Pflegegrad 1 bis 5: So ist die Pflege geregelt

Pflegegrad 1 bis 5: So ist die Pflege geregelt

Pflegegrade definieren den Hilfebedarf von Pflegebedürftigen. Es gibt fünf Pflegegrade, die maßgeblich sind für die Höhe der Pflegegelder, die die Pflegekasse auszahlt.

Sarah Lange
Sarah Lange
01.05.2018
Das Wichtigste in Kürze:
  • Seit Anfang 2017 gelten die neuen Pflegegrade 1 bis 5. Die Neuordnung wurde notwendig, weil die alten Pflegestufen nur körperliche Beeinträchtigungen beurteilten, nicht jedoch generelle Einschränkungen der alltäglichen Selbständigkeit.
  • Die Beurteilung der Selbstständigkeit setzt sich im neuen Punktesystem "NBA" aus sechs Modulen zusammen: Selbstversorgung, Mobilität, kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, der Gestaltung des Alltags, dem Umgang mit krankheitsbedingten Belastungen und Verhaltensweisen.
  • Menschen, die bereits vor dem 1.1.2017 eine anerkannte Pflegestufe hatten, wurden automatisch in einen der neuen Pflegegrade eingruppiert.

Mehr als 3,4 Millionen waren im Jahr 2017 in Deutschland pflegebedürftig. In einer immer älter werdenden Gesellschaft gibt es immer mehr Menschen, die Unterstützung benötigen, da sie ihr Leben nicht länger vollkommen selbstständig bewältigen können. Pflegegrade (früher Pflegestufen) ermitteln, wieviel und vor allem welche Hilfe körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen benötigen. Dazu erläutern wir in unserem Begleitartikel, wie Sie einen Pflegegrad beantragen.

Was ist ein Pflegegrad?

Mit Beginn des Jahres 2017 sind die Pflegestufen 1 bis 3 von den neuen Pflegegraden 1 bis 5 abgelöst worden. Durch dei differenziertere Einstufung wird vor allem der Pflegebedarf von Demenzkranken, geistig Beeinträchtigen und psychisch Erkrankten besser abgedeckt als zuvor. Bis 2017 war die Einstufung vor allem nach physischen Gebrechen und dem pflegerischen Zeitaufwand geregelt. Anders als bei den früher gängigen Pflegestufen wird die Pflegebedürftigkeit nicht mehr nur im Hinblick auf körperliche Einschränkungen bestimmt, stattdessen wird die tatsächliche Selbstständigkeit der Betroffenen im alltäglichen Leben zugrunde gelegt.

Um den Pflegegrad möglichst akkurat zu ermitteln wurde ein neues Punktesystem "NBA" (Neues Begutachtungsassessment) etabliert. Mit dem NBA überprüfen Gutachter vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) (oder anderer Prüforganisationen) jeden Antragsteller auf Pflegeleistung persönlich. Mit einem Fragebogen und auf Grundlage der persönlichen Beurteilung des Gutachters wird dann der Grad der vorhandenen Selbstständigkeit ermittelt. Als Faustregel gilt: Je mehr Punkte der Begutachtete erhält, desto höher fällt sein Pflegegrad aus - und damit auch der Umfang der Pflege- und Betreuungsleistungen der Pflegekasse.

Warum gibt es jetzt Pflegegrade statt Pflegestufen?

Bis 2017 benachteiligte die deutsche Pflegeversicherung insbesondere Menschen mit Demenz. Diese sind zwar körperlich meist gesund, benötigen jedoch genauso viel oder in besonders intensiven Fällen sogar mehr Betreuung und Zuwendung als Menschen mit rein körperlichen Einschränkungen. Dennoch erhielten Demente bis 2017 insgesamt unzureichende Leistungen von Pflegekassen. Menschen mit körperlichen Einschränkungen wurden unbeabsichtigt vom früheren System bevorzugt, da die Pflegestufen 1, 2 und 3 vorrangig Pflegehilfen zur Körperpflege, Ernährung und Bewegung abdecken sollten. Bereits seit 2012 gab es schrittweise immer mehr Pflegeleistungen auch für Demenzkranke und Menschen mit dauerhaft eingeschränkter Alltagskompetenz. Dank des Pflegestärkungsgesetzes II, das Anfang 2017 in Kraft trat, sind heute beide Gruppen gleichgestellt, Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und körperlich Pflegebedürftige haben dadurch in gleichem Maße Anspruch auf dieselben Leistungen bei identischem Pflegegrad.

Pflegegrade 1 bis 5 Punkte Neues Begutachtungsassessment
NBA Punkteverteilung der Pflegegrade 1 bis 5

Pflegegrad 1: Geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 2: Erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 3: Schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 4: Schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 5: Schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

Welche Bedingungen gelten für einen Pflegegrad?

Bei der Anerkennung eines Pflegegrades gibt es Unterschiede zwischen Betroffenen, die bereits vor dem Wechsel zum NBA eine anerkannte Pflegestufe in Anspruch nehmen konnten und denjenigen, die 2017 erstmals einen Antrag auf Pflegeleistungen gestellt haben. Wer vor dem Stichtag eine körperliche Pflegestufe von 1-3 oder eine eingeschränkte Alltagskompetenz (Pflegestufe 0) in Anspruch nehmen konnte, wurde nicht erneut begutachtet. Entsprechend der folgenden Pflegegradtabelle (s.u.) wurden anerkannte Pflegestufen automatisch in einen äquivalenten Pflegegrad überführt.

Antragsteller, die sich seit dem 1. Januar 2017 um Anerkennung eines Pflegegrads bemühen, werden mit Hilfe des NBA-Prüfverfahrens begutachtet. Die Pflegekasse des Antragstellers entscheidet daraufhin über die Anerkennung eines Pflegegrads. Demenzerkrankte mit anerkannter Pflegebedürftigkeit wurden automatisch von ihrer bisherigen Pflegestufe in einen um zwei Stufen höheren Pflegegrad eingruppiert. Beispielsweise von Pflegestufe 2 in Pflegegrad 4. Auch Pflegebedürftige mit besonderen Bedürfnissen, die zuvor als Härtefälle mit Pflegestufe 3 eingruppiert worden waren und einen “spezifischen, außergewöhnlich hohen Hilfebedarf mit besonderen Anforderungen an die Pflegeversorgung” haben, können seither Pflegegrad 5 erhalten, selbst wenn sie die dafür notwendige Mindestzahl von 90 Punkten bei der Begutachtung nicht erreicht haben.

Gegenüberstellung Pflegegrad vs. Pflegestufe: Welcher Grad entspricht welcher Stufe?
Links neu, rechts alt: Überführung der Pflegestufen in Pflegegrade

So funktioniert das Neue Begutachtungsassessment (NBA)

Die von den Pflegekassen beauftragten Gutachter vom MDK oder von MEDICPROOF erfassen mit Hilfe des neu eingeführten NBA-Prüfverfahrens alle maßgeblichen Aspekte zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit anhand körperlicher, psychischer und kognitiver Beeinträchtigungen. Die daraus abgeleitete Selbstständigkeit einer Person entscheidet über einen möglichen Pflegegrad. Der Grad der Selbständigkeit wird in sechs Teilbereichen erfasst:

Diagramm zur Darstellung, wie der NBA Selbstständigkeit erfasst
Begutachtungskriterien Pflegebedürftigkeit
  1. Mobilität Die Bewegungsfähigkeit des Betroffenen sollte neben Positionswechseln im Bett auch eine stabile Sitzposition, das Aufstehen und die Fortbewegung innerhalb des eigenen Zuhauses ermöglichen. Dazu gehört auch das Treppensteigen.
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten Der Betroffene muss sich in seinem normalen Umfeld zurecht finden. Dazu gehört die Fähigkeit nahe stehende Personen zu erkennen, die örtliche und zeitliche Orientierung und die Koordination bzw. selbstständige Führung des eigenen Haushalts. Wichtig ist in diesem Zusammenhang neben dem Erinnerungsvermögen auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, neue Informationen zu verstehen, sowie Gefahren und Risiken abzuschätzen. Bewertet wird auch, ob der Betroffene elementare Bedürfnisse mitteilen kann, Aufforderungen versteht und sich an einem einfachen Gespräch beteiligen kann.
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen Hier wird vorrangig auf Verhaltensauffälligkeiten wie verbale und physische Aggression und andere Auffälligkeiten geachtet und ob ein selbstschädigendes Verhalten vorliegt oder der Betroffene nicht-selbstverschuldetes, aber sozial inadäquates Verhalten zeigt. Auch die Stimmungslage des Antragstellers wird überprüft: Leidet die Person unter Antriebslosigkeit, Depressionen, Ängsten oder gar Wahnvorstellungen?
  4. Selbstversorgung Kann der Betroffene sich um die eigene Körperpflege kümmern (das schließt das Waschen, Baden, die Zahnpflege und ggf. Prothesenreinigung mit ein), sowie sich selbst an- und auskleiden? Darüber hinaus wird überprüft, ob der Antragsteller selbstständig essen und trinken, Speisen mundgerecht zubereiten und Getränke eingießen kann. Auch die Fähigkeit, die Toilette zu benutzen oder den Alltag mit Dauerkatheter, einem künstlichen Harnausgang (Urostoma) oder einem künstlichen Darmausgang (Stoma) zu bewältigen wird überprüft.
  5. Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Belastungen Darunter fallen beispielsweise die Medikation, Injektionen, Messung von Körperzuständen, Wundversorgung, und die Klärung, ob eine Person mit Pflegehilfsmitteln wie Prothesen oder einem Rollator im Alltag zurecht kommt und im Bedarfsfall selbständig den Arzt aufsuchen kann.
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte Der Betroffene sollte seinen eigenen Tagesablauf gestalten und an Veränderung anpassen können, sich selbst beschäftigen und zukunftsorientiert planen können. Außerdem muss die Person ausreichend Schlaf finden und soziale Kontakte pflegen können.

Weitere Aspekte zur Eingruppierung

Neben den beschriebenen sechs Modulen existieren noch die beiden Pflegegrad-Module 7 und 8, die näher auf außerhäusliche Aktivitäten und Haushaltsführung eingehen. Sie sind jedoch nicht nicht für die Einstufung der Pflegebedürftigkeit an sich von Bedeutung, sondern dienen dazu, Pflegekräften eine möglichst genaue und individuelle Pflegeplanung zu ermöglichen. Auch wenn das Modell zur Ermittlung des Pflegegrades auf den ersten Blick einfach strukturiert scheint, ist es nicht in jedem Fall einfach, den passenden Pflegegrad für einen Antragsteller zu bestimmen. Vor allem die Richtlinien der Pflegekassen und ein komplexes Gewichtungssystem machen die Zuordnung selbst ausgewiesenen Experten der Materie nicht einfach.

Wieviel Geld gibt es für welchen Pflegegrad?

PflegegradGeldleistungenSachleistungenEntlastungsbetrag ambulantLeistungsbeitrag vollstationäre PflegeKurzzeitpflege (bis zu 8 Wochen/Jahr)Verhinderungspflege (bis zu 6 Wochen/Jahr)
1keinekeine125€ 125€keinekeine
2316€689€125€770€1612€1612€
3545€ 1298€125€1262€1612€ 1612€
4728€1612€125€ 1775€1612€1612€
5901€1995€125€2005€1612€1612€

Kosten und Ausgestaltung: Sichern Sie sich rechtzeitig ab.

Tritt der Ernstfall ein, sollten sie zwei weitere Möglichkeiten in Betracht ziehen: Die Hinterlegung einer Pflegeverfügung und den Abschluss einer privaten Pflegezusatzversicherung. Erstere hält Ihre Wünsche und Vorstellungen für den pflegerischen Alltag fest, während die Pflegezusatzversicherung genau die finanzielle Pflegelücke schließt, die sich zwischen Versicherungsleistungen und dauerhaften Kosten auftun kann.