Polnische Pflegekräfte: Fachkräfte aus Osteuropa zur Pflege zuhause

Polnische Pflegekräfte: Fachkräfte aus Osteuropa zur Pflege zuhause

Der Pflegenotstand schafft Arbeitsplätze in Osteuropa: Immer mehr Menschen werden zuhause von Pflegekräften aus Polen und anderen Ländern gepflegt.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
24.09.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Immer mehr osteuropäische Pflegekräfte arbeiten in Deutschland.
  • In den meisten Fällen leben und arbeiten Sie unter einem Dach mit dem Pflegebedürftigen, dabei leisten sie oft nicht nur reguläre Betreuung, sondern unterstützen Betroffene auch bei der Bewältigung des Alltags oder kommen als Haushaltshilfe zum Einsatz.
  • Ausgebildete osteuropäische Pflegekräfte dürfen auch medizinische Versorgung leisten. Ansonsten unterstützen sie den Betroffenen durch Maßnahmen der Grundpflege.
  • Finanzielle Zuschüsse bieten gesetzliche Pflegekasse oder eine private Pflegeversicherung.

Pflegebedürftigkeit tritt oft genug unerwartet auf - und stellt Betroffene und Angehörige vor gewaltige Herausforderungen - vor allem wenn der Betroffene zuhause gepflegt werden soll. Nicht immer sind Pflege und Beruf dann ohne weiteres miteinander vereinbar, aber auch andere Gründe können dagegen sprechen, dass die eigentliche Betreuung durch Familienmitglieder, Partner oder Bekannte geleistet werden kann. In solchen Fällen ist guter Rat oft nicht nur teuer, sondern auch schwer zu finden: Immer mehr Familien setzen darum auf Pflegekräfte aus dem Ausland.

Vermittelt werden sie von Agenturen, die in Osteuropa geeignetes Personal zum Einsatz in Deutschland suchen. Vor allem aus Polen kommen bis heute viele Arbeitskräfte zur Betreuung, aber auch andere östliche EU-Staaten stellen immer mehr Pflegekräfte. Wie ihr Einsatz, ihre Bezahlung und Unterbringung im deutschen Gesundheitssystem geregelt sind, erläutern wir in diesem Überblicksartikel.

Warum steigt die Nachfrage nach polnischen Pflegekräften?

Hauptgrund ist der anhaltende Fachkräftemangel in der Pflege. Einer unzureichenden Anzahl ausgebildeter Pflegefachkräfte steht eine stetig wachsende Zahl an Pflegebedürftigen gegenüber. In einer alternden Gesellschaft wie der deutschen benötigen immer mehr Menschen Hilfe bei der Bewältigung ihres Alltags, mal durch einfache Haushaltsdienstleistungen, mal durch umfassende pflegerische Betreuung. Doch mangelnde Betreuungsmöglichkeiten stellen Betroffene und Angehörige nicht vor die einzige Herausforderung; durch Mindestlohn, Konkurrenz und Profitdruck sind die Kosten der regulären ambulanten Pflege in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Die Folge: Die Pflegelücke wächst. Seit ihrer Einführung in den Neunzigerjahren ist die Pflegeversicherung eine Teilkaskoversicherung, sie trägt also lediglich einen Teil der Kosten, für alle darüber hinaus entstehenden Beträge müssen Betroffene und ggf. auch Angehörige selbst aufkommen.

In immer mehr Haushalten kommt darum Unterstützung aus unseren östlichen Nachbarländern zum Einsatz. Pflegekräfte sind oftmals nicht nur deutlich schneller verfügbar, sie sind auch deutlich günstiger als deutsches Pflegepersonal: Ein Faktor, der für viele Betroffene eine entscheidende Rolle spielt, denn gerade einmal rund 2,7 Millionen Menschen in Deutschland besitzen bis heute eine Pflegezusatzversicherung, mit der sich der Eigenanteil von Pflegekosten deutlich reduzieren lässt.

Woher kommen osteuropäische Pflegekräfte?

Die Umschreibung “polnische Pflegekräfte” zeichnet ein schiefes Bild. Tatsächlich kommt eine große Anzahl der damit gemeinten Pflegekräfte nicht nur aus Polen, sondern auch aus anderen osteuropäischen Ländern wie Litauen, Tschechien, Ungarn, Lettland oder Rumänien. Seit 2011 gilt in Polen selbst Arbeitnehmerfreizügigkeit. Familien mit hilfs- und pflegebedürftigen Menschen dürfen sich seither auch eigenständig um Hilfe aus Osteuropa kümmern, ohne dafür die Erlaubnis der Arbeitsagentur zu benötigen. Polen war unter den ersten osteuropäischen Ländern, in denen direkte Arbeitsverträge mit dortigen Arbeitnehmern möglich waren; 2014 folgten dann Bulgarien und Rumänien, Arbeitnehmer aus Kroatien mussten bis 2015 warten. In der Regel sind polnische Pflegekräfte oder Arbeitnehmer in der Betreuung Frauen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren, doch es kommen auch immer mehr Männer zur Betreuung Pflegebedürftiger im Haushalt.

Seniorin bekommt Hilfe beim Bügeln
Pflegekräfte aus Osteuropa wohnen häufig mit den Betroffenen unter einem Dach und können verschiedene Tätigkeiten ausüben - auch im haushaltsnahen Bereich.

Dabei handelt es sich häufig nicht um Arbeitskräfte aus Polen. Genauso allerdings ist nicht immer gewährleistet, dass tatsächlich examiniertes Pflegepersonal zum Einsatz kommt. Sind entsprechende Pflegekräfte nicht ausgebildet in der Altenpflege oder Krankenpflege, dürfen sie nur Leistungen der Grundpflege erbringen. Dazu zählen Hilfestellungen, die die wesentliche Basisversorgung umfassen, wie Körperpflege, Mobilität und Ernährung.

Tätigkeiten, die Teil der medizinischen Behandlungspflege sind, darf eine Pflegekraft ohne Ausbildung nicht übernehmen. Blutdruckmessungen, Medikamentengabe oder das An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen sind auch bei Beschäftigung osteuropäischer Pflegekräfte weiterhin durch eine examinierte Fachkraft durchzuführen. Treffender ist es darum häufig, von einer Betreuungskraft zu sprechen.

Welche Aufgaben übernehmen polnische Pflegekräfte?

Auch wenn die medizinische Versorgung in den Bereich der ambulanten Pflege fällt, kann eine polnische Pflegekraft umfassend dazu beitragen, dass die Betreuung Pflegebedürftiger Senioren (oder auch jüngerer Betroffener) in den eigenen vier Wänden gesichert ist. Je nach Grad und Umfang der Pflegebedürftigkeit leistet eine osteuropäische Pflegekraft Hilfestellung im Sinne des Betroffenen: Beim Waschen oder Zähneputzen, bei der Zubereitung von Essen oder als Begleitung beim Arztbesuch.

Da die meisten osteuropäischen Betreuungskräfte unter einem Dach mit den Betroffenen leben, geht mit ihrer Anwesenheit oft auch ein Gefühl von Sicherheit einher - allein durch die Tatsache, dass jemand vor Ort ist, der nach dem rechten schauen kann. Eine polnische Pflegekraft sorgt im Alltag oft auch für Beschäftigung und Unterhaltung, der Pflegebedürftige wird auf diese Weise auch geistig und sozial gefordert.

Welche Arbeitszeiten hat eine polnische Arbeitskraft?

Wer eine polnische Pflegekraft beschäftigt, sollte ihren Einsatz nicht mit einer 24-Stunden-Betreuung oder -Pflege verwechseln. Beide Konzepte werden oft missverständlich gleichgesetzt, eine tatsächliche 24-Stunden-Versorgung am Stück durch eine einzige Arbeitskraft ist durch das deutsche Arbeitszeitgesetz untersagt. Auch für eine polnische Arbeitskraft gilt eine Wochenarbeitszeit von üblicherweise 40 Stunden mit geregelten Regenerationszeiten. Entsprechende Erholungszeiten sind entscheidend, und das nicht nur aus Sicht der Betreuungskraft selbst. Ausreichende Erholung schützt nicht nur die Arbeitskraft, sie ist auch im Sinne des Betroffenen und seiner Familie gleichermaßen.
Feste Ruhephasen sorgen dafür, dass die Betreuungsqualität der polnischen Hilfskraft erhalten bleibt. Denn Betreuung stellt nicht nur eine physische, sondern häufig auch eine psychische Belastung dar - fernab der eigenen Heimat, in einem anderen Sprachraum und in engem Kontakt mit einem unbekannten familiären Umfeld.

Hier sind auch Pflegebedürftige und ihre Familien in der Pflicht, denn die räumliche Nähe selbst erschwert geregelte Arbeitszeiten, das gilt gerade für die häusliche Pflege. In vielen Situationen ist es allzu naheliegend, Unterstützung und Rat bei der Betreuungskraft zu suchen. Ein geregelter Arbeitsplan kann dazu beitragen, den Bedürfnissen aller Beteiligten möglichst gerecht zu werden, auch Nachtdienst ist auf geregelter Grundlage möglich. In anderen Nächten, in denen die polnische Pflegekraft frei hat, kann ein Hausnotruf eine sichere häusliche Betreuung im Bedarfsfall gewährleisten.

Was kosten osteuropäische Pflegekräfte?

Wie hoch die Kosten für eine polnische Pflegekraft sind, ist davon abhängig, nach welchem Beschäftigungsmodell sie angestellt ist. Grundsätzlich kommen drei legale Beschäftigungsarten in Frage:

  • Entsendemodell: Der Privathaushalt schließt einen Dienstleistungsvertrag mit einer Vermittlungsagentur in Deutschland ab. Diese arbeitet zusammen mit einem Entsendeunternehmen im Heimatland der Pflegekraft, das die Arbeitskraft zur Pflege an den Pflegebedürftigen entsendet.
  • Arbeitgeber-/ Arbeitnehmermodell: Der Arbeitgeber, also der Privathaushalt, stellt die Pflegekraft direkt mit einem Arbeitsvertrag an.
  • Selbstständige Pflegekraft aus Osteuropa: Die Pflegekraft betreibt ein angemeldetes Gewerbe in seinem Heimatland oder auch in Deutschland und schließt einen Dienstleistungsvertrag auf eigene Rechnung mit dem Privathaushalt ab.

Die Kosten belaufen sich beim Entsendemodell auf etwa 2.200 Euro pro Monat. Sie setzen sich aus Lohnkosten, Kosten für Unterbringung und Ernährung, Fahrtkosten sowie den Gebühren für die Vermittlungsagentur zusammen. Wichtig: Auch für polnische Pflegekräfte gilt der Mindestlohn. Haushaltshilfen erhalten pro Stunde 9,19 Euro brutto, ausgebildete Pflegekräfte im Westen 11,05 Euro und im Osten 10,55 Euro brutto je Stunde. Liegt das Angebot der Vermittlungsagentur unter 2.000 Euro, sollte man stutzig werden und sich nach anderen Agenturen umsehen.

Beim Arbeitgeber-/ Arbeitnehmermodell ist die polnische Pflegekraft mit einem Arbeitsvertrag im Privathaushalt selbst angestellt. Das bedeutet, dass der Privathaushalt als Arbeitgeber entsprechende Pflichten erfüllen muss, etwa die Gewährung von Erholungszeiten und Urlaubsansprüchen oder die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern. Soll eine 24-Stunden-Betreuung gewährleistet sein, ist es darum notwendig, u.U. mehrere Betreuungspersonen einzustellen – die Kosten belaufen sich so auf mindestens 5.000 Euro monatlich. Hinzu kommen Aufwendungen für Kost und Logis sowie eine Unfallversicherung.

Eine selbständige Pflegekraft arbeitet auf Rechnung und hat in der Regel ihr eigenes Preissystem. Privathaushalte, die sich für dieses Beschäftigungsmodell entscheiden, sollten im Schnitt mit Kosten von rund 2.100 Euro rechnen.

Wie werden ausländische Pflegekräfte bezahlt?

Grundsätzlich bezahlen Pflegekassen in Deutschland unterschiedliche Leistungen bei Pflegebedarf. Alle pflegerischen Angebote, die von angestellten Pflegefachkräften eines Unternehmens erbracht werden, werden als Pflegesachleistungen zusammengefasst. Pflegebedürftige mit anerkanntem Pflegegrad (früher: Pflegestufe) haben Anspruch auf Pflegesachleistungen, wenn sie zu Hause betreut werden, allerdings zahlen die Pflegekassen in der Regel nur, wenn der Pflegedienstleistende eine Kassenzulassung vorweisen kann.

Pflegebedürftige haben alternativ die Möglichkeit Pflegegeld zu beantragen. Auch hier ist die Einstufung in einen Pflegegrad (mindestens Pflegegrad 2) Voraussetzung für den Erhalt von Leistungen. Bei Pflegegrad 2 beträgt der Zuschuss 316 Euro im Monat, mit steigendem Pflegegrad werden höhere Beiträge ausgezahlt, im höchsten Pflegegrad 5 maximal 901 Euro. Betroffene können das Pflegegeld sowohl für die Pflege durch ihre Angehörigen oder auch durch osteuropäische Pflegekräfte verwenden, sofern die Pflege in häuslicher Umgebung erfolgt.

Da Pflegebedürftige häufig eine Kombination aus pflegerischer Betreuung durch Laienkräfte und einen ambulanten Pflegedienst für die medizinische Versorgung in Anspruch nehmen müssen, können sie dafür Kombinationsleistungen beantragen, also die Kombination von Pflegegeld und Pflegesachleistung. Fällt der Umfang der benötigten Pflegesachleistung für den ambulanten Pflegedienst geringer aus als der Aufwand der häuslichen Pflege durch Angehörige, kann der Restbetrag prozentual als Pflegegeld ausgezahlt werden. Die Kombinationspflege ist ab Pflegegrad 2 möglich. Sie ist häufig die sinnvollste Möglichkeit für eine umfassende Betreuung.

Der reguläre Leistungsumfang für Pflegebedürftige umfasst darüber hinaus den Entlastungsbetrag, der für verschiedene Leistungen in der häuslichen Pflege verwendet werden kann. Er beträgt bei anerkanntem Pflegegrad monatlich 125 Euro.

Verhinderungspflege durch polnische Pflegekräfte

Ab Pflegegrad 2 haben Pflegebedürftige zusätzlich Anspruch auf 42 Tage Verhinderungspflege pro Jahr - bis zu einer möglichen Gesamthöhe von bis zu 1.612 Euro. Der Anspruch auf Verhinderungspflege kann dann wahrgenommen werden, wenn die eigentliche Pflegeperson, vorübergehend nicht ihrer Pflegeaufgabe nachkommen kann - etwa bei Krankheit, Urlaub oder beruflichen Gründen. Damit die Pflege von Betroffenen auch in solchen Fällen übergangslos sichergestellt werden kann, können auch polnische Pflegekräfte in der Verhinderungspflege eingesetzt werden.
Die Verhinderungspflege kann nicht nur am Stück, sondern auch stunden- oder tageweise in Anspruch genommen werden. Das ermöglicht viel Flexibilität bei der häuslichen Pflege.

Gewährt die gesetzliche Pflegekasse alle Zuschüsse, lassen sich pflegerische Leistungen in erheblichem Umfang realisieren - jedoch nicht selten zu spürbaren Kosten. Geringer ist der Eigenanteil nur, wenn rechtzeitig eine Pflegezusatzversicherung abgeschlossen wurde, das gilt auch beim Einsatz polnischer Pflegekräfte. Je nach der Form der privaten Pflegezusatzversicherung (Pflegetagegeldversicherung, Pflegekostenversicherung oder Pflegerentenversicherung) können finanzielle Lücken geschlossen werden. Wie genau das funktioniert, können Pflegebedürftige den Vertragsdetails ihrer jeweiligen Pflegezusatzversicherung entnehmen, davon ist abhängig, ob die Pflegezusatzversicherung beispielsweise festgelegte Tagessätze oder eine monatliche Rente zahlt.