Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus – was ist das?

Vorsorge­vollmacht über den Tod hinaus – was ist das?

11.11.2020

Eine transmortale Vorsorgevollmacht gilt auch dann noch, wenn der Vollmachtgeber bereits verstorben ist. Das ist in vielen Fällen sinnvoll, denn so kann der Bevollmächtigte unmittelbar nach dem Tod des Vollmachtgebers wichtige Dinge wie z. B. das Auflösen der Wohnung oder die Kündigung von Verträgen in Angriff nehmen. Zwar können die Erben des Vollmachtgebers als seine Rechtsnachfolger ebenfalls entsprechende Schritte einleiten, allerdings erst, wenn sie über einen Erbschein als Legitimation verfügen – und bis dieser ausgestellt ist, vergehen meist mehrere Wochen.

Verfügt ein Erbe oder eine dritte Person hingegen über eine transmortale Vorsorgevollmacht, vereinfacht das die Abläufe oft erheblich. Allerdings birgt die Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus auch Risiken: Wie bei allen Vollmachten besteht die Gefahr, dass Bevollmächtigte das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbrauchen und beispielsweise ohne das Wissen der Erben bzw. Miterben auf das Vermögen des Verstorbenen zugreifen.

Wir erklären, wie die Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus funktioniert, wie sich das Missbrauchsrisiko verringern lässt und was Erben tun können, wenn Bevollmächtigte das Dokument gegen ihren Willen einsetzen.

So funktioniert die Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus

Der Tod des Vollmachtgebers führt nach den gesetzlichen Vorschriften nicht automatisch dazu, dass eine Vorsorgevollmacht erlischt. In § 168 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) heißt es lediglich:

„Das Erlöschen der Vollmacht bestimmt sich nach dem ihrer Erteilung zugrunde liegenden Rechtsverhältnis.“

Entscheidend ist auch § 672 BGB, der besagt:

„Der Auftrag erlischt im Zweifel nicht durch den Tod oder den Eintritt der Geschäftsunfähigkeit des Auftraggebers.“

Wie lange eine Vollmacht gültig ist, hängt also davon ab, was der Vollmachtgeber in dem Dokument festlegt. Der Verfasser hat die Möglichkeit, sie zeitlich zu befristen oder sie nur für die Ausführung eines bestimmten Rechtsgeschäfts zu erteilen: Dann erlischt sie mit Fristablauf bzw. der Erledigung des Rechtsgeschäfts. Gibt es solche Regelungen nicht, hängt es von der Auslegung des zugrunde liegenden Rechtsverhältnisses ab, ob die Vollmacht auch über den Tod des Vollmachtgebers hinaus fortbesteht.

Damit es nicht zu Missverständnissen kommt, sollten Sie also klar regeln, ob Ihre Bevollmächtigten die Vorsorgevollmacht über Ihren Tod hinaus einsetzen dürfen oder nicht.

Aufgeschlagenes Buch auf dem Tisch in einer Bibliothek
Gültig oder nicht? Nach dem Tod des Vollmachtgebers ist es oft Auslegungssache, ob die Erben die Vollmacht weiterhin einsetzen dürfen. Beugen Sie vor, in dem Sie ausdrücklich eine transmortale Vorsorge­vollmacht verfassen.

Bei einer transmortalen Vorsorgevollmacht vertritt der Bevollmächtigte ab dem Zeitpunkt des Erbfalls die Erben des Vollmachtgebers, die an dessen Stelle in das Vollmachtsverhältnis eintreten. Es kann sich bei dem Bevollmächtigten auch um einen Miterben handeln. Ist er allerdings Alleinerbe, erlischt die Vollmacht mit dem Erbfall, da er nicht gleichzeitig als Vollmachtgeber und -nehmer fungieren kann. Die Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus besteht so lange, bis die Erben sie widerrufen.

Wichtig: Der Bevollmächtigte gehört nicht automatisch zum Kreis der Erben. So darf er zwar z. B. über das Konto des Erblassers verfügen, ihm selbst steht von dem Vermögen jedoch nicht automatisch etwas zu. Soll der Bevollmächtigte ebenfalls erben, muss dies separat in einer Verfügung von Todes wegen geregelt werden, also im Testament oder Erbvertrag.

Was können Bevollmächtigte mit einer Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus regeln?

In Ihrer transmortalen Vorsorgevollmacht können Sie genau festlegen, welche Rechte und Pflichten ihr Bevollmächtigter haben soll. Sie können ihm z. B. erlauben,

  • sich nach Ihrem Tod um das Auflösen Ihrer Wohnung zu kümmern,
  • eine würdevolle Bestattung und Trauerfeier zu organisieren oder
  • Bankgeschäfte auszuführen und Geld vom Konto abzuheben.

Es ist auch möglich, die Befugnisse gar nicht zu beschränken, dem Bevollmächtigten also eine Generalvollmacht zu erteilen.

Achtung: Generalvollmachten sind stärker anfällig für einen Missbrauch durch den Bevollmächtigten. In unserem Ratgeber erläutern wir die Unterschiede zwischen Vorsorgevollmacht und Generalvollmacht.

Transmortale und postmortale Vollmacht – was ist der Unterschied?

Die transmortale Vollmacht kann sowohl zu Lebzeiten des Vollmachtgebers als auch nach seinem Tod eingesetzt werden. Die postmortale Vollmacht tritt erst mit dem Ableben des Vollmachtgebers in Kraft. Beide Arten von Vollmachten können von den Erben des Vollmachtgebers widerrufen werden.

Während die postmortale Vollmacht also ausschließlich die Zeit nach dem Tod des Vollmachtgebers betrifft, sind in der transmortalen Vorsorgevollmacht auch die Bereiche zu regeln, die zu seinen Lebzeiten entscheidend sind – etwa die Gesundheitssorge und die Umsetzung der Patientenverfügung.

Vorteile der transmortalen Vollmacht

Verstirbt der Vollmachtgeber, dauert es meist einige Wochen, bis die Erben auf Antrag beim Nachlassgericht den Erbschein erhalten. Bis zu diesem Zeitpunkt können sie sich gegenüber Dritten nicht als Rechtsnachfolger des Vollmachtgebers ausweisen. Das hat z. B. den Nachteil, dass die Erben die Bestattungskosten vorstrecken müssen, weil sie ohne Erbschein nicht an das Konto des Verstorbenen herankommen. Auch sind sie meist nicht in der Lage, seine Wohnung aufzulösen oder Verträge zu kündigen. Ist einer der Erben oder eine dritte Person aber über den Tod hinaus bevollmächtigt, können diese Dinge sofort erledigt und oft hohe Kosten vermieden werden. In erster Linie entlasten Sie mit einer solchen Regelung also Ihre Erben. Allerdings kann ein Bevollmächtiger, den Sie mit einer transmortalen Vollmacht ausgestattet haben, Ihren Erben auch schaden.

Drei Personen am Tisch im Streit um einen Vertrag
Eine transmortale Vorsorge­vollmacht kann zu Konflikten zwischen der bevollmächtigten Person und den Erben führen – z. B. wenn die Bevollmächtigte das Konto des Verstorbenen plündert.

Risiken der transmortalen Vorsorgevollmacht

Wie bei allen Vollmachten besteht auch bei der transmortalen Vorsorgevollmacht die Gefahr, dass Bevollmächtigte das Vertrauen des Vollmachtgebers missbrauchen – bzw. in diesem speziellen Fall das seiner Erben. Besonders anfällig für Missbrauch sind Bankvollmachten. Immer wieder kommt es z. B. vor, dass über den Tod hinaus bevollmächtigte Personen sich am Vermögen des Verstorbenen zu schaffen machen und sich selbst ohne das Wissen der Erben bzw. Miterben große Geldsummen überweisen.

Handelt es sich um eine dritte Person, die nicht im Erbvertrag oder Testament steht, darf sie zwar im Rahmen der Bevollmächtigung über das Vermögen des Erblassers verfügen – also etwa Überweisungen tätigen –, sie ist aber nicht berechtigt, das Geld oder einen Teil davon selbst zu behalten. Selbst, wenn es sich bei dem Bevollmächtigten um einen Miterben handelt, verstößt dieser gegen das Gesetz, wenn er ohne Abstimmung mit der restlichen Erbengemeinschaft den Nachlass verwaltet, denn § 2038 BGB schreibt vor, dass dies die gemeinschaftliche Aufgabe aller Erben ist.

Im Fall eines Missbrauchs der Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus können Erben leider kaum auf Schadenersatz hoffen: Die Bank muss grundsätzlich den Anweisungen des Bevollmächtigten Folge leisten. Sie ist dabei nicht verpflichtet, die Erben zu konsultieren. Nur, wenn sie Anweisungen des Bevollmächtigten ausführt, obwohl deutliche Hinweise auf einen Missbrauch der Vollmacht vorliegen oder diese bereits widerrufen wurde, besteht für die Erben die Möglichkeit, Schadenersatz zu fordern.

So vermeiden Erben den Missbrauch der Vollmacht

Gegen den Missbrauch einer Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus schützen sich Erben am effektivsten, indem sie sie unverzüglich nach Eintritt des Erbfalls widerrufen. Von besonderem Interesse sind dabei Vollmachten, die der bevollmächtigten Person Zugriff auf das Vermögen des Erblassers gewähren.

Das Problem dabei ist, dass die Erben die Vollmacht normalerweise erst widerrufen können, wenn sie sich mithilfe des Erbscheins legitimieren können – bis sie diesen vom Nachlassgericht erhalten, kann das Konto des Verstorbenen im schlimmsten Fall jedoch bereits leergeräumt sein. Viele Banken akzeptieren darum auch das Testament als Nachweis, dass es sich bei der Person um den Rechtsnachfolger des Vollmachtgebers handelt.

Tipp: Lesen Sie hier, wie Sie vorgehen, wenn Sie eine Vorsorgevollmacht widerrufen möchten.

Wurde bereits Vermögen entwendet, können Erben versuchen, den Vorgang rückgängig zu machen – notfalls vor Gericht. Glücklicherweise ist meist leicht nachzuvollziehen, wohin das Geld geflossen ist, denn die Bank ist gegenüber den Erben auskunftspflichtig. Stellt sich heraus, dass das Geld auf dem Konto des Bevollmächtigten gelandet ist, kommt es häufig zu einem Gerichtsprozess. Der Angeklagte muss dann beweisen, dass es sich z. B. um eine Schenkung des Verstorbenen gehandelt hat. Andernfalls muss er den Erben das entwendete Vermögen zurückgeben und hat sich evtl. sogar strafbar gemacht.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Sollen Ihre Bevollmächtigten die Vorsorgevollmacht auch über Ihren Tod hinaus einsetzen dürfen, sollten Sie dies ausdrücklich festlegen.
  • Der Vorteil der transmortalen Vollmacht: Während die Erben noch auf den Erbschein warten, ist ein Bevollmächtigter bereits handlungsfähig und kann sich
    z. B. um die Wohnungsauflösung, die Organisation der Bestattung und die Kündigung von Verträgen kümmern.
  • Vorsicht! Manche Bevollmächtigte missbrauchen die Vorsorgevollmacht über den Tod hinaus z. B. dazu, Vermögen des Erblassers zu entwenden.
  • Erben, die den Missbrauch einer Vollmacht befürchten, sollten diese so schnell wie möglich widerrufen – das geht häufig auch ohne Erbschein bei Vorlage des Testaments bzw. Erbvertrags.

Häufig gestellte Fragen

Können zwei Personen eine Vorsorgevollmacht haben?

Die Anzahl der Personen, denen Sie eine Vorsorgevollmacht erteilen, ist grundsätzlich nicht beschränkt. In vielen Fällen ist es auch sinnvoll, zwei Bevollmächtigte zu haben, denn sollte einer verhindert sein, kann der andere einspringen. Auch bedeutet die gegenseitige Kontrolle mehr Sicherheit für den Vollmachtgeber. Es gibt aber auch Risiken: Bei Konflikten zwischen zwei gleichberechtigt bevollmächtigten Personen können Entscheidungen leicht blockiert werden. Sie sollten darum klar regeln, wer für was zuständig ist und wer die Entscheidungsmacht hat, falls es zu Unstimmigkeiten kommt.

Wie alt darf eine Vorsorgevollmacht sein?

Die Gültigkeit einer Vorsorgevollmacht ist nicht beschränkt – es sei denn, der Vollmachtgeber befristet sie von vornherein oder erteilt sie nur für die Ausführung eines bestimmten Rechtsgeschäfts. Hat er nichts dergleichen festgelegt, gilt sie unter Umständen sogar über seinen Tod hinaus. Das ist der Fall, wenn er ausdrücklich festgehalten hat, dass es sich um eine transmortale Vorsorgevollmacht handelt, oder wenn das der Erteilung zugrundeliegende Rechtsverhältnis nach dem Tod des Vollmachtgebers fortbesteht. Damit Ihre Vorsorgevollmacht immer Ihren aktuellen Willen widerspiegelt, sollten Sie das Dokument regelmäßig überprüfen und bei Bedarf ändern.

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