Die fünf Pflegegrade: So ist die Pflege geregelt

Die fünf Pflegegrade: So ist die Pflege geregelt

Ein Pflegegrad ist Voraussetzung für Leistungen der Pflege­versicherung / Pflegekasse. Erfahren Sie bei uns, wie ein Pflegegrad vergeben wird.

Johannes Kuhnert
Johannes Kuhnert
01.05.2018
Das Wichtigste in Kürze:
  • Seit Anfang 2017 gelten die neuen Pflegegrade 1 bis 5. Die früher gängigen Pflegestufen beurteilten nur körperliche Beeinträchtigungen, nicht jedoch generelle Einschränkungen der alltäglichen Selbständigkeit, z.B. bei Demenz.
  • Ein Pflegegrad wird anerkannt, wenn ein Betroffener nachweislich nicht mehr in der Lage ist, seinen Alltag selbständig zu bewältigen. Je größer der Unterstützungsbedarf, desto höher die Pflegebedürftigkeit.
  • Der Pflegebedarf wird im Rahmen einer Begutachtung durch den MDK oder MEDICPROOF ermittelt. Liegt Pflegebedürftigkeit vor, entscheidet die Pflegeversicherung auf Grundlage des Gutachtens über einen Pflegegrad.

Mehr als 3,7 Millionen waren im Jahr 2019 in Deutschland pflegebedürftig. In einer immer älter werdenden benötigen auch immer mehr Menschen Unterstützung. Pflegegrade (früher Pflegestufen) definieren, ob und welche welche Hilfe körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen brauchen, um ihren Alltag zu bewältigen.

Was ist ein Pflegegrad?

Ein Pflegegrad ist die Bemessungsgrundlage für Leistungen der Pflegeversicherung. Ist ein Versicherter nachweislich dauerhaft pflegebedürftig, erkennt die zuständige Pflegeversicherung, bzw. Pflegekasse einen Pflegegrad an, der dem Maß der Pflegebedürftigkeit entspricht. Wer einen Pflegegrad geltend machen kann, kann Leistungen seiner gesetzlichen, bzw. privaten Pflegeversicherung in Anspruch nehmen. Seit 2017 gibt es fünf Pflegegrade.

Warum Pflegegrad beantragen?

Wer aufgrund von Krankheit, Alter oder eines Unfalls dauerhaft nicht in der Lage ist, seinen Alltag selbständig zu bewältigen und Unterstützung benötigt, kann dafür Mittel der gesetzlichen, bzw. seiner privaten Pflegeversicherung in Anspruch nehmen. Das gilt sowohl für Pflege in einer stationären Einrichtung, also einem Pflegeheim, als auch für Betreuung in den eigenen vier Wänden durch pflegende Angehörige oder einen ambulanten Pflegedienst. Wer also selbst betroffen ist oder einen Angehörigen hat, der künftig gepflegt werden muss, sollte einen Pflegegrad beantragen. Denn nur mit einem Pflegegrad haben Versicherte Anspruch auf Mittel der öffentlichen Pflegefürsorge.
Wichtig: Je größer die Pflegebedürftigkeit, desto höher fällt die Eingruppierung in einen Pflegegrad aus. Mit steigendem Pflegegrad erhöhen sich auch die finanziellen Mittel, die bei der zuständigen Versicherung für Pflege und Betreuung in Anspruch beantragt werden können.

Wer entscheidet über den passenden Pflegegrad?

Um den Pflegegrad möglichst akkurat zu ermitteln wurde 2017 ein neues Punktesystem "NBA" (Neues Begutachtungsassessment) etabliert. Mit dem NBA überprüfen Gutachter vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) oder von MEDICPROOF (bei privat Versicherten) jeden Antragsteller individuell. Während der Begutachtung wird der Grad der vorhandenen Selbstständigkeit ermittelt und auf einer Punkteskala von 12,5 bis 100 Punkten festgehalten, und um die persönliche Beurteilung des Gutachters ergänzt. Auf Grundlage des so entstandenen Gutachtens entscheidet die zuständige Pflegeversicherung über einen passenden Pflegegrad.
Je mehr Punkte der Begutachtete erhält, desto höher fällt sein Pflegegrad aus - und damit auch der Umfang der Pflege- und Betreuungsleistungen der Pflegekasse.

Pflegegrade 1 bis 5 Punkte Neues Begutachtungsassessment
NBA Punkteverteilung der Pflegegrade 1 bis 5

Pflegegrad 1: Geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 2: Erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 3: Schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 4: Schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit

Pflegegrad 5: Schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

So funktioniert das Neue Begutachtungsassessment (NBA)

Die von den Pflegekassen beauftragten Gutachter vom MDK oder MEDICPROOF erfassen im NBA die Pflegebedürftigkeit anhand körperlicher, psychischer und kognitiver Beeinträchtigungen. Die verbleibende Selbstständigkeit einer Person entscheidet über einen möglichen Pflegegrad. Der Grad der Selbständigkeit wird in sechs Teilbereichen erfasst, die mit unterschiedlicher Gewichtung in die Gesamtbeurteilung einfließen.

  1. Mobilität: Die Bewegungsfähigkeit des Betroffenen sollte neben Positionswechseln im Bett auch eine stabile Sitzposition, das Aufstehen und die Fortbewegung innerhalb des eigenen Zuhauses ermöglichen. Dazu gehört auch das Treppensteigen.
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Der Betroffene muss sich in seinem normalen Umfeld zurechtfinden. Dazu gehört die Fähigkeit nahe stehende Personen zu erkennen, die örtliche und zeitliche Orientierung und die Koordination bzw. selbstständige Führung des eigenen Haushalts. Wichtig ist in diesem Zusammenhang neben dem Erinnerungsvermögen auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, neue Informationen zu verstehen, sowie Gefahren und Risiken abzuschätzen. Bewertet wird auch, ob der Betroffene elementare Bedürfnisse mitteilen kann, Aufforderungen versteht und sich an einem einfachen Gespräch beteiligen kann.
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: Hier wird vorrangig auf Verhaltensauffälligkeiten wie verbale und physische Aggression und andere Auffälligkeiten geachtet und ob ein selbstschädigendes Verhalten vorliegt oder der Betroffene nicht-selbstverschuldetes, aber sozial inadäquates Verhalten zeigt. Auch die Stimmungslage des Antragstellers wird überprüft: Leidet die Person unter Antriebslosigkeit, Depressionen, Ängsten oder gar Wahnvorstellungen?
  4. Selbstversorgung: Kann der Betroffene sich um die eigene Körperpflege kümmern (das schließt das Waschen, Baden, die Zahnpflege und ggf. Prothesenreinigung mit ein), sowie sich selbst an- und auskleiden? Darüber hinaus wird überprüft, ob der Antragsteller selbstständig essen und trinken, Speisen mundgerecht zubereiten und Getränke eingießen kann. Auch die Fähigkeit, die Toilette zu benutzen oder den Alltag mit Dauerkatheter, einem künstlichen Harnausgang (Urostoma) oder einem künstlichen Darmausgang (Stoma) zu bewältigen wird überprüft.
  5. Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Belastungen: Darunter fallen beispielsweise die Medikation, Injektionen, Messung von Körperzuständen, Versorgung von Wunden, und die Klärung, ob eine Person mit Pflegehilfsmitteln wie Prothesen oder Gehhilfen wie einem Rollator im Alltag zurechtkommt und im Bedarfsfall selbständig den Arzt aufsuchen kann.
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte: Der Betroffene sollte seinen eigenen Tagesablauf gestalten und an Veränderung anpassen können, sich selbst beschäftigen und zukunftsorientiert planen können. Außerdem muss die Person ausreichend Schlaf finden und soziale Kontakte pflegen können.

Weitere Aspekte zur Eingruppierung

Neben den beschriebenen sechs Modulen existieren noch die beiden Pflegegrad-Module 7 und 8, die näher auf außerhäusliche Aktivitäten und Haushaltsführung eingehen. Sie sind jedoch nicht für die Einstufung der Pflegebedürftigkeit an sich von Bedeutung, sondern dienen dazu, Pflegekräften eine möglichst genaue und individuelle Pflegeplanung zu ermöglichen. Auch wenn das Modell zur Ermittlung des Pflegegrades auf den ersten Blick unkompliziert geregelt ist, ist es nicht in jedem Fall einfach, den passenden Pflegegrad für einen Antragsteller zu bestimmen. Vor allem die Richtlinien der Pflegekassen und ein komplexes Gewichtungssystem machen die Zuordnung selbst ausgewiesenen Experten der Materie nicht einfach.

Diagramm zur Darstellung wie der NBA Selbstständigkeit erfasst
Begutachtungskriterien der Pflegebedürftigkeit: Nicht alle Aspekte fließen zu gleichen Teilen in die Beurteilung ein. Vor allem die Fähigkeit zur Selbstversorgung ist ausschlaggebend.

Welche Pflegegelder gibt es?

Die Höhe der Mittel, die ein Versicherter beantragen kann, richtet sich nach seinem Pflegebedarf, nach der Art der Pflege (häuslich / stationär) und nach situationsbezogenen Sonderfällen. Während Betroffene mit Pflegegrad 1 keinen Anspruch auf Pflegegeld oder Pflegesachleistungen geltend machen können, sind bereits mit Pflegegrad 2 wahlweise 316 Euro Pflegegeld oder 689 Euro Pflegesachleistungen bei häuslicher Pflege beantragbar. Für eine stationäre Unterbringung kommen bereits 770 Euro in Frage. Betroffene aller Pflegegrade können darüber hinaus pauschale Sonderleistungen geltend machen: Den sog. Entlastungsbetrag i.H.v. 125 Euro, der auf vielfältige Weise eingesetzt werden kann. Für eine zwischenzeitliche allein professionelle Betreuung stehen ab Pflegegrad 2 Mittel der Kurzzeitpflege und der Verhinderungspflege von bis zu je 1612 Euro zur Verfügung, sie können je nach Situation auch miteinander kombiniert werden.

Pflegegrad

Pflegegeld

Pflegesachleistung

Mittel für vollstationäre Pflege

Entlastungsbetrag ambulant

Kurzzeitpflege (bis zu 8 Wochen/Jahr)

Verhinderungspflege (bis zu 6 Wochen/Jahr)

1

keins

keine

125€

125€

keine

keine

2

316€

689€

770€

125€

1612€

1612€

3

545€

1298€

1262€

125€

1612€

1612€

4

728€

1612€

1775€

125€

1612€

1612€

5

901€

1995€

2005€

125€

1612€

1612€

Warum wurden die Pflegestufen zu Pflegegraden?

Zum 1.1.2017 wurden die bis dahin geltenden Pflegestufen 1 bis 3 von den Pflegegraden 1 bis 5 abgelöst. Ziel der Änderung des Begutachungs- und Einstufungssystems war es, vor allem den Pflegebedarf von Demenzkranken, geistig Beeinträchtigen und psychisch Erkrankten besser abzudecken. Zuvor war die Beurteilung von Pflegebedürftigen vor allem auf die Einstufung physischer Gebrechen und den Zeitaufwand zur pflegerischen Unterstützung abgestellt. Bis 2017 benachteiligte die deutsche Pflegeversicherung darum insbesondere Menschen mit Demenz, zwar körperlich meist gesund sind, jedoch genauso viel oder in intensiven Fällen sogar mehr Zuwendung benötigen als Menschen, die von körperlichen Einschränkungen beeinträchtigt sind. Dennoch erhielten Demente bis 2017 insgesamt unzureichende Leistungen von Pflegekassen. Menschen mit körperlichen Einschränkungen wurden auf diese Weise unbeabsichtigt bevorzugt, da die Pflegestufen 1, 2 und 3 vorrangig Pflegehilfen zur Körperpflege, Ernährung und Bewegung abdeckten.

Bereits seit 2012 gab es zwar schrittweise mehr Pflegeleistungen auch für Demenzkranke und Menschen mit dauerhaft eingeschränkter Alltagskompetenz. Doch erst mit der Umsetzung des Pflegestärkungsgesetzes II, das Anfang 2017 in Kraft trat, sind heute beide Gruppen gleichgestellt. Seither wird weniger das Maß der Einschränkung betrachtet, stattdessen wird die verbliebene Selbstständigkeit der Betroffenen im alltäglichen Leben zugrunde gelegt. Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und körperlich Pflegebedürftige haben so in gleichem Maße Anspruch auf dieselben Leistungen bei identischem Pflegegrad.

Wer vor dem Stichtag 1.1.2017 Pflegestufe von 1 bis 3 oder eingeschränkte Alltagskompetenz (Pflegestufe 0) in nachweisen konnte, wurde nicht erneut begutachtet. Pflegestufen wurden automatisch in einen äquivalenten Pflegegrad überführt.

Gegenüberstellung Pflegegrad vs. Pflegestufe: Welcher Grad entspricht welcher Stufe?
Links neu, rechts alt: Überführung der Pflegestufen in Pflegegrade

Antragsteller, die sich seit dem 1. Januar 2017 um Anerkennung eines Pflegegrads bemühen, werden mit Hilfe des NBA-Prüfverfahrens begutachtet. Die Pflegekasse des Antragstellers entscheidet daraufhin über die Anerkennung eines Pflegegrads. Demenzerkrankte mit anerkannter Pflegebedürftigkeit wurden automatisch von ihrer bisherigen Pflegestufe in einen um zwei Stufen höheren Pflegegrad eingruppiert. Beispielsweise von Pflegestufe 2 in Pflegegrad 4. Auch Pflegebedürftige mit besonderen Bedürfnissen, die zuvor als Härtefälle mit Pflegestufe 3 eingruppiert worden waren und einen “spezifischen, außergewöhnlich hohen Hilfebedarf mit besonderen Anforderungen an die Pflegeversorgung” haben, können seither Pflegegrad 5 erhalten, selbst wenn sie die dafür notwendige Mindestzahl von 90 Punkten bei der Begutachtung nicht erreicht haben.

Kosten und Ausgestaltung: Sichern Sie sich rechtzeitig ab.

Tritt der Ernstfall ein, sollten sie zwei weitere Möglichkeiten in Betracht ziehen: Die Hinterlegung einer Pflegeverfügung und den Abschluss einer privaten Pflegezusatzversicherung. Erstere hält Ihre Wünsche und Vorstellungen für den pflegerischen Alltag fest, während die Pflegezusatzversicherung genau die finanzielle Pflegelücke schließt, die sich zwischen Versicherungsleistungen und dauerhaften Kosten auftun kann.

Wie kann ich einen Pflegegrad beantragen?

Einen Pflegegrad können Versicherte ganz einfach bei Ihrer zuständigen gesetzlichen oder ihrer privaten Pflegeversicherung beantragen. Die Pflegeversicherung ist in beiden Fällen so gut wie immer an die eigene Krankenversicherung bzw. Krankenkasse angegliedert. Grundsätzlich ist es möglich einen Antrag auf Pflegeleistungen auch formlos oder einfach telefonisch bei der zuständigen Pflegekasse zu stellen, die ggf. entsprechende Formblätter zuschicken wird. Wer den schriftlichen Weg gehen will, kann unsere Vorlage nutzen, um einen Pflegegrad zu beantragen.