Demenz & Familie: Warum wir unsere Liebsten trotzdem besuchen
Damit Ihr Wille zählt.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
in unserem heutigen Denkanstoß widmet sich Philipp Zauner der Frage: Warum besuchen wir unsere Liebsten, wenn sie uns nicht mehr erkennen? Er kommt dabei zu einer berührenden Erkenntnis über die Liebe und den wahren Kern eines Menschen.
Damit Sie auch bei handfesten Themen verlässliche Orientierung erhalten, freuen wir uns über eine besondere Empfehlung: In unserem „Finanztip des Monats“ erklärt Hermann-Josef Tenhagen, wie Sie mit Ihrem Depot im Ruhestand richtig umgehen, ohne Angst haben zu müssen, dass Ihnen das Geld ausgeht.
Aber der Sommer lädt natürlich auch dazu ein, einfach mal durchzuatmen. Unser Autor Stefan Schmitz nimmt uns mit in die „Wohlfühlzone“ und zeigt, warum das Leben nicht immer im Renntempo stattfinden muss. Wenn Sie stattdessen einfach mal ein offenes Ohr brauchen, lohnt sich das Interview mit Elke Schilling. Die Gründerin des „Silbernetz“ spricht darüber, warum so viele Ältere einsam sind und wie bereichernd ein kurzes Telefonat sein kann.
Zudem freuen wir uns, Ihnen die erste Folge der neuen Afilio-Show präsentieren zu dürfen, in der unser Ruhestands-Experte Peter Lennartz zeigt, wie man den neuen Lebensabschnitt aktiv gestaltet.
„Hallo Michael”, flüstert meine Oma. Ich korrigiere sie nicht. Wozu auch? Ich nehme ihre Hand und versuche etwas Smalltalk, lauter belangloses Zeug – wahrscheinlich, weil mir bei größeren Themen die Tränen kommen würden. Es wirkt, als schaue sie an mir vorbei, oder durch mich hindurch. Und doch fühlt es sich ein bisschen an wie früher.
Die Frage ohne eindeutige Antwort
Besuche bei dementen Angehörigen sind so schmerzhaft, weil sie uns mit der Vergänglichkeit konfrontieren – zuerst mit der der Kranken. Aber auch mit unserer eigenen, denn unweigerlich wird uns bewusst, dass auch unsere Erinnerungen und unser Verstand nicht unbedingt für alle Zeiten zu uns gehören.
Warum aber nehmen wir diese Besuche trotzdem auf uns? Ein Freund sagte mir: „Ich glaube, ich mache das aus Pflichtgefühl.“ Meine Mutter meinte: „Dankbarkeit.“ Jede Antwort auf diese Frage enthält etwas Wahres und trotzdem trifft keine den Kern.
Vielleicht deshalb, weil all diese Antworten Gefühle beschreiben und unklar ist, auf wen sich diese Gefühle überhaupt richten. Gelten sie der Person, die gerade vor uns sitzt, oder der, an die wir uns erinnern?
Oma, bist Du es?
Irgendwann fällt fast zwangsläufig dieser Satz: „Sie ist doch gar nicht mehr da.” Und ich verstehe ihn, denn er macht die Situation einfacher. Wenn meine Oma nicht mehr dieselbe Person wäre, dann dürfte ich loslassen und trauern. Aber gegen diesen Gedanken sträubt sich etwas in mir, weil er einen Menschen auf seine geistigen Fähigkeiten reduziert.
Die andere Möglichkeit macht mir allerdings fast noch mehr Angst. Was, wenn sie noch dieselbe wäre? Nicht unverändert. Nicht so wie früher. Aber doch noch genug Mensch – und Oma – , dass sie fühlt, leidet und Nähe braucht. Dass sie sich nicht einfach verabschiedet hat, sondern sich nur meinem Verstehen entzieht.
Ich bin zwischen diesen Gedanken hin- und hergerissen. Vielleicht ist genau das der Punkt: Ich weiß nicht, was stimmt und was nicht. Trotzdem besuche ich sie.
Die Antwort, die schon in der Frage steckt
Ich habe über Identität nachgedacht. Über Erinnerungen. Über den Geist. Darüber, was einen Menschen eigentlich ausmacht. Aber womöglich steckt die Antwort in der Frage selbst. Warum besuchen wir unsere Liebsten? Weil wir sie lieben.
Dieser Satz klingt zunächst banal. Bis man merkt, was er bedeutet.
Was sagt das über Liebe?
Liebe beginnt dort, wo Gewissheit endet – wo sie sich nicht mehr rational begründen lässt. Dort ist sie dann kein simples Gefühl, sondern eine Haltung, die man einnimmt.
An der Demenz wird etwas sichtbar, das im Alltag leicht übersehen wird: Wir begegnen Menschen offenbar nicht als einer Summe von Eigenschaften, sondern als einem Ganzen. Der Philosoph Martin Buber verdichtet diesen Gedanken in einem einzigen Satz: „Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand.“
Da scheint mir die Antwort auf die Frage zu liegen, warum wir unsere Liebsten besuchen: weil wir uns weigern, sie auf das zu reduzieren, was wir von ihnen gerade sehen.
Die Redaktion von Finanztip erklärt seit vielen Jahren unabhängig und verständlich, worauf es bei Geld, Vorsorge und Verbraucherrechten ankommt – und wurde so zum führenden Geldratgeber in Deutschland.
Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen liegt besonders am Herzen, wie Sie mit Ihrem Depot im Ruhestand richtig umgehen. Deshalb hat er einen Academy Kurs entwickelt, der Ihnen Schritt für Schritt hilft, Ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
Online-Kurs: Finanzen im Ruhestand
Viele schaffen es, ein Vermögen aufzubauen – aber im Ruhestand stellt sich eine neue Frage: Wie nutzen Sie Ihr Depot, ohne Angst zu haben, dass Ihnen das Geld ausgeht? Genau dabei hilft Ihnen dieser Kurs. Hermann-Josef Tenhagen zeigt Ihnen:
Es muss nicht immer schnell gehen: Der Weg ist das Ziel.
Was tun gegen das Gefühl, das Leben sei nur noch liegend zu ertragen? Eine richtungsweisende Fährfahrt in Hamburg - zwischen Hetze und hängen lassen
Kurzvorstellung
Stefan Schmitz
Stefan Schmitz, 61, hat viele Jahre für große Magazine als Politik- und Wirtschaftsjournalist gearbeitet. Genau so lange und leidenschaftlich fährt er Rennrad – gerne nach einer kurzen Fährfahrt mit der Linie 62 von der Hamburger City ins Alte Land nach Finkenwerder. Seine Zweifel am permanenten Wettbewerb mögen damit zu tun haben, dass er immer langsamer wird. Aber weiser wird er auch.
Sebastian und Helena sitzen auf dem Oberdeck der Hamburger Elbfähre. Da, wo die Sonne scheint. Ihre Fahrräder haben sie ziemlich achtlos unten im Bauch des Schiffs gelassen. An einem düsteren Ort, der meist bevölkert wird von Männern in zu engen Hosen, die dort ihre Carbon-Rennräder bewachen. Denn die müssen beim Schiffstransport zum Trainingsrevier in Niedersachsen leider unten bleiben.
„Die im Dunkeln sieht man nicht“
So gibt es eine ungewöhnliche Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem 28-Meter-Schiff „Wolfgang Borchert“ zwischen Finkenwerder und Neumühlen. Oben die Sonne, unten der Muff. Aber anders als in der Dreigroschenoper gehört nicht den Privilegierten der Platz im Licht, sondern da sitzen die Entspannten. Und die im Dunkeln, die man bei Brecht nicht sieht, sind ausgerechnet die selbstoptimierten und allzeit leistungsbereiten Erfolgstypen in Lycra. Oben wehen Helenas rote Haare im Wind, und das gemusterte T-Shirt ihres Freundes Sebastian weht ein wenig mit. Sie hat die Sonnenbrille rausgeholt, er die Augen geschlossen.
Nach Slow Food kommt Slow Cycling
Die Erkenntnis, dass nicht immer maximales Tempo der schnellste Weg zum Glück ist, haben die beiden nicht selbst entdeckt. Vor Jahrzehnten schon forderten in Italien Verächter des Schnellimbisses ruhige Mahlzeiten; sie nannten es „Slow Food“. Die Weinbergschnecke ist ihr Wappentier. Mittlerweile existiert sogar ein „Slow Cycling Movement“. Dessen Regeln gehen so: Du sollst nicht rasen, reichlich Pause machen, gut essen und trinken – und an deinem Lenker nichts befestigen, was Zeit und Tempo misst. „No Rush. Just Vibes“, steht auf Kappen, T-Shirts und Taschen der Bewegung. Keine Hektik, gute Schwingungen.
Leben in angepasster Geschwindigkeit
Dabei lassen es Helena und Sebastian keineswegs immer gemächlich angehen, sondern sie leben gewissermaßen in angepasstem Tempo, mit Rücksicht auf die Umstände. Wenn dagegen zwei der Rennradjungs aus dem Schiffsbauch nur eine Stunde zusammen fahren, wissen beide, wer der schnellere ist. Immer. Gehört dazu. Die Umstände sind egal.
Helena und Sebastian finden Rennradfahren übrigens doof. Auf der anderen Seite der Elbe wollen sie gleich in die Tanzstunde gehen. „Heute Wiener Walzer, rechts herum“, sagt Helena. Sie freut sich. Ist das Tanzen anstrengend? „Geht so“, meint ihr Partner. Darauf sie: „Beim Jive kommt man schon ins Atmen.“ Aber vor allem sei der Kurs „Paarzeit“. Kräfte vereinen also; gemessen wird nichts.
Helena und Sebastian an Bord der “Wolfgang Borchert”
Picknick-Korb verdrängt den Tacho
Als die Fähre in Neumühlen auf der nördlichen Elbseite anlegt, holen die beiden ihre Räder aus dem Highperformer-Muff im Heck. Sie entsprechen perfekt den Regeln der Langsamfahrer. Kein Tacho am Lenker, der Sattel bequem, eine Halterung für den Picknick-oder Einkaufskorb. Seit sie einen 16 Kilometer weiten Weg zur Arbeit hat, fährt Helena E-Bike. Das ist bequemer als das alte Rad, das sie von ihrer Oma geerbt hat. „Gesünder, als mit dem Auto im Stau zu stehen, ist es auch.“ Irgendwie scheint das Slow-Biking-Konzept der menschlichen Natur nicht im Wege zu stehen. Sie jedenfalls versteht es, ohne es zu kennen.
Tempowechsel statt immer Vollgas
Dass andauernde Höchstbelastung nicht zum Erfolg führt, ist selbst beim Radtraining mittlerweile eine unumstößliche Regel. Tadej Pogačar etwa, der wohl beste Rennradfahrer der Welt, trainiert legendär lange und besonders gerne in Zone zwei – also in der zweiten von fünf Belastungsstufen, was bedeutet, dass der Körper schon etwas spürt, aber sich nicht gleich zu Grunde richtet. Das Herz schlägt dann so mit 70 Prozent seiner maximalen Frequenz, der Fettstoffwechsel blubbert, in den Zellen wachsen die Kraftquellen. Das macht richtig schnell. Und fühlt sich wunderbar an, Zone zwei könnte auch Wohlfühlzone heißen.
Die 5 Herzfrequenz-Zonen zeigen, zu wieviel Prozent die Kapazität des Herzens bei Aktivität ausgelastet ist.
Ab in die Wohlfühlzone
Dabei funktioniert sie unabhängig vom Alter und auch dann, wenn man nur ein Drittel der Leistung des Profis tritt. Vielleicht ist die Kraft aus der Wohlfühlzone ja nicht nur ein Rezept fürs Radtraining. An Bord der “Wolfgang Borchert” blitzt und funkelt die Elbphilharmonie zwischen den Containerschiffen auf dem Fluss, der hier schon sehr breit ist. Über 1000 individuell geformte Glaselemente spielen mit der Sonne. Schön ist es auf dem Oberdeck. Beim Jive komme man schon ins Atmen, hat Helena gesagt. Das wäre es: Ein Sommer in der Wohlfühlzone zwischen Nichtstun und Arbeit.
Wir präsentieren Ihnen die erste Folge der neuen Afilio-Show. Leider gab es bei der Übertragung technische Problem. Dafür können Sie hier die Aufzeichnung ansehen, in der Ruhestands-Experte Peter Lennartz zeigt, wie man den Ruhestand aktiv gestaltet.
Im Gespräch ging es darum, Identität & Sinn jenseits der Berufsbezeichnung zu finden, die sieben Phasen des Ruhestands souverän zu meistern und die 168 Stunden, die pro Woche zur Verfügung stehen, bewusst zu gestalten.
Hier können Sie die Folge kostenlos ansehen oder hören:
Manchmal braucht man einfach nur eine vertraute Stimme am Telefon.
Immer mehr alte Menschen sind einsam. Corona hat die Gefahr, den sozialen Halt zu verlieren, noch verstärkt. Wie allgegenwärtig das Problem ist, zeigt auch das große Interesse am telefonischen Angebot des Silbernetz. Seit die Hotline 2018 live geschaltet wurde, gingen mehr als eine Million Anrufe ein. Gegründet wurde es von Elke Schilling. Wir sprachen mit ihr über Einsamkeit, Hoffnung und Verzweiflung – und die entspannende Wirkung von Kräutern und Balkonblumen.
Kurzvorstellung
Franziska Wolffheim
Franziska Wolffheim ist freie Journalistin und Buch-Autorin. Sie schreibt u. a. für ZEIT online, Psychologie heute, chrismon und den Berliner Tagesspiegel. Themen aus den Bereichen Psychologie, mentale Gesundheit, Alter/Älterwerden und Fitness liegen ihr besonders am Herzen. Sie selbst versucht, sich mit Yoga, Krafttraining und Joggen fit zu halten. Im Urlaub liebt sie E-Bike-Touren. Eine ihrer aufregendsten Touren: mit dem Rad von Venedig bis zum schönen Küstenort Poreč in Kroatien.
Frau Schilling, was bedeutet es eigentlich, einsam zu sein?
Einsamkeit ist das Gefühl, nicht genügend enge Kontakte zu haben, denen ich mich anvertrauen kann, ein Gefühl des Mangels. Das kann momentan sein oder auch dauerhaft. Dabei ist das Gefühl immer subjektiv: Ich kann zwei enge Freunde haben, damit total zufrieden sein und mich nie einsam fühlen. Ich kann auch einfach mit mir selbst glücklich sein, ganz ohne Beziehungen zu anderen. Zum Beispiel habe ich eine Freundin, die kaum Kontakte hat, nur eine lose Verbindung zur Tochter, und nichts vermisst. Dagegen kann ich mich auch in einer großen Menge einsam fühlen, weil es mir nicht gelingt, Kontakt zu den anderen Menschen herzustellen.
Wie kam es dazu, dass Sie sich auf das Thema Einsamkeit im Alter fokussiert haben?
Da ist mehreres zusammengekommen. Ich wohne in Berlin in einem Mietshaus. 2014 ist mein Nachbar, ein stiller älterer Herr, in seiner Wohnung tot aufgefunden worden, er war schon einige Monate tot. Ich dachte, dass er verreist war, aber dem war nicht so. Sein einsamer Tod hat mich schockiert.
Ein anderes Erlebnis hatte ich in meiner Tätigkeit als ehrenamtliche Telefonseelsorgerin, vor meiner Zeit bei Silbernetz. Ein 85-Jähriger rief bei uns an, er war alleinstehend, hatte keine Freunde. Er sagte, dass die Reihen um ihn herum leer geworden seien, er wisse nicht, warum er noch leben solle. Der Anruf ist mir nachgegangen und spielte ebenfalls eine Rolle bei meiner Entscheidung, 2016 Silbernetz zu gründen und aktiv mitzumachen.
Silbernetz ist vor allem eine Telefon-Hotline für Menschen ab 60, die Anrufer können anonym bleiben. Wie stark wird sie genutzt?
Die Zahl der Anrufer ist von Jahr zu Jahr gestiegen, auch durch Corona, die Pandemie hat die Einsamkeit noch verstärkt. Seit 2018 sind wir live geschaltet, bislang haben wir mehr als eine Million Anrufe bekommen.
Das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) hat jetzt in einer Studie die Reichweite und Wirkung von Silbernetz untersucht. Was ist dabei herausgekommen?
Die Ergebnisse sind sehr positiv: Selbst kurze Gespräche können Einsamkeit spürbar lindern. Zum anderen erreicht Silbernetz Menschen, die durch ihre Einsamkeit besonders belastet und sonst schwer erreichbar sind. Für sie kann Silbernetz ein Türöffner für weitere Hilfen sein.
Die Telefonzeit für die Anrufenden ist auf 20 Minuten pro Tag begrenzt. Haben Sie so etwas wie Stammkunden, die regelmäßig anrufen?
Ja. Manche melden sich täglich, andere wöchentlich und manche nur ein- oder zweimal.
Rufen mehr Frauen als Männer bei Ihnen an?
Auf jeden Fall. Nur jeder fünfte Anruf kommt von einem Mann. Frauen haben offenbar weniger Barrieren, sich anzuvertrauen.
Interviewpartnerin
Elke Schilling
Elke Schilling, geboren 1944 in Leipzig und von Haus aus Mathematikerin, ist in der DDR aufgewachsen. Nach der Wende ging sie für Bündnis 90/Die Grünen in die Politik und wurde Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt, später Seniorenvertreterin für Berlin-Mitte.
Zehn Jahre arbeitete Schilling ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge, bevor sie Silbernetz gründete. 2025 bekam sie das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement. Ihr Buch „ ,Die meisten wollen einfach mal reden‘. Strategien gegen Einsamkeit im Alter“ ist im Handel nicht mehr erhältlich, kann aber über Silbernetz gegen eine Spende bestellt werden.
Elke Schilling, Copyright: Gordon-Welters
Welche Anrufe sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Kurz vor Ostern 2020, im ersten Lockdown, rief eine alte Dame aus Berlin an, die ganz verzweifelt war, weil ihr Sohn und ihr Enkelsohn Ostern nicht zu ihr kommen konnten. Die beiden hatten sie jahrelang Ostern besucht. Ich habe ihr vorgeschlagen, sich vom Sohn ein Smartphone schicken zu lassen und über Video zu telefonieren. Sie fand das toll, so konnte sie ihre Verwandten dann wahrscheinlich doch sehen.
Ein anderes Mal rief eine 104-Jährige aus Süddeutschland an. Sie lebte im Haus ihrer Familie im zweiten Stock, unten wohnten die jüngeren Verwandten, die sie jedoch selten besuchten. Bemerkenswert fand ich, dass sie trotzdem eine ruhige Gelassenheit ausstrahlte.
Nehmen Sie diese Geschichten mit nach Hause?
Nein, ich versuche abzuschalten. Ich habe einen bunt bewachsenen Balkon mit Blumen, Kräutern und Tomaten, zupfe an allem herum, das entspannt mich. Oder ich gehe draußen spazieren, ich wohne zwischen zwei großen Parks.
Können Sie Ihren Anrufenden noch andere Angebote machen, jenseits der Telefon-Hotline?
Sie können auch eine Silbernetz-Freundschaft eingehen, wenn sie sich regelmäßige Gespräche wünschen. Sie werden dann mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter von uns verbunden. Man vereinbart gemeinsam einen festen regelmäßigen Telefontermin, normalerweise einmal die Woche. Auch das hilft, aus der Einsamkeit ein Stück weit herauszukommen.
Pflegende Angehörige können ebenfalls einsam sein, weil sie häufig ihre sozialen Kontakte vernachlässigen müssen. Rufen diese Menschen auch bei Ihnen an?
Das kommt immer wieder vor. Die Angehörigen geben all ihre Zeit in die Pflege des Familienmitglieds, 24 Stunden, rund um die Uhr. Sie freuen sich, wenn sie mal eine andere Stimme hören, sich aussprechen können. Das sagen sie dann auch.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nicht wirklich helfen können und am Ende eines Telefonats die Menschen mitunter hilflos zurücklassen müssen?
Viele sagen, dass es ihnen schon hilft, überhaupt mit jemandem zu reden. Manche fühlen sich auch deshalb allein gelassen, weil ihre Kinder oder Freunde schon abwinken, wenn sie wiederholt ein Thema ansprechen, das sie belastet. Das kann zum Beispiel die Trauer über den Verlust des Partners vor ein paar Jahren sein. Die Kinder sagen dann: Mama, nicht schon wieder, es wird Zeit, dass du darüber hinwegkommst. Wir von Silbernetz sagen das nicht, sondern hören einfach zu. Es gibt keine Norm, wann man aufhören soll zu trauern. Andere rufen an, weil sie unter psychischen Krankheiten leiden, Depressionen oder Angststörungen. Auch darüber können sie mit uns offen sprechen. Ihre Kinder oder Freunde haben dagegen oft klar gemacht, dass sie nicht ständig damit konfrontiert werden möchten. Auch Ablehnung kann einsam machen.
Ist Einsamkeit nach Ihrer Erfahrung schambelastet?
Das weniger, wir erleben das eher als Resignation, mit der Haltung: Mein Leben ist eben so, und ich kann daran nichts ändern. Viele denken auch, dass ihnen der Kontakt zu anderen Älteren nichts bringt, weil eh nur über Krankheiten gesprochen wird. Auch das führt dann dazu, dass sie vereinsamen.
Kurzvorstellung
Silbernetz e.V.
Silbernetz finanziert sich aus Spenden und staatlichen Zuschüssen. Für die deutschlandweite Hotline sind 24 feste und 75 ehrenamtlich Mitarbeitende, weitere 300 als Silbernetz-Freund*innen aktiv. Die Anrufe sind kostenfrei. Das Silbertelefon (www.silbernetz.org) ist von 8 bis 22 Uhr unter der Nummer 0800 4 70 80 90 erreichbar.
Warum fällt es vielen Betroffenen schwer, über ihre Einsamkeit zu sprechen, Hilfe anzunehmen?
Meist wollen alte Menschen anderen nicht zur Last fallen. Sie haben die negativen Altersbilder, die es in unserer Gesellschaft gibt – etwa, dass die Alten der Gesellschaft finanziell auf der Tasche liegen – ein Stück weit verinnerlicht. Sie glauben selbst, überflüssig zu sein, sozusagen Totholz, deshalb holen sie sich keine Hilfe. Ich finde das sehr traurig. Viele dieser Menschen sind körperlich und geistig fit, haben vielfältige Erfahrungen, das ist ein riesiges Geschenk. Langlebigkeit ist die größte soziale Errungenschaft des letzten Jahrhunderts.
Hat die Politik darauf die richtigen Antworten gefunden?
Noch lange nicht. Ich fände es zum Beispiel gut, wenn es in der Regierung eine zentrale Stelle gäbe, die alle Vorschläge aus den verschiedenen Ministerien daraufhin prüft, inwieweit sie auch den Bedürfnissen alter Menschen gerecht werden. Das betrifft ganz viele Bereiche, Pflege, Gesundheit, Bildung, öffentliche Mobilität, Digitalisierung oder Verkehr. Alte Menschen dürfen hier nicht ausgegrenzt werden. Auch konkrete Maßnahmen in den Städten und Kommunen sind gut, etwa die „Quasselbänke“, bunt bemalte Bänke, auf denen man sitzen und mit anderen in Kontakt treten kann.
Plaudern macht glücklich?
Genau. Alte Menschen, die oft wenig Geld haben, können hier ohne Verzehrzwang mit anderen zusammenkommen. Es sollte viel mehr solcher Initiativen geben.
Wenn Sie in jeder deutschen Stadt einen einzigen Satz auf ein Plakat schreiben könnten – welcher wäre das?
Eine schöne Idee! Für mich wäre das der Satz: „Schenken Sie einem alten Menschen ein Lächeln!“ Dazu muss man ihm oder ihr in die Augen schauen – wer tut das schon noch?
Sie haben ein Buch geschrieben über Strategien gegen Alterseinsamkeit. Was ist Ihre zentrale Botschaft?
Es sind vor allem zwei Botschaften. Zum einen ist es ein Satz von Erich Kästner: „Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“ Das heißt: Ältere sollten sich nicht die Klischees, die es über sie gibt, selbst zu eigen machen, sondern sich dagegen wehren. Zum anderen ist es gut, offen zu bleiben, rauszugehen, solange sie mobil sind, ein Ehrenamt machen. Solange sie neugierig sind, Freude am Leben haben, hat Einsamkeit wenig Raum.
Im letzten Afilio-Ratgeber (Ausgabe #42) gab es bereits unsere zweite Ausgabe des Afilio-Quiz. Die Teilnehmer konnten ihr Vorsorge-Wissen testen und eine AfilioPlus-Mitgliedschaft gewinnen. Die Gewinner des letzten Quiz sind:
1. Platz mit 818 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – lebenslang): Carmen M.
2. Platz mit 814 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Doreen P.
3. Platz mit 808 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 3 Jahre): Annette K.
Das Afilio-Quiz
Wir gehen in die nächste Runde: Testen Sie Ihr Vorsorge-Wissen und gewinnen Sie!
Im Redaktionsteam stoßen wir bei unserer Recherche immer wieder auf spannende Inhalte – von Artikeln bis hin zu Filmen. Doch nicht alle schaffen es in den Ratgeber.
Für alle, die gerne noch mehr lesen, schauen und sich inspirieren lassen wollen, sammeln wir hier die Empfehlungen aus unserer Redaktion. Viel Spaß damit!
Doku-Empfehlung
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Ratgeber-Leser
Wir wurden im Juni von einem Leser unseres Ratgebers auf diese berührende Dokumentation aufmerksam gemacht, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Sie erzählt vom langen, bewegten Leben der Augsburgerin Anna, Jahrgang 1911. Mit 107 Jahren blickt sie zurück und zeigt, warum sie trotz vieler Herausforderungen nie aufgegeben hat. Hier geht's zur Doku in der ARD Mediathek. (kostenlos)