Christliche Patientenverfügung: Mit kirchlichem Beistand vorsorgen

Christliche Patienten­verfügung: Mit kirchlichem Beistand vorsorgen

Die christliche Patienten­verfügung folgt dem Leitbild des Christentums. Sie soll ein Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge schaffen.

Sarah Lange
Sarah Lange
11.02.2019
Das Wichtigste in Kürze:
  • Die christliche Patientenverfügung unterscheidet sich in Ansatz, Behandlungsmethoden und Aufbau nicht wesentlich von klassischen Patientenvorlagen ohne christlich-institutionellen Bezug. Sie soll vielmehr ihren Verfassern Unterstützung bei der Frage leisten, welche Entscheidungen zu treffen sind, und wie sie mit christlichen Wertvorstellungen in Einklang zu bringen sind.

Rund 44 Millionen Menschen gehörten Stand 2018 einer der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland an. Christliches Mitgefühl und das Geleit auf dem letzten Weg sind für viele von ihnen maßgeblich für das Selbstverständnis konfessioneller Fürsorge. Im Rahmen der christlichen Patientenvorsorge haben EKD und Deutsche Bischofskonferenz (DBK) gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland die Grundlagen für eine gemeinsame Vorsorgeregelung getroffen.

Was ist die christliche Patientenverfügung?

Die christliche Patientenvorsorge, bzw. christliche Patientenverfügung ist vom Leitbild des Christentums getragen. Ihr Ziel ist es, die Würde des Menschen in einem besonders kritischen Augenblick zu wahren, indem sie ein Gleichgewicht zwischen der Selbstbestimmung des Patienten und der bestmöglichen Fürsorge für ihn schafft. Wer sich mit der Frage beschäftigt, welche Behandlungsmöglichkeiten unter medizinischen Gesichtspunkten ausgeschöpft werden sollten, begegnet muss auch entscheiden, ob und welche Maßnahmen in einem konkreten Fall ergriffen werden sollen, und welche nicht. Hier treffen Vorstellungen der Selbstbestimmtheit auf Grundsätze der menschlichen einerseits und christliche Gebote zum Schutz des Lebens andererseits. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, haben sich beide großen Kirchen auf eine gemeinsame Vorsorgeregelung geeinigt, die nicht nur zum Ziel hat, ein würdevolles Leben des Betroffenen zu ermöglichen, sondern auch schwierige Entscheidungen in weitestgehenden Einklang mit überlieferten Maßstäben der Unversehrtheit des Menschen zu bringen.
Das berührt in erster Linie Fragen, inwieweit es vertretbar ist, durch bestimmte Behandlungsmaßnahmen den Sterbeprozess hinauszuzögern. Welche Grenzen gesetzt werden, entscheidet jeder Betroffene selbst - das christliche Weltbild aber dient hier als moralischer Kompass, um über die eigene Behandlung auch nach christlichen Wertmaßstäben zu verfügen.

Wachkoma und die christliche Patientenverfügung

Zu den Kernfragen der kirchlichen Patientenvorsorge gehört die Auseinandersetzung mit dem Wachkoma. Denn die kirchliche Sichtweise unterstützt die Entscheidung zur Beendigung der Behandlung, wenn ein Patient im Sterben liegt. Der vegetative Zustand jedoch, das sogenannte Wachkoma, gehört ausdrücklich nicht zum Sterbeprozess. Patienten im Wachkoma werden also weiterhin behandelt und nach den Regeln der Kunst umsorgt werden sollen.
Hier geht es aus christlicher Sicht darum, dem Menschen so lang als möglich ein schmerz- und leidensfreies Dasein zu ermöglichen. Nur für den Fall, dass der Tod in absehbarer Zeit eintreten sollte oder eine akute Zweiterkrankung den Zustand des Betroffenen gravierend verschlechtert, soll Ziel der Therapie nicht länger die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen sein, sondern eine Linderung der Beschwerden. Der Übergang von der erhaltenden Medizin zur palliativen Behandlung ist dabei nicht gleichzusetzen mit aktiver Sterbehilfe oder der Tötung auf Verlangen, die beide gesetzlich ausgeschlossen sind. Vielmehr soll es dem Patienten ermöglicht werden, den eigenen Tod zuzulassen und auf "außergewöhnliche Mittel" zur Lebenserhaltung zu verzichten.

Demenz und die christliche Patientenverfügung

Auch dem Umgang mit Demenz widmet die christliche Patientenvorsorge einen eigenen Abschnitt. Die mit der Demenz verbundenen ethischen Fragestellungen will die christliche Patientenvorsorge genauso wie das Wachkoma als Herausforderung verstanden wissen, der erst mit dem Verzicht auf weitergehende Behandlung begegnet wird, wenn Leiden und Sterben akut erkennbar und ohne Behandlung unausweichlich sind.
Demenz ist eine fortschreitende und unheilbare Erkrankung, die zum allmählichen und anhaltenden Verfall der Nervenzellen führt. Neben Gedächtnisverlust treten in fortgeschrittenem Stadium Einschränkungen der Denk- und Urteilsfähigkeit auf. Auf die meisten Menschen wirkt die Vorstellung vom Verlust der eigenen Verstandesfähigkeit erschreckend. Die erste Einschätzung geht demzufolge auch oft dahin, keine lebensverlängernden Maßnahmen bei akuter Demenz zu wünschen. Die Komplexität des Falls besteht darin, dass Demenzerkrankte auch im fortgeschrittenen Stadium emotional weiterhin erreichbar und auch ansprechbar sind. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist es keinesfalls erwiesen, dass ein akut Demenzkranker ein unglückliches Leben führt und den Tod dem eigenen Leben vorzieht. Darum sollte eine Patientenverfügung nicht vorschnell darauf abzielen, im Fall akuter Demenz lebensverlängernde Maßnahmen rundheraus abzulehnen. Die christliche Patientenverfügung setzt genau wie beim Wachkoma darauf, das lebenswerte Dasein so lang als möglich therapeutisch zu begleiten und erst dann das Ableben zuzulassen, wenn eine akute Zweiterkrankung auftritt oder die Demenzerkrankung in ihre terminale Phase eingetreten ist, und der Tod des Betroffenen akut absehbar ist.

Organspende und die christliche Patientenverfügung

Die christlichen Kirchen sehen keine moralische Verpflichtung, einer Organspende oder Gewebespende zuzustimmen, allerdings erkennen sie ausdrücklich die Möglichkeit an, mit der Organspende über den eigenen Tod hinaus einen Akt aktiver Nächstenliebe zu vollziehen. In ihrer gemeinsam herausgegebenen Handreichung raten die Kirchen in Deutschland darum zur Beantragung eines eigenen Organspendeausweises für den Fall, dass ein Betroffener seine Bereitschaft zur Organspende signalisieren möchte.

Darauf sollten Sie achten

Ob weltlicher oder christlicher Schwerpunkt: Bei der Vorbereitung der eigenen Vorsorgedokumente lohnt es grundsätzlich, sich mit den eigenen Wertvorstellungen, möglichen Therapien und ihren Auswirkungen auf das eigene Wohlergehen auseinanderzusetzen. Dazu ist es nicht entscheidend, ob Sie Mitglied einer Kirche sind. Eine christliche Patientenverfügung kann Ihnen bei der Auseinandersetzung helfen, wie Sie Ihr Leben mit dem höchstmöglichen Maß an Lebensqualität fortsetzen zu können, wenn es zum akuten Ernstfall kommt. Wer eignet sich als fürsorglicher Betreuer? Welche Fähigkeiten machen Ihr Leben lebenswert? Inwieweit sind Sie bereit, Freiheiten auch aufzugeben?

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