Arbeitsunfall: Berufsrisiko und Lebenserwartung

Arbeitsunfall: Berufsrisiko und Lebenserwartung

Nur die wenigsten Arbeitnehmer denken darüber nach, dass Einkommen und Beruf die eigene Lebenserwartung maßgeblich beeinflussen.

Jessica Djadavjee
Jessica Djadavjee
29.08.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Das Bildungsniveau ist ein entscheidender Faktor für die Lebenserwartung.
  • Arbeiter, die schwere körperliche Arbeiten verrichten, haben im Vergleich zu Professoren, Angestellten oder Beamten eine deutlich geringere Lebenserwartung.
  • Unabhängig vom Grad der Belastung birgt jede Art der Beschäftigung Risiken: 2018 ereigneten sich bundesweit insgesamt 876 952 Arbeitsunfälle.
  • Vor allem Chemikalien, physikalische Einwirkungen, Tragen von Lasten, Lärm- und Staubbelastungen sind als gesundheitsschädliche Einwirkungen am Arbeitsplatz anerkannt.

Nur die wenigsten Arbeitnehmer denken darüber nach, dass Einkommen und Beruf auch die eigene Lebenserwartung maßgeblich beeinflussen. Wir erklären, welche gesundheitlichen Risiken im Job lauern und wie Sie für den Ernstfall optimal vorsorgen.

Gutes Einkommen + hoher Bildungsstand = langes Leben

Das Einkommen beeinflusst die Lebenserwartung. Warum das so ist, erklärt Dr. Rembrandt Scholz, der am Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock als Forschungswissenschaftler arbeitet und am hiesigen Institut Mortalität und Lebensverlängerung der Deutschen untersucht:

„Das fängt mit einer guten Ausbildung an, die dazu führt, dass ich einen Beruf mit besseren Arbeitsbedingungen und einem höheren Einkommen ausübe. Dadurch steht mir mehr Geld zur Verfügung, das heißt, ich kann mir eine bessere Wohnung in einer besseren Gegend leisten und gebe auch für gesündere Ernährung mehr Geld aus.“

Neben einem guten Gehalt ist vor allem Bildung eine Art „lebensverlängernde Maßnahme“. Und das nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftsumfassend: Einer Studie von Demograph/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zufolge ist das Bildungsniveau ein entscheidender Faktor für die Lebenserwartung. Ein Forscherteam um Bevölkerungswissenschaftler Dr. Marc Luy vom Institut für Demographie der ÖAW konnte belegen, dass ein allgemein ansteigendes Bildungsniveau merkliche Auswirkungen auf die Lebenserwartung hat. Die Forscher führten ihre Untersuchungen in drei Ländern durch: In Italien, Dänemark und den USA konnte jeweils rund ein Fünftel der Erhöhung der Lebenserwartung auf den Anstieg des gesamtgesellschaftlichen Bildungsgrades zurückgeführt werden.

Professoren haben höchste Lebenserwartung

„Die Lebenserwartung ist ein äußerst komplexes Maß, das von vielen Faktoren abhängt. Unsere Studie zeigt aber, dass dieses Maß nicht nur die tatsächliche Sterblichkeit der Bevölkerung widerspiegelt, sondern auch die gesamtgesellschaftliche Struktur nach dem Bildungsgrad, der sich seinerseits auf das Sterberisiko jedes einzelnen auswirkt“ (Marc Luy).

Ganz vorne in der Riege der Berufe mit einer langen Lebenserwartung sind den Forschern zufolge Professoren. Die Forscher vermuten, dass dies mit dem Umstand zusammenhängt, dass Professoren durch Berufsstand und Einkommen an erster Stelle von medizinischen und gesellschaftlichen Fortschritten profitieren sowie durch hohe geistige Aktivität bis in das hohe Alter hinein fit bleiben.

Physiker, Ärzte, Ingenieure, Gymnasiallehrer sowie evangelische Pfarrer haben ebenfalls eine überdurchschnittliche Lebenserwartung – Dachdecker, Gerüstbauer und Bergleute haben hingegen das Nachsehen. Lediglich Hausmänner haben eine noch geringere Lebenserwartung. Das liege Luy zufolge nicht daran, dass Männer bei der Erledigung hauswirtschaftlicher Aufgaben ungeschickter als Frauen sind, sondern an den Gründen, wieso die Männer zuhause bleiben. Hausmänner sind oftmals krank oder arbeitslos und befinden sich in entsprechend schlechten Lebensumständen. Hinzu kommt, dass sie zum Rauchen und Trinken neigen und über ein geringes Einkommen verfügen. Interessanterweise ist es bei Hausfrauen genau umgekehrt – sie leben in der Regel länger als ihre berufstätigen Geschlechtsgenossinnen. Dies ist dem Wissenschaftler zufolge auf bessere Lebensumstände und einen gutverdienenden Ehegatten zurückzuführen.

Berufsrisiko hat Auswirkungen auf Lebenserwartung

Arbeiter, die schwere körperliche Arbeiten verrichten, haben im Vergleich zu Professoren, Angestellten oder Beamten eine deutlich geringere Lebenserwartung. Luy zufolge liegt das nicht nur am geringeren Einkommen, sondern auch am ungesünderen Lebensstil im Arbeitsumfeld: In Arbeiterkreisen werde mehr geraucht und Alkohol konsumiert, was die Lebenszeit verkürze.

Arbeitsunfall: Zusammenhang mit beruflicher Tätigkeit entscheidend

Unabhängig vom Grad der Belastung birgt jede Art der Beschäftigung auch Risiken. 2018 ereigneten sich bundesweit insgesamt 876 952 Arbeitsunfälle, womit die Unfallzahlen seit fünf Jahren auf einem gleichbleibenden Niveau sind.

Arbeitsunfälle sind Unfälle, die sich während der Arbeitszeit oder auf dem Arbeitsweg ereignen (Wegeunfälle). Wichtig: Arbeitsunfälle müssen in direktem Zusammenhang zur versicherten beruflichen Tätigkeit stehen, weshalb beispielsweise ein plötzlich auftretender Herzinfarkt am Arbeitsplatz nicht als Arbeitsunfall gilt.

Hier ist die allgemeine Unfalldefinition maßgeblich: Als Unfall wird ein zeitlich begrenztes Ereignis bezeichnet, das von außen auf den Körper einwirkt und gesundheitsschädliche Folgen hat. Die Bandbreite an Unfällen, die zur Kategorie der Arbeitsunfälle zählen, ist dabei sehr groß. Als Wegeunfälle zählen zum Beispiel folgende Situationen, in denen sich ein Unglück ereignet:

  • Sie setzen Ihre Kinder auf dem Weg zur Arbeit in der Kindertagesstätte ab
  • Sie fahren als Mitglied einer Fahrgemeinschaft zur Arbeit
  • Sie müssen aufgrund einer verkehrsbedingten Behinderung einen Umweg zur Arbeit nehmen (Umleitungen)
  • Sie haben einen längeren Arbeitsweg, da der Arbeitsplatz auf diese Weise schneller zu erreichen ist (z.B. Autobahn, Stadtumfahrung)

Nicht nur Arbeitnehmer sind im Fall eines Arbeitsunfalls übrigens gesetzlich versichert, sondern auch Kindergartenkinder, Schüler und Studierende. Gut zu wissen: Die meisten ehrenamtlichen Tätigkeiten sind ebenfalls gegen Arbeitsunfälle abgesichert!

Der Spitzenverband Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) definiert Arbeitsunfälle allgemein als „[…] Unfälle, die versicherte Personen infolge der versicherten Tätigkeit erleiden. Und die gesetzliche Unfallversicherung bietet Schutz bei der Ausübung dieser Tätigkeiten.“

Berufskrankheiten – wenn die Arbeit Auswirkung auf die Gesundheit hat

Als Berufskrankheiten werden Krankheiten bezeichnet, die nach medizinischer Auffassung durch äußere Einflüsse entstehen und die für bestimmte Berufsgruppen ein typisches gesundheitsgefährdendes Risiko darstellen. Der Effekt ist statistisch relevant, weil die Betroffenen den Einwirkungen in einem deutlich höheren Maß ausgesetzt als die restliche Bevölkerung. Aktuell zählt die Liste anerkannter Berufskrankheiten 80 Einträge. Eine Übersicht über die in der Berufskrankheiten-Verordnung (BKV) aufgeführten Krankheiten können Sie hier einsehen: Berufskrankheiten-Verordnung. Dazu zählen zum Beispiel Wurmkrankheiten der Bergleute, Lärmschwerhörigkeit oder Grauer Star durch Wärmestrahlung.

Vor allem Chemikalien, physikalische Einwirkungen (Druck, Vibrationen), Tragen von Lasten, Lärm- und Staubbelastungen sind als gesundheitsschädliche Einwirkungen am Arbeitsplatz anerkannt. Für die Anerkennung von Berufskrankheiten sind die Unfallversicherungsträger zuständig.

Nach Angaben des DGUV wurden 2017 in Deutschland über 77 000 Verfahren mit Verdacht auf Berufskrankheit geführt – bei fast 20 000 Fällen wurde eine Berufskrankheit anerkannt. Bei knapp 5 000 Betroffenen wurde daraufhin ein gültiger Rentenanspruch anerkannt. Bei 49,2 Prozent aller im Jahr 2017 abgeschlossenen Verfahren wurde den Folgeschäden der Berufstätigkeit als bleibende Krankheitsursache bestätigt (38 080 Betroffene), während sich bei den restlichen 39 250 Fällen der Verdacht nicht bestätigen ließ oder kein direkter Zusammenhang zwischen Erkrankung und Tätigkeit herstellbar war.

Laut DGUV ereigneten sich im Jahr 2017 mehr als 2 500 Todesfälle als Folge einer Berufskrankheit - mehrheitlich aufgrund von Gesundheitsschäden durch anorganischen Staub, vorwiegend Asbest.

2016

2017

Prozentuale Veränderung

Verdachtsfälle einer Berufskrankheit

75.491

75.187

  • 0,40

Berufskrankheit bestätigt

40.056

38.080

  • 4,93

davon:

Anerkannte Berufskrankheiten

20.539

19.794

  • 3,63

darunter: Neue BK-Renten

5.365

4.956

  • 7,62

Beruf als Ursache festgestellt, versicherungsrechtliche Voraussetzungen nicht erfüllt

19.517

18.286

  • 6,31

Verdacht auf Berufskrankheit nicht bestätigt

39.973

39.250

  • 1,81

Entschiedene Fälle gesamt

80.029

77.330

  • 3,37

Todesfälle nach Berufskrankheit

2.573

2.580

  • 0,27

Gesundheitsgefährdende Berufe: Top-Ranking

Nach Angaben der Berufsunfähigkeitsversicherungen sind die folgenden Berufe weltweit mit den höchsten Risiken verbunden:

  • Bombenentschärfer/ Sprengmeister
  • Feuerwehrmänner
  • Soldaten
  • Polizisten
  • Leibwächter
  • Piloten
  • Ice-Truck-Fahrer
  • Hochseefischer
  • Dachdecker
  • Holzfäller
  • Fensterputzer
  • Gerüstbauer
  • Zirkusartisten
  • Stuntmen

Vorsorge für den Fall der Fälle: Arbeitsunfall und Berufsunfähigkeit absichern

Die Versicherungsgruppen haben für die Bewertung der individuellen Berufsrisiken Datenbanken, die mehr als 10 000 Berufe umfassen, um den jeweiligen Gefährlichkeitsgrad abzuschätzen und entsprechende Risikogruppen zu bilden.

Neben einer Berufsunfähigkeitsversicherung vergessen jedoch viele Arbeitnehmer, sich auch gegen andere unvorhergesehene Situationen abzusichern. Bei Unfall oder Krankheit ist es überdies ratsam, eine Patientenverfügung und Betreuungsverfügung aufzusetzen. Dies ist wichtig, um Angehörige finanziell und psychisch zu entlasten, wenn Sie selbst nicht mehr entscheidungsfähig sind oder pflegebedürftig werden.