit für die Versorgung des Betroffenen: Alle Pflegekassen müssen Ihren Versicherten kostenlose Pflegekurse anbieten, die ihnen Wege in die richtige Pflege ermöglichen sollen. Denn Pflege umfasst nicht nur seelische Begleitung, sondern ganz konkrete Unterstützung in vielen Lebenslagen – dazu gehören einkaufen und kochen, aber genauso Hilfe beim Stuhlgang oder Ankleiden, Zähneputzen und Körperwäsche, beim Aufstehen und Hinlegen oder bei der Einnahme von Medikamenten - und nicht zuletzt beim Betten und Aufsetzen des Betroffenen – ohne richtige Technik ist es nicht nur für den Pflegebedürftigen schwierig, sondern auch für den pflegenden Angehörigen eine große körperliche Herausforderung: Je unmittelbarer die Pflege, desto wichtiger ist die richtige Beratung.

Erholungsanspruch in der Pflege: Hier finden Sie Entlastung

Pflege ist anstrengend. Und sie ist alternativlos. Wer jeden Tag mit vollem Einsatz die Fürsorge für einen betroffenen Angehörigen in konkretes Handeln übersetzt, kommt irgendwann an Grenzen. Je höher der Pflegegrad des Betroffenen, desto größer die Herausforderung. Je geringer der Einsatz der ambulanten Pflege, desto belastender ist die tägliche Herausforderung. Doch es gibt Möglichkeiten zur Entlastung, damit die Pflege selbst nicht mit gesundheitlichen Folgeschäden für den Pflegenden selbst einhergeht:

  • Regelmäßige Unterstützung Je alltäglicher die Aufgabe, desto einfacher ist es, zusätzliche Unterstützung zu organisieren. „Essen auf Rädern“ z.B. kann eine solche Hilfe sein; eine Vielzahl von Unternehmen („Fahrender Mittagstisch“) bietet heute nicht nur in Ballungsgebieten, sondern immer häufiger auch im ländlichen Raum Ihre Dienste an. Der Aufwand für Einkaufen und Kochen lässt sich auf diese Weise erheblich reduzieren. Doch auch mehr Entlastung ist möglich – etwa in Form einer vollwertigen Haushaltshilfe oder eines Seniorenbetreuungsdiensts. Wer in erster Linie Entlastung bei der Alltagsgestaltung sucht, findet in Deutschland immer mehr Alltagsbegleiter (auch als Betreuungsassistenten bekannt). Sie sind nicht für den eigentlichen Pflegeeinsatz gedacht, sondern um Betroffenen die Teilhabe in Form von Spaziergängen oder als Begleitung zu gemeinschaftlichen Veranstaltungen zu ermöglichen. Aber auch als Gesprächspartner oder gelegentliche Aushilfe in Haus und Garten kommen Alltagsbegleiter zum Einsatz.
  • Urlaub für pflegende Angehörige Auch pflegende Angehörige haben Anspruch auf Urlaub. Für ganze 42 Tage können Sie Leistungen zur sogenannten Verhinderungspflege in Anspruch nehmen, die dafür sorgen soll, dass der oder die Betroffene angemessen gepflegt wird, während der pflegende Angehörige Urlaub nimmt, also verhindert ist (daher „Verhinderungspflege“).
  • Pflegehotel: Urlaub mit Betroffenen Nicht immer ist eine Trennung von Betroffenem und Angehörigem eine gute Idee. Eine gute Alternative zur Verhinderungspflege bieten sogenannte Pflegehotels. Hier erfahren Pflegende den Service eines echten Urlaubsaufenthalts, ohne von ihrem betroffenen Angehörigen getrennt zu sein. Denn Pflegehotels zeichnen sich durch eine umfassende Pflegeorientierung aus – so ist üblicherweise nicht nur ein eigener Pflegedienst vor Ort, Pflegehotels sind üblicherweise barrierefrei gestaltet und punkten mit zusätzlichen Vorteilen wie Notruf, bedarfsgerechtem Zimmerservice und direkt verfügbaren Pflegehilfsmitteln vor Ort.
  • Kur und Reha Auch Hilfe und Urlaub können nicht immer auf Dauer dafür sorgen, dass pflegenden Angehörigen irgendwann die Kraft ausgeht. Deshalb können Sie auch eine Kur in Anspruch nehmen. Der Weg in eine Kur, bzw. Reha führt über den eigenen Hausarzt, der den entsprechenden Bedarf feststellen muss. Er leistet üblicherweise aber auch Unterstützung bei der Antragsstellung und der Wahl der passenden Wiederherstellungsmaßnahme.
  • Selbsthilfegruppen: Austausch für Pflegende Oft unterschätzt, dabei meist wertvoller als erwartet: Selbsthilfegruppen sind auch für pflegende Angehörige eine wertvolle Ergänzung. Sie schaffen Austausch und Reflektion und geben Raum, die eigenen Herausforderungen mit anderen zu teilen. Auch finden pflegende Angehörige hier oft nicht nur Gesprächspartner mit ähnlichen Erfahrungen, oft genug ergeben sich wichtige Tipps, Adressen und Ansprechpartner aus dem Gespräch mit anderen

Rente und Krankenversicherung: Darauf haben Sie als Angehöriger Anspruch

Wer Angehörige pflegt, ist im Hinblick auf seine Rente abgesichert. Die Pflegekasse übernimmt in allen Pflegezeitmodellen die Zahlung der Rentenversicherungsbeiträge, sofern sie sich mindestens 10 Stunden wöchentlich um die Pflege eines Angehörigen kümmern. Auch der Aufbau der notwendigen Rentenpunkte bis zum Renteneintrittsalter ist auf diese Weise gesichert. Das Gleiche gilt für den Arbeitnehmeranteil zur Krankenversicherung und zur Pflegeversicherung. Wer darüber hinaus Beiträge zur Arbeitslosenversicherung leisten will, um sich für eine Auszeit nach der Pflege abzusichern, kann das freiwillig tun, muss die Zahlungen allerdings selbst leisten. Praktisch: Auch die Unfallversicherung für pflegende Angehörige ist gesetzlich abgesichert.

Rechtliche Vorsorge: Diese Maßnahmen sind für Betroffene und Angehörige sinnvoll

Ob Angehöriger oder Betroffener: Ist der Pflegefall eingetreten, beginnt für alle Beteiligten ein neuer, unbekannter Abschnitt im eigenen Leben. Darum ist es sinnvoll, so früh wie möglich Vorsorge für die wichtigsten Fragen zu treffen: Bis zu welcher Grenze will ich behandelt werden? Wer trägt Sorge für alle meine vertraglichen Verpflichtungen? Was geschieht mit meinem Vermögen, aber auch meinem persönlichen Vermächtnis, wenn die Zeit gekommen ist? Die folgenden Dokumente erleichtern Betroffenen, Ärzten und Angehörigen den gemeinsamen Weg für den Fall, dass der Betroffene selbst nicht mehr ansprechbar ist. Dabei gilt: Mündliche Willensbekundungen eines Betroffenen mit uneingeschränkter Geschäftsfähigkeit brechen alle schriftlich fixierten Absichtserklärungen. Wer eine Vollmacht, Verfügung oder ein Testament aufsetzt, ist damit keinesfalls entmündigt!

  • Patientenverfügung: Sie hält fest, welche Maßnahmen der Betroffene in bestimmten Fällen seines Gesundheitsverlaufs wünscht und welche er ablehnt. Die getroffenen Feststellungen sind bindend für behandelnde Ärzte.
  • Vorsorgevollmacht: Mit der Vorsorgevollmacht kann der Betroffene einen Bevollmächtigten benennen, der ihn in allen rechtlichen Angelegenheiten vertritt, wenn er oder sie selbst nicht mehr in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen.
  • Betreuungsverfügung: Wer keine Vorsorgevollmacht aufsetzt, kann für den Ernstfall eine Betreuungsverfügung nutzen. Sie hält fest, welche Vertrauensperson sich ein Betroffener als rechtlichen Betreuer wünscht, der vom Gericht kontrolliert wird.
  • Testament: Der letzte Wille zur Regelung des eigenen Nachlasses. Hier wird geregelt, was an wen vererbt wird. Für Unverheiratete ist in vielen Fällen der Erbvertrag die elegantere Lösung.

Finanzielle Vorsorge im Pflegefall: Rechtzeitig für später sorgen

Pflege ist teuer. Während allein die häusliche Versorgung eines Angehörigen ganze Familien vor enorme Herausforderungen stellt, kann die Unterbringung in einem Pflegeheim ein noch weit einschneidenderes finanzielles Ereignis sein, das nicht nur Betroffene selbst, sondern auch ihre Kinder betrifft (Stichwort: „Elternunterhalt“). Die soziale Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung – sie deckt die Basiskosten vieler Pflegeleistungen ab, doch selbst meist nur unzureichend. Alle darüber hinausgehenden Kosten müssen von den Betroffenen selbst oder ihren Kindern getragen werden („Pflegelücke“). Erfahren Sie in unserem Überblicksartikel welche Pflegezusatzversicherung, bzw. private Pflegeversicherungen es gibt.

Pflegegrad beantragen

Sie sind selbst Angehöriger und haben einen Angehörigen jetzt oder in naher Zukunft gepflegt werden muss? Dann informieren Sie sich darüber, wie Sie einen Pflegegrad beantragen: Die alten Pflegestufen wurden 2017 durch die Pflegegrade 1 bis 5 ersetzt. Seitdem ist es vor allem für Menschen mit Demenz und ähnlichen kognitiven Einschränkungen leichter, ihren Bedürfnissen entsprechende Leistungen zu erhalten.