24-Stunden-Pflege: Intensive Betreuung im eigenen Zuhause

24-Stunden-Pflege: Intensive Betreuung im eigenen Zuhause

Bei vorliegender Pflegebedürftigkeit können Betroffene nur bei gewährleisteter Pflege in den eigenen vier Wänden bleiben. Wie das geht, erfahren Sie bei uns.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
26.09.2019

Pflegebedarf kann ebenso plötzlich wie unerwartet aufkommen, etwa durch einen Unfall oder Krankheit. Auf den Betroffenen kommen entscheidende Veränderungen in seiner gesamten Lebensführung zu. Gut für viele Betroffene: Auch bei akuter Pflegebedürftigkeit ist es möglich, in den eigenen Wänden zu bleiben. Möglich macht das die 24-Stunden-Pflege. Welche Vorteile diese Art der Versorgung bringt und was es zu beachten gilt, erklärt Afilio.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Durch 24-Stunden-Pflege ist intensive Pflege eines Pflegebedürftigen gewährleistet.
  • Angesichts der hohen Stundenzahl und der dabei entstehenden Kosten kommen oft ausländische Pflegekräfte nach Deutschland und leben mit dem Pflegebedürftigen gemeinsam im Haushalt.
  • Die Pflegekraft ist zwar immer in Reichweite, braucht aber auch Erholungsphasen.
  • Wer eine intensive und dauerhafte Pflege benötigt, muss mehrere Betreuungs- und Pflegekräfte beschäftigen, die sich mit der Pflege abwechseln.

Was ist 24-Stunden-Pflege?

Wer auf Hilfe im Alltag angewiesen ist, aber zu Hause wohnen bleiben möchte, braucht externe Unterstützung. Viele Pflegebedürftige greifen im Rahmen der 24-Stunden-Pflege auf eine Pflege- oder Betreuungskraft, die mit im Haushalt wohnt und so Tag und Nacht vor Ort ist. Dadurch ist eine intensive Betreuung des Pflegebedürftigen möglich, ohne dass dieser die gewohnte Umgebung verlassen und in ein Pflegeheim ziehen muss. Die Betreuungs- oder Pflegekraft hilft bei alltäglichen Tätigkeiten wie der Grundpflege, aber auch bei Ernährung und Haushalt.

Immer häufiger übernimmt die 24-Stunden-Pflege eine Betreuungs- oder Pflegekraft aus Osteuropa. Zum einen herrscht in Deutschland ein Mangel an Pflegekräften und zum anderen sind Pflegekräfte aus Osteuropa günstiger. Trotzdem hat sich der Begriff der polnischen Pflegekraft etabliert, der alle aus Osteuropa stammenden Betreuungs- und Pflegekräfte umfasst. Da die wenigsten polnischen Pflegekräfte jedoch examiniertes Pflegepersonal sind, dürfen sie in Deutschland keine medizinische Behandlungspflege durchführen. In solchen Fällen ist es richtiger, von einer 24-Stunden-Betreuung zu sprechen.

Wie sind die Arbeitszeiten?

Tatsächlich ist der Begriff der 24-Stunden-Pflege bzw. -Betreuung irreführend. Auch wenn die Pflege- oder Betreuungskraft mit dem Pflegebedürftigen zusammen im Haushalt wohnt und immer erreichbar ist, arbeitet sie nicht 24 Stunden am Stück. Das verbietet zu Recht das deutsche Arbeitszeitgesetz. Ihr stehen Frei- und Ruhezeiten zu. Da sie im Notfall natürlich als Ansprechperson für den Pflegebedürftigen da ist, gleicht dieses Betreuungskonzept mehr einer Anwesenheits- und Rufbereitschaft als einer 24-Stunden-Pflege.

In der Regel gilt für das Pflege- und Betreuungspersonal eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden, die über einen kurzen Zeitraum bis auf eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden ausgeweitet werden darf. Die Mehrarbeitszeiten werden durch Pausen und Ruhezeiten in den nachfolgenden Tagen und Wochen ausgeglichen.

Zwar passt sich die Pflege- oder Betreuungskraft an den Rhythmus des Pflegebedürftigen an, dennoch sollte jeder Haushalt mit einer 24-Stunden-Pflegekraft alle Arbeitszeiten schriftlich festlegen. Nur so können Ruhe- und Erholungszeiten eingehalten und Nachtarbeitszeiten geplant werden. Zur reinen Arbeitszeit gehört nicht nur die Ausübung von Tätigkeiten für den Pflegebedürftigen, sondern auch die Anwesenheitszeiten. Neben Ruhezeiten im Laufe des Tages sollte das Pflege- oder Betreuungspersonal mindestens einen freien Tag pro Woche haben. Das ist nicht nur rechtlich geboten, es stellt auch sicher, dass eine Arbeitskraft die Chance hat, sich zwischenzeitlich zu erholen, um eine gleichbleibende Qualität bei der Betreuung zu gewährleisten.

Besteht bei Pflegebedürftigen wirklich der Bedarf an einer 24-Stunden-Pflege, kann er auch mehrere Betreuungskräfte beschäftigen. Allerdings steigen dadurch auch die Kosten, da sich die gesetzliche Pflegeversicherung nur anteilig an der Pflege beteiligt. Solche finanziellen Lücken lassen sich durch eine private Pflegeversicherung schließen.

Welche Leistungen umfasst die 24-Stunden-Pflege?

Liegt keine abgeschlossene Ausbildung zur Pflegekraft vor, dann darf die Betreuungskraft nur die Grundpflege durchführen. Das umfasst alle Tätigkeiten der Hygiene, Ernährung und Mobilität des Pflegebedürftigen wie etwa

  • Waschen, Zähneputzen und Haarpflege
  • Hilfe beim Toilettengang
  • Unterstützung bei der Zubereitung des Essens und der Nahrungsaufnahme
  • An- und Auskleiden
  • Hilfestellungen zur Bewegungsfähigkeit im eigenen Zuhause
  • Begleitung bei Besuchen beim Arzt, anderen medizinischen Einrichtungen oder Behördengängen

Wie viel Hilfe nötig ist, wird durch das Maß der Pflegebedürftigkeit des Betroffenen bestimmt. Wichtig ist es, dass die Betreuungs- oder Pflegekraft so wenig wie möglich in die Autonomie des Pflegebedürftigen eingreift. Der oder die Betroffene soll nicht nur selbstständig agieren und seinen Alltag führen, sondern auch geistig gefordert bleiben. Wer körperlich eingeschränkt ist, braucht weiterhin kognitive Förderung und soziale Kontakte. Das Pflege- oder Betreuungspersonal kann etwa mit dem Pflegebedürftigen basteln, spazieren gehen oder Gesellschaftsspiele spielen, aber auch sicherstellen, dass er den Anschluss an die Gesellschaft nicht verliert. Begleitende Besuche von Freunden oder leichte Bewegungseinheiten können die soziale Integration unterstützen.

Benötigt der Pflegebedürftige medizinische Versorgung, dann übernimmt diese Aufgabe in der Regel ein ambulanter Pflegedienst. Zur medizinischen Behandlungspflege gehören unter anderem die Medikamentengabe, Injektionen oder Verbandswechsel. Entscheiden sich Pflegebedürftige für eine 24-Stunden-Pflege, dann kann die Kombination einer Betreuungskraft mit einem ambulanten Pflegedienst eine umfassende pflegerische und medizinische Versorgung garantieren.

Wie finden Pflegebedürftige eine Pflegekraft?

Ist die Pflegebedürftigkeit kein schleichender Prozess, sondern tritt plötzlich auf, brauchen Betroffene schnell Hilfe. Agenturen, die osteuropäische Pflege- und Betreuungskräfte an deutsche Pflegebedürftige vermitteln, können zeitnah reagieren. Sie wiederum arbeiten mit Agenturen im Heimatland der Pflege- oder Betreuungskraft zusammen, die umgehend jemanden nach Deutschland schicken.

Pflegebedürftige oder ihre Familie sollten darauf achten, dass die Vermittlungsagentur zuvor auch Bedürfnisse und Wünsche der des Betroffenen und seine pflegenden Angehörigen ermittelt. Während die Bedürfnisse alle Verrichtungen umfassen, bei denen der Pflegebedürftige Hilfestellung benötigt, geht es bei den Wünschen häufig de facto um die Deutschkenntnisse des Pflegepersonals. Je besser, desto teurer ist in der Regel die vermittelte Betreuungskraft. Es spricht für eine Vermittlungsagentur, wenn sie Wert darauf legt, dass beide Parteien zusammenpassen. Schließlich ist die Pflege von Pflegebedürftigen ein intimer und auf Dauer angelegter Prozess, sodass es hier auch menschlich zwischen Pflegebedürftigem und Pflegepersonal passen muss.

Alternativ können Pflegebedürftige auch bei ihrer Krankenkasse anfragen, ob sie Pflegekräfte vermitteln kann. Auch hier sollte darauf Acht gegeben werden, dass die Chemie zwischen Pflegebedürftigem und Betreuungs- oder Pflegekraft stimmt und man in grundlegenden Fragen (etwa der Pflegedauer) übereinstimmt. Viele osteuropäische Pflege- und Betreuungskräfte haben in ihren Heimatländern Familie und kommen nur für die Dauer des Pflegeeinsatzes nach Deutschland. Pflegebedürftige sollten sich in solchen Fällen vorab um einen Ersatz kümmern.

Welche rechtlichen Aspekte gibt es zu beachten?

Seit 2011 gilt für alle 2004 der EU beigetretenen Mitgliedstaaten Arbeitnehmerfreizügigkeit. So dürfen Menschen aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Tschechien, Ungarn oder Estland hier arbeiten, ohne dass sich Familien von Pflegebedürftigen vorab eine Erlaubnis der Arbeitsagentur holen müssen. Seit 2014 gilt die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Bulgarien und Rumänien, seit 2015 für Kroatien. Grundsätzlich können Pflegebedürftige also osteuropäische Betreuungs- und Pflegekräfte beschäftigen. Unterschiedlich ist hingegen die Art des Beschäftigungsmodells.

Auf der rechtlich sicheren Seite sind Pflegebedürftige, wenn sie die osteuropäische Betreuungs- oder Pflegekraft über eine Vermittlungsagentur beziehen. Bei diesem sog. Entsendemodell ist der Pflegebedürftige nicht Arbeitgeber, sondern nur Auftraggeber. Das Vertragsverhältnis schließen die Entsendefirma, die mit der deutschen Vermittlungsagentur zusammenarbeitet, und die Betreuungs- oder Pflegekraft miteinander. Auf diese Weise ist eine Arbeitskraft in ihrem Heimatland sozialversichert und verfügt über eine A1-Bescheinigung als Nachweis über die Sozialversicherung.

Was ist die A1-Bescheinigung?

Wer im EU-Ausland arbeitet unterliegt grundsätzlich den Rechtsvorschriften des Mitgliedstaats, in dem er oder sie arbeitet. Sind Arbeitnehmer allerdings nur vorübergehend in einem anderen EU-Mitgliedsland im Rahmen der Entsendung beschäftigt, gilt weiter das Recht des Entsendestaats, in der Regel also ihres Heimatlandes. Mit der A1-Bescheinigung bescheinigt ein Arbeitnehmer, ob für ihn das Recht seines Heimatstaats, also des Entsendestaates gilt oder ggf. das Recht eines anderen Staates Staates.

Selbständige Pflegekräfte aus dem Ausland

Pflegebedürftige können aber auch Selbstständige mit Gewerbesitz in Deutschland oder im EU-Ausland beschäftigen. Allerdings sollten sie sich informieren, ob die Person weitere Pflegebedürftige betreut, da ansonsten Scheinselbstständigkeit vorliegen könnte. Ist das Gewerbe zudem im EU-Ausland angemeldet, sollten sich Pflegebedürftige unbedingt die A1-Bescheinigung zeigen lassen, um sicherzugehen, dass die Pflege- oder Betreuungskraft Sozialabgaben in ihrer Heimat zahlt.

Pflegebedürftige als Arbeitgeber

Alternativ kann der Pflegebedürftige auch als Arbeitgeber agieren und das Betreuungspersonal als Arbeitnehmer selbst anstellen. Bei diesem klassischen Arbeitgeber-/ Arbeitnehmermodell muss der Arbeitgeber allerdings Pflichten erfüllen, etwa die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen, Steuern oder das Einhalten von Erholungszeiten und Urlaubsansprüchen des Arbeitnehmers.

Unabhängig davon, für welches Beschäftigungsmodell sich Pflegebedürftige entscheiden: Bei der 24-Stunden-Pflege kann nur dann eine Intensivbetreuung gewährleistet werden, wenn mehrere Pflegekräfte beschäftigt werden.