Patienten­verfügung bei Demenz: Das müssen Sie wissen

von Afilio
18.09.2020 (aktualisiert: 09.02.2021)
Das Wichtigste in Kürze:
  • Mit einer Patienten­verfügung können Menschen, die an einer Demenz erkranken, ihre Behandlungs­wünsche für eine Zeit festhalten, in der sie nicht mehr selbst entscheiden können.
  • Wenn Sie befürchten an einer Demenz zu erkranken oder bereits die Diagnose erhalten haben, sollten Sie so schnell wie möglich eine Patienten­verfügung aufsetzen.
  • Lassen Sie sich am besten Ihre Einwilligungsfähigkeit von einem Arzt bescheinigen, damit die Patienten­verfügung im Ernstfall auch anerkannt wird.

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium können die Tragweite von medizinischen Behandlungen nicht mehr einschätzen. Trotzdem sollen die Behandlungen in ihrem Sinn erfolgen. Mit einer Patienten­verfügung können Sie vorsorgen.

Patienten­verfügung: So halten Sie Ihren Willen wirksam fest

In der Patienten­verfügung halten Sie Ihre Behandlungs­wünsche fest, für den Fall, dass Sie diese irgendwann nicht mehr selbst äußern können. Das Dokument muss nicht notariell beglaubigt werden, Ihre Unterschrift genügt. Einmal erstellt, ist die Patienten­verfügung unbeschränkt gültig, sie kann aber jederzeit formlos geändert oder widerrufen werden. Das heißt, Sie können Ihre Willensänderung auch verbal und selbst durch Körpersprache mitteilen.

Jede volljährige Person, die einwilligungsfähig ist, kann eine Patienten­verfügung verfassen. Ihre Patienten­verfügung muss möglichst konkret formuliert sein. Sie sollten verschiedene Krankheitszustände und Lebensumstände beschreiben und Ihre jeweiligen Behandlungs­wünsche in dieser Situation klar äußern. Nur so können später Ärzte, Verwandte oder Betreuer wissen, wie sie in Ihrem Sinne handeln sollen. Sollte die Patienten­verfügung nicht wirksam sein oder in einer bestimmten Situation nicht zutreffen, wird Ihr mutmaßlicher Wille ermittelt, z. B. indem Angehörige befragt werden.

Es ist sinnvoll, die Patienten­verfügung regelmäßig zu erneuern oder ggf. zu ändern, damit für die behandelnden Ärzte kein Zweifel besteht, dass die Verfügung Ihren aktuellen Willen widerspiegelt. Erneuerungen sind insbesondere angebracht, wenn sich Ihre Lebensumstände ändern, zum Beispiel durch Scheidung oder die Diagnose einer schweren Krankheit.

Demenz: So wirkt sich die Krankheit aus

Bei Demenzerkrankten lassen die geistigen Fähigkeiten mit der Zeit immer mehr nach. Die Symptome verschlechtern sich dabei schleichend und sind gerade am Anfang der Erkrankung oft nicht eindeutig von normalen Symptomen des Älterwerdens zu unterscheiden. Typisch sind ein schlechteres Gedächtnis und nachlassende Lernfähigkeit. Zunächst leidet meist das Kurzzeitgedächtnis. Die Betroffenen vergessen, was gerade passiert ist, können sich aber noch gut an länger zurückliegende Ereignisse erinnern. Mit der Zeit verschlechtert sich dann aber ebenfalls das Langzeitgedächtnis. Zudem verändern sich Verhalten und Persönlichkeit der Patienten.

Paar puzzelt Papiergehirn zusammen
Durch eine Demenz verändert sich auch die Persönlichkeit eines Menschen. Wer sichergehen möchte, dass in diesem Zustand die Wünsche berücksichtigt werden, die er hatte, als er gesund war, sollte eine Patienten­verfügung erstellen.

Zu Beginn der Demenz ist es den Betroffenen meist noch möglich, ein selbstständiges Leben zu führen, wenn es keine weiteren Erkrankungen gibt, die dies verhindern. Im mittleren Stadium können nur noch einfache Tätigkeiten wie Essen oder Waschen selbst ausgeführt werden, die Sprechfähigkeit und das Sprachverständnis nehmen ab. Schließlich sind die Patienten im fortgeschrittenen Stadium dann komplett auf die Hilfe anderer angewiesen. Gespräche sind in diesem Stadium oft kaum noch möglich, selbst enge Familienangehörige werden nicht mehr erkannt, die Betroffenen vermengen oft Gegenwart und Vergangenheit und können auch Halluzinationen erfahren. Hierzulande haben 1,4 Millionen Menschen eine Demenz. Bei den 65- bis 69-Jährigen sind 2 Prozent betroffen, bei der Altersgruppe 80 bis 84 Jahre etwa 10 Prozent.

Patienten­verfügung und Demenz: Mögliche Probleme

Im Alltag können bei Patienten­verfügungen von Demenzpatienten zwei spezifische Probleme auftreten:

1. Es ist unklar, ob die Person einwilligungsfähig war, als sie die Patienten­verfügung verfasst hat.

2. Die Person widerruft im nicht mehr einwilligungsfähigen Zustand die Aussagen, die sie zuvor im einwilligungsfähigen Zustand in der Patienten­verfügung festgehalten hat.

Wann ist eine Person einwilligungsfähig?

Laut Gesetz können einwilligungsfähige Erwachsene eine Patienten­verfügung aufsetzen. Einwilligungsfähig ist, wer sich über die Konsequenzen einer Entscheidung bewusst ist. Durch den schleichenden Fortlauf der Demenzerkrankung ist für Laien oftmals nicht eindeutig zu erkennen, wann diese Grenze überschritten ist. Auch für den behandelnden Arzt kann es schwer sein, Jahre später einzuschätzen, ob der Patient noch einwilligungsfähig war, als er die Patienten­verfügung verfasste. Beachten Sie auch, dass es einen Unterschied zwischen Einwilligungsfähigkeit und Geschäfts­fähigkeit gibt. Letztere ist für das Erstellen der Patienten­verfügung nicht nötig.

Aktueller Wille oder Patienten­verfügung: Was hat Vorrang?

Der spätere Widerruf der Patienten­verfügung durch den mittlerweile nicht mehr einwilligungsfähigen Verfasser kann Mediziner, Betreuer und Angehörige vor ein ethisches Dilemma stellen, denn der Gesetzgeber hat für einen solchen Fall keine Richtlinien vorgegeben. Einerseits ist die Patienten­verfügung unbeschränkt gültig, andererseits soll die Behandlung nach dem aktuellen Willen des Patienten erfolgen.

Tipp: Mehr zum Thema Patienten­verfügung und Ethik finden Sie in unserem Ratgeber.

Grundsätzlich gibt es hier zwei Standpunkte: Der erste Standpunkt besagt, dass im Zweifelsfall der aktuelle Wille des Patienten Vorrang haben sollte. Dies beruht auf der Beobachtung, dass viele schwerkranke Menschen leben wollen und Lebensqualität empfinden, auch wenn sie erhebliche Einschränkungen erleben. Es kann daher sein, dass die Patienten­verfügung zum Zeitpunkt ihres Einsatzes nicht mehr aktuell ist, da sich der Wille des Autors geändert hat. Dies kann insbesondere bei Demenzpatienten der Fall sein, da sich Persönlichkeit, Verhalten oder Wertvorstellungen ändern können. Mediziner sollen darum den aktuellen Willen mit den in der Patienten­verfügung formulierten Wünschen vergleichen und sich im Zweifelsfall nach dem aktuellen Willen richten.

Der zweite Standpunkt besagt, dass im Zweifelsfall die Patienten­verfügung Vorrang haben sollte. Wenn ein Patient die Demenzerkrankung in der Patienten­verfügung antizipiert hat, dann ist diese Ausdruck seines autonomen Willens und Teil seines vorausschauenden Lebensentwurfs. Als solche kann die Patienten­verfügung nicht auf eine Stufe gestellt werden mit Äußerungen, die der Patient im nicht einwilligungsunfähigen Zustand macht. Diese Aussagen sollen darum nicht als Willensänderung oder Widerruf der Patienten­verfügung missverstanden werden.

Wenn der aktuelle Wille nicht mit der Patienten­verfügung übereinstimmt, wird der Arzt prüfen, ob der Patient seinen Willen geändert hat. Dabei werden verschiedene Faktoren berücksichtigt, wie mündliche Aussagen oder Verhaltensänderungen, oft werden auch die Aussagen von Betreuern oder Angehörigen einbezogen.

Mann mit Demenz und Ehefrau
Bekommen Sie die Diagnose Demenz, sollten Sie keine Zeit verstreichen lassen und schnellstmöglich eine Patienten­verfügung erstellen.

Fazit: Ist die Patienten-verfügung für Demenzpatienten geeignet?

Die Patienten­verfügung ist ein gutes Mittel für Demenzpatienten, um ihre Behandlungs­wünsche für die Zeit festzuhalten, wenn sie diese selbst nicht mehr äußern können. Für Demenzpatienten ist es extrem wichtig, ihren Willen konkret für jede mögliche Behandlungs­situation festzuhalten. Wir raten Ihnen, sich bei der Erstellung der Patienten­verfügung von Ihrem Hausarzt Unterstützung zu holen. Er kann mit Ihnen alle möglichen Behandlungs- und Lebenssituationen durchgehen, die bei Demenz auftreten können. Anschließend können Sie Ihr Dokument über Afilio erstellen, und Ihre Wünsche mit rechtlich verbindlichen Formulierungen festhalten.

Wenn Sie die Diagnose Demenz erhalten haben oder befürchten, dass Sie in Zukunft an Demenz erkranken könnten, sollten Sie keine Zeit mit der Erstellung der Patienten­verfügung verlieren. Erneuern Sie das Dokument am besten einmal im Jahr. Das geht ganz einfach mit Datum und Unterschrift. Wir raten Ihnen, der Patienten­verfügung ein ärztliches Attest beizufügen, das Ihre Einwilligungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Erstellung bescheinigt. Dieses sollte dann auch jedes Jahr erneuert werden.

Ergänzend oder alternativ zur Patienten­verfügung können Sie eine Vorsorge­vollmacht und Betreuungs­verfügung erstellen. Darin benennen Sie eine oder mehrere Personen, die für Sie entscheiden sollen, wenn es Ihnen nicht mehr möglich ist. Mit dieser Person sollten Sie ein ausführliches Gespräch über Ihre Wünsche, Wertvorstellungen und Ängste führen, damit sie später auch einmal in Ihrem Sinne entscheiden kann. Die bevollmächtigte Person sollte eine Kopie der Patienten­verfügung erhalten oder zumindest wissen, wo diese zu finden ist.

Mehr zum Unterschied zwischen Patienten­verfügung, Vorsorge­vollmacht und Betreuungs­verfügung erfahren Sie in unserem Ratgeber.

Achtung: Wer die Christliche Patienten­verfügung nutzt, muss seine Vorstellungen zum Thema Demenz handschriftlich im Freitextfeld aufführen, da das Ankreuzformular selbst keine Angaben zu diesem Fall erlaubt.

Häufig gestellte Fragen

Welche Vollmacht bei Demenz?

Neben einer Patienten­verfügung sollten Sie auf jeden Fall eine Vorsorge­vollmacht oder eine Betreuungs­verfügung aufsetzen. In der Vorsorge­vollmacht bevollmächtigen Sie eine Vertrauensperson, die im Ernstfall medizinische und andere Entscheidungen für Sie treffen darf. Soll diese Person auch über Bankgeschäfte entscheiden können, sollten Sie auch eine Bank­vollmacht aufsetzen.

Gibt es keine Person, der Sie uneingeschränkt vertrauen, ist eine Betreuungs­verfügung die bessere Wahl. Darin schlagen Sie eine Person vor, die als Betreuer vom Betreuungs­gericht bestellt werden soll. Das Gericht prüft die Eignung der Person und kann sie bestellen oder ablehnen. Egal wer letztlich Ihr Betreuer wird: Diese Person kann nicht frei entscheiden, sondern wird zu Ihrer Sicherheit vom Gericht überwacht.

Wer entscheidet bei Demenz?

Wird bei Ihnen eine Demenz diagnostiziert und Sie befinden sich irgendwann in einem Zustand, in dem Sie nicht mehr einwilligungsfähig sind, ist eine Patienten­verfügung der erste Anhaltspunkt für die Entscheidung über medizinische Behandlungen. Sind die Regelungen in Ihrer Verfügung für die Situation nicht eindeutig, müssen Ärzte bei einer bevollmächtigten Person oder einem gerichtlich bestellten Betreuer eine Entscheidung einholen.

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