Pflegekräfte: Studie untersucht psychische Belastung in der Pflege

Pflegekräfte: Studie untersucht psychische Belastung in der Pflege

Laut einer Studie stehen Pflegekräfte in Deutschland vermehrt unter Druck. Wie sich das auf die psychische Gesundheit auswirkt, erfahren Sie bei Afilio.

Jennifer Günther
Jennifer Günther
11.10.2019

Seit längerem versucht die Bundesregierung, die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen zu verbessern. Mehr Pflegekräfte und eine bessere Bezahlung sind erste Maßnahmen, um dem Fachkräftemangel in der Pflege zu begegnen. Eine Befragung auf dem deutschen Pflegetag 2019 offenbart allerdings, dass es damit nicht getan ist. Afilio stellt die Ergebnisse der Studie im Detail vor.

Methodik der Studie

Der deutsche Pflegetag ist die zentrale Branchenveranstaltung für die Pflege. Ziel ist nicht nur, Themen und Trends in der Pflege vorzustellen, sondern auch den Dialog mit den Pflegefachkräften zu suchen. Sie sind tagtäglich im deutschen Gesundheitswesen tätig und kümmern sich um pflegebedürftige Menschen.

Um sich einen Überblick über deren psychische Belastung zu verschaffen, führte das Neuropsychiatrische Zentrum Hamburg eine Befragung zum Belastungsgrad durch. Dazu beantworteten Pflegekräfte insgesamt 36 Fragen in den vier Themenclustern Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation, Rahmenbedingungen und soziale Aspekte. Die Zielsetzung sah vor, nicht nur den Status quo in der Pflege zu erheben, sondern auch Stressfaktoren zu identifizieren, die zu einer besonderen Belastung für Fachkräfte im pflegerischen Berufsalltag führen.

Insgesamt wurden 190 Pflegekräfte befragt, von denen letztendlich 84 an der psychischen Gefährdungsanalyse teilnahmen. Die Pflegekräfte arbeiteten in unterschiedlichen Einrichtungen:

  • 11 Pflegekräfte in der ambulanten Pflege
  • 22 Pflegekräfte in der Palliativpflege
  • 36 Pflegekräfte in der stationären Pflege im Krankenhaus
  • 5 Pflegekräfte in der stationären Pflege im Heim
  • 10 Pflegekräften in anderen Einrichtungen

Durch die verschiedenen Einsatzgebiete lässt sich die psychische Belastung in den unterschiedlichen Berufsfeldern gut miteinander vergleichen.

Ergebnisse der Studie

Arbeitsaufgaben

Auch wenn alle Pflegekräfte in der Pflege arbeiten, zeigt sich: Pflege ist nicht gleich Pflege. 83 Prozent der Befragten betreuen oder beraten zusätzlich Angehörige, 73 Prozent begleiten Menschen bis zu deren Tod und 74 Prozent müssen sich oft auf neue Situationen einstellen.

Die Arbeitsaufgaben als Belastung empfanden vor allem die Pflegekräfte, die in der Palliativpflege arbeiten. Auf einer Skala von 0 (=nicht belastend) bis 10 (=extrem belastend) erreichten sie einen Wert von 7.2 Punkten. Zum Vergleich: Pflegekräfte in der ambulanten Pflege fühlten sich mit einem Wert von 4.6 Punkten am wenigsten durch die Arbeitsaufgaben belastet. Dennoch beschrieben insgesamt 80 Prozent der befragten Pflegekräfte ihre Tätigkeit als emotional anstrengend.

Arbeitsorganisation

Im Themencluster „Arbeitsorganisation“ beantworteten die Pflegekräfte Fragen zu Regeln bei krankheitsbedingten Ausfällen oder zur Gestaltung des Dienstplans. Auch hier zeigte sich, dass die Pflegekräfte in der Palliativpflege die nicht zufriedenstellende Arbeitsorganisation als psychische Belastung wahrnehmen. Sie erreichten einen Wert von 8 Punkten auf der Skala und wünschten sich mehr Unterstützung bei Überstunden sowie klare Vertretungsregeln und Aufgabenbeschreibungen. Am wenigsten belastet sind Pflegekräfte im ambulanten Dienst sowie in der Verwaltung und Leitung.

Zusätzlich gaben nur 54 Prozent der Befragten an, dass die an der Gestaltung des Dienstplans beteiligt sind, während über 70 Prozent keine festen Regeln zur Überbrückung von krankheitsbedingten Ausfällen in ihrem Berufsalltag vorliegen haben.

Rahmenbedingungen

Bei der Auswertung der Fragen zu den Rahmenbedingungen in der Pflege wird deutlich, dass mehr als zwei Drittel der Befragten im Schichtdienst arbeiten. Zudem ist die Meinung, ob der vorhandene Personalschlüssel angemessen ist, einigermaßen ausgeglichen. 45 Prozent nehmen ihn als angemessen war, 55 Prozent als nicht angemessen.

Im Vergleich der verschiedenen Einsatzgebiete fühlen sich erneut die Pflegekräfte aus der Palliativpflege am stärksten belastet. Hier liegen die Belastungswerte mit 7.4 Punkten deutlich im oberen Bereich der Skala. Indes ist die psychische Belastung bei den Pflegenden in Krankenhäusern (5.9) und in Verwaltung und Leitung (5.5) am geringsten.

Soziale Aspekte

Pflegekräfte sind auf den Zusammenhalt ihres Teams angewiesen, um den Bedürfnissen der Pflegenden gerecht zu werden. Die Ergebnisse der Studie zeigen zwar, dass sich die meisten Teams gegenseitig unterstützen und untereinander austauschen, doch 36 Prozent der Befragten geben an, dass es Mobbing und Unstimmigkeiten innerhalb des Teams gibt. 26 Prozent klagen sogar über echte Diskriminierung.

Dass die Belastungswerte mit 6.9 Punkte auf der Skala von 0 bis 10 vor allem bei Pflegekräften im ambulanten Dienst erhöht sind, kann daran liegen, dass die soziale Interaktion im ambulanten Dienst geringer ist als in stationären Einrichtungen. In der Regel besuchen Pflegekräfte ihre Patienten allein. Pflegekräfte in der Palliativpflege und im Krankenhaus geben ähnliche Belastungswerte an. Am geringsten ist die psychische Belastung mit einem Wert von 5.2 Punkten bei Pflegekräften im Heim – dort spielt ein gemeinsam erlebter Arbeitsalltag eine größere Rolle.

Fazit

Das deutsche Gesundheitswesen ist auf qualifizierte Fachkräfte in der Pflege angewiesen und doch sind die Arbeitsbedingungen nicht zufriedenstellend. Unabhängig davon, ob Pflegekräfte in der stationären oder ambulanten Pflege arbeiten, gibt es Faktoren, die zu einer psychischen Belastung der Pflegekräfte führen. Die Studie kann einen großen Teil dazu beitragen, die Faktoren zu identifizieren und Stress zu reduzieren.

Die psychische Belastung in der Pflege ist allerdings nicht nur ein Problem für Pflegefachkräfte, sondern auch für pflegende Angehörige. Wie Afilio anlässlich des bundesweiten Aktionstags für pflegende Angehörige berichtete, sind Menschen, die einen Angehörigen zu Hause pflegen, häufiger krank als Nicht-Pflegende. Diagnosen wie Depression oder Belastungsstörung sind längst keine Seltenheit mehr. Viele pflegende Angehörige klagen zudem über ein Schlafdefizit und über Zukunfts- und Existenzängste, wenn sie durch die Pflege keinem Beruf mehr nachgehen können. Doch durch die steigende Anzahl von Menschen, bei denen eine Pflegebedürftigkeit festgestellt wird, ist das Gesundheitssystem auf die Pflege durch Angehörige angewiesen. Mehr Entlastungsangebote sollen die Belastung für pflegende Angehörige reduzieren.