Lebensstil: Einflussfaktor auf die Lebenserwartung

Lebensstil: Einflussfaktor auf die Lebenserwartung

Steigende Lebenserwartung und mehr Gesundheitsbewusstsein beeinflussen die Lebenswirklichkeit der Menschen, aber auch die Statistik.

Jessica Djadavjee
Jessica Djadavjee
27.08.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • 2020 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Männer bei 79,1 Jahren und für Frauen bei 84,1 Jahren. Dabei wird der individuelle Lebensstil immer wichtiger für ein langes Leben bei guter Gesundheit.
  • Je älter die Menschen werden, desto häufiger benötigen sie ärztliche Unterstützung. Statistisch betrachtet steigt die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden mit höherem Alter: Auch bei einer insgesamt rückläufigen Gesamtbevölkerungszahl wird mit einem weiteren, absoluten Zuwachs von Kranken und dauerhaft Pflegebedürftigen gerechnet.
  • Nicht nur Gewohnheiten, auch Hobbys und der Umgang mit Risiken beeinflussen die Gesundheit dauerhaft.

Die Menschen werden älter: Steigende Lebenserwartung und ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein beeinflussen den Alltag der Menschen. Während chronische Krankheiten und genetische Ursachen heute stärker in den Fokus rücken, nimmt der Einfluss von Zigaretten und Alkoholkonsum seit Jahrzehnten ab.

Immer älter - immer kränker?

Die Lebenserwartung ist in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert rasant gestiegen: Zwischen 1871 und 1951 nahm sie für Männer um 29 Jahre zu, für Frauen sogar um volle 30 Jahre. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Lebenszeit rasant. Entscheidend dafür ist nicht nur eine sichere Ernährung, auch die immer engmaschigere medizinische Versorgung hat dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen auch immer älter werden: Allein zwischen 1949 und 2016 lag der Zuwachs in der Lebenserwartung bei 13,8 Jahren bei den Männern und bei 14,7 Jahren bei den Frauen.

2020 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Männer bei 79,1 Jahren und bei Frauen bei 84,1 Jahren. Damit liegt Deutschland dicht hinter den Spitzenreitern in Sachen Lebenserwartung. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen, die Pflegeleistungen in Anspruch nehmen müssen seit Jahren kontinuierlich an. Seit den Neunzigerjahren ist sie von seinerzeit 2 Millionen auf mehr als 3,4 Millionen Betroffene gewachsen.

Herz-/Kreislauferkrankungen nehmen zu

Insbesondere sogenannte „schleichende Risiken“ sind gesundheitsbedrohlich: Alkohol, Zigaretten, schlechte Ernährung oder unzureichende Bewegung bringen viele Menschen vorzeitig ins Grab – nicht umsonst gelten sie als die „vier Volkskiller“. Fast 70 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle gehen auf sie zurück. Vor allem Diabetes und Herz-/Kreislauferkrankungen sind Ursache einer Vielzahl von Folgeerkrankungen. 2017 waren Herz-/Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen die häufigste Todesursache in Deutschland: 37 Prozent der Sterbefälle gingen darauf zurück.

Platz zwei der todbringenden Krankheiten belegten Krebserkrankungen: Rund einem Viertel aller Todesfälle ging eine Krebserkrankung voraus. Männer erlagen dabei am häufigsten Lungen- und Bronchialkarzinomen. Häufigste Krebsart mit Todesfolge bei den Frauen war Brustkrebs. Rund 100 000 Deutsche starben 2017 an den Folgen ihres Tabakkonsums. Damit sind Zigaretten bis heute für mehr Todesopfer in Deutschland verantwortlich als Straßenverkehr, Straftaten mit Todesfolge, Terrorakte, Aids oder Suizid zusammen. Die gute Nachricht: Die Zahlen sind rückläufig. Insgesamt nimmt ihre Bedeutung als Einflussfaktor etwa seit dem Jahr 1990 kontinuierlich ab.

Unnatürliche Todesursachen: Stürze, Suizid, Vergiftungen

2017 gab es in Deutschland insgesamt 932272 Todesfälle – damals starben 457756 Männer und 474507 Frauen im selben Jahr. Mehr als vier Prozent aller Todesfälle gingen dabei auf nicht natürliche Todesursachen zurück, also beispielsweise auf Verletzungen oder Vergiftungen, 39872 in absoluten Zahlen. Fast 15000 Todesfälle gingen dabei auf Stürze zurück, mehr als 9000 Menschen beendeten ihr Leben vorzeitig selbst.

Unterschätzt: Gefahrenquelle Alltag

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts gehen etwa drei Millionen Verletzungen pro Jahr auf Unfälle im Haushalt zurück. Das Statistische Bundesamt zählt im selben Zusammenhang fast 10000 Tote – damit kommen nach aktuellen Erhebungen mehr als doppelt so viele Menschen im Haushalt ums Leben wie im Straßenverkehr. Oft sind es alltägliche Situationen, die zur Gefahr für Leib und Leben werden. Denn: Die Wahrscheinlichkeit bei einem Terroranschlag oder einem Flugzeugabsturz zu sterben, ist verschwindend gering - weitaus häufiger sind Risiken, die im Alltag entstehen, etwa beim sprichwörtlichen Sturz von der Leiter. Dazu gehören auch Ursachen wie ein Arbeitsunfall oder ein Sportunfall. Gefährdeter als andere sind etwa Sportbegeisterte beim Skifahren oder Motorradfahrer.

Unfallarten

Altersgruppen (von bis in Jahren)

Insgesamt

Arbeits-/Schulunfall

Verkehrsunfall

Häuslicher Unfall

Sport-/Spielunfall

Sonstiger Unfall

unter 1

12

3

5

4

1 bis 5

60

13

20

9

18

5 bis 15

68

1

35

8

7

17

15 bis 25

691

19

476

35

13

148

25 bis 35

810

35

388

61

14

312

35 bis 45

811

56

279

107

9

360

45 bis 55

1412

99

480

247

23

563

55 bis 65

2019

106

483

566

32

832

65 bis 75

2503

40

372

975

25

1091

75 bis 85

7041

19

572

3321

30

3099

85 und älter

10317

9

207

5657

16

4428

Deutschland wird älter: Krankenhausbehandlungen werden häufiger

Gruppe von Senioren geht spazieren
Die Deutschen werden immer älter.

Prognosen von Bund und Ländern zufolge wird Deutschlands Bevölkerung insgesamt älter – Die Wahrscheinlichkeit ein Pflegefall zu werden steigt mit zunehmendem Alter. Das zeigt sich auch am Zusammenhang zwischen Alter und der Häufigkeit von Behandlungen im Krankenhaus. Insbesondere mehrere gleichzeitig auftretende chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose, COPD, Depression oder Arthrose korrelieren mit zunehmendem Lebensalter (Stichwort „Multimorbidität“).

Mit Risiken umgehen: Eine Lernaufgabe

Menschen neigen dazu, unüberschaubare Risiken zu überschätzen und Ursachen zu unterschätzen, die sie vermeintlich kontrollieren können. Das erklärt auch wieso sich Menschen im eigenen Auto sicherer fühlen als im Flugzeug – obwohl die Zahlen für das Flugzeug sprechen: Wir fühlen uns ausgeliefert, wenn wir keine Kontrolle haben.

Walter Krämer, Statistiker der Technischen Universität Dortmund erläutert: „Weil wir glauben, dass wir gewisse Risiken kontrollieren können, nehmen wir sie nicht so ernst.“ Die meisten Menschen haben mehr Angst an Krebs zu erkranken als vor Herz-/Kreislauferkrankungen – obwohl sie doppelt so gefährlich sind. Gerd Gigerenzer, Psychologe, Risikoforscher und Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut Berlin, rät im Umgang mit Risiken:

„Wir brauchen den Mut, mit Unsicherheiten umzugehen. Wir sollten ihnen ins Auge sehen und lernen, mit ihnen umzugehen.“

Risiken minimieren: Eigenverantwortung und Aufmerksamkeit

Entscheidend für ein langes Leben bei guter Gesundheit sind häufig die vermeintlich kleinen Ursachen. Verzicht auf Tabakprodukte, mäßiger Alkoholkonsum, regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind die beste Prävention für eine Vielzahl von Krankheiten und Folgeerscheinungen. Auch in Haushalt und Sport gilt: Umsicht geht vor Absicht. Wer Hochgeschwindigkeit und Risiko liebt, sollte seine Ziele grundsätzlich nur gut vorbereitet, ausgeruht und ohne seelische Belastung erreichen wollen. Das Gleiche gilt für Haushalt und Beruf: Wer auf eine hohe Leiter steigt, ist gut beraten Vorsicht walten zu lassen, das gilt für alle, die mit gefährlichen Substanzen oder Maschinen hantieren ohnehin.

Patientenverfügung und Co.

Individuelle Vorsorge ist wichtig für eine zuverlässige Risikovorsorge. Vorsorgedokumente wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht schaffen Klarheit über die eigenen Vorstellungen darüber, was im Ernstfall geschehen soll und wer die eigenen Interessen wahrnimmt, wenn man selbst zeitweise oder dauerhaft nicht mehr dazu in der Lage ist.

Die Patientenverfügung regelt, welche medizinischen Maßnahmen im Notfall durchgeführt werden dürfen, beispielsweise ob bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand eine Reanimation gewünscht ist. Vor allem bei einem Unfall oder schleichender Demenz sind Betroffene irgendwann unvorhergesehen nicht mehr in der Lage, ihren Willen zu äußern. Umso wichtiger ist es, die eigenen Vorstellungen festzuhalten, bevor eine Situation eintritt, in der es nicht mehr möglich ist, die wichtigsten Regelungen zu treffen.

Gleiches gilt auch für die Unterbringung in einem Pflegeheim oder eine ambulante Betreuung, beispielsweise durch einen Pflegedienst. Sobald ein Mensch keine eigenverantwortlichen Entscheidungen mehr treffen kann, muss diese Aufgabe von Dritten übernommen werden.

Minimalabsicherung per Betreuungsverfügung

Wer nicht gleich eine umfassende Vollmacht aufsetzen möchte oder aus dem Stegreif eine geeignete Vertrauensperson benennen kann, sollte zumindest eine Betreuungsverfügung hinterlegen. Sie hält fest, wer für die eigene Betreuung zuständig sein soll. Im Idealfall verhindert sie, dass das zuständige Betreuungsgericht einen fremden Betreuer bestellt. Denn: Der zuständige Betreuer trifft wichtige Entscheidungen, zum Beispiel in welchem Pflegeheim der Patient untergebracht wird oder welche medizinischen Behandlungen stattfinden. Wichtig: Eine Betreuungsverfügung ist nur dann notwendig, wenn keine Vorsorgevollmacht vorliegt.

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