Inkontinenz­material: Diese Mittel gibt es für Erwachsene

von Vanessa Dreßler
15.01.2020 (aktualisiert: 23.09.2021)
Das Wichtigste in Kürze:
  • Inkontinenz­material hilft und unterstützt bei Blasenschwäche sowie Stuhlinkontinenz
  • Verschiedene Modelle und Ausführungen für individuelle Bedürfnisse
  • Die Kranken­kasse übernimmt mindestens anteilig die Kosten für Inkontinenz­material

Inkontinenz betrifft allein in Deutschland etwa 10 Millionen Menschen. Auch wenn hinlänglich bekannt ist, dass die Blasenschwäche medizinische Ursachen hat, ist die Erkrankung oft beschämend und belastend für die Betroffenen. Einfache und wirkungsvolle Abhilfe schafft Inkontinenz­material – das sind Hilfsmittel, die dafür sorgen, dass sich Betroffene trotz Blasenschwäche sicherer und wohler fühlen. Oft gibt es sie sogar auf Rezept, und damit auf Kosten der Kranken- oder Pflege­kasse.

Welches Inkontinenz­material gibt es?

Inkontinenz­material fällt in vier unterschiedliche Kategorien von Hilfsmitteln, die auch von der Kranken­kasse oder der zuständigen Pflege­kasse be­zuschusst oder vollständig getragen werden. Betroffene wählen die Hilfsmittel entsprechend des Schweregrades der Inkontinenz, körperlicher Einschränkungen und persönlicher Präferenzen aus.

  • Saugfähige Textilhilfsmittel
  • Anatomische Hilfsmittel
  • Ableitendes Inkontinenz­material
  • Toilettensitze und räumliche Ergänzungen

Saugfähige Textilhilfsmittel:

  • Windeln

Bei Windeln für Erwachsene handelt es sich um die bekannteste Maßnahme zur Alltagsbewältigung bei Inkontinenz. Erwachsenenwindeln oder Inkontinenzwindeln gibt es in unterschiedlichen Größen, Preisklassen und von verschiedenen Herstellern. Ähnlich wie bei Windeln für Kinder handelt es sich bei der Erwachsenenwindel um ein kompaktes, einteiliges Hilfsmittel mit einem umliegenden, elastischen Stützbund, einer Saugfläche, Klebe- oder Kletthaken und Aussparungen für die Beinpartie. Erwachsenenwindeln sind in erster Linie auf hohe Saugfähigkeit von bis zu drei Litern Flüssigkeit ausgelegt und sorgen so für eine zuverlässige Harnaufnahme. Sie eignen sich vor allem bei schwerer Harn- sowie Stuhlinkontinenz und zur Nachtversorgung sowie bei Bettlägerigkeit.

  • Inkontinenzhosen

Für Betroffene, die Komfort und Selbständigkeit miteinander vereinbaren wollen, gibt es seit einigen Jahren sogenannte Inkontinenzhosen. Dabei handelt es sich um Einmalunterwäsche mit integrierter saugfähiger Inneneinlage. Sie kann wie normale Unterwäsche getragen werden und eignet sich vor allem für Personen mit einer leichten bis schweren Inkontinenz, die noch eigenständig zur Toilette gehen können. Viele empfinden diese Unterhosen als angenehmer und praktischer im Vergleich zu Windeln und dabei genauso sicher.

  • Inkontinenzeinlagen

Einlagen, bzw. Inkontinenzeinlagen, sind nicht nur die einfachste Möglichkeit der Harnaufnahme, sie sind auch die unauffälligste Option. Dabei handelt es sich um Einlagen, die den bekannten Damenbinden ähneln. Mithilfe eines Klebestreifens werden sie einfach an der Unterwäsche befestigt und in Position gehalten. Inkontinenzeinlagen verfügen zwar nur über eine begrenzte Aufnahmefähigkeit, dafür gibt es sie in einer Vielzahl von Größen für beide Geschlechter. So passen sie sich dem Körper optimal an. Sie sind besonders geeignet für leichte bis mittlere Schweregrade und erweisen sich mit ihrem Saugvermögen von bis zu 900 ml als sicherer als z. B. Damenbinden.

  • Inkontinenzvorlagen

Für die Betroffenen, die Einlagen bevorzugen, aber eine höhere Saugfähigkeit brauchen, gibt es die Inkontinenzvorlagen. Sie werden direkt am Körper getragen und mit einer zusätzlichen Hose fixiert. Die Vorlagen sind größer und dicker als Einlagen und können so – je nach Modell – bis zu 2-3 Liter Flüssigkeit aufnehmen. Undurchlässige Folie und Innenbündchen sorgen für Auslaufschutz.

Anatomische Hilfsmittel

Sind funktionale Schwächen die Ursache, z. B. eine schwache Beckenbodenmuskulatur, können auch anatomische Hilfsmittel zur Inkontinenzverhütung einen wertvollen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität leisten. Bei den anatomischen Hilfsmitteln lässt sich zwischen auffangenden und unterbindenden Lösungen unterscheiden. Während für Frauen spezielle Inkontinenztampons aus speziellem Kunststoffschaum, Schalen- oder Ringpessare für den Einsatz unter dem Blasenhals und Harnröhren-Plugs in Frage kommen, gibt es für Männer mechanische Hilfen wie Penisbändchen, bzw. -klemmen. All diese Hilfsmittel dienen dazu, den unkontrollierten Abgang von Harnflüssigkeit zu verhindern. Zudem haben Betroffene weiterhin die Möglichkeit, die Blase gezielt zu entleeren.

Ableitendes Inkontinenz­material

Sog. Ableitende Inkontinenzprodukte dienen dazu, unkontrollierten Harnfluss sicher und hygienisch aufzufangen. Vor allem drei bekannte Produktarten haben sich in diesem Bereich etabliert: Der Urinbeutel, der Katheter und Urinalkondome.

  • Urinbeutel

Urinbeutel werden üblicherweise direkt am Körper getragen. Zur Fixierung kommt eine Klett- oder Hakenmanschette zum Einsatz, die am Oberschenkel befestigt wird. Alternativ lässt sich ein Urinbeutel auch am Kranken- bzw. Pflege­bett befestigen, wenn der Betroffene übergangsweise oder dauerhaft bettlägerig sein sollte. Urinbeutel gibt es in verschiedenen Aufnahmegrößen und sie sind auf unterschiedliche Nutzungsdauern ausgelegt. Üblicherweise wird ein Zugang zur Blase in Form eines Katheters gelegt.

  • Katheter

Katheter werden im Rahmen eines kleinen Eingriffs mit der Blase des Betroffenen verbunden und ermöglichen eine zuverlässige Flüssigkeitsableitung über einen längeren Zeitraum. Diese Lösung richtet sich dementsprechend vorrangig an Betroffene, die dauerhaft bettlägerig und / oder stark pflegebedürftig sind. Katheter sind dennoch aufgrund der bestehenden Infektionsgefahr nur als Übergangslösung geeignet.

  • Urinalkondome

Urinalkondome sind eine praktische Alternative zu den zuvor genannten invasiven Methoden für Männer. Das Urinalkondom besteht aus medizinischem Silikon und dient dazu den Urin außerhalb, zugleich aber dicht am Körper aufzufangen. Dazu wird es über das männliche Glied gezogen und mit einem hautverträglichen Spezialkleber an der Außenhaut befestigt. Typischerweise wird das Urinalkondom mit einem Beinbeutel versehen, der den Urin dauerhaft aufnimmt und anschließend entsorgt werden kann.

Wie entscheide ich mich für das richtige Inkontinenz­material?

Die Wahl des passenden Inkontinenz­materials sollte auf die Diagnose, körperlichen Gegebenheiten und die Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmt werden:

  • Handelt es sich um die seltenere Stuhlinkontinenz oder die weitverbreitete Harninkontinenz?
  • Wieviel Harn oder Stuhl muss aufgefangen werden?
  • In welcher Lebenslage und zu welcher Tageszeit ist das passende Inkontinenz­material am wichtigsten?
  • Wie selbständig ist die betroffene Person?
  • Welches Maß an Komfort und Sicherheit ist für den Betroffenen wichtig?
  • Liegen Einschränkungen zur Verwendung von Inkontinenz­material vor, also Entzündungen, Wunden oder Hautveränderungen?

Je nach Einsatzbereich, persönlicher Situation und Präferenzen des Betroffenen kann es sinnvoll sein, mehrere unterschiedliche Arten von Inkontinenz­material zu nutzen, etwa für den unterschiedlichen Tages- und Nachtbedarf. Während für längere Schlafphasen eher saugstarke oder zuverlässig ableitende Funktion von Vorteil ist, kann es im beruflichen Alltag von Vorteil sein, eine Lösung mit höherem Tragekomfort heranzuziehen.

Kostenübernahme von Inkontinenz­material durch die Kranken­kasse

Für die Kostenübernahme ist es notwendig, eine ärztliche Diagnose zur Inkontinenz stellen zu lassen. Die Inkontinenz muss auch als Folgeerscheinung einer vorliegenden Krankheit oder eines akuten Ereignisses aufgetreten sein, z.B. als Ergebnis eines Schlaganfalls. Außerdem ist es notwendig, die Art des Inkontinenzprodukts, die monatlich benötigte Menge, die voraussichtliche Dauer der Behandlung und die Notwendigkeit schriftlich zu begründen. Dafür ist der Hausarzt zuständig.
Wenden Sie sich mit Ihrer ärztlichen Verschreibung an die nächste Apotheke oder ein geeignetes Sanitätshaus. Manche Kranken­kassen schreiben auch die Inanspruchnahme eines bestimmten Versorgungsdienstleisters vor.

Je nach Kassenordnung wird das benötigte Inkontinenz­material anschließend direkt nach Haus geliefert oder kann vor Ort in der zuständigen Apotheke abgeholt werden.

Zuzahlung bei Inkontinenz­material

Obwohl es sich bei Inkontinenzprodukten um verschreibbare Verbrauchsmittel aus dem Hilfsmittelkatalog handelt, müssen volljährige Versicherte für zehn Prozent der Kosten des benötigten Inkontinenz­materials selbst aufkommen, allerdings nur bis zur Höchstgrenze von zehn Euro im Monat. Liegt der Verbrauchsbedarf eines Versicherten jedoch oberhalb der bewilligten Materialmenge, müssen Versicherte für entstehende Extrakosten selbst aufkommen. Erwachsene Versicherte, die die sogenannte persönliche Belastungsgrenze im laufenden Jahr überschritten haben, können sich jedoch auch von der Zuzahlung für Inkontinenz­material befreien lassen.

Kostenübernahme und Zuzahlung bei Inkontinenz­material

Wie bei den meisten Hilfsmitteln auf Rezept oder als Teil der Pflege­leistungen kommen verschiedene Unterstützungsmechanismen in Frage. Allerdings werden Inkontinenz­materialien in aller Regel als ärztlich indizierte Verschreibungsleistungen abgerechnet, dementsprechend ist in allen Fällen die Kranken­kasse Ansprechpartner für Erstattung und Kostenübernahme. Gemäß §33 SGB V können gesetzlich Kranken­versicherte mit Inkontinenz einen Zuschuss ihrer Kranken­kasse für Inkontinenz-Artikel erhalten, sofern die Produkte als Hilfsmittel gelistet sind.

Gut zu wissen

Die persönliche Belastungsgrenze für Zuzahlungen liegt bei zwei Prozent des jährlichen Jahresbruttoeinkommens. Betroffene, die diese Grenze überschreiten, können sich für den Rest des Jahres von Zuzahlungen befreien lassen. Dauerhaft chronische Patienten können eine maximale Belastungsgrenze von einem Prozent geltend machen.

Jede Zuzahlungsbefreiung muss zuvor schriftlich bei der eigenen Kranken­kasse beantragt und begründet werden. Hierzu können ärztliche Nachweise, Einkommensbelege, Ausgaben und weitere Nachweise gefordert werden.

Tipp: Bei Afilio finden Sie noch mehr Ratgeber zu Hilfsmitteln, beispielsweise zu Hörgeräten und zu Gehhilfen.

Quellen

Vanessa Dreßler

Vanessa ist seit Mai 2021 Content-Managerin bei Afilio. Nach ihrem BWL Studium arbeitete sie mehrere Jahre als Content-Managerin in Unternehmen & Agenturen unterschiedlicher Branchen. Hier schreibt sie vor allem über die Themen Vorsorge, Versicherungen und Pflege.

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