Christliche Patientenverfügung: Mit kirchlichem Beistand vorsorgen

Christliche Patienten­verfügung: Mit kirchlichem Beistand vorsorgen

Die christliche Patienten­verfügung folgt dem Leitbild des Christentums. Sie soll ein Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge schaffen.

Sarah Lange
Sarah Lange
11.02.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Wer eine christliche Patientenverfügung möchte, findet online viele Mustervorlagen. Diese unterscheiden sich nicht von einer regulären, rechtskräftigen Patientenverfügung. Vielmehr sollten Patienten und Vollmachtgeber bei der Erstellung Hilfe erhalten, welche Fragen es zu beantworten gilt und inwiefern die gegebenen Möglichkeiten moralisch dem christlichen Glauben entsprechen.

Rund 45 Millionen Menschen gehörten Stand 2017 einer der beiden großen Kirchen in Deutschland an. Gerade die Endlichkeit des irdischen Lebens, das Mitgefühl und das Geleit auf dem letzten Weg sind bis heute elementar für das Selbstverständnis der christlichen Fürsorge. Im Rahmen der christlichen Patientenvorsorge haben EKD und Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland ihren Teil dazu beigetragen, dass Mitglieder beider Konfessionen auf gemeinsame Standards vertrauen können, wenn es darum geht, die eigene Vorsorge unter christlichen Gesichtspunkten zu regeln. Dazu haben Sie sich auf gemeinsame Leitlinien für eine christliche Patientenverfügung geeinigt.

Was ist die christliche Patientenverfügung?

Die christliche Patientenvorsorge, und damit auch die christliche Patientenverfügung, ist vom Leitbild des Christentums getragen. Ihr Ziel ist es, die Würde des Menschen in einem besonders kritischen Augenblick zu wahren, indem sie ein Gleichgewicht zwischen der Selbstbestimmung des Patienten und der bestmöglichen Fürsorge für ihn schafft. Wer sich mit der christlichen Patientenverfügung beschäftigt, tritt in Auseinandersetzung über die Frage, welche Behandlungsmöglichkeiten unter medizinischen Gesichtspunkten ausgeschöpft werden sollten. Sind die verfügbaren Behandlungsmethoden gleichzeitig moralisch vertretbar, wenn es darum geht, die eigene Würde zu wahren? Beide Kirchen waren bei der Verständigung auf ein gemeinsames Vorsorgekonzept vom Wunsch getrieben, das Leben des Betroffenen nicht nur biologisch zu erhalten, sondern es auch lebenswert zu bewahren. Vor allem bei der Frage, ob bestimmte Behandlungsmaßnahmen den Sterbeprozess hinauszögern sollten, kann eine christliche Patientenverfügung zusätzliche Orientierung bieten. Denn welche Grenzen gesetzt werden sollten, entscheidet der Betroffene selbst - die christliche Nächstenliebe aber dient hier als moralischer Kompass um über die eigene Behandlung auch nach christlichen Wertmaßstäben zu verfügen.

Wachkoma und die christliche Patientenverfügung

Zu den Kernfragen der kirchlichen Patientenvorsorge gehört die Auseinandersetzung mit dem Wachkoma. Denn die kirchliche Sichtweise unterstützt die Entscheidung zur Beendigung der Behandlung, wenn ein Patient im Sterben liegt. Der vegetative Zustand jedoch, das sogenannte Wachkoma gehört ausdrücklich nicht zum Sterbeprozess. Es steht damit außer Frage, dass Patienten im Wachkoma weiterhin behandelt und nach den Regeln der Kunst umsorgt werden sollen. Hier geht es aus christlicher Sicht darum, dem Menschen so lang als möglich ein schmerz- und leidensfreies Dasein zu ermöglichen. Nur für den Fall, dass der Tod in absehbarer Zeit eintreten sollte oder eine akute Zweiterkrankung den Zustand des Betroffenen gravierend verschlechtert, soll Ziel der Therapie nicht länger die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen sein, sondern eine Linderung der Beschwerden. Der Übergang von der erhaltenden Medizin zur palliativen ist dabei nicht gleichzusetzen mit aktiver Sterbehilfe oder der Tötung auf Verlangen, die beide gesetzlich ausgeschlossen sind. Vielmehr soll es dem Patienten ermöglicht werden, den eigenen Tod zuzulassen und auf "außergewöhnliche Mittel" zur Lebenserhaltung zu verzichten.

Demenz und die christliche Patientenverfügung

Auch dem Umgang mit Demenz widmet die christliche Patientenvorsorge einen eigenen Abschnitt. Die mit der Demenz verbundenen ethischen Fragestellungen will die christliche Patientenvorsorge genauso wie das Wachkoma als Herausforderung verstanden wissen, der erst mit dem Verzicht auf weitergehende Behandlung begegnet wird, wenn Leiden und Sterben akut erkennbar und ohne Behandlung unausweichlich sind. Die Demenz ist eine fortschreitende und unheilbare Erkrankung, die zum allmählichen und anhaltenden Verfall der Nervenzellen führt. Neben Gedächtnisverlust treten in fortgeschrittenem Stadium Einschränkungen der Denk- und Urteilsfähigkeit auf. Auf die meisten Menschen wirkt die Vorstellung vom Verlust der eigenen Verstandesfähigkeit stark abschreckend. Die erste Einschätzung geht oft dahin, keine lebensverlängernden Maßnahmen bei akuter Demenz zu wünschen. Die Komplexität des Falls besteht darin, dass Demenz-Erkrankte auch im fortgeschrittenen Stadium emotional weiterhin erreichbar und auch ansprechbar sind. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist es keinesfalls erwiesen, dass ein akut Demenzkranker ein unglückliches Leben führt und den Tod dem eigenen Leben vorzieht. Darum sollte eine Patientenverfügung nicht vorschnell darauf abzielen, im Fall einer akuten Demenz-Erkrankung lebensverlängernde Maßnahmen rundheraus abzulehnen. Die christliche Patientenverfügung setzt genau wie beim Wachkoma darauf, das lebenswerte Dasein so lang als möglich therapeutisch zu begleiten und erst dann das Ableben zuzulassen, wenn eine akute Zweiterkrankung auftritt oder die Demenzerkrankung in ihre terminale Phase eingetreten ist, und der Tod des Betroffenen akut absehbar ist.

Organspende und die christliche Patientenverfügung

Die christlichen Kirchen sehen keine moralische Verpflichtung, der Organspende oder Gewebespende zuzustimmen, allerdings erkennen sie ausdrücklich die Möglichkeit an, mit der Organspende über den eigenen Tod hinaus einen Akt aktiver Nächstenliebe zu vollziehen. In ihrer gemeinsam herausgegebenen Handreichung raten die Kirchen in Deutschland darum zur Beantragung eines eigenen Organspendeausweises für den Fall, dass ein Betroffener seine Bereitschaft zur Organspende signalisieren möchte.

Darauf sollten Sie achten?

Ob weltlicher oder christlicher Schwerpunkt: Bei der Vorbereitung der eigenen Vorsorgedokumente lohnt es grundsätzlich, sich mit den eigenen Wertvorstellungen, möglichen Therapien und ihren Auswirkungen auf das eigene Wohlergehen auseinanderzusetzen. Dazu ist es nicht entscheidend, ob Sie Mitglied einer Kirche sind. Eine christliche Patientenverfügung kann Ihnen bei der Auseinandersetzung helfen, wie Sie Ihr Leben mit dem höchstmöglichen Maß an Lebensqualität fortsetzen zu können, wenn es zum akuten Ernstfall kommt. Wer eignet sich als fürsorglicher Betreuer? Welche Fähigkeiten machen Ihr Leben lebenswert? Inwieweit sind Sie bereit, Freiheiten auch aufzugeben?

Haben Sie weitere Fragen rund um das Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht? Dann informieren Sie sich jetzt in unseren Informationsangeboten werfen Sie einen Blick in das Afilio-Lexikon rund um Vorsorge und Versicherung.

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