Pflegegrad 1 - Voraussetzungen, Bedingungen und Leistungen

Pflegegrad 1 - Voraussetzungen, Bedingungen und Leistungen

Pflegegrad 1 - Voraussetzungen und Leistungen auch bei geringer Pflegebedürftigkeit: Die wichtigsten Fakten und Erklärungen.

Jessica Djadavjee
Jessica Djadavjee
02.05.2018
Das Wichtigste in Kürze:
  • Seit dem 1. Januar 2017 gelten nicht mehr die alten Pflegestufen. Stattdessen werden Antragsteller in die neuen Pflegegrade 1 bis 5 eingeteilt. Die Bewertung der Pflegebedürftigkeit basiert seitdem auf körperlichen Beeinträchtigungen und der Bemessung der Selbständigkeit im Alltag.
  • Versicherte mit Pflegegrad 1 (geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit) erhalten einen Entlastungsbeitrag über 125 Euro monatlich und zusätzliche Leistungen bei häuslicher Pflege.
  • Die Einstufung in einen Pflegegrad wird vom MDK oder Medicproof im Rahmen des sechsstufigen NBA-Punktesystems vorgenommen.

Wie ist der Pflegegrad 1 definiert?

Mit dem Pflegegrad 1 werden Personen klassifiziert, die von einer geringfügig eingeschränkten Selbständigkeit betroffen sind. Dabei ist nicht wie bei den früheren Pflegestufen die zeitliche Anforderung ausschlaggebend für das Maß der Pflegebedürftigkeit, sondern die Selbständigkeit des Betroffenen im Alltag. Der Pflegegrad 1 stellt gegenüber der alten Klassifikation eine Neuerung dar, denn die Maßgabe einer allein geringfügigen Beeinträchtigung wurde bis 2017 vom Anspruchskatalog der Pflegeversicherung in den bisherigen Pflegestufen nicht abgedeckt. Darum sind Betroffene mit Pflegegrad 1 auch ausnahmslos Neuantragsteller, die nach dem 1.1.2017 mit einem Pflegegrad anspruchsberechtigt geworden sind. Die Umstellung der Pflegestufen 1 bis 3 zu Pflegegrad 1 bis 5 erhöhte für Demenzkranke und psychisch Kranke die Chance, als Pflegebedürftige anerkannt zu werden und Leistungen der Pflegekasse zu beziehen. Obwohl die Selbstständigkeit von Menschen mit Erkrankungen dieser Art im Alltag mittelmäßig bis stark eingeschränkt ist, erhielten Betroffene gemäß Pflegestufen-Richtlinien bis dato keine Unterstützung von der Pflegeversicherung. Rund 340.000 Menschen konnten nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums im Jahr 2018 Leistungen nach Pflegegrad 1 in Anspruch nehmen. Um Leistungen der sozialen Pflegeversicherung im genannten Umfang in Anspruch nehmen zu können, müssen wenigstens 12,5 Punkte im Rahmen der standardisierten Begutachtung (NBA) erzielt werden (dazu weiter unten mehr).

Welche Bedingungen gelten, damit Pflegegrad 1 zuerkannt wird?

Die Anerkennung von Pflegegrad 1 ist möglich, sobald eine "geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit" vorliegt. Pflegebedürftige, die Pflegeleistungen von den Pflegekassen benötigen, müssen den Grad ihrer körperlichen bzw. geistigen Einschränkungen im Alltag nicht selbst bestimmen oder Antrag auf einen spezifischen Pflegegrad stellen. Ein allgemeiner Antrag auf Pflegeleistungen reicht aus. Daraufhin beauftragen die Pflegeversicherungen bei gesetzlich Versicherten einen Gutachter des Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder von MEDICPROOF bei privat Versicherten, der ein Gutachten erstellt und die Pflegebedürftigkeit ermittelt.

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II wurde neben den Pflegegraden auch das Neue Begutachtungsassessment (NBA) eingeführt, um den Pflegegrad zu ermitteln. Die Pflegegrade lösten die bis dahin gängigen Pflegestufen ab. Das NBA ist ein Punktesystem zur Bewertung der Pflegebedürftigkeit. Die Einstufung in einen Pflegegrad erfolgt seither unter Berücksichtigung der Selbstständigkeit der Antragsteller. Die Gutachter erfassen auf Grundlage eines Fragenkatalogs, bestehend aus sechs Bausteinen, wie viel Unterstützung der Einzelne bei der Bewältigung des Alltags benötigt. Der Gutachter berechnet zunächst pro Kategorie eine Punktzahl und ermittelt zuletzt einen Gesamtpunktwert, der den Pflegegrad bestimmt. Dabei gilt: Je höher die Punktzahl, desto höher der Pflegegrad und der Anspruch auf Pflegeleistungen. Die Punkte werden anhand eines systematischen Verfahrens gewichtet. Per Gesetz besteht ab einer Punktzahl von 12,5 Punkten eine Pflegebedürftigkeit. Pflegegrad 1 liegt bei einer Gesamtpunktzahl zwischen 12,5 und 27 Punkten vor.

Wie Sie einen Pflegegrad beantragen und wie Sie sich optimal für die MDK-Begutachtung vorbereiten, erfahren Sie ebenfalls bei uns.

Pflegegrad 1 Punkte Neues Begutachtungsassessment
NBA Punktevergabe Pflegegrad 1

Pflegebegutachtung: Sechs Module zur Ermittlung des Pflegebedarfs

Ein Gutachter ermittelt anhand der folgenden sechs Module den individuellen Pflegebedarf:

  • Mobilität: Wie selbständig bewegt sich der Begutachtete Zuhause?
  • Kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Wie gut findet sich der Betroffene im Alltag zurecht? Hat er eine zeitliche und örtliche Orientierung? Ist er in der Lage, Entscheidungen zu treffen?
  • Verhalten und psychische Probleme: Schläft der Versicherte in der Nacht? Gibt es Verhaltensauffälligkeiten?
  • Selbständige Versorgung: Ist der Antragsteller dazu in der Lage, sich um die eigene Körperhygiene zu kümmern, sowie sich an-und auszukleiden? Ist es ihm möglich, sich mit Mahlzeiten und Getränken zu versorgen?
  • Verhalten bei krankheits- oder therapiebedingten Belastungen: Inwieweit ist der Antragsteller in der Lage,Medikation, Arztbesuche und eventuell Katheter und Stoma zu bewältigten?
  • Alltag und soziale Kontakte: Kann sich der Begutachtete selbst beschäftigen und seinen Tag strukturieren? Pflegt er soziale Kontakte?

Betreuung und Entlastung: Leistungen bei Pflegegrad 1

Zunächst das Wichtigste: Betroffene mit Pflegegrad 1 haben keinen Anspruch auf Pflegegeld. Da sie zumeist noch in der Lage sind, die meisten Verrichtungen des Alltags selbständig auszuführen, werden keine Geldmittel zur Bereitstellung einer zusätzlichen Hilfe bewilligt. Geringe Beeinträchtigung bedeutet in diesem Falle auch geringere finanzielle Unterstützung. Allerdings haben auch Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1 Anspruch auf Betreuungs- und Entlastungsleistungen i.H.v. 125. Sie dienen dazu, beschwerlichere Aufgaben des Alltags zu unterstützen - etwa für eine Einkaufshilfe, eine Haushaltshilfe oder eine Begleitung bei längeren Fußwegen. Mit dem Entlastungsbeitrag bei Pflegegrad 1 haben Betroffene außerdem Anspruch auf:

  • Die Teilnahme an einer betreuten Gruppe für leicht Hilfsbedürftige
  • Einen Alltagsbegleiter sowie eine Einkaufshilfe
  • Eine Haushaltshilfe, die körperlich anstrengende Arbeiten im Haushalt übernimmt und unterstützt
Pflegegrad 1Pflegegrad 2Pflegegrad 3Pflegegrad 4Pflegegrad 5
Pflegegeld0 €316 €545 €728 €901 €
Pflegesachleistungen0 €689 €1298 €1612 €1995 €
Tagespflege und Nachtpflege0 €689 €1298 €1612 €1995 €
Entlastungsbetrag125 €125 €125 €125 €125 €
Stationäre Pflege125 €770 €1262 €1775 €2005 €

Habe ich Anspruch auf Kurzzeitpflege bei Pflegegrad 1?

Versicherte mit Pflegegrad 1 haben keinen Anspruch auf Kurzzeitpflege. Erst ab Pflegegrad 2 zahlt die Pflegekasse hierfür Leistungen. Alternativ gibt es jedoch einen Anspruch gegenüber der Krankenversicherung auf eine sogenannte Überleitungspflege, in Ausnahmefällen sogar auf Kurzzeitpflege.

Zuschüsse zu ambulanter oder stationärer Pflege

Pflegebedürftigen mit Pflegegrad 1 stehen weder Pflegegeld, Pflegesachleistungen noch Zuschüsse zur Verhinderungspflege (sollten Angehörige durch Urlaub oder Krankheit die Pflege nicht übernehmen können) oder Tages- und Nachtpflege zu. Ebenso wenig wie für die stationäre Pflege. Sie müssen für jegliche Pflege, die Sie in Anspruch nehmen, die Kosten tragen – können aber die 125 Euro Entlastungsbeitrag darauf verwenden.

Häusliche Pflege: Zusätzliche Leistungen

Zuschuss für erforderliche Umbaumaßnahmen in der Wohnung

  • Ein Pflegebedürftiger Grad 1 erhält für Umbauten eine Einmalzahlung über 4.000 Euro, um die Wohnung barrierefrei zu gestalten. Dazu gehört der Einbau eines Treppenlifts oder bauliche Maßnahmen im Badezimmer.

Pauschale für medizinische Hilfsmittel und Pflegehilfsmittel

  • Pflegebedürftige haben Anrecht auf eine Pauschale in Höhe von 40 Euro monatlich für medizinische Hilfsmittel sowie Pflegehilfsmittel.

Förderung für Bewohner von Wohngruppen oder WGs

Bewohnern von ambulanten Wohngruppen oder Senioren-WGs erhalten Pflegeleistungen für bauliche Maßnahmen für bis zu vier Bedürftige mit Pflegegrad 1. Bis zu vier Bewohner pro Wohngruppe erhalten zudem einen einmaligen Einrichtungszuschuss über 2.500 Euro und einen monatlichen Zuschuss in Höhe von 214 Euro für eine Haushaltskraft.

Darüber hinaus haben Menschen mit Pflegegrad 1 Anrecht auf eine regelmäßige Beratung zur Verbesserung ihrer Lebensqualität, die von der Pflegekasse bezahlt wird. Angehörigen und ehrenamtlichen Pflegepersonen steht außerdem ein kostenloser Pflegekurs zu. Grundsätzlich sinnvoll zur vollständigen Absicherung der Pflegekosten ist eine private Pflegeversicherung.

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