Afilio-Ratgeber #45

vom 13.08.2026
Sonderausgabe: Das zweite Leben des Peer Kunz
Afilio LogoDamit Ihr Wille zählt.
Der digitale Enkeltrick: Wenn Betrüger Stimmen klonen

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

oft geht es bei uns um Zahlen und Fakten, um scheinbar kalte Dinge, hinter denen sich doch Schicksale verbergen. Rechnen und fühlen gehören eben zusammen. In diesem Newsletter aber haben wir uns ausnahmsweise entschieden – und zwar gegen alles Praktische. Und für eine große Geschichte, die mit Vorsorge und Selbstbestimmung mehr zu tun hat, als auf den ersten Blick erkennbar.

Im Zentrum steht ein Mann, der mit einem erbarmungslosen Vater geschlagen ist, der abstürzt und wieder aufsteht, der seine eigenen Kinder erst in den Arm nehmen kann, als er nicht mehr der ist, der er lange war. Marc Bielefeld hat die Geschichte des Peer Kunz so wunderbar aufgeschrieben, dass wir am Ende gesagt haben: Okay, wir nehmen sie, in voller Länge und trotz aller Warnungen, dass langsam erzählte Reportagen nicht mehr in eine Zeit passen, in der die Menschen den schnellen Kick suchen.

Kann das heute noch funktionieren? Wir hoffen es. Weil wir an die Kraft des Erzählens und der Empathie glauben. Und daran, dass Leserinnen und Leser bereit sind, die Mühe auf sich zu nehmen, um sich in ein fremdes Leben einzufühlen. Marc ist es dabei gelungen, diese Mühe wirklich gering zu halten. Wie sein Protagonist ist er ein leidenschaftlicher Segler. Und wenn er so gut segeln wie schreiben kann, habe ich keine Sorge, dass ihm draußen auf dem Wasser etwas passieren könnte.

Sicher haben Sie gemerkt, dass wir den Newsletter nicht nur mit dieser Ausgabe weiterentwickeln und Neues ausprobieren. Wir wollen dabei beharrlich zuhören, was Sie zu sagen haben. Ich bin sehr gespannt auf Ihre Reaktion.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen (oder Hören).

Ihr Till Oltmanns
Lesen oder hören – wie Sie mögen

Die Reportage gibt es auch als PDF im Magazin-Layout und als Hörstück in voller Länge.

Themen

  1. Das zweite Leben des Peer Kunz
  2. Aufgetaucht im Pazifik
  3. Seines Vaters Sohn
  4. Impact, Impact, Impact
  5. Opfer des Erfolgs
  6. Davongekommen
  7. Ein neuer Anfang
  8. “Well done, boy”
Marc Bielefeld

Fünfkampf ist hart, das Geschäft mit Cheeseburgern brutal, ein Sturm auf hoher See erbarmungslos. Nichts aber bringt einen Sohn um wie ein Vater ohne Herz

Kurzvorstellung

Marc Bielefeld

Marc Bielefeld, 60, ist freier Autor und lebt nahe Hamburg an der Elbe. Seit 30 Jahren schreibt er für zahlreiche Publikationen und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Laut Forschung hält Schreiben das Hirn halbwegs fit – bei Rücken, Muskeln, Kreislauf aber sieht es anders aus. Um sich nach dem vielen Sitzen in Form zu halten, schwimmt er im Hallenbad seins Dorfs, segelt und springt ins Meer. Genau darüber nämlich schreibt er auch am liebsten.

Im Hamburger Portugiesenviertel scheint an diesem Tag die Sonne, Peer Kunz bestellt einen Kaffee, schwarz, ohne Milch, ohne Zucker, dazu eine Cola Zero. Das Café ist gut besucht, die Gäste essen Vanilleküchlein, Croissants, Krabbensticks.

Kunz will nichts essen. Vielleicht schaukelt sein Magen noch ein wenig, von den letzten Wochen auf See, von der langen Rückreise. Vielleicht hat er sich inzwischen auch angewöhnt, Nein zu sagen. Ein genügsames Leben, das funktioniert auch. Womöglich sogar besser.

Kunz trägt graues T-Shirt, Jeans, blaue Kappe. Als er nach seinem Feuerzeug kramt, rutschen ihm ein paar Scheine aus der Tasche. Pazifische Francs, karibische Dollarnoten. Ein wenig Fremdwährung kann nie schaden, wer weiß, wohin die nächste Reise ihn verschlägt.

Segelyachten liegen verstreut in aller Welt, und heute, in Zeiten von Starlink und WhatsApp, erreichen ihn die Anfragen der Besitzer oder Agenturen überall. In fernen Häfen, tausend Seemeilen vom nächsten Land entfernt, und auch dann, wenn Gewitterböen und sechs Meter hohe Wellen ihn gerade auf Trab halten.

Er muss dann antworten. Den Auftrag kurz überdenken, ablehnen oder annehmen. Sein Beruf besteht, heute, gut zwölf Jahre nach dem Absturz, darin, Segelschiffe von A nach B zu bringen. Wenn nötig über alle sieben Meere.

Das Überführen von Yachten ist ein diffiziler Job. Technisch anspruchsvoll, physisch und psychologisch fordernd. Und dann ist da das Meer. Es kann schön sein, es kann brutal sein. Bei der Agentur Yachtskipper nennen sie ihn den Odysseus im Team. Wenn andere abwinken, klingelt bei ihm das Telefon.

Durchhalten, kämpfen, siegen. Die Not, sich zu beweisen, hat er bis heute nicht ganz ablegen können. Da ist der Schatten des Vaters. Die Macht seiner Worte, die Wucht seines Blicks. Das alles hört nie so richtig auf, nicht, wenn du ein erwachsener Mann bist, nicht einmal draußen auf dem Ozean.

Peer Kunz, heute 52, kennt Hamburg gut. Die schönen Viertel, die schönen Menschen, die schicken Häuser. Er ist auf der Durchreise in der Stadt, will seine beiden Töchter besuchen. Mit rauen Seglerhänden und alten Turnschuhen in einem Café sitzen, das wäre ihm in seinem früheren Leben nie eingefallen. Da raste er durch andere Sphären, in feinen Anzügen und schnellen Autos.

Zum Segeln jettete er nach Mallorca, eine Woche Charter, ein schnelles Wochenende in Kroatien. Braungebrannt kam er zurück, die Rolex am Arm, eine dolle Geschichte auf den Lippen. Das klang gut. Der Typ hatte es geschafft.

In Wahrheit lag sein nächstes Etappenziel in diesen Jahren darin, den nächsten Geschäftsabschluss durchzuprügeln. Kunz bestellt noch eine Cola Zero, dreht sich eine Zigarette. Tabak, lose Blättchen. Ist günstiger.

Sein erstes Leben scheint lange her, sein zweites hat er sich auf den Unterarm tätowiert. Ein großer Anker mit spitzen Flunken, dazu die Insignien „Second Life.“ Es ist nicht nur der Name seines Segelschiffs, auf dem er heute lebt. Es ist das Symbol seiner Kehrtwende, Emblem seines eigenen Rettungsmanövers.

Kunz ging schon mal über Bord, nicht auf See, sondern im Strudel seiner Biografie. „Du säufst ab“, sagt er, noch immer in dem Hamburger Café sitzend. „Du säufst innerlich ab und merkst es nicht einmal.“

Aufgetaucht im Pazifik

Ein paar Schritte gehen. Rüber zum Hafen, wo die Frachter liegen und der Ostwind ihm den Jetlag aus den Knochen bläst. Kunz kommt gerade aus Tahiti zurück, Economy, zwei Nachtflüge durch zwölf Zeitzonen, dann mit dem Flixbus von Paris nach Deutschland. Ist günstiger.

Jetzt muss er erst mal wieder innerlich landen. Sein letzter Job war nicht ganz einfach. Als verantwortlicher Kapitän sollte Kunz die 42-Fuß-Segelyacht eines Kunden von Polynesien in die Karibik bringen. Fast zwei Monate über hohe See, gegen die vorherrschenden Winde aus Ost. Und sie sind nur zu zweit an Bord.

Nach den ersten 940 Seemeilen wollen sie die Gambier-Inseln ansteuern, einen von Lagunen umspülten Archipel 1800 Kilometer südöstlich von Tahiti, gelegen inmitten des dunkelblauen Pazifiks. Die großen Strecken aber kommen erst noch. Weitere 1400 Seemeilen bis zu den Osterinseln, 2600 Seemeilen bis Panama, danach durch die Karibik bis Grenada.

Bald frischt es auf, der Himmel schickt Regenschauer über das Meer. Erste Wellen kommen über, mehr als drei Stunden Schlaf am Stück kriegt keiner mehr. Tahiti, Südsee. Da geht schnell das Kopfkino los. Palmen, tropische Nächte. „Ich kenne das schon“, sagt Kunz. „Wenn ich anderen von solchen Reisen erzähle, kommt schnell die typische Reaktion. Living the dream, sagen die, ich würde einen Traum leben. Die Wahrheit sieht oft anders aus.“

Sein Mitsegler, seekrank und von den Dimensionen der Reise überfordert, verkündet auf einmal, dass er auf den Gambier-Inseln aussteigen will. Die Reise dehnt sich schon jetzt, ein Zickzack über endloses Meer, womöglich werden sie Wochen länger unterwegs sein als geplant.

Draußen auf dem Meer sind die Gedanken weit weg. Du musst den Kurs prüfen, die Wetterberichte einholen, den Wind im Auge behalten. Manchmal, in bestimmten Momenten, aber kommen die Gedanken auf dem Meer auch ganz nah. Du sitzt am Steuer, das Schiff fliegt über die Wellen, oben die Wolken, die Sterne.

Da ist viel Raum, um dich herum, in dir drin. Kunz führt in diesen Tagen ein elektronisches Tagebuch. Sein Vater kommt darin nicht vor, sein Schatten schon. Kunz schreibt seinen beiden Töchtern, Pia und Emma, fragt sich heute, ob er selbst ihre Zuneigung überhaupt verdient hat. Er schreibt von seinem früheren Leben, dem „Dämon“, dem er hinterherjagte. Kunz schreibt: „Hier draußen auf dem Meer, nachts allein am Steuerrad, gibt es keine Ablenkung, keine Ausweichmöglichkeiten. Da bist nur du. Das zwingt zur Reflexion, und ja, das kann wehtun.“

Nach zehn Tagen auf offener See kommt endlich Land in Sicht. Und doch ist dies nur die erste kleine Etappe. Die Yacht liegt vor Anker, schwebt auf dem transluzenten Meer wie auf einer Glasscheibe. Kunz muss sich sofort ums Schiff kümmern, die Yacht macht unerwartet Probleme. Leitungen sind verstopft, Teile der Takelage beschädigt. Als Nächstes versagt das Beiboot, streikt die Tankstelle auf der Insel, addieren sich die Probleme wie Menetekel, die auf kommendes Unheil weisen.

Der erste Mitsegler ist von Bord, Kunz sitzt allein auf der Insel fest. Improvisieren, sich irgendwie ins Ziel hangeln. Er kennt das, es ist Teil seines Geschäfts, doch auf dem Pazifik sind die Distanzen gewaltig, die Umstände erdrückend. Kunz schraubt am Motor, repariert die defekte Ankerwinde. Seine Hände von Öl verschmiert, auf dem Oberkörper Krusten aus Salz und Schweiß.

Von gemütlichem Ankern an den Korallenriffen keine Spur. Aufträge dieses Kalibers sind steinhartes Brot, noch dazu, wenn sich das Schiff als eine Büchse der Pandora erweist. Seine Hingabe zu Wind und Wasser aber können solche Erlebnisse nicht trüben. Dies ist sein zweites Leben, seine Rettung nach einer Havarie, die weitaus drastischer ausfiel als das Stranden im Stillen Ozean.

Auf seinem Oberarm ist noch ein zweites Tattoo. Es zeigt einen stilisierten Kopf mit symmetrischen Linien und geschwungenen Abstraktionen. Ein polynesisches Motiv, das einer Schilkdkröte ähnelt und eine verklausulierte Geschichte erzählt. Seine Geschichte.

Eine Reihe aus Zacken, Haifischzähne, die nicht nur für Mut und Kampfgeist stehen, sondern für ein Schutzschild gegen äußere Einflüsse. Ein weiteres Muster, ein Tiki, verkörpert die innere Stimme. Es geht um Identität, um die Frage, wer du wirklich bist. Spiralen ziehen sich über seinen Arm, seine Haut, ein Koru als Zeichen für Klarheit und Orientierung. Dein Kopf, der sich weiter entwickeln muss, deine Seele, die nicht im Sumpf bleiben darf.

Flossen, Wellen. Sie mahnen Flexibilität an. Sich biegen können, aber sich nicht mehr verbiegen. Die Zeichensprache der Polynesier steckt voller Bilder, voller Allegorien. Gehe bewusst durch deine Zeit auf Erden, bewusst gegenüber der Welt, bewusst gegenüber dir selbst. Und dann, gestochen nach alter Schule und unter Schmerzen, beschwört die Tinte auf der Haut auch noch die Kraft herauf, die nötig ist, um gegen die bösen Geister anzuschwimmen.

Die Kraft, um den Teufel eines Tages hinter sich zu lassen.

Kunz hat noch einen Tag in Hamburg, dann fliegt er zurück auf sein Schiff, das in Portugal liegt und sein Zuhause ist. Keine Bleibe mehr an Land. Kein teures Auto, keine Rolex, keine Gier, keine Tabletten. Er hat seine beiden Töchter, die seine Geschichte kennen und akzeptieren. Sie sind heute alt genug, klug genug. Dafür ist er dankbar. Menschen, die verzeihen, die wissen, was ein Herz ist und selbst ein solches besitzen.

Selbstverständlich ist das nicht. Seine beiden Geschwister sind abgeschmiert. Alkohol, Drogen, Flucht, er hat sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Der Druck war zu groß, der Würgegriff während Kindheit und Jugend zu mächtig. Peer Kunz, der jüngste Sohn des Vaters, bekam gerade noch die Kurve.

In letzter Sekunde begab er sich aufs Meer.

Seines Vaters Sohn

Kunz schiebt sich die dunkle Sonnenbrille ins Gesicht, ein bisschen wie ein Visier. Dann, nach ein, zwei Stunden, kann er erzählen, und die Story rollt aus seinem Mund wie die vom Wind leicht gekräuselte Dünung eines fernen Sturms.

Kunz wurde in Husum geboren, auf dem Festland. Schafe, Bauern, weites Land. Schon bald zieht er zu seiner Oma, rüber nach Sylt. Die Oma hat einen Friseurladen in der Friedrichstraße, der Opa ist schon tot. Der Weststrand, die Brandung, das alles liegt nicht weit, manchmal schnappt er sich sein Handtuch, läuft barfuß zum Strand und tobt in den Wellen.

Eine Kindheit am Meer Eine Kindheit im Glück, könnte man denken.

Sein Vater ist in diesen Jahren Unterwasserschweißer, einer der gefährlichsten Jobs, die auf dem Planeten zu haben sind. Der Vater ist viel auf Reisen, Norwegen, Afrika, er verdient gutes Geld, taucht in stinkenden Hafenbecken, flickt rostige Schiffe, nietet Stahlplatten in eisigem Meer.

„Ein knallharter Typ“, sagt Kunz. Fordernd, kalt. Wo ein Herz hätte sein sollen, saß ein Schweißgerät. Die Mutter ist Hausfrau, sie sagt nichts. Gelegentlich der Griff zur Flasche.

Der Junge kapiert früh, dass er liefern muss, um nicht geliefert zu sein. Ein Satz hatte ihm der Vater früh in den Schädel gefräst, Kunz wird ihn sein Leben lang nicht vergessen. In der Schule, auf dem Sportplatz, der Vater kennt nur eine Devise: „Tod oder Leutnant, es gibt keinen zweiten Platz.“

Kunz treibt Sport, trainiert hart. Es ist der Versuch, dem Vater eine Spur Anerkennung zu entlocken. Mannschaftssportarten kommen nicht infrage, Mannschaftssportarten sind für Waschlappen. Kunz macht Leichtathletik, Fünfkampf, er gibt alles, er will siegen. Siegen, siegen, siegen. Fünfkampf, man muss das wissen, ist kein Pappenstiel. Hier kommen nur Einzelkämpfer mit, die stark sind.

Sehnig, strebsam, schnell.

Mit sechzehn kommt der Teenager Kunz in die A-Jugend, er wird schleswig-holsteinischer Landesmeister. Der Vater nickt kurz, immerhin. Eines Tages steht der Vater beim 200-Meter-Lauf an der Seitenlinie, schaut zu. Sohnemann Kunz legt einen guten Start hin, er wetzt um sein Leben, liegt vorn, kurz vor der Ziellinie stolpert er und landet auf der Schotterbahn.

Den Vater sieht er nicht mehr, der setzt sich wortlos ins Auto, fährt davon. Der halbwüchsige Kunz kennt das bereits. Er steckt das weg, die letzten sechzehn Jahre schon.

Der Vater sagt zu seinem Jungen nicht Junge, nicht Sohn, nicht Bub. Der Vater sagt „Knecht“ zu ihm, und wenn sich Peer Kunz heute an jene Jahre erinnert, dann sagt er, dass dies bereits einer „Eskalation an Zuneigung“ gleichkam.

Berufstauchern steigen irgendwann Ermüdungserscheinungen in die Knochen, Rheuma, Gicht. Der Vater muss den Job als Unterwasserschweißer an den Nagel hängen, verdingt sich fortan als Security-Mann auf einem nahen Fliegerhorst der Bundeswehr. Es ist ein beruflicher Abstieg. Der Vater gefriert zu einem Brocken aus Eis.

Die Mutter sagt nichts. Lange schon hat sie sich ihrem Mann untergeordnet, seinen Groll, seinen Welthass adaptiert.

Beide greifen zur Flasche, zunehmend öfter.

Der heranwachsende Peer sagt immer, er müsse zum Sport. Trainieren. Es ist die einzige Entschuldigung.

Die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen ist eine alte Geschichte, schon in der griechischen Mythologie kam es zu Katastrophen. Eine klassische Tragödie, gespickt mit Machtkämpfen, Orakelsprüchen, Entthronungen. Der Himmelsgott Uranos peinigte seine Kinder, woraufhin Kronos, der Sohn, seinen Vater mit einer Sichel entmannte.

Kronos lernte wenig daraus. Er trieb es mit seiner Schwester, hatte Angst, dass seine eigenen Kinder ihn eines Tages entmachten würden. Er verschlang alle fünf der Reihe nach: Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon.

Das sechste Kind, Zeus, geriet bekanntlich zu einem kräftigen Kerl. Als der erwachsen wurde, zwang er Kronos, seinen Vater, die fünf Geschwister wieder auszuspucken, verwickelte ihn in einen zehnjährigen Krieg und verbannte ihn anschließend in den Tartarus, in die tiefsten Abgründe der Unterwelt.

Vater Kunz hat die griechischen Sagen nie gelesen.

Jetzt, auf dem Abstieg, nimmt er sein Schweißgerät und richtet es auf die Kinder, insbesondere auf seinen jüngsten Sohn, seinen Knecht namens Peer. Der Vater verlangt Siege, verachtet Schwäche. Niederlagen brandet sein Hass entgegen.

So knallt die Peitsche im Hause Kunz, da oben in Husum am Meer, wo das Haus steht, das der Vater gekauft hat. Der Sohn kann sich nicht daran erinnern, dass einmal ein Arm sich um ihn legte, nicht als Kind, nicht als Jugendlicher. Der Vater verschenkt andere Weisheiten. Auf seine Lebensreise nimmt der Sohn Sätze wie diesen mit: „Neid musst du dir erarbeiten, Mitleid kriegst du geschenkt.“

Was hatte den Vater zu so einem eisigen Mensch gemacht? Ein Gespräch darüber war stets undenkbar, Kunz stellt sich diese Fragen darum bis heute. Als Sohn hatte er erlebt, wie das Ende der Tauchkarriere zur Verbitterung führte, doch waren es womöglich viel frühere Erlebnisse, die schon den Vater zerrissen hatten.

Geboren 1931 im Saarland, war Vater Kunz in die Hitlerjugend gekommen, als Junge musste er im Krieg Munitionshülsen von den Gleisen sammeln, damit die Züge weiter fahren konnten. Eines Tages stand er vor zwei deutschen Flakschützen, beide tot, die Körper vom Einschlag der Granaten entstellt. Als Dreizehnjähriger kauerte Vater Kunz schließlich selbst hinter der Flak, schoss auf alliierte Flugzeuge, die im Tiefflug über die Dörfer jagten.

Es könnte eine Erklärung sein, geholfen hat sie Peer Kunz nie. Nach der Schule muss der Sohn zur Bundeswehr, auch hier ist der Vater später eisern. Widerreden sind nicht geduldet.

Kunz kommt zum Panzergrenadier-Bataillon 72 in Hamburg- Fischbek, jeden Morgen vier Kilometer laufen, Schießplatz, Drill. Einer der Ausbilder hat „Love“ und „Hate“ auf seine Finger tätowiert, ein Schinder. Dem Fähnrich Kunz macht das nichts aus, er nimmt es als Ansporn. Er stemmt Eisen, pumpt seine Muskeln auf Größe, mit 21 wird er zum Leutnant ernannt.

Sein Vater müsste das doch lieben.

Er ist jetzt aus dem Nest, ist auf seinem eigenen Weg, denkt er. Ein kleiner Höhenflug, der schon ganz gut schmeckt. Machen, Gas geben. Mit Volldampf die anderen aus dem Weg treten.

Beim Bund hat Kunz ein wenig Geld verdient, er leistet sich eine Wohnung in Hamburg, tritt ein BWL-Studium an. Das Geld aber schwindet schnell, darum sucht er sich einen Job als Türsteher auf der Reeperbahn.

Er ist breit, er ist hart.

In der Woche büffelt er Zahlen, lernt die Grundlagen von Marktforschung und Preisgestaltung. Abends pumpt er, bis er „keinen Nacken mehr hat“. Am Wochenende Kiez, die Clubs am Hans-Albers-Platz, wo die Puffs sind, die Bars und die Reklamen, die noch leuchten, wenn morgens zart die Sonne steigt oder es in Strömen regnet. Es sind lange Nächte, die gutes Geld bringen, fünfzig Mark die Stunde, und wenn ihm einer, euphorisiert von den Technorhythmen, dumm kommt, dann macht der Peer das, was er gelernt hat.

Er steht seinen Mann.

So also entfaltet sich das Leben des jungen Kunz, nunmehr in der großen Stadt, hundertfünfzig Kilometer von der Küste entfernt, von den Schafen und von seinem Vater, denkt er.

Dann, unvermittelt in einer der Nächte auf dem Kiez, bahnt sich das an, was man einen Raketenstart nennen könnte. Ein Flug zu den Sternen, mit allen Zentrifugalkräften, die bei einer solchen Reise auftreten. Es ist wie ein Strudel, ein Sog. Erst wirst du nach oben geschleudert, dann kommt der Sturz in die Tiefe.

Der Flug des Peer Kunz dauert fünfzehn Jahre, er katapultiert ihn in den luftleeren Raum, eine schillernde Reise in die Beletage des Erfolgs, eine Reise, die mit einem großen Haus in Hamburg ihr Ende nimmt, mit einer schönen Frau und zwei hübschen Töchtern, mit einem anständig gefüllten Konto und einem Selbstmordversuch, den Peer Kunz nur überlebt, weil sein Kopf im Badezimmer zur Seite purzelt und er an seinem Erbrochenen nicht erstickt.

Hätte er doch nur ein Funkgerät dabei gehabt.

Husum, we have a problem. Doch hätte er diese Worte nie gesprochen, sein Vater sie nie gehört, nie begriffen, nie gefühlt. Da wäre nur Schmäh gewesen. Abgrundtiefe Verachtung.

Impact, Impact, Impact

Kunz hat in Hamburg fünf Semester BWL studiert, als das beginnt, was er selbst die „wilde Fahrt“ nennt. Jemand auf dem Kiez wird auf ihn aufmerksam, einfach so, erkennt, dass dieser Türsteher vor dem wummernden Albers Eck nicht nur durchgreifen kann, sondern auch Köpfchen besitzt, dazu die rechte Mischung aus Straßenschläue, seriösem Auftreten und innerem Feuer. Und, wie schön, er kennt sich obendrein mit Zahlen aus, mit Kalkulationen, Statistiken und wirtschaftlichen Bewertungsmustern.

Dieser Kunz ist ein Sonderfall, ein Glücksgriff. Dann geht es los. Die Sterne, komprimiert zu einem schwarzen Loch.

Der Vermittler vom Kiez ordert Kunz zum Hamburger Flughafen, wo er den Leiter einer Burger-Kette treffen soll. Nicht irgendjemanden, sondern den Deutschlandchef eines der größten Fastfood-Unternehmen der Welt.

Kunz hört sich an, was der Mann zu sagen hat, sie seien auf der Suche nach einem Spezialisten, es klingt gut, es klingt fantastisch. Die beiden verstehen sich, sprechen eine Sprache, er und der Chef der Burger-Kette. Kunz sagt, er würde es ausprobieren, warum auch nicht, ja, ja, er könne sich das durchaus vorstellen. In Mathe sei er gut, und mit Menschen kann er auch, wenn der Chef versteht, was er meint.

Kunz soll neue Franchise-Verträge abschließen, vierhundert Läden gibt es in Deutschland bereits, aber es sollen mehr werden, hierzulande, danach in ganz Europa. Für zehntausend Dollar können die Franchisenehmer neue Target Reservation Areas kaufen, sogenannte TRAs, und er soll nun möglichst viele solcher neuen Units schaffen, soll „Impact“ generieren.

Die Sprache klingt gut, klingt wichtig. Harter Business Talk. Auch das mit den Zahlen hört sich prima an. Die Zahlen schmecken besser als jeder Cheeseburger, zudem würde er sein eigenes Pensum fahren können, Vollgas nach vorn, und dann würde er einen Anzug tragen und gute Schuhe und mit breitem, weißem Lächeln in die Gespräche gehen, er würde Kreditkarten haben, vielleicht sogar so eine schwarze, und dann dachte er noch ganz kurz daran, was sein Vater wohl zu der ganzen Sache sagen würde.

Der alte Unterwasserschweißer oben in Husum wäre wohl endlich mal so richtig stolz. Sein Sohn im Anzug, sein Knecht auf der Überholspur. Peng!

Der BWL-Student Kunz sagt zu, nach einigen Briefings geht er in die Expansionsabteilung, soll bald taugliche Grundstücke finden und einschätzen. Eignet sich die Lage für eine neue Filiale? Rauschen genügend Autos am Standort vorbei? Werden ausreichend Fahrer halten, um an den Drive-in-Schaltern einen Softdrink zu ordern, einen Triple-Bacon mit Käse oder am besten gleich vier Menüs mit Goodies für die Kinder?

Kunz macht sich ans Werk. Er prüft Standorte, checkt Grundstückspreise, berechnet Verkehrsflüsse, wertet Statistiken aus. Abends, nach dem Pumpen, sitzt er vor dem Computer. Er studiert die Zahlen der Konkurrenz, determiniert Capture Rates, überschlägt potentielle Umsätze. Danach formuliert er Quotes, gibt Empfehlungen ab, welche Standorte die besten sein werden, das meiste Geld ausspucken.

Danach geht er in die Gespräche mit den Franchisenehmern. Kunz sieht hervorragend aus. Sein Anzug sitzt perfekt, das Hemd, die Frisur. Er kann gut reden, schaut den Leuten ins Gesicht, umhüllt sie mit seiner Energie. Wenn alles gut läuft, legt er schon mal seinen Arm um sie. Sie gehen einen trinken, einen Kaffee, einen Wein. Kunz sagt: „Sie haben doch nichts dagegen, bald das Doppelte zu verdienen, oder? Ach, was, das Dreifache, das Vierfache!“

Opfer des Erfolgs

Wenn Peer Kunz heute, mehr als eine Dekade später, von diesem Lebensabschnitt erzählt, weiß man nicht, wie viel Abstand er dazu gewonnen hat. Vielleicht weiß er es selbst nicht, wahrscheinlich weiß es niemand.

Zwölf Mal ist er seither über den Atlantik gesegelt, elf Mal davon von West nach Ost, die unschönere Richtung. Die Schiffseigner nehmen meist die südliche Barfußroute, gleiten mit dem Passat in die Karibik, Profis bringen die Yachten auf der schwierigeren nördlichen Route wieder zurück in die Heimat. Die Bezahlung ist in Ordnung. Du musst haushalten, aber du kommst über die Runden.

Es ist nur ein Bruchteil von dem, was Kunz früher verdiente. Aber es reicht, und es ist gut so. Du kannst mit dem Meer sprechen.

Peer Kunz hat schon viel erlebt draußen auf See, schöne Momente, nicht so schöne Momente. Von den Kapverden brachte er ein kleines Boot auf die Azoren, den Wind von vorn, die Besitzer, selbst an Bord, waren seekrank, das Schiff feucht wie ein Eimer. Dann fiel der Motor aus, weil die Eigner alten Diesel aus Afrika getankt hatten. „Du bist im Wilden Westen“, sagt Kunz. „Viele Hasardeure.“

Auf dem Weg von der Karibik nach Europa weilte einmal ein Pärchen an Bord, eines Morgens saß sie hinten im Cockpit und heulte. In dem Fragebogen, den jeder vor so einer Reise ausfüllen muss, hatte die Frau ein chronisches Lungenleiden verschwiegen. Nun ging es ihr schlecht. Sie berieten sich mit Ärzten an Land, die Frau musste von Bord, eine weitere Lungenentzündung könnte sie das Leben kosten.

Kunz funkt einen Frachter an, nach acht Stunden ist das Schiff auf ihrer Position. Die Übergabe der Frau wird zu einem Husarenstück. Die Yacht tanzt in der hohen Dünung, der Mast schlägt gegen die zwanzig Meter hohe Bordwand des Frachters. Doch das Manöver gelingt. Sie kommen frei, und dann ist wieder nur Meer.

Vielleicht hätte der Knecht seinem Vater einmal ein Logbuch unter die Nase halten, ihn womöglich einmal mitnehmen sollen. Atlantik, Windstärke neun. Acht Meter hohe Wellen, Schaumbahnen, die der schreiende Wind in Staffeln von den Kämmen reißt, voraus die Täler, sechs, sieben Meter tiefe Senken aus kochendem Grau, das alles, und noch zwei Wochen bis zum nächsten Land.

Vielleicht hätte er zuschauen können, wie er sich unter Deck erbricht, wie er vor Kälte zittert, vor Angst kriecht.

Peer Kunz redet sachlich, wenn er von seinem Vater spricht. Ohne Wut, ohne erkennbaren Hass. Vielleicht die einzige Chance, die er je hatte. Sein Vater ist nun schon tot, der Teufel ein Phantom. Doch wie Seeleute behaupten, ruhen die Geister nicht, steigen die Toten manchmal aus den Wogen und trachten den Lebenden nach dem Verstand.

Ein anderes Mal erwischte Kunz das Dengue-Fieber an Bord. Sie hatten noch tausend Meilen bis Portugal, als er und sein Mitsegler rote Pusteln bekamen, danach das Fieber einsetzte, der Schüttelfrost. „Vermutlich karibische Stechmücken, die sich in der Karibik an Bord geschlichen hatten.“ Es blieb nichts anderes, als durchzuhalten. Als sie in Europa an Land gingen, hatte jeder sechs Kilo verloren.

Doch sind Wehwehchen wie Dengue-Fieber am Ende eine recht harmlose Sache. Man kann die Auswirkungen sehen, den Ausschlag auf der Haut, die geschwollenen Lymphknoten, die Exantheme, die bis ins Gesicht wandern. Die Krankheit, die sein Vater ihm mit auf den Weg gab, kennt kaum Symptome. Nichts Sichtbares, nicht Äußerliches. Die Teufel sind in dir drin, und wenn du Pech hast, bringen sie dich nicht nur um den Verstand, sondern um dein Leben.

In jenen Jahren, die der Norddeutsche Peer Kunz mit Hamburgern und Steigerungsraten verbringt, ist er immer schneller unterwegs. Er erweist sich als talentiert, effizient, rigoros. Das Geschäft floriert, die Filialen, die Zahlen, alles geht nach oben, und es macht einen Heidenspaß. Kunz steckt seine ersten Boni ein, fliegt auf Termine, Montag München, Mittwoch Dresden, Freitag Nizza.

In seinem Marschgepäck bringt er alles mit, was man braucht. Ehrgeiz, Disziplin. Den Willen, die Quoten nach oben zu treiben, den Drang, Kollegen zu übertrumpfen. Der Kunz ist ein Ass, hört er die Chefs sagen. Der macht das super, ein irrer Typ.

Worte, die er nicht kennt. Worte, die runter gehen wie ein mit Schokostreuseln garnierter Erdbeershake.

Nach den ersten ein, zwei Jahren merkt er, dass man Geld, viel Geld, mit dem Job verdienen kann. Man muss nur richtig aufs Gaspedal drücken. Kunz fährt einen teuren Wagen, bald einen noch teureren BMW, mit dem fährt er eines Tages hoch nach Husum, parkt vor dem Haus der Eltern, steigt aus, geht rein und kann seinem Vater am Küchentisch, ein bisschen wie auf einem roten Teppich, berichten, dass er gerade 30.000 Euro Bonus eingestrichen hat.

Der Vater ist nun schon älter, er sagt nicht viel, er sagt nur einen Satz: „Ich hoffe, das ist mehr als die anderen gekriegt haben.“

So geht das alles weiter, Kunz, inzwischen Anfang Dreißig, steckt auch diesen Satz weg, er prescht nach vorn, beschleunigt auf Achtzehn-Stunden-Tage. Um das Pensum durchzuhalten, nimmt er jetzt Tabletten, Captagon am Tag, Flurazepam in den Nächten, wenn die Schlafstörungen kommen.

Inzwischen, fotogen durch den Weltraum schießend, hat er seine Frau kennengelernt, groß, blond, hanseatisch. Die Frau passt wie maßgeschneidert ins Schema. Er ist viel weg, die Taschen voll Geld, und die neuen Freunde hören sich gern an, wie die Frauen das Geld raushauen. Schuhe, Autos. Den letzten Lippenstift, dessen Preis du beim Aperitif einstreuen kannst wie eine Prise Selbstbeschleuniger.

Die beiden heiraten, bekommen Kinder, zwei Mädchen, Zwillinge. Kunz, ist viel weg, auch nach seiner Wandlung zum Vater. Termine hier, Termine dort. Erst Jahre später wird es ihm auffallen und wird er sagen: „Ich kann mich nicht erinnern, ein einziges Mal eine Windel gewechselt zu haben.“

Ein Haus soll es stattdessen geben, ein schönes großes Haus im schönen Hamburg, ein Objekt, bei dessen Anblick Kollegen, Freunde vor Neid platzen. Kunz lässt die Immobilie bauen, macht nicht mal Schulden. Allein das Bad hat 32 Quadratmeter, Sauna, Balkon. Dann, eines Tages, mitten im Prozess der Innenausstattung, wirft er beiläufig einen Blick auf eine Rechnung, eine Rechnung, die tief in seinem Inneren einen winzigen, unschönen, ersten Zweifel erzittern lässt.

Die auf antik gebürsteten Badezimmerarmaturen, die seine Frau bestellt hat, sollen 26.000 Euro kosten.

Kunz sagt: „Ist das nicht ein bisschen viel?“ Seine Frau: „Lass mich mit solch irdischen Dingen in Ruhe.“

Der kleine Zweifel aber bleibt, nistet sich ein. Er wirkt wie eine Bremsklappe, wie ein erstes Stottern im Raketenmotor.

Kunz gibt in diesen Jahren weiter Gas, neue Filialen müssen her. Doch merkt er, dass sein Körper leidet, spürt, wie seine Seele den Speed nicht mehr so richtig mitmacht. Seine Töchter sieht er kaum. Sie wachsen heran, gehen in den Kindergarten, und er spürt, tief drin, wenn er sie in den Arm nimmt, dass er nichts spürt.

Keine Wärme, keine Fülle, keine Liebe.

Niemand, mit dem über er seinen kleinen Zweifel sprechen kann. Die Menschen, die er kennt, seine Frau, seine Freunde, seine Kollegen, auf diesem Ohr sind sie taub.

Davongekommen

Es ist das Jahr 2012, der Erfolgsmensch Kunz, reitend auf dem Erfolg, wird auf einmal leiser, ruhiger, er zieht sich seltsam zurück, taucht ab in eine innere, unverständliche Welt. Er ist jetzt 39, weiß selbst nicht, was mit ihm geschieht. Er weiß nur, dass er in seinem Business nicht bremsen darf, sonst ist er raus.

Kunz weiß noch nicht, an welcher Krankheit er leidet, er hat das Wort schon mal gehört, aber das Wort ist für Waschlappen.

Für alle, aber nicht für ihn.

Drei Jahre zuvor, da hatte das Land kurz mal darüber geredet, auch bei Kunz war das Thema über das nagelneue iPhone geschossen; der Torwart Robert Enke, athletisch, erfolgreich, Benfica Lissabon, FC Barcelona, deutsche Nationalmannschaft. Dieser Profi Enke also, warf sich 2009 vor einen Regionalzug .

Heute, siebzehn Jahre später, kennt fast jeder den Namen der Krankheit, immerhin, man darf ihn in den Mund nehmen, sogar laut sagen, obschon Nebel das Thema noch immer umfasst. Ärzte aber finden zunehmend mehr über Depressionen heraus, sie erforschen, ob genetische Vorbelastungen eine Rolle spielen, inwiefern äußere Einflüsse innere Wunden reißen, Verstrickungen, Abhängigkeiten, Irrwege, die Lautstärke, die Hast, die Kälte der Welt.

Es ist wie gesagt nicht einfach. Das Thema ist unsichtbar.

Studien belegen inzwischen, auch wenn man dafür keine Studien braucht, dass elterlicher Druck die Psyche von Kindern belasten, dass eine Überdosis an Kritik und Erwartungen ihr Innenleben ruinieren und dass ein fehlendes Herz ihre Seelen zerfetzen kann.

An einem Tag im Jahr 2012 steht das Haus leer. Seine Frau ist mit den Töchtern verreist. Kunz trinkt an diesem Abend, er trinkt viel, er sucht die Tabletten neben seinem Bett, schluckt alles, was da ist, er schafft es noch ins Bad, zum Waschbecken, zum Spiegel.

Dort fällt Kunz um.

Heute, vierzehn Jahre danach, fällt es leichter, über alles zu reden. Peer Kunz erzählt es jedem, der zuhört. Er erzählt ungeniert. Wie er nur mit Glück überlebte, wie er alles wegwischte und sich in eine Klinik rettete. Zehn Wochen in einem hellen Zimmer. Therapie, Gespräche, Ärzte. Wie die Runden mit den anderen halfen, der Austausch mit den Psychologinnen Licht brachte und Beruhigungsmittel besänftigten – ihn das alles jedoch nicht retten würde.

Kunz griff damals wenig zum Handy, er las Bücher und dachte nach und ließ sich auch ein altes Fotoalbum in die Klinik mitbringen, in dem er ein wenig blättern konnte. Die Finger über Papier streichend, die Augen analoge Abzüge betrachtend.

Er sah darauf sich selbst, als jungen Mann, als Teenager auf dem Deich. Rückwärts blätternd, erkannte er sich als Kind, als Knirps am Strand, der mit einem Schaumstoffbrett in die Wellen lief und seine Oma mit Wasser bespritzte. Er blätterte das Fotoalbum abermals durch, noch einmal. Beim nächsten Mal legte er eine Art Statistik an, eine genaue Betrachtung der Frage, wo in seinem Leben er jemals so etwas wie Glück empfunden hatte.

Ein letztes Mal erforschte er das Album. Dann wusste er, dass dies das Meer war.

Kunz kann viele Cola Zero trinken. Er erzählt, wie er einmal eine Yacht von Island über die Shetland-Insel nach Ostfriesland brachte, zwölf Tage Nordatlantik mit gut Wind, aber ohne Probleme. Er erzählt, wie das Schiff durch die Wellen rauschte und er an den Färöer-Inseln – gelegen auf halber Strecke, 700 Kilometer vor der norwegischen Küste – einfach vorbeisegelte, weil sie bis heute Treibjagd auf Grindwale und Delfine machen.

Kein Ende nehmen die Geschichten von Wind und Wasser. Karibik, Biskaya, Orcas vor Gibraltar.

Ein neuer Anfang

Nach dem Selbstmordversuch gelang der Weg zum Meer nicht ohne Mut und Entschlossenheit. Noch in der Klinik entschied Kunz, sich ein eigenes Segelschiff zu kaufen. Kein großes, kein teures. Ein eher kleines, eines, auf dem er würde leben und allein segeln können.

Der Chefarzt kam meist mittags zur Visite, er sah, dass Patient Kunz das Netz nach Anzeigen durchforstete, nicht nach Grundstücken und Quoten suchend, sondern nach Schiffen.

Der Chefarzt beugte sich über die Bilder, sagte: „Machen Sie das, machen Sie genau das. Kaufen Sie sich ein Boot und gehen Sie segeln. Machen Sie nur eines nicht. Gehen Sie nicht zurück in Ihr altes Leben. Dann werde ich sie entweder für sehr lange wiedersehen oder nie mehr.“

Nach seiner Entlassung fand Kunz eine Comfortina 32 an der Schlei. Ein schönes Boot, die Fläche zum Leben im Schiffsinneren weit weniger als ein Drittel seines alten Badezimmers. Seetoilette zum Pumpen, daneben ein Griff zum Festhalten, und wenn er wegen der vor Salzwasser juckenden Haut duschen muss, dann geht das nur draußen, hinten auf dem Heck.

Er rüstete das Boot um, arbeitete im Winter am Rumpf, am Innenausbau, befasste sich mit dem Funkgerät, dem Autopilot. In den kalten Monaten mietete er sich in der Bootshalle ein, oben in einem Verschlag, wo die Segel lagerten. Es war kalt, es zog. Kunz schlief unter dem Dach, auf einer schäbigen Matratze, las Bücher.

So näherte er sich dem Meer. Er segelte auf der Ostsee, Bornholm, Südschweden, heuerte bei einer Segelschule an. Erst nahm er Unterricht, dann gab er Unterricht. Auch hier Talent. Kunz versteht schnell, kann gut erklären.

Er sammelt noch mehr Erfahrung. Schläft auf seinem Boot, frühstückt auf seinem Boot, freundet sich vorsichtig mit jenem Lebenswandel an, den man modern Downgrading nennt.

Nebenan in Travemünde gab es eine Station der Seenotretter. Dort heuerte er auch an. Ging in eine alte, leicht abgewetzte Kaserne der Marine, belegte dort Kurse, lernte über Motorkunde, Leckabwehr, Brandbekämpfung, Erste Hilfe und allerlei über Wind, Wetter, Wellen. Die nächsten Jahre fuhr er als freiwilliger Seenotretter Einsätze auf der Ostsee, scheuerte und spülte das Deck eines zauberhaften Rettungsboots der Zehn-Meter-Klasse.

Kunz mit Vollbart, Kunz mit Salzwasserhänden. „Nette Leute“, sagt er heute. „Keine Schnacker.“

Und so ging auch das alles weiter. Seine Töchter kamen bald an Bord. Da ist nicht viel Platz, aber Raum zum Atmen. Es galt, aufzuarbeiten, zu erklären, zu verstehen, auch das ging beim Segeln ganz gut, und wenn sie mal schwiegen, dann sang draußen der Wind.

Die Töchter waren sieben, als er sein Leben umkrempelte und aufs Meer zog. Das erste Mal kam er den beiden nah.

Sie verbringen nun die Ferien zusammen, Tage und Nächte beim Segeln, beim Ankern, auf engstem Raum. Kunz erinnert sich: „Die beiden haben mich damals im Grunde erst richtig kennengelernt, während sie früher immer nur einen Satz gehört hatten, jenen Satz, der überall so federleicht als Ausrede durchgeht: Papa muss wieder weg, Papa muss Geld verdienen.“

Nun war Schluss damit. Die beiden packen mit an, springen ins Meer. Ein Vater, zwei Töchter. Drei, die endlich zusammen lachen können. Mit vierzig Jahren schafft Kunz, was sein eigener Vater nie zustande gebracht hatte. Den Panzer abstreifen.

Und nun, zum Glück, können sich Emma und Pia endlich darüber amüsieren, was sie von ihrem Vater aus den ersten Lebensjahren kannten. Sie hatten ihn nicht einmal in den Arm nehmen dürfen, wenn er mal wieder verreiste. Der Cheeseburger-Mann mochte das nicht, er hatte nur einen Satz für sie übrig: „Nicht, mein Anzug wird knittrig.“

Seine Frau zeigte anfangs Verständnis, kam mit in die Klinik. Doch die Wandlung ihres Mannes passte nicht in ihre Denkmuster. „Nach dem Suizidversuch habe ich meinen kompletten Glaubenssatz geändert, ich machte eine innerliche 180-Grad-Wende“, erzählt Kunz. „Meine Frau konnte nichts mehr mit mir anfangen.“.

Er schickte ihr Bücher vom Umgang mit Depressiven, Bücher, die die Strukturen der Krankheit offenlegen. Doch die beiden Leben passten nicht mehr zusammen. Sie wollte die Stadt, ein großes Haus, ein schönes Auto. Kunz brauchte das Meer.

Die beiden verstehen sich bis heute gut, wie er sagt. Kein böses Blut. Sie ging ihren Weg, er seinen.

“Well done, boy”

Kunz segelte bald das erste Mal auf die Nordsee hinaus, durch den Englischen Kanal, bis nach Gibraltar, auf dem eigenen Boot. Fragte sich, wie lange er von seinem Ersparten würde leben können. Doch die Frage war nicht mehr erstrangig, sie war zweitrangig.

Weitere Kurse, längere Zeiten auf dem Meer, auf dem Boot. Bald kommen von einer Agentur erste Anfragen, ob er sich vorstellen könne, als professioneller Skipper einzuspringen, womöglich sogar zu arbeiten.

Kunz macht seine professionellen Patente, den internationalen Yacht-Schein in Southampton. Die Engländer sind bekannt für ihre Kompetenz, für nautisches Können und strenges Segeln. Eine alte Seemacht, mit Härte und Stil. Kunz muss Strömungen berechnen, interpolieren, sich in Blindnavigation beweisen. Zwei Tage und eine Nacht dauert die Prüfung auf dem Meer, ohne Schlaf, in einem Stück durch.

Der Prüfer ist ein alter britischer Kapitän, ein knallharter Hund, dem Kunz nach dem letzten Pflichtmanöver unten in der Kombüse einen Kaffee aufgießt, den Becher anschließend über die Stufen nach oben ins Cockpit balanciert. In dem Geschaukel unter Deck, das Boot mit sechs Knoten durch recht raue See marschierend, hatte er aus Versehen nach dem Salz gegriffen.

Der Prüfer spuckt den Kaffee wieder aus, schimpft fürchterlich, während der Wind seine Worte in Stücke reißt. Ganz kurz, ganz tief drinnen, zuckt Kunz zusammen. Doch dann, so erzählt er es, erreicht ihn eine Reaktion, die er sein Leben lang vermisst hat.

Well done, boy, just get me another one.

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