Pflegezeit für Angehörige: Das müssen Arbeitnehmer wissen

Pflegezeit für Angehörige: Das müssen Arbeitnehmer wissen

Wir erklären, wann Sie für einen Angehörigen Pflegezeit in Anspruch nehmen können, welche Pflegezeitmodelle es gibt und was zu beachten ist.

Jessica Djadavjee
Jessica Djadavjee
25.07.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Berufstätige haben nach dem Pflegezeitgesetz (PflegeZG) Anspruch auf eine sechsmonatige Freistellung, um sich der häuslichen Pflege eines nahen Angehörigen zu widmen.
  • Während der Pflegezeit haben Sie außerdem die Möglichkeit, ein zinsloses staatliches Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) aufzunehmen.
  • Sie haben außerdem rechtlichen Anspruch auf Freistellung, um einen nahen Angehörigen auf seinem letzten Lebensabschnitt zu begleiten.

Wenn ein Familienmitglied zum Pflegefall wird, betrifft das oft alle nahen Verwandten. Pflegende Angehörige, die berufstätig sind, stehen häufig vor großen finanziellen Ungewissheiten: Entsprechend groß ist die psychische Belastung. Die Pflege eines Angehörigen ist nur schwer mit Beruf und Privatleben vereinbar. Mit dem Pflegezeitgesetz hat der Gesetzgeber Berufstätigen mehr Raum für die Pflege von Angehörigen eingeräumt. Wir erklären, unter welchen Bedingungen Sie Pflegezeit in Anspruch nehmen können und was es zu beachten gilt.

Pflegezeit: Bis zu sechs Monate Freistellung für die häusliche Pflege

Viele pflegebedürftige Menschen möchten im Alter oder bei Krankheit in gewohnter Umgebung und in der Nähe der Familie bleiben - und in den meisten Familien bemühen sich die nächsten Angehörigen, diesem Wunsch Rechnung zu tragen. Nach Angaben der Bundesregierung werden rund 73 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland in Voll- oder Teilzeit von Angehörigen betreut und gepflegt.

Pflegende Angehörige haben nach Pflegezeitgesetz (PflegeZG) Anspruch auf eine sechsmonatige Freistellung, um sich der häuslichen Pflege eines nahen Angehörigen zu widmen. Die Freistellung von der Arbeit kann dabei gänzlich oder nur teilweise in Anspruch genommen werden. Während der Pflegezeit haben Sie außerdem die Möglichkeit, ein zinsloses staatliches Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) aufzunehmen. Wenn Sie die Pflege eines minderjährigen Angehörigen übernehmen, haben Sie auch bei außerhäuslicher Pflege Anspruch auf vollständige oder teilweise Freistellung. Die Pflegebedürftigkeit Ihres Angehörigen müssen Sie anhand einer Bescheinigung der Pflegeversicherung oder des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) belegen, dasselbe gilt für privat versicherte Pflegebedürftige.

Des Weiteren haben Sie rechtlichen Anspruch auf Freistellung, um einen nahen Angehörigen auf seinem letzten Lebensabschnitt zu begleiten – dafür steht Ihnen eine Freistellung von bis zu drei Monaten zu. In diesem Fall müssen Sie den Pflegebedarf beim Arbeitgeber ebenfalls belegen.

Familienpflegezeit

Über die Regelung zur Familienpflegezeit ist es Beschäftigten möglich, sich für bis zu 24 Monate teilweise von ihrem Arbeitgeber freistellen zu lassen, um einen nahen Angehörigen zuhause zu pflegen. Um Familienpflegezeit in Anspruch zu nehmen zu können, muss dieser Angehörige wenigstens Pflegegrad 1 nachweisen können, der pflegende Angehörige muss für die Dauer seiner Teilfreistellung im Schnitt 15 Stunden pro Woche arbeiten. Allerdings ist es möglich, diese Wochenarbeitszeit flexibel zu verteilen, sodass tatsächlich eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit geleistet wird. Die teilweise Weiterbeschäftigung soll verhindern, dass Angestellte ihren Beruf für die Pflege vollständig aufgeben müssen. Allerdings besteht Anspruch auf Familienpflegezeit nur in Unternehmen mit wenigstens 25 Beschäftigten (Azubis nicht eingerechnet). Gegenüber kleineren Unternehmen kann kein Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit in Anspruch genommen werden.

Welche Verwandten zählen per Gesetz als nahe Angehörige?

Zum Kreis naher Angehöriger zählen:

  • Großeltern, Eltern, Schwiegereltern, Stiefeltern
  • Ehegatten, Lebenspartner, Partner einer eheähnlichen Gemeinschaft
  • Schwägerinnen und Schwager
  • Geschwister
  • Kinder, Adoptivkinder und Pflegekinder (auch des Ehegatten oder Lebenspartners)
  • Schwiegerkinder und Enkel

Diese Familienmitglieder haben Anspruch auf Pflegezeit nach dem Pflegezeitgesetz.

Pflege von Angehörigen: Alle Möglichkeiten auf einen Blick

Pflegezeit

Arbeitsverhinderung

Familienpflegezeit

Rechtsgrundlage

§§ 1, 4-8 PflegeZG

§§ 1-2; 5-8 PflegeZG

Familienpflegezeitgesetz

Dauer (max.)

sechs Monate; drei Monate für Sterbebegleitung

zehn Tage (ohne Ankündigungsfrist)

24 Monate

Zweck

häusliche Pflege eines Angehörigen

für akute und weiterführende Pflegemaßnahmen

häusliche Pflege eines Angehörigen

Freistellungsart

vollständig/ teilweise

vollständig

teilweise, auf bis zu 15 Stunden Wochenarbeitszeit

Lohnfortzahlung

nein bzw. teilweise, zinsloses Darlehen möglich

nein, Pflegeunterstützungsgeld bei der Pflegekasse beantragbar

ja, für mehr als 15 Stunden Arbeitszeit pro Woche, zinsloses Darlehen möglich

Kündigungsschutz

ja

ja

ja

Sozialversicherung

bis 450 € Gesamteinkommen: Familienversicherung bzw. freiwillige Versicherung (für Unverheiratete) über 450 €: Gesetzliche Pflichtversicherung

Familienversicherung mit Ehepartner; freiwillige Versicherung für Unverheiratete

bis 450 € Gesamteinkommen: Familienversicherung bzw. freiwillige Versicherung (für Unverheiratete) über 450 €: Gesetzliche Pflichtversicherung

Habe ich grundsätzlich Rechtsanspruch auf Pflegezeit?

Nicht alle Arbeitnehmer haben einen Rechtsanspruch auf Freistellung zur häuslichen Pflege eines Angehörigen. Nach deutscher Rechtslage besteht nur dann Anspruch auf Pflegezeit, wenn ein Arbeitgeber mindestens 16 Mitarbeiter beschäftigt. Beschäftigt ein Arbeitgeber weniger als 16 Mitarbeiter und gewährt Ihnen freiwillig eine Freistellung, handelt es sich in diesem Fall nicht um eine Pflegezeit gemäß dem Pflegezeitgesetz – zusätzliche Absicherungen, wie beispielsweise Kündigungsschutz, greifen dann nicht!

Hinweis: Wenn auf die sechsmonatige Pflegezeit Rechtsanspruch besteht, benötigen Sie keine Zustimmung Ihres Arbeitgebers – wenn Sie nur eine teilweise Freistellung nutzen wollen, müssen Sie mit Ihrem Arbeitgeber eine schriftliche Übereinkunft hinsichtlich der Arbeitszeitverteilung treffen.

Kann ich Pflegezeit und Familienpflegezeit kombinieren?

Sämtliche Freistellungszeiten gemäß dem Pflege- und Familienpflegezeitgesetz für die Pflege naher Angehöriger können kombiniert werden – wenn sie nahtlos ineinander übergehen. Die Gesamtdauer der Freistellung beträgt maximal 24 Monate unter Berücksichtigung betrieblicher Gegebenheiten und Ankündigungsfristen.