Lebensstil: Einflussfaktor auf die Lebenserwartung

Lebensstil: Einflussfaktor auf die Lebenserwartung

Steigende Lebenserwartung und mehr Gesundheitsbewusstsein beeinflussen die Lebenswirklichkeit der Menschen, aber auch die Statistik.

Jessica Djadavjee
Jessica Djadavjee
27.08.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • 2020 wird die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Männer voraussichtlich bei 79,1 Jahren und für Frauen bei 84,1 Jahren liegen. Dabei ist der individuelle Lebensstil ein immer größerer Einflussfaktor
  • Die steigende Lebenserwartung sorgt dafür, dass im Jahr 2030 bereits rund 7,3 Millionen mehr über 60-Jährige in Deutschland leben werden als 2009. Das entspräche einer Zunahme von 34,5 Prozent. Damit wären 2030 bereits 37 Prozent der Bundesbürger 60 Jahre und älter.
  • Die Wahrscheinlichkeit, ein Pflegefall zu werden steigt mit zunehmendem Alter. Das zeigt sich auch am Zusammenhang zwischen Alter und der Häufigkeit von Behandlungen im Krankenhaus. Auch bei einer insgesamt rückläufigen Gesamtbevölkerung wird mit einem weiteren Zuwachs von Pflegebedürftigen und Patienten in den Krankenhäusern gerechnet. Insbesondere mehrere gleichzeitig auftretende chronische Krankheiten korrelieren mit zunehmendem Lebensalter.
  • Die häufigsten Todesursachen 2017 in Deutschland waren Herz-/Kreislauferkrankungen: 37 Prozent der Sterbefälle gingen darauf zurück.

Die Menschen werden älter: Steigende Lebenserwartung und verändertes Gesundheitsbewusstsein beeinflussen nicht nur die Lebenswirklichkeit der Menschen, sondern auch die Statistik. Vor allem chronische Krankheiten und genetische Ursachen beeinflussen die Lebensdauer heute stärker als in früheren Zeiten.

Steigende Lebenserwartung – Herausforderung für die Pflege

Die Lebenserwartung ist in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert rasant gestiegen: Zwischen 1871 und 1951 stieg sie für Männer um 29 und für Frauen sogar um volle 30 Jahre. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Lebenszeit rasant. Dafür ist nicht allein eine gesicherte Ernährungsgrundlage ursächlich, auch eine nahezu lückenlose medizinische Versorgung und ein zunehmend gesünderer Lebensstil tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen immer älter werden: Allein zwischen 1949 und 2016 lag der Zuwachs bei männlichen Neugeborenen bei 13,8 Jahren und für Mädchen bei 14,7 Jahren. 2020 wird die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Männer voraussichtlich bei 79,1 Jahren und für Frauen bei 84,1 Jahren liegen. Prognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge dürften Frauen 2060 im Schnitt bereits stolze 88,8 Jahre und Männer immerhin 84,8 Jahre alt werden. Damit liegt Deutschland dicht hinter den Spitzenreitern in Sachen Lebenserwartung. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Menschen, die Pflegeleistungen empfangen, ebenfalls ansteigt. Seit der Einführung gesetzlicher Pflegeleistungen im Jahr 1999 stieg die Anzahl der Pflegebedürftigen von 2 Millionen auf mehr als 3,4 Millionen.

Todesursache Krankheit: Herz-/Kreislauferkrankungen für die meisten Todesfälle verantwortlich

Wie in den Jahren zuvor waren auch 2017 die häufigsten Todesursachen in Deutschland Herz-/Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen: 37 Prozent der Sterbefälle gingen darauf zurück. Platz zwei der todbringenden Krankheiten belegten allerdings Krebserkrankungen: Rund einem Viertel aller Todesfälle ging eine Krebserkrankung voraus. Männer erlagen dabei am häufigsten einem diagnostizierten Lungen- und Bronchialkrebs, die häufigste Krebsart mit Todesfolge unter den Frauen war Brustkrebs.

Insbesondere sogenannte „schleichende Risiken“ sind lebensbedrohlich: Alkohol, Zigaretten, schlechte Ernährung oder zu wenig Bewegung bringen den Menschen vorzeitig ins Grab – nicht umsonst werden diese Risikofaktoren als die „vier Volkskiller“ bezeichnet. Fast 70 Prozent der vorzeitigen Todesfälle gehen auf diese vier Risikofaktoren zurück. Pro Jahr sterben rund 100 000 Deutsche in Folge des Rauchens und damit sind Zigaretten für mehr Todesopfer verantwortlich als Aids, Terrorismus, Verkehrsunfälle, Mord oder Suizid zusammengenommen. Dennoch sind bei Alkohol und Zigaretten die Zahlen seit langem rückläufig. Insgesamt nimmt ihre Bedeutung als Einflussfaktor etwa seit dem Jahr 1990 ab.

Nicht natürlicher Tod: Stürze, Suizid, Vergiftungen

Im Jahr 2017 gab es in Deutschland insgesamt 932 272 Todesfälle – darunter 457 756 Männer und 474 507 Frauen. Mehr als vier Prozent aller Todesfälle gingen hierzulande auf eine nicht natürliche Todesursache zurück, also beispielsweise auf Verletzungen oder Vergiftungen. 39 872 Sterbefälle ereigneten sich auf nicht natürliche Weise, fast 15 000 Todesfälle gingen dabei auf Stürze zurück und mehr als 9 000 Menschen beendeten ihr Leben vorzeitig selbst.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts betraf im selben Jahr rund 2500 Menschen in der Altersgruppe der 65- bis 75-Jährigen 2017 ein Unfalltod. In der Altersgruppe der 75- bis 85-Jährigen betraf diese Todesart sogar mehr als 7 000 Menschen, in der Gruppe der 85-Jährigen erlagen mehr als 10 000 Menschen nach einem Unfall ihren Verletzungen. Das Statistische Bundesamt erhebt ferner die Anzahl der Gestorbenen nach Unfallkategorien.

Unfallarten

Altersgruppen (von bis in Jahren)

Insgesamt

Arbeits-/Schulunfall

Verkehrsunfall

Häuslicher Unfall

Sport-/Spielunfall

Sonstiger Unfall

unter 1

12

3

5

4

1 bis 5

60

13

20

9

18

5 bis 15

68

1

35

8

7

17

15 bis 25

691

19

476

35

13

148

25 bis 35

810

35

388

61

14

312

35 bis 45

811

56

279

107

9

360

45 bis 55

1412

99

480

247

23

563

55 bis 65

2019

106

483

566

32

832

65 bis 75

2503

40

372

975

25

1091

75 bis 85

7041

19

572

3321

30

3099

85 und älter

10317

9

207

5657

16

4428

Der Alltag – Gefahr für Leib und Leben

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts gehen etwa drei Millionen Verletzungen pro Jahr auf Unfälle im Haushalt zurück. Das Statistische Bundesamt zählt in diesem Zusammenhang fast 10 000 Tote – damit kommen nach aktuellen Erhebungen mehr als doppelt so viele Menschen im Haushalt ums Leben wie im Straßenverkehr. Oft sind es alltägliche Situationen, die zur Gefahr für Leib und Leben werden. Denn: Die Wahrscheinlichkeit bei einem Terroranschlag oder einem Flugzeugabsturz zu sterben, ist äußerst klein – das wahre Risiko birgt das Alltagsleben.

Mit Risiken umgehen: Eine Lebensaufgabe

Menschen neigen dazu, unkontrollierbare Risiken zu überschätzen und Risiken, die sie selbst beeinflussen können, eher zu unterschätzen. Das erklärt auch wieso sich Menschen im eigenen Auto sicherer fühlen als im Flugzeug – obwohl die Zahlen für das Flugzeug sprechen: Wir fühlen uns ausgeliefert, wenn wir keine Kontrolle haben.

Professor Gerd Gigerenzer, Psychologe, Risikoforscher und Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut Berlin, rät im Umgang mit Risiken: „Wir brauchen den Mut, mit Unsicherheiten umzugehen. Wir sollten ihnen ins Auge sehen und lernen, mit ihnen umzugehen.“

Walter Krämer, Statistiker der Technischen Universität Dortmund erläutert: „Weil wir glauben, dass wir gewisse Risiken kontrollieren können, nehmen wir sie nicht so ernst.“ Dies sei auch der Grund, wieso viel mehr Menschen Angst haben an Krebs zu erkranken als an einer Herz-/Kreislauferkrankung – obwohl sie doppelt so gefährlich sind.

Deutschland wird älter: Krankenhausbehandlungen werden häufiger

Gruppe von Senioren geht spazieren
Die Deutschen werden immer älter.

Prognosen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder zufolge wird Deutschlands Bevölkerung insgesamt älter – die steigende Lebenserwartung sorgt dafür, dass im Jahr 2030 bereits rund 7,3 Millionen mehr über 60-Jährige in Deutschland leben werden als 2009. Das entspräche einer Zunahme von 34,5 Prozent. Damit wären 2030 bereits 37 Prozent der Bundesbürger 60 Jahre und älter.

Die Wahrscheinlichkeit ein Pflegefall zu werden steigt mit zunehmendem Alter. Das zeigt sich auch am Zusammenhang zwischen Alter und der Häufigkeit von Behandlungen im Krankenhaus. Auch bei einer insgesamt rückläufigen Gesamtbevölkerung wird mit einem weiteren Zuwachs von Pflegebedürftigen und Patienten in den Krankenhäusern gerechnet. Insbesondere mehrere gleichzeitig auftretende chronische Krankheiten korrelieren mit zunehmendem Lebensalter (auch: „Multimorbidität“).

Rechtliche Vorsorge schafft Sicherheit: Patientenverfügung und Co. wichtiger denn je

Individuelle Vorsorge wird wichtiger. Der Ernstfall ist keineswegs vorprogrammiert, aber er trifft immer mehr Menschen. Vorsorgedokumente wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht schaffen Klarheit über die eigenen Vorstellungen, was bei einer Behandlung im Ernstfall geschehen soll und wer die eigenen Interessen wahrnimmt, wenn man selbst zeitweise oder dauerhaft nicht mehr dazu in der Lage ist.

So regelt die Patientenverfügung etwa, welche medizinischen Maßnahmen im Notfall durchgeführt werden dürfen, beispielsweise ob bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand eine Reanimation gewünscht ist. Vor allem bei einem Unfall oder schleichender Demenz sind Betroffene irgendwann unvorhergesehen nicht mehr in der Lage, ihren Willen zu äußern. Umso wichtiger ist es, die eigenen Vorstellungen festzuhalten, bevor eine Situation eintritt, in der es nicht mehr möglich ist, die wichtigsten Regelungen zu treffen.

Gleiches gilt auch für die Unterbringung in einem Pflegeheim oder eine ambulante Betreuung, beispielsweise durch einen Pflegedienst. Sobald ein Mensch keine eigenverantwortlichen Entscheidungen mehr treffen kann, muss diese Aufgabe von Dritten übernommen werden.

Minimalabsicherung per Betreuungsverfügung

Wer nicht gleich eine umfassende Vollmacht aufsetzen möchte oder aus dem Stegreif eine geeignete Vertrauensperson benennen kann, sollte zumindest eine Betreuungsverfügung hinterlegen. Sie hält fest, wer für die eigene Betreuung zuständig sein soll. Im Idealfall verhindert sie, dass das zuständige Betreuungsgericht einen fremden Betreuer bestellt. Denn: Der zuständige Betreuer trifft wichtige Entscheidungen, zum Beispiel in welchem Pflegeheim der Patient untergebracht wird oder welche medizinischen Behandlungen stattfinden. Wichtig: Eine Betreuungsverfügung ist nur dann notwendig, wenn keine Vorsorgevollmacht vorliegt.