Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung?

Vorsorge­vollmacht oder Betreuungs­verfügung?

Afilio
Afilio
23.11.2020

Wer richtig vorsorgt, ist im Ernstfall gut abgesichert und wird von genau den Menschen vertreten, denen er am meisten vertraut. Aber wie genau sieht die beste Vorsorge aus? Ist eine Vorsorgevollmacht oder eine Betreuungsverfügung die bessere Wahl? Wir erklären Ihnen, was Sie wissen müssen.

Vorbereitungen für den Notfall treffen

Noch immer ist es ein weit verbreiteter Irrglaube, dass im Ernstfall die erwachsenen Kinder oder der Ehepartner für einen selbst Entscheidungen treffen können. Doch das ist nicht der Fall: In Deutschland darf niemand einen volljährigen Menschen einfach so vertreten und Entscheidungen für ihn treffen – egal bei welchem Verwandtschaftsgrad. Sie müssen also zwingend Vorsorgemaßnahmen ergreifen, um ihren Lieben das entsprechende Rüstzeug für den Notfall mitzugeben und sicherzustellen, dass sie in Ihrem Sinne handeln können. Zwei Dokumente, die sie dafür nutzen können, sind die Vorsorgevollmacht und die Betreuungsverfügung.

Die Vorsorgevollmacht – ein großer Vertrauensvorschuss

Mit der Vorsorgevollmacht bevollmächtigen Sie eine oder mehrere Personen dazu, Sie in verschiedenen Belangen zu vertreten. Dabei geht es vor allem um die Gesundheitssorge, die viele mit der Vorsorgevollmacht regeln möchten. Legen Sie es so fest, darf die bevollmächtigte Person sich um die Umsetzung Ihrer Patientenverfügung kümmern, also z. B. Auskunft von Ihren Ärzten einholen und über medizinische Eingriffe entscheiden. Allerdings können Sie mit der Vorsorgevollmacht noch weitaus mehr Aufgaben an eine Vertrauensperson übergeben. Vor allem folgende Bereiche können Sie mit dem Dokument regeln:

  • Gesundheit und Pflegebedürftigkeit
  • Aufenthalt und Wohnungsangelegenheiten
  • Vermögen
  • Post- und Fernmeldeverkehr
  • Vertretung vor Gericht und Behörden

Grundsätzlich sind bei der Vorsorgevollmacht zwei Aspekte wichtig: Zum einen soll sie sicherstellen, dass Ihre Vertrauenspersonen im Ernstfall Entscheidungen in Ihrem Sinne treffen können. Zum anderen dient sie gegenüber Dritten als Nachweis der Bevollmächtigung.

Für den ersten Aspekt ist das Innenverhältnis der Vollmacht wichtig: Es handelt sich dabei um eine Vereinbarung zwischen Ihnen und dem Bevollmächtigten, die diesem klare Handlungsanweisungen mit auf den Weg gibt. Geregelt wird z. B. ab wann und wie die Vorsorgevollmacht eingesetzt werden darf. Das Innenverhältnis bedarf keiner speziellen Form, Sie können es z. B. als Brief aufsetzen. In der eigentlichen Vollmachtsurkunde sind diese detaillierten Regelungen hingegen nicht oder nur zu einem kleinen Teil enthalten, denn im Außenverhältnis ist vor allem wichtig, dass Ihre Vertrauenspersonen die Bevollmächtigung unkompliziert nachweisen können.

Dabei ist die Vorsorgevollmacht in jeder Hinsicht mit einem großen Vertrauensvorschuss und einem gewissen Risiko verbunden. Denn Sie können nicht immer überprüfen, ob die bevollmächtigte Person wirklich in Ihrem Sinne handelt. Eine weitere Schwierigkeit: Die Person darf frei handeln und muss nur in besonderen Fällen das Betreuungsgericht einschalten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sie für freiheitsentziehende Maßnahmen, für das Beenden lebenserhaltender Maßnahmen oder für medizinische Eingriffe entscheiden muss, die lebensgefährlich sind oder die Ihre Lebensqualität nachhaltig negativ beeinflussen können. Haben Sie Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit einer Person, sollten Sie sie keinesfalls zu einem Bevollmächtigten machen.

Das darf ein Bevollmächtigter nicht

Der Handlungsbereich des Bevollmächtigten ist eingeschränkt, sodass er höchstpersönliche Rechte des Vollmachtgebers nicht wahrnehmen darf. Er darf weder ein Testament errichten noch eine Ehe schließen oder scheiden lassen. Er ist außerdem nicht dazu befugt, einen Ehevertrag zu schließen, das Wahlrecht des Vollmachtgebers wahrzunehmen oder eine Vaterschaft anzuerkennen oder abzulehnen. Auch darf er nicht für den Vollmachtgeber vor Gericht aussagen.

Frau hilft Vater beim Verfassen einer Vorsorgevollmacht
Teilen Sie Ihrer Vertrauensperson genau mit, was Sie sich wünschen, tragen Sie damit selbst dazu bei, dass sie genau in Ihrem Sinne handeln kann. Auch einem möglichen Betreuer sollten Sie Ihre Vorstellungen schildern.

Die Betreuungsverfügung – wenn es kein uneingeschränktes Vertrauensverhältnis gibt

In der Regel wird die Vorsorgevollmacht erstellt, um die Bestellung eines Betreuers zu vermeiden. Denn liegen keine Vorsorgedokumente vor, muss das Betreuungsgericht einen gesetzlichen Betreuer bestellen, der sich unter Aufsicht des Gerichts um Ihre Angelegenheiten kümmert. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Vorsorgevollmacht ein recht hohes Missbrauchsrisiko birgt, liegt die Überlegung nahe, stattdessen eine Betreuungsverfügung zu erstellen. Allerdings ist das nicht immer die beste Wahl.

Wer seinen Angehörigen grundsätzlich vertraut, sollte eher die Vorsorgevollmacht in Betracht ziehen. Denn damit ist es für die Bevollmächtigten deutlich einfacher, Ihre Belange zu regeln. Zudem müssen sie sich vor niemandem für ihr Handeln rechtfertigen. Anders sieht es aus, wenn sie zu gesetzlichen Betreuern bestellt werden. Dann müssen sie gegenüber dem Betreuungsgericht Rechenschaft ablegen und dabei mitunter jeden Cent, den sie für Sie ausgegeben haben, begründen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Mit der Betreuungsverfügung können Sie den Betreuer nicht bestimmen. Sie äußern lediglich eine Präferenz, die das Betreuungsgericht berücksichtigen muss. Allerdings prüft das Gericht, ob die von Ihnen gewünschte Person für die Betreuung geeignet ist. Kommt es zu dem Schluss, dass dem nicht so ist, bestellt es jemand anderen. Das kann jemand aus Ihrem Umfeld aber ebenso ein Berufsbetreuer sein, der Sie nicht einmal persönlich kennt. Das Gericht bestimmt zudem, welche Aufgaben die ernannte Person übernehmen darf. Können Sie einen Teil Ihrer Angelegenheiten noch selbst klären, werden diese Bereiche nicht an den Betreuer übergeben.

Trotzdem sollten Sie eine Betreuungsverfügung aufsetzen, wenn Sie keinen engen Vertrauten in Ihrem Familien- oder Freundeskreis haben, dem Sie uneingeschränkt vertrauen. So besteht zumindest die Chance, dass Sie im Ernstfall von jemandem betreut werden, der Sie und Ihre Wünsche zur Betreuung kennt. Sprechen Sie unbedingt vorher mit dem möglichen Betreuer über Ihre Vorstellungen. Übrigens: Wenn Sie fürchten, dass eine Person zum Betreuer bestellt wird, die sich keinesfalls um Sie kümmern soll, können Sie diese Person in der Betreuungsverfügung ausschließen.

Formulare für Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung
Neben der Vorsorge­vollmacht und der Betreuungs­verfügung sollten Sie außerdem eine Patienten­verfügung schreiben.

Ersetzt die Vorsorgevollmacht die Betreuungsverfügung?

Oftmals wird die Vorsorgevollmacht aufgesetzt, um ein Betreuungsverfahren zu verhindern, in dem ein gesetzlicher Betreuer bestellt werden muss. Trotzdem ist die Vorsorgevollmacht kein Ersatz für die Betreuungsverfügung. Im besten Fall haben Sie nicht nur eines von beiden Dokumenten, sondern sichern sich doppelt ab. Denn eine Vorsorgevollmacht allein ist nicht immer ausreichend. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Bevollmächtigter ausfällt und kein weiterer benannt wurde. Dann muss das Betreuungsgericht einen Betreuer bestellen. Besser ist es, wenn Sie bereits eine Betreuungsverfügung aufgesetzt haben, in der Sie einen Wunschkandidaten nennen. So erhöhen Sie die Chance, dass im Betreuungsverfahren eine Person bestimmt wird, die Sie kennt und in Ihrem Sinne handelt.

Betreuungsverfügung bei Geschäftsunfähigkeit

Wer bereits geschäftsunfähig ist, kann keine Vorsorgevollmacht mehr erstellen. Trotzdem kann er sich absichern. Die Betreuungsverfügung darf selbst bei bereits eingetretener Geschäftsunfähigkeit erstellt werden. Wer das machen möchte, sollte allerdings beachten, dass es sicherer ist, in diesem Fall einen Notar aufzusuchen und die Verfügung dort beurkunden zu lassen. Denn sonst kann es vorkommen, dass Angehörige, die mit dem Inhalt der Verfügung nicht ganz einverstanden sind, versuchen, das Dokument für ungültig erklären zu lassen.

Sprechen Sie mit Bevollmächtigten und Betreuern

Damit die Vollmacht Sie sicher davor bewahrt, dass Ihre Bevollmächtigten oder Betreuer aus Unwissenheit gegen Ihren Willen handeln, sollten Sie Ihre Wünsche mit ihnen besprechen. Denn im Ernstfall kommt sowohl auf den Bevollmächtigten als auch den Betreuer nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Verantwortung zu – nicht jeder Mensch ist dem gewachsen.

Vorsorgevollmacht

Schildern Sie dem Bevollmächtigten, welche Wünsche und Vorstellungen Sie haben und wie er in ihrem Sinne handeln kann. Im besten Fall unterschreibt er ebenfalls die Vorsorgevollmacht, um zu bestätigen, dass er bereit ist, die ihm übertragene Verantwortung zu übernehmen.

Möglich ist es zudem, die einzelnen Bereiche der Vorsorgevollmacht auf verschiedene Personen aufzuteilen. Dann sollten Sie allerdings beachten, dass Sie eine Entscheidung dazu treffen, ob Personen in bestimmten Situationen allein oder nur gemeinsam entscheiden dürfen. Der Vorteil bei einer gemeinsamen Entscheidung ist ein erhöhter Schutz vor Missbrauch. Allerdings kann diese Lösung schnelle Entscheidungen ausbremsen, wenn z. B. einer der Bevollmächtigten nicht erreichbar ist.

Was passiert, wenn sich Ihr Bevollmächtigter dagegen entscheidet, die Vollmacht wahrzunehmen, erfahren Sie in unserem Artikel Vorsorgevollmacht: Bevollmächtigter will nicht – was tun?

Betreuungsverfügung

Die Betreuung kann ebenfalls sehr aufwändig sein und ist unter Umständen mit vielen Entscheidungen verbunden. Äußern Sie gegenüber Ihrem Betreuer genau, was Sie sich vorstellen und geben Sie ihm somit einen Leitfaden für sein Handeln an die Hand.

Wichtig zu wissen: Für die Betreuung entstehen Kosten. Sofern Sie nicht als mittellos gelten, berechnet das Betreuungsgericht Ihnen mindestens 200 Euro im Jahr – abhängig von Ihrem Vermögen. Wird dazu noch ein Berufsbetreuer bestellt, kostet er Sie ebenfalls Geld – wie viel, richtet sich nach seiner Qualifikation und den geleisteten Betreuungsstunden.

Aus Kostengründen macht es also ebenfalls Sinn, vorzusorgen und Ihrem gewünschten Betreuer möglichst umfassende Informationen für die Betreuertätigkeit mitzugeben. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er die Aufgabe übernimmt und kein fremder Berufsbetreuer bestellt werden muss.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Eine Vorsorgevollmacht sollten Sie nur dann ausstellen, wenn Sie einer Person in Ihrem Umfeld uneingeschränkt vertrauen.
  • Die Alternative ist die Betreuungsverfügung. Mit ihr können Sie dem Betreuungsgericht Ihren Wunschbetreuer mitteilen.
  • Den Betreuer bestimmt das Betreuungsgericht. Es kann auch von Ihrem Wunsch abweichen. Es bestimmt außerdem, welche Aufgaben er übernimmt.
  • Wer sich absichern möchte, kann zusätzlich zur Vorsorgevollmacht eine Betreuungsverfügung erstellen, die dann greift, wenn der Bevollmächtigte seine Vollmacht nicht mehr ausüben kann.

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