Patientenverfügung bei Demenz: Das müssen Sie wissen

Patienten­verfügung bei Demenz: Das müssen Sie wissen

18.09.2020

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium können die Tragweite von medizinischen Behandlungen nicht mehr einschätzen. Trotzdem sollen die Behandlungen in ihrem Sinn erfolgen. Mit einer Patientenverfügung können Sie vorsorgen.

Patientenverfügung: So halten Sie Ihren Willen wirksam fest

In der Patientenverfügung halten Sie Ihre Behandlungswünsche fest, für den Fall, dass Sie diese irgendwann nicht mehr selbst äußern können. Das Dokument muss nicht notariell beglaubigt werden, Ihre Unterschrift genügt. Einmal erstellt, ist die Patientenverfügung unbeschränkt gültig, sie kann aber jederzeit formlos geändert oder widerrufen werden. Das heißt, Sie können Ihre Willensänderung auch verbal und selbst durch Körpersprache mitteilen.

Jede volljährige Person, die einwilligungsfähig ist, kann eine Patientenverfügung verfassen. Ihre Patientenverfügung muss möglichst konkret formuliert sein. Sie sollten verschiedene Krankheitszustände und Lebensumstände beschreiben und Ihre jeweiligen Behandlungswünsche in dieser Situation klar äußern. Nur so können später Ärzte, Verwandte oder Betreuer wissen, wie sie in Ihrem Sinne handeln sollen. Sollte die Patientenverfügung nicht wirksam sein oder in einer bestimmten Situation nicht zutreffen, wird Ihr mutmaßlicher Wille ermittelt, zum Beispiel indem Angehörige befragt werden.

Es ist sinnvoll, die Patientenverfügung regelmäßig zu erneuern oder ggf. zu ändern, damit für die behandelnden Ärzte kein Zweifel besteht, dass die Verfügung Ihren aktuellen Willen widerspiegelt. Erneuerungen sind insbesondere angebracht, wenn sich Ihre Lebensumstände ändern, zum Beispiel durch Scheidung oder die Diagnose einer schweren Krankheit.

Demenz: So wirkt sich die Krankheit aus

Bei Demenzerkrankten lassen die geistigen Fähigkeiten mit der Zeit immer mehr nach. Die Symptome verschlechtern sich dabei schleichend und sind gerade am Anfang der Erkrankung oft nicht eindeutig von normalen Symptomen des Älterwerdens zu unterscheiden, wie schlechteres Gedächtnis und nachlassende Lernfähigkeit. Zunächst leidet meist das Kurzzeitgedächtnis. Die Betroffenen vergessen, was gerade passiert ist, können sich aber noch gut an länger zurückliegende Ereignisse erinnern. Mit der Zeit verschlechtert sich dann aber ebenfalls das Langzeitgedächtnis. Zudem verändern sich Verhalten und Persönlichkeit der Patienten.

Paar puzzelt Papiergehirn zusammen
Durch eine Demenz verändert sich auch die Persönlichkeit eines Menschen. Wer sichergehen möchte, dass in diesem Zustand die Wünsche berücksichtigt werden, die er hatte, als er gesund war, sollte eine Patienten­verfügung erstellen.

Zu Beginn der Demenz ist es den Betroffenen meist noch möglich, ein selbstständiges Leben zu führen, wenn es keine weiteren Erkrankungen gibt, die dies verhindern. Im mittleren Stadium können nur noch einfache Tätigkeiten wie Essen oder Waschen selbst ausgeführt werden, die Sprechfähigkeit und das Sprachverständnis nehmen ab. Schließlich sind die Patienten im fortgeschrittenen Stadium dann komplett auf die Hilfe anderer angewiesen. Gespräche sind in diesem Stadium oft kaum noch möglich, selbst enge Familienangehörige werden nicht mehr erkannt, die Betroffenen vermengen oft Gegenwart und Vergangenheit und können auch Halluzinationen erfahren. Hierzulande haben 1,4 Millionen Menschen eine Demenz. Bei den 65- bis 69-Jährigen sind 2 Prozent betroffen, bei der Altersgruppe 80 bis 84 Jahre etwa 10 Prozent.

Patientenverfügung und Demenz: Mögliche Probleme

Im Alltag können bei Patientenverfügungen von Demenzpatienten zwei spezifische Probleme auftreten:

1. Es ist unklar, ob die Person einwilligungsfähig war, als sie die Patientenverfügung verfasst hat.

2. Die Person widerruft im nicht mehr einwilligungsfähigen Zustand die Aussagen, die sie zuvor im einwilligungsfähigen Zustand in der Patientenverfügung festgehalten hat.

Wann ist eine Person einwilligungsfähig?

Laut Gesetz können einwilligungsfähige Erwachsene eine Patientenverfügung aufsetzen. Einwilligungsfähig ist, wer sich über die Konsequenzen einer Entscheidung bewusst ist. Durch den schleichenden Fortlauf der Demenzerkrankung ist für Laien oftmals nicht eindeutig zu erkennen, wann diese Grenze überschritten ist. Auch für den behandelnden Arzt kann es schwer sein, Jahre später einzuschätzen, ob der Patient noch einwilligungsfähig war, als er die Patientenverfügung verfasste. Beachten Sie auch, dass es einen Unterschied zwischen Einwilligungsfähigkeit und Geschäftsfähigkeit gibt. Letztere ist für das Erstellen der Patientenverfügung nicht nötig.

Aktueller Wille oder Patientenverfügung: Was hat Vorrang?

Der spätere Widerruf der Patientenverfügung durch den mittlerweile nicht mehr einwilligungsfähigen Verfasser kann Mediziner, Betreuer und Angehörige vor ein ethisches Dilemma stellen, denn der Gesetzgeber hat für einen solchen Fall keine Richtlinien vorgegeben. Einerseits ist die Patientenverfügung unbeschränkt gültig, andererseits soll die Behandlung nach dem aktuellen Willen des Patienten erfolgen.

Tipp: Mehr zum Thema Patientenverfügung und Ethik finden Sie in unserem Ratgeber.

Grundsätzlich gibt es hier zwei Standpunkte: Der erste Standpunkt besagt, dass im Zweifelsfall der aktuelle Wille des Patienten Vorrang haben sollte. Dies beruht auf der Beobachtung, dass viele schwerkranke Menschen leben wollen und Lebensqualität empfinden, auch wenn sie erhebliche Einschränkungen erleben. Es kann daher sein, dass die Patientenverfügung zum Zeitpunkt ihres Einsatzes nicht mehr aktuell ist, da sich der Wille des Autors geändert hat. Dies kann insbesondere bei Demenzpatienten der Fall sein, da sich Persönlichkeit, Verhalten oder Wertvorstellungen ändern können. Mediziner sollen darum den aktuellen Willen mit den in der Patientenverfügung formulierten Wünschen vergleichen und sich im Zweifelsfall nach dem aktuellen Willen richten.

Der zweite Standpunkt besagt, dass im Zweifelsfall die Patientenverfügung Vorrang haben sollte. Wenn ein Patient die Demenzerkrankung in der Patientenverfügung antizipiert hat, dann ist diese Ausdruck seines autonomen Willens und Teil seines vorausschauenden Lebensentwurfs. Als solche kann die Patientenverfügung nicht auf eine Stufe gestellt werden mit Äußerungen, die der Patient im nicht einwilligungsunfähigen Zustand macht. Diese Aussagen sollen darum nicht als Willensänderung oder Widerruf der Patientenverfügung missverstanden werden.

Wenn der aktuelle Wille nicht mit der Patientenverfügung übereinstimmt, wird der Arzt prüfen, ob der Patient seinen Willen geändert hat. Dabei werden verschiedene Faktoren berücksichtigt, wie mündliche Aussagen oder Verhaltensänderungen, oft werden auch die Aussagen von Betreuern oder Angehörigen einbezogen.

Mann mit Demenz und Ehefrau
Bekommen Sie die Diagnose Demenz, sollten Sie keine Zeit verstreichen lassen und schnellstmöglich eine Patienten­verfügung erstellen.

Fazit: Ist die Patientenverfügung für Demenzpatienten geeignet?

Die Patientenverfügung ist ein gutes Mittel für Demenzpatienten, um ihre Behandlungswünsche für die Zeit festzuhalten, wenn sie diese selbst nicht mehr äußern können. Wie Sie gesehen haben, ist es für Demenzpatienten extrem wichtig, ihren Willen konkret für jede mögliche Behandlungssituation festzuhalten. Wir raten Ihnen, sich bei der Erstellung der Patientenverfügung von Ihrem Hausarzt Unterstützung zu holen. Er kann mit Ihnen alle möglichen Behandlungs- und Lebenssituationen durchgehen, die bei Demenz auftreten können. Anschließend können Sie Ihr Dokument über Afilio erstellen, und Ihre Wünsche mit rechtlich verbindlichen Formulierungen festhalten.

Wenn Sie die Diagnose Demenz erhalten haben oder befürchten, dass Sie in Zukunft an Demenz erkranken könnten, sollten Sie keine Zeit mit der Erstellung der Patientenverfügung verlieren. Erneuern Sie das Dokument am besten einmal im Jahr. Das geht ganz einfach mit Datum und Unterschrift. Wir raten Ihnen, der Patientenverfügung ein ärztliches Attest beizufügen, das Ihre Einwilligungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Erstellung bescheinigt. Dieses sollte dann auch jedes Jahr erneuert werden.

Ergänzend oder alternativ zur Patientenverfügung können Sie eine Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung erstellen. Darin benennen Sie eine oder mehrere Personen, die für Sie entscheiden sollen, wenn es Ihnen nicht mehr möglich ist. Mit dieser Person sollten Sie ein ausführliches Gespräch über Ihre Wünsche, Wertvorstellungen und Ängste führen, damit sie später auch einmal in Ihrem Sinne entscheiden kann. Die bevollmächtigte Person sollte eine Kopie der Patientenverfügung erhalten oder zumindest wissen, wo diese zu finden ist.

Mehr zum Unterschied zwischen Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung erfahren Sie in unserem Ratgeber.

Achtung: Wer die Christliche Patientenverfügung nutzt, muss seine Vorstellungen zum Thema Demenz handschriftlich im Freitextfeld aufführen, da das Ankreuzformular selbst keine Angaben zu diesem Fall erlaubt.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Mit einer Patientenverfügung können Menschen, die an einer Demenz erkranken, ihre Behandlungswünsche für eine Zeit festhalten, in der sie nicht mehr selbst entscheiden können.
  • Wenn Sie befürchten an einer Demenz zu erkranken oder bereits die Diagnose erhalten haben, sollten Sie so schnell wie möglich eine Patientenverfügung aufsetzen.
  • Lassen Sie sich am besten Ihre Einwilligungsfähigkeit von einem Arzt bescheinigen, damit die Patientenverfügung im Ernstfall auch anerkannt wird.

Häufig gestellte Fragen

Welche Vollmacht bei Demenz?

Neben einer Patientenverfügung sollten Sie auf jeden Fall eine Vorsorgevollmacht oder eine Betreuungsverfügung aufsetzen. In der Vorsorgevollmacht bevollmächtigen Sie eine Vertrauensperson, die im Ernstfall medizinische und andere Entscheidungen für Sie treffen darf. Soll diese Person auch über Bankgeschäfte entscheiden können, sollten Sie auch eine Bankvollmacht aufsetzen.

Gibt es keine Person, der Sie uneingeschränkt vertrauen, ist eine Betreuungsverfügung die bessere Wahl. Darin schlagen Sie eine Person vor, die als Betreuer vom Betreuungsgericht bestellt werden soll. Das Gericht prüft die Eignung der Person und kann sie bestellen oder ablehnen. Egal wer letztlich Ihr Betreuer wird: Diese Person kann nicht frei entscheiden, sondern wird zu Ihrer Sicherheit vom Gericht überwacht.

Wer entscheidet bei Demenz?

Wird bei Ihnen eine Demenz diagnostiziert und Sie befinden sich irgendwann in einem Zustand, in dem Sie nicht mehr einwilligungsfähig sind, ist eine Patientenverfügung der erste Anhaltspunkt für die Entscheidung über medizinische Behandlungen. Sind die Regelungen in Ihrer Verfügung für die Situation nicht eindeutig, müssen Ärzte bei einer bevollmächtigten Person oder einem gerichtlich bestellten Betreuer eine Entscheidung einholen.

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