manche Entscheidungen trägt man im Herzen – Sophie trägt ihre jetzt auf der Haut. Für unsere Titelreportage haben wir sie ins Tattoostudio begleitet, wo sie sich das kleine Organspende-Symbol stechen ließ, das inzwischen über 30.000 Menschen tragen. Warum sie diesen Schritt geht, was ihr Vater damit zu tun hat und weshalb das Tattoo einen Organspendeausweis trotzdem nicht ersetzt, lesen Sie in dieser Ausgabe.
Wer seine Entscheidung – ob dafür oder dagegen – verbindlich festhalten möchte, tut das am besten in einer Patientenverfügung. Wie wichtig klare Vorsorgedokumente im Ernstfall sind, hat vergangene Woche Dr. Tim Kleffner, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am AMEOS Klinikum Warendorf, in unserem Webinar eindrucksvoll geschildert. Falls Sie nicht dabei sein konnten: Die Aufzeichnung finden Sie hier.
Um eine ganz handfeste Sorge geht es in unserem zweiten Artikel: Was, wenn der Platz im Pflegeheim nötig wird – und wer soll das bezahlen? Finanzjournalist Thomas Öchsner rechnet vor, welche Zuschüsse es gibt, wann das Sozialamt einspringt und was dann mit Eigenheim und Erspartem passiert.
Zum Schluss blicken wir nach vorn – und zwar weit: Altersforscherin Daniela Jopp hat rund 450 Hundertjährige und ihre Familien befragt. Im Interview erklärt sie, warum gute Gene nur die halbe Wahrheit sind und wie viel wir selbst für ein langes, erfülltes Leben tun können.
Zwei Halbkreise und ein Herzchen: Sophies fertiges Organspende-Tattoo, knapp über dem Handgelenk.
Über 30.000 Menschen tragen bereits das Organspende-Symbol als Tätowierung. Aber wie kommt es ans Handgelenk? Ein Besuch im Berliner Atelier Peony
Sie trägt schon den Mundschutz und die Stirnlampe, hat die Tätowiermaschine in der Hand – da stutzt Pauline, und auch wenn man ihr Gesicht kaum erkennen kann, verströmt sie Empathie und Zuneigung.
„Hast du Kinder, Sophie?", fragt sie die Frau, die ihren Arm etwas unsicher in das Licht der Lampe streckt und der sie gerade ein Organspende-Tattoo stechen will.
Sophie: „Ja, zwei."
Pauline: „Mach dir keine Sorgen. Das hier merkst du kaum."
Für Sophie ist das Organspende-Tattoo, das sie an diesem Augusttag im Berliner Atelier Peony bekommt, die erste Tätowierung. Und wohl auch die letzte.
Für Pauline ist es das 406. Mal, dass sie genau dieses Tattoo sticht.
Erst die Beratung, dann die Nadel: Sophie und Tätowiererin Pauline im Berliner Atelier Peony.
Tausende warten auf ein Organ
Man kann sich schwer vorstellen, dass die beiden Frauen in einem Café die Köpfe zusammenstecken. So verschieden sind sie. Pauline – ganz in schwarz und mit ein paar rötlichen Farbakzenten im Haar – trägt eine große, spinnenartige Tätowierung am Hals; Sophie verströmt von der Brille bis zu den Birkenstocks so ziemlich das Gegenteil von Rebellion.
Aber es gibt etwas, das sie verbindet. Sie wollen dazu beitragen, dass es mehr Organspenden in diesem Land gibt. Dass nicht länger über 8000 Menschen auf ein Organ warten müssen – und viele hundert jedes Jahr sterben, weil sie nicht rechtzeitig eines bekommen. 633 Patienten in Deutschland waren das allein im Jahr 2025.
Deutschland liegt zurück
Deutschland liegt im europäischen Vergleich bei der Organspende im hinteren Mittelfeld. Deutlich höhere Transplantationsraten erreichen Länder wie Spanien und Österreich. Nach vorläufigen Zahlen des weltweiten Organspende-Registers Irodat für 2025 liegt die Zahl der Spender pro Million Einwohner auch in Belgien, Tschechien, Portugal oder Italien rund drei Mal so hoch wie in der Bundesrepublik.
„Das war knapp."
Sophie erzählt, wie ihr Vater eine Herzmuskelentzündung verschleppte, wie die Krankheit nicht erkannt und immer schlimmer wurde. Sie hätten ihm sogar Asthma-Spray gegen die Luftnot gegeben. Als die richtige Diagnose endlich kam, brauchte er – mit gerade 48 Jahren – ein neues Herz. „Es war gut, dass er so jung war", sagt Sophie. Das habe dazu beigetragen, dass er eines der knappen Spenderorgane bekommen habe. Heute, auf den Tag genau, sei das 23 Jahre her. „Das war ganz knapp."
Dem gespendeten Organ habe der Vater zu verdanken, dass er die Geburt seiner Enkel habe erleben können. Aber nicht nur er habe profitiert: „Uns wurden einfach viele Jahre mit meinem Papa geschenkt, und dafür werden wir alle immer dankbar sein!"
Um an ihn und seinen Spender zu erinnern, wünscht sich die 43-Jährige ein kleines Herz neben dem Organspende-Symbol. Pauline klappt das Tablet auf und schiebt auf dem Bildschirm die beiden Elemente hin und her. Das Herzchen hat unten eine winzige Öffnung, es sieht fast fröhlich aus. „Gefällt dir das?“, fragt Pauline. „Oder eher so.”
Zwei Halbkreise und ein Herzchen: Pauline arrangiert das Motiv auf dem Tablet.
Ein unmissverständliches Statement
Das „Opt.Ink" genannte Organspende-Tattoo selbst ist nur ein paar Zentimeter groß und ausgesprochen schlicht, entworfen vom südkoreanischen Künstler Gara und in Deutschland verbreitet vom Verein „Junge Helden". Zwei Halbkreise schieben sich zu einem Ganzen zusammen. Was getrennt war, ist nun eins. Mehr als 30.000 Menschen tragen es bereits als Werbung für das „Geschenk des Lebens", wie die „Jungen Helden" die Organspende nennen. Auf ihrer Webseite kann man erfahren, wo es das Tattoo gibt – und wo und wann es von Überzeugungstäterinnen wie Pauline umsonst gestochen wird.
Weit mehr Menschen wären bereit, ihre Organe zu spenden, als es am Ende tatsächlich tun. Das liegt vor allem daran, dass längst nicht jeder zu Lebzeiten eindeutig seinen Willen äußert – und die Angehörigen mit einer Entscheidung für die Entnahme verständlicherweise zögern, wenn sie nicht genau wissen, was der Tote sich gewünscht hat. „Man beschäftigt sich erst damit, wenn man selbst betroffen ist", sagt Sophie. Bei ihr sei das vor der Krankheit des Vaters ganz ähnlich gewesen, aber inzwischen habe in ihrer Familie jeder einen Organspendeausweis.
Zustimmung oder Widerspruch
Ob die aktive Zustimmung ausreicht, um Spender zu identifizieren, ist seit langem umstritten. Im Bundestag gibt es einen neuen Anlauf, das Verfahren zu ändern – dann würde jeder nach seinem Tod Organspender, der dies nicht zu Lebzeiten aktiv abgelehnt hat. Frei von Problemen ist auch diese Widerspruchslösung nicht. Aber es muss etwas geschehen. In Spanien etwa kommen pro Jahr auf eine Million Einwohner etwa 50 Organspender. In Deutschland waren es nach den Zahlen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit im Jahr 2025 11,8.
Auf einem Festival ist Sophie erstmals dem Organspende-Tattoo begegnet, die „Jungen Helden" hatten dort einen Stand, an dem Pauline tätowiert hat. Seitdem wuchs in ihr der Wunsch, auch so eine Tätowierung zu tragen. Sie will etwas nach außen zeigen. Deshalb soll das Tattoo auch nicht an irgendeiner unauffälligen Stelle verborgen werden.
Aber wo soll es hin? Die beiden Frauen entscheiden sich für knapp über dem Handgelenk. Lange steht Sophie mit dem erstmal nur aufgemalten Symbol und dem kleinen Herzchen vor dem Spiegel. Sie schaut, wie es wirkt, aus welchen Perspektiven man es sehen kann. Ob es aus einer Richtung vielleicht komisch oder verstümmelt aussieht oder wie ein Relikt der letzten Mahlzeit. „Vielleicht ein Mü weiter hinten", sagt sie vorsichtig. Die Stille danach klingt wie: Es geht ja nie wieder weg.
Sichtbar, aber dezent: Die Vorlage sitzt knapp über dem Handgelenk.
Sichtbar und doch dezent
Als Pauline die Vorlage an der richtigen Stelle platziert hat, legt sich Sophie auf eine Liege. Am Kopfende ist der Entwurf eines riesigen Rückentattoos zu sehen. Mit prächtigen Blumen am unteren Ende, die für die Pobacken der Kundin gedacht sind. „Die Frau ist gerade verbeamtet worden", sagt Pauline – und beide lachen.
Sophie ist etwas aufgeregt, aber völlig kontrolliert – und Pauline macht es ihr so leicht wie möglich. „Dauert nur fünf Minuten", flötet sie. „Mit Herzchen sechs." Die Szene könnte nicht friedlicher sein.
„Dauert nur fünf Minuten. Mit Herzchen sechs.“
Als alles fertig ist, dreht und wendet Sophie den Arm. Sie weiß nicht, was ihr Vater sagen wird, der nichts von ihrer Entscheidung weiß und ziemlich konservativ ist. Die Arbeitskollegen werden sich nicht wundern, denn sie kennen die Qualitätsmanagerin seit vielen Jahren – und auch ihre Verbindung zur Organspende.
Irgendwann kommt ihr Mann in den Laden, um sie abzuholen. Sie sieht ein bisschen erleichtert aus. Und sehr zufrieden.
Ausweis und Register
Um ihre Bereitschaft zur Organspende zu dokumentieren, haben mehr als 25 Millionen Menschen in Deutschland einen Organspendeausweis. Auf dieser Seite können Sie ihn ausfüllen und herunterladen. Wer ihn nicht selber ausdrucken möchte, kann ihn auch kostenlos als Plastikkarte bestellen. Zudem ist es seit einigen Jahren möglich, sich in ein Online-Register eintragen zu lassen. Dies hat den Vorteil, dass die Informationen sofort von Ärztinnen und Ärzten abgerufen werden können.
Diese Möglichkeit ist auch automatischer Bestandteil der Afilio-Notfallkarte, die unter anderem rechtssichere Angaben über die Bereitschaft zur Organspende enthält.
Wichtig: Das „Opt.Ink"-Tattoo der „Jungen Helden" ist rechtlich nicht bindend – aber ein sehr deutlicher Hinweis auf den Willen des Trägers, der Angehörigen die Zustimmung zur Organentnahme erleichtert.
Wenn Vater oder Mutter ins Pflegeheim müssen, ist plötzlich alles anders. Oft auch finanziell. Wer zahlt was? Und welche Hilfe gibt es?
Kurzvorstellung
Thomas Öchsner
Thomas Öchsner ist seit mehr als 30 Jahren Finanzjournalist und war leitender Redakteur in der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung. Gerade ist sein neues Buch erschienen: Dein Geld kann mehr!, Rowohlt 2026.
Worum geht’s?
Ein Platz im Pflegeheim wird immer teurer. Im Bundesdurchschnitt muss im ersten Aufenthaltsjahr ein Eigenanteil von 3.245 Euro pro Monat gezahlt werden.
Reichen das eigene Einkommen und die Leistungen der Pflegeversicherung nicht aus, können Sie Hilfe zur Pflege vom Sozialamt beantragen.
Das Sozialamt prüft Vermögen und Einkommen aber sehr genau, und gegebenenfalls müssen Kinder mit einem Bruttojahreseinkommen von mehr als 100.000 Euro für ihre pflegebedürftigen Eltern Unterhalt zahlen.
Zum Ende ihres Lebens haben viele Menschen einen großen Wunsch: Sie wollen, auch wenn sie Hilfe brauchen, in ihrer vertrauten Umgebung bleiben und auf keinen Fall ins Heim. Tatsächlich werden in Deutschland vier von fünf pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt, meist von Angehörigen. Wächst der Unterstützungsbedarf, stoßen Familien allerdings schnell an ihre Grenzen. Beruf, eigene Familie und Pflege lassen sich oft kaum noch vereinbaren. Und ambulante Dienste kommen zwar ein- oder mehrmals täglich, können aber nicht Tag und Nacht da sein, um zum Beispiel an Demenz Erkrankte oder Menschen mit starken körperlichen Einschränkungen zu versorgen. Nicht selten geht es irgendwann nicht mehr anders: Mama oder Papa, Opa oder Oma oder ein anderer naher Angehöriger müssen ins Pflegeheim. Dann treibt die meisten Familien auch eine finanzielle Frage um: Wie können wir den Platz im Heim bezahlen? Und wer hilft, wenn das Geld nicht reicht?
Wie viel kostet ein Platz im Pflegeheim?
Ein Platz im Pflegeheim kostet im Bundesdurchschnitt je nach Pflegegrad zwischen mehr als 4.000 Euro bis fast 5.700 Euro im Monat. Davon müssen die Bewohnerinnen und Bewohner immer mehr aus eigener Tasche zahlen. 2026 ist die Eigenbeteiligung im ersten Aufenthaltsjahr im Bundesdurchschnitt um 261 Euro – was neun Prozent entspricht – auf 3.245 Euro pro Monat gestiegen. Das zeigt eine Auswertung des Verbandes der Ersatzkassen. Diese Eigenbeteiligung besteht aus drei Komponenten:
Der größte Batzen entfällt auf den einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE) für die pflegerischen Kosten inklusive der Ausbildungskosten – im Durchschnitt sind das 1.685 Euro im ersten Aufenthaltsjahr.
Hinzu kommen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung in Höhe von durchschnittlich 1.046 Euro im Monat.
Sowie die Investitionskosten. Diese sind unabhängig von der Aufenthaltsdauer und betragen für alle Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen monatlich 514 Euro.
Alle drei Komponenten zusammen ergeben die Eigenbeteiligung von 3.245 Euro im ersten Jahr.
Pflegebedürftige bekommen neben den Leistungen aus der Pflegeversicherung seit 2022 die sogenannten Leistungszuschläge, die sich nach der Dauer des Aufenthalts im Heim richten. Trotzdem erhöht sich seit Jahren der Eigenanteil. In Zukunft könnte die Last noch größer werden: Denn derzeit wird über eine Pflegereform diskutiert und über Änderungen bei den aufenthaltsabhängigen Zuschüssen. Gut möglich, dass dann auf Grund von Einsparungen noch mehr pflegebedürftige Personen auf Sozialhilfe, die „Hilfe zur Pflege", angewiesen sind. Laut einer Auswertung der Krankenkasse DAK gilt dies in diesem Jahr bereits für 37 Prozent aller Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner, ein neuer Höchstwert. Demnach beziehen bereits mehr als 300.000 Menschen Sozialhilfe in Pflegeheimen.
Webinar-Tipp: Was ist los mit der Pflege?
Was ändert sich durch die Pflegereform wirklich für Sie? Pflegesachverständiger Jens Henseleit gibt im Afilio-Webinar die Antworten – zur Zusammenfassung mit Aufzeichnung.
„Heimplätze werden immer teurer", sagt Verena Querling, Pflegeexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Das liegt an den gestiegenen Gehältern für Pflegekräfte, den höheren Preisen für Heizung und Strom und den höheren Lebenshaltungskosten, die auch für Heimbetreiber alles teurer machen. Es gibt aber große Preisunterschiede, je nach Bundesland und Standort. In Baden-Württemberg etwa beläuft sich die Eigenbeteiligung in den ersten zwölf Monaten ohne Zuschüsse auf 3.875 Euro, in Sachsen-Anhalt auf 2.996 Euro. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Kosten für Heimbetreiber weit auseinanderliegen können. So sind die Preise, Mieten und Löhne in einer Stadt wie Konstanz in der Regel höher als etwa in Halle. „Ein Grundstück am Bodensee kostet nun einmal mehr als in Naumburg", sagt Querling.
Was zahlt die Pflegeversicherung?
Grundsätzlich gilt, egal wo die Pflege stattfindet: Nur wer pflegeversichert ist und mindestens zwei der vergangenen zehn Jahre in der Pflegeversicherung war, kann Geld von ihr bekommen. Dieses gibt es aber nur per Antrag, Afilio hilft Ihnen dabei. Wer wie viel bekommt, hängt vom Pflegegrad ab.
In Pflegeheimen beteiligt sich die Pflegeversicherung an den Kosten für die Pflege und Betreuung sowie für die Vergütung von Auszubildenden in der Altenpflege. Für die Pflege zahlt die Kasse aber nur ab Pflegegrad 2. Die monatlichen Leistungen sind gestaffelt (Stand 2026):
Wer Pflegegrad 1 hat und im Pflegeheim wohnt, erhält einen Zuschuss in Höhe von 131 Euro. Dieser Entlastungsbetrag soll nach den Plänen für die Pflegereform aber wegfallen. Zusätzlich gibt es, wie bereits erwähnt, bei vollstationärer Pflege den Leistungszuschlag für Personen mit Pflegegraden 2 bis 5. Diesen erhält das Heim direkt von der Kasse. Dabei gilt der Grundsatz: „Je länger Sie schon im Heim leben, desto höher fällt der Zuschlag aus, und desto geringer ist Ihr Eigenanteil", sagt Expertin Querling. So beläuft sich der Zuschuss zum Beispiel auf 15 Prozent des Eigenanteils an den Pflegekosten, wenn Sie bis zu zwölf Monate in einem Heim leben. 75 Prozent der Pflegekosten wären es, wenn Sie mehr als 36 Monate in einem Pflegeheim leben.
Gibt es noch andere Zuschüsse?
In einigen Bundesländern gibt es Landespflegegeld, wie in Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen und Rheinland-Pfalz. Wer darauf Anspruch hat, ist unterschiedlich geregelt. In Bayern hat jeder Mensch mit anerkanntem Pflegegrad 2 oder höher Anspruch. In anderen Ländern gibt es vergleichbare Leistungen nur bei Seh-, Gehör- oder schweren Körperbehinderungen. Die Extra-Zuschüsse sind zwar nicht sehr hoch – in Bayern zum Beispiel 500 Euro pro Pflegejahr –, aber besser als nichts.
Kann ich als Heimbewohner auch Wohngeld beantragen?
Der Betrag, den die Pflegeversicherung bezahlt, deckt in der Regel nicht die gesamten Heimkosten. Wenn die Rente oder andere Alterseinkünfte nicht reichen, können Sie Wohngeld beantragen. „Viele wissen gar nicht, dass auch Pflegebedürftige im Heim diese Möglichkeit haben", sagt Querling. Wie viel das ist, hängt vom Mietniveau der Region ab, in der sich das Domizil befindet. Aber ein paar hundert Euro pro Monat sind durchaus als Unterstützung fürs Wohnen im Heim drin.
Wann hilft mir das Sozialamt?
Reichen Rente, Vermögen, die Leistung der Pflegeversicherung sowie ein mögliches Wohngeld nicht aus, um die gesamten Kosten für Pflege und Unterkunft zu decken, können Sie die „Hilfe zur Pflege" beim Sozialamt beziehungsweise dem zuständigen Sozialhilfeträger beantragen. Das ist die Sozialhilfe für Pflegebedürftige. „Wer Hilfe zur Pflege beantragt, muss sich aber sozusagen bis aufs letzte Hemd ausziehen", sagt Querling. Das Sozialamt will die Kontoauszüge mindestens der letzten zwölf Monate sehen, sowie sämtliche Vermögensnachweise etwa über Lebensversicherungen, Sparkonten, Immobilien sowie Wertgegenstände wie Schmuck. Verlangt wird auch, dass das eigene Vermögen bis zu einem Schonbetrag in Höhe von 10.000 Euro (Ehepaare: 20.000 Euro) aufgebraucht sein muss, bevor der Sozialstaat einspringt. Leben beide Ehepartner im Heim, müssen sie notfalls ihr gesamtes Einkommen für die Heimkosten verwenden.
Afilio-Tipp: Taschengeld vom Sozialamt
Das Sozialamt zahlt Heimbewohnern mit Anspruch auf Hilfe zur Pflege ein Taschengeld von derzeit 152,01 Euro pro Monat. Zusätzlich besteht ein Anspruch auf Hilfe für den Kauf von Kleidung, aber nur auf Antrag.
Was passiert mit dem Eigenheim?
Das Eigenheim ist zu verwerten, bevor das Sozialamt zahlt. Man kann vermieten oder das eigene Haus beleihen, wenn das Geld so für den Eigenanteil bei den Heimkosten reicht. Ist das nicht der Fall, muss das Eigenheim verkauft werden, um mit dem Erlös den eigenen Anteil der Heimkosten zu bezahlen.
Ausnahme: Lebt bei Paaren eine Person im Heim und eine in der früheren gemeinsamen Bleibe, muss dem oder der Daheimgebliebenen so viel Geld übrigbleiben, dass sich damit die Kosten bestreiten lassen. „Das Sozialamt schaut, dass der Partner oder die Partnerin im angestammten Zuhause weiter wohnen kann", sagt Heike Hambsch, Pflegeberaterin im Pflegestützpunkt Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz. Notfalls sei die eigene Immobilie mit Schulden zu belasten, die die Erben dann abbezahlen müssen oder durch einen Verkauf der Immobilien tilgen.
„Es gibt hier keinen Schutz für die Erben", bestätigt Verbraucherschützerin Querling. Wohnen die Kinder mit in dem Eigenheim der Eltern, kommt es auf die Größe an, ob die Immobilie vor der Verwertung geschützt ist. Angemessen sind für das Sozialamt zum Beispiel 120 Quadratmeter für vier Personen. „Lebt aber etwa der Sohn in einer 200-Quadratmeter-Villa der Eltern auf Sylt, wird das Sozialamt auf eine Verwertung pochen", sagt Querling. Im Zweifelsfall werde das vom Sozialamt im Detail geprüft und je nach Einzelfall individuell festgelegt, sagt Pflegeberaterin Hambsch.
Wann müssen die Kinder für die Pflegekosten bezahlen?
Viele Mütter und Väter, die sich darauf einstellen, irgendwann ins Pflegeheim zu müssen oder eine kostspielige Pflege zu Hause finanzieren zu müssen, bereitet eine Frage große Sorgen: Müssen meine Kinder für mich zahlen, bevor das Sozialamt einspringt?
Grundsätzlich gilt hier: Können Mutter oder Vater, oder alle beide, den nach den Leistungen der Pflegeversicherung übrig gebliebenen Eigenanteil für das Heim nicht bezahlen, springt zunächst das Sozialamt ein und streckt die Kosten vor. Haben jedoch die Kinder ein ausreichend hohes Einkommen, fordert es die Kosten von ihnen zurück. Nicht die Eltern müssen also Unterhalt von den Kindern verlangen, sondern die Sozialhilfeträger tun dies.
Ist Hilfe zur Pflege beantragt, fragen die Sozialhilfeträger deshalb schon auf den Anträgen zur Sozialhilfe nach, wie es um das Einkommen der Kinder steht. Ein Kind haftet aber nur für seine Eltern, wenn es ein Bruttoeinkommen von mehr als 100.000 Euro im Jahr erzielt. Außerdem müssen weder die Enkelkinder noch Geschwister, Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten hier finanziell füreinander einstehen.
Afilio-Tipp: Vorsicht bei Schenkungen
Das Sozialamt darf von Beschenkten sogar Schenkungen zurückfordern. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn die Eltern innerhalb der vergangenen zehn Jahre ihren Kindern ein Haus geschenkt oder monatlich einfach so Geld überwiesen haben.
Wie berechnet das Sozialamt den Elternunterhalt genau?
Maßgeblich ist das Gesamteinkommen. Dazu zählen neben dem Arbeitseinkommen auch Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung sowie aus Kapitalvermögen. Das Einkommen eines Ehepartners des unterhaltspflichtigen Kindes wird bei dieser Berechnung nicht berücksichtigt. Unterhaltspflichtige Kinder haben vielfältige Möglichkeiten, Ausgaben wie etwa Zins- und Tilgungsleistungen für die eigenen vier Wände, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, Altersvorsorgeleistungen sowie einen Selbstbehalt für den eigenen Lebensunterhalt geltend zu machen. Dadurch können sie ihr Einkommen reduzieren und so den Unterhaltsanspruch begrenzen. Dabei gilt der Grundsatz: Die Sicherung des eigenen Lebensbedarfs des Kindes beziehungsweise der Familie des Kindes hat immer Vorrang vor möglichen Ansprüchen auf Unterhalt für die Eltern. Rein rechnerisch wäre es daher sogar möglich, dass ein Kind zwar die Jahresbruttogrenze übersteigt und somit unterhaltspflichtig ist, aufgrund eigener abzugsfähiger Ausgaben aber nicht über ein Nettoeinkommen verfügt, das den Selbstbehalt übersteigt. In diesen Fällen muss nach Angaben der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz kein Unterhalt aus dem Einkommen gezahlt werden.
Wie viel Geld das Sozialamt unterm Strich von den Kindern verlangt, wird also individuell errechnet. Maßgeblich kann hierfür die Düsseldorfer Tabelle für andere Unterhaltszahlungen sein. Gibt es mehrere Kinder, die womöglich unterhaltspflichtig sind, müssen natürlich nur diejenigen zahlen, deren Einkommen hoch genug ist, um zahlungspflichtig zu werden. Verdienen zum Beispiel zwei von drei Kindern dafür zu wenig, zahlt nur ein Kind – und das auch nur einen Anteil entsprechend seiner Leistungsfähigkeit.
Ein vereinfachtes Beispiel: Für die Mutter von drei Kindern sind monatlich 1.000 Euro an Pflegekosten im Heim nicht abgedeckt. Das Kind mit dem hohen Einkommen oberhalb von 100.000 Euro muss dann nicht die ganzen 1.000 Euro Unterhalt zahlen, sondern nur entsprechend seinem Anteil am Gesamteinkommen der drei Kinder. Wenn dieser bei 70 Prozent liegt, wären 700 Euro im Monat fällig.
Lesetipp: Wann Kinder für die Pflege ihrer Eltern aufkommen müssen, lesen Sie ausführlich im Ratgeber Elternunterhalt & Pflege.
Vergangene Woche hat Dr. Tim Kleffner, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Josephs-Hospital Warendorf, in unserem Live-Webinar gezeigt, worauf es bei der Patientenverfügung wirklich ankommt – aus Sicht des Arztes, der sie im Ernstfall in den Händen hält.
Die Aufzeichnung können Sie sich jetzt kostenlos ansehen. Hinweis: Für Mitglieder gab es im Anschluss eine exklusive Fragen-Runde, diese bleibt exklusiv.
Aufzeichnung: Patientenverfügung in der Praxis
Mit Dr. Tim Kleffner (Chefarzt Zentrale Notaufnahme)
Was im Ernstfall wirklich zählt – aus Sicht der Notaufnahme
Hundertjährige sind längst keine Ausnahme mehr. In Deutschland lebten Ende 2024 laut Statistischem Bundesamt rund 17 900 Menschen, die 100 Jahre und älter waren. Ihre Zahl ist seit 2011 um knapp ein Viertel gestiegen. Aber was muss man tun, um ein hohes Alter zu erreichen? Und wie weit kann man das überhaupt beeinflussen? Wir fragten die Psychologin und Altersforscherin Daniela Jopp.
Kurzvorstellung
Franziska Wolffheim
Franziska Wolffheim ist freie Journalistin und Buch-Autorin. Sie schreibt u. a. für ZEIT online, Psychologie heute, chrismon und den Berliner Tagesspiegel. Themen aus den Bereichen Psychologie, mentale Gesundheit, Alter/Älterwerden und Fitness liegen ihr besonders am Herzen. Sie selbst versucht, sich mit Yoga, Krafttraining und Joggen fit zu halten. Im Urlaub liebt sie E-Bike-Touren. Eine ihrer aufregendsten Touren: mit dem Rad von Venedig bis zum schönen Küstenort Poreč in Kroatien.
Viele Menschen glauben, Hundertjährige hätten einfach „gute Gene“. Welche Rolle spielt die Genetik, welchen Einfluss hat der Lebensstil?
Das ist eine spannende Frage. Lange wurde davon ausgegangen, dass die Genetik gerade für das Erreichen eines hohen Alters eine zentrale Rolle spielt. Es gibt tatsächlich Familien, in denen viele Mitglieder sehr lange leben, deshalb machte man dafür genetische Faktoren aus, ohne aber zu berücksichtigen, dass womöglich auch ein bestimmter Lebensstil innerhalb der Familie weitergegeben wurde. Mittlerweile wissen wir aus Studien und umfangreichen Datenbanken, dass die Genetik zwischen 20 und 25, maximal 30 Prozent ausmacht. Für den Rest sind Lebensstil-Faktoren maßgeblich verantwortlich. Wir können also sehr viel mehr für ein langes Leben tun, als wir erwartet haben.
Das heißt, Menschen, die 100 und älter sind, haben mehr auf einen gesunden Lebensstil geachtet als andere?
In der Tendenz schon. Sie haben sich gesund ernährt, viele hatten einen eigenen Garten, haben dort Obst und Gemüse angebaut. Sie haben nicht im strengen Sinne Sport getrieben, aber waren viel in Bewegung. Wir haben eine große Studie mit Hundertjährigen in der Schweiz gemacht, die ergab: Die Menschen waren regelmäßig in den Bergen unterwegs, sind gewandert. Sie waren mit Sicherheit keine Couch Potatoes.
Wie weit bleiben diese Menschen auch im hohen Alter in Bewegung?
Das ist unterschiedlich, abhängig auch von ihren körperlichen Einschränkungen. Erstaunt hat uns, dass einige Hundertjährige ganz bewusst Strategien entwickelt haben, um auch im hohen Alter in Bewegung zu bleiben. Ein Hundertjähriger aus Zürich erzählte uns, dass er jeden Tag zum Supermarkt geht, um aus dem Haus zu kommen. Dabei kauft er immer nur drei Sachen ein, um am nächsten Tag wieder einen Anlass zu haben, vor die Tür zu gehen. Er ist da sehr konsequent.
Sehr alte Menschen müssen damit leben, dass viele Freunde vor ihnen gestorben sind, manchmal auch die eigenen Kinder. Welche Rolle spielt die soziale Einbindung, um ein hohes Alter zu erreichen?
Eine große Rolle. Viele Hochbetagte, die wir gesprochen haben, sind in ihrer Familie gut eingebettet, pflegen die Freundschaften, die sie noch haben. Ich denke etwa an einen Hundertjährigen, der zusammen mit seiner Enkelin seine Memoiren aufschreibt. Ein anderer reist mit dem Zug quer durch das Land, um seine Freunde zu besuchen. Es gibt aber auch diejenigen, die wenige Kontakte haben und damit zufrieden sind, sie schöpfen aus sich selbst. In Amerika gibt es dafür das Bild des alten Farmers, der zufrieden ist, seine Ruhe zu haben. Daneben haben wir es aber auch mit Menschen zu tun, die sich tatsächlich einsam fühlen, manche mit wenigen Kontakten, manche aber selbst mit regelmäßigem Austausch. Wichtig finde ich daher, dass die Hausärzte die Betroffenen dazu genauer befragen, eine Art Einsamkeits-Screening machen. Dann kann man zusammen über Möglichkeiten nachdenken, wie sie sozial besser eingebettet werden können.
Interviewpartnerin
Daniela Jopp
Daniela Jopp hat in Berlin Psychologie studiert und über erfolgreiches Altern promoviert. Als Expertin für Hochaltrigkeit leitete sie mehrere Studien über die Lebenssituation von Hundertjährigen, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz (wp.unil.ch/swiss100/de). Die Psychologin lehrt als Professorin an der Universität von Lausanne.
Die Psychologin Daniela Jopp forscht seit vielen Jahren zur Hochaltrigkeit.
Sie haben für Ihre Studien Gespräche mit insgesamt rund 450 Hundertjährigen bzw. ihren Familien geführt. Gibt es Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die Ihnen besonders häufig begegnet sind?
Viele Hochbetagte sind sehr neugierig, interessiert am Leben, an der Politik. Sie waren in der Tendenz in ihrem Leben aktiv, die Frauen häufig berufstätig. Was uns besonders erstaunt hat: Viele Hundertjährige, mit denen wir sprachen, haben in ihrem Leben eine bestimmte Leidenschaft entwickelt. Das kann eine Passion für die Wissenschaft oder ein Hobby wie Reisen sein. Sie entwickeln eine ungeheure Energie, um ihre Leidenschaft zu verfolgen, damit werden sie offenbar ein Stück weit ins hohe Alter getragen.
Haben Sie ein Beispiel?
Ich denke etwa an einen Mann, der früher als Biologe an der Uni gearbeitet hat, dann lange Jahre Direktor eines Gymnasiums war. Als Rentner hat er zwölf Jahre an einem Buch geschrieben, das die Bibel für Pflanzenkunde in der Schweiz geworden ist und sich sehr gut verkauft. Wenn man mit ihm vor die Tür geht und er Blumen sieht, fallen ihm regelrecht 20 Jahre seines Alters von den Schultern. Mittlerweile ist er 105.
Würden Sie Menschen also raten, einer Leidenschaft nachzugehen, um ein hohes Alter zu erreichen?
Zumindest scheint das ein Faktor zu sein, der das Altwerden begünstigt. Eine andere Hundertjährige, die wir gesprochen haben, hatte eine große Leidenschaft für Kunst, besuchte gern Ausstellungen. Sie selbst kam aus einer Künstlerfamilie.
Ein hohes Alter zu erreichen, ist alles andere als selbstverständlich. Haben Sie auch Stolz bei den Betroffenen herausgehört?
Ja, aber viele sind auch erstaunt über ihr hohes Alter. Wichtig scheint mir, dass wir bei den meisten eine hohe Lebenszufriedenheit gefunden haben. In unserer Schweizer Studie haben 92 Prozent gesagt, dass sie mit ihrem Leben zufrieden bis sehr zufrieden sind. Das mag auch daran liegen, dass sie dankbar sind, überhaupt so alt werden zu dürfen, vorausgesetzt, sie sind körperlich und geistig nicht stark eingeschränkt. Wenn wir die Hundertjährigen gefragt haben, wie sie sich gesundheitlich fühlen, kam häufig die Antwort: „Mir geht es gut. Was soll ich mich beschweren, die anderen aus meiner Generation sind doch schon tot.“
Sind Hochaltrige grundsätzlich eher optimistisch?
Ja, das haben verschiedene Studien ergeben. Optimismus scheint ein Faktor zu sein, der Langlebigkeit begünstigt. Menschen, die optimistisch sind und einen Sinn in ihrem Leben sehen, haben in der Tendenz ein besseres Immunsystem. Nach Infektionen oder Operationen werden sie schneller gesund als andere.
Es gibt aber auch die Grantler, die alles negativ sehen und trotzdem uralt werden.
Das stimmt. Vielleicht haben sie eine Leidenschaft für das Granteln entwickelt, die ihnen hilft, uralt zu werden. (lacht)
Haben Menschen, die sehr alt werden, im Durchschnitt weniger mit Krankheiten zu tun als andere?
Zumindest konnten wir in einer Studie zeigen, dass sie bestimmte Krankheiten und Einschränkungen später entwickelt haben als der Durchschnitt der Normalbevölkerung. Im Alter von 100 Jahren haben dann alle Hundertjährigen Gesundheitseinschränkungen, zumeist etwa eingeschränktes Hören und Sehen, Probleme mit Gehen und Gleichgewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was uns fasziniert hat: Wir haben im Blut der Hochaltrigen ungewöhnliche Proteinprofile gefunden, das heißt, ihre Proteine ähneln denen von Menschen, die viel jünger sind als sie, nämlich zwischen 30 und 60 Jahren. In diesen Profilen waren Proteine enthalten, die für Reparaturmechanismen im Körper zuständig sind und zum Beispiel die freien Radikale, die Entzündungen beschleunigen können, einfangen. Eine offene Frage ist, ob Gene für diese positiv wirkenden Proteinprofile verantwortlich sind oder eher der Lebensstil.
Man könnte erwarten, dass viele Hundertjährige unter Demenz leiden. Was sagt Ihre Forschung?
Der Anteil der Demenzerkrankungen war nicht so hoch, wie man für das hohe Alter erwarten könnte. In einer unserer Studien hatten immerhin bis zu 57 Prozent keine oder nur geringe kognitive Einschränkungen. Der Anteil ist höher als in einer unserer früheren Studien, der Heidelberger Hundertjährigen-Studie, in der 54 Prozent ohne bedeutende Einschränkungen waren; die Hundertjährigen dort hatten wir vor zehn Jahren untersucht. Möglicherweise besteht also eine positive Entwicklung, die wir bereits dokumentieren konnten: In Heidelberg haben wir zwei Generationen von Hochbetagten untersucht, eine Gruppe war um 1900 geboren, die andere um 1912. Die Spätergeborenen hatten eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit, der Anteil mit Einschränkungen war geringer. Meine Hoffnung ist, dass auch in Zukunft die kognitiven Fähigkeiten von Generation zu Generation zunehmen.
Hochaltrige haben oft Schlimmes erlebt, zwei Weltkriege, Hunger und Entbehrungen durchlitten, sind daran aber nicht zerbrochen. Sind diese Menschen resilienter als andere?
Vermutlich schon. Sie haben es geschafft, sich ihr Leben lang an Situationen anzupassen, die sie nicht ändern können; das hilft auch im Alter, etwa wenn der Partner stirbt. Hochaltrige haben eine hohe Akzeptanz. Einigen gelingt es, eine Doppelstrategie zu fahren: Sie suchen nach Problemlösungen und können gleichzeitig akzeptieren, wenn es keine Lösungen gibt. Das sind die Super-Coper: Sie versuchen, in ihrem Leben Kontrolle zu behalten, auch wenn ihre Möglichkeiten begrenzt sind. Zum Beispiel bemühen sie sich auch im hohen Alter, durch Übungen ihre Fitness oder ihr Gedächtnis zu verbessern. Oft sagen Hundertjährige auch, dass sie versucht haben, in ihrem Leben maßvoll zu sein, es nicht zu übertreiben. Man solle zwar hart arbeiten, aber den Stress auf einem vernünftigen Level halten und immer wieder das Leben genießen.
Welche Rolle spielt der Glaube, sind Hundertjährige gottesfürchtiger als andere?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche sind sehr gläubig und finden tatsächlich Halt in ihrer Religion, für andere spielt der Glaube gar keine Rolle.
Es gibt eine Reihe von negativen Altersbildern, etwa dass Ältere sich zurückziehen, kein Interesse an Kontakten haben, wunderlich oder eigensinnig werden. Haben diese Altersbilder einen Einfluss darauf, ob jemand alt wird oder nicht?
Es gibt einige sehr gute Untersuchungen, die zeigen, dass die Einstellung zum Älterwerden tatsächlich einen Einfluss darauf hat, wie gut Menschen älter werden oder ob sie sogar früher versterben. Deshalb ist es so wichtig, rechtzeitig die negativen Stereotypen gerade gegenüber dem hohen Alter abzubauen, eine positive Perspektive zu altersbezogenen Veränderungen zu entwickeln. Irgendwann ist man selbst alt und sollte dann nicht diese Bilder im Kopf haben. Mich hat immer fasziniert, was man selbst alles tun kann, um gut alt zu werden. Dass man sich bis ins sehr hohe Alter immer noch entwickeln, neue Hobbys entdecken kann.
Longevity ist im Moment in aller Munde. Gibt es so etwas wie eine Formel für ein langes Leben?
Eine magische Formel gibt es nicht, aber einige Eckpunkte sind klar: Man sollte sich zeitlebens um seinen Körper gut kümmern, den braucht man, wenn man so alt werden möchte. Man sollte auf gesunde Ernährung achten, sich regelmäßig bewegen – was sich auch positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt –, ausreichend schlafen, sich zwischendurch immer wieder Ruhe gönnen. Geistige Neugier, Bildung sind wichtig und können davor schützen, eine Demenz zu entwickeln. Hör- und Sehtests sind unbedingt zu empfehlen: Menschen, die schlecht hören, haben ein höheres Risiko, eine Demenz zu entwickeln, weil sie sich unter Umständen zurückziehen. Und natürlich nicht vergessen, das soziale Umfeld auszubauen und seine Beziehungen zu pflegen. Nicht zuletzt hat aber auch die Gesellschaft eine Verantwortung, nämlich für eine gesunde Umwelt und eine altersfreundliche Kultur zu sorgen.
Kann ein zu starker Fokus auf Langlebigkeit, wie wir ihn gerade erleben, womöglich sogar ungesund sein?
Bestimmt. Wenn man zum Beispiel Influencer sieht, die schon mit Anfang 30 über ihre ersten Altersanzeichen sprechen und was man dagegen tun kann, sehe ich das mit einer gewissen Sorge. Zum Älterwerden gehört auch eine gewisse Akzeptanz gegenüber den Veränderungen, die das Altern mit sich bringt, einfach dazu.
Elfriede Bachmann (101) ist zufrieden mit ihrem Leben. Dazu trägt bei, dass sie gern mit Menschen zusammen ist. Sie hat ihr Leben lang Freundschaften gepflegt. Copyright: SWISS100/Jos Schmid.
Im vorletzten Afilio-Ratgeber (Ausgabe #44) gab es bereits unsere dritte Ausgabe des Afilio-Quiz. Die Teilnehmer konnten ihr Vorsorge-Wissen testen und eine AfilioPlus-Mitgliedschaft gewinnen. Die Gewinner des letzten Quiz sind:
1. Platz mit 822 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – lebenslang): Martina K.
2. Platz mit 820 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Norbert L.
3. Platz mit 819 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 3 Jahre): Hero S
Das Afilio-Quiz
Wir gehen in die nächste Runde: Testen Sie Ihr Vorsorge-Wissen und gewinnen Sie!
Unsere Reportagen leben von echten Geschichten – von Ihren Einsendungen, Kommentaren und Erfahrungen. Dafür danken wir Ihnen herzlich. Für die nächsten Ausgaben suchen wir Menschen, die uns zu einem dieser vier Themen etwas erzählen möchten:
Thema 1
Neue Liebe oder Trennung im Alter
Ein Leben lang zusammen – und doch passt es nicht mehr? Viele Menschen trennen sich nach Jahrzehnten der Partnerschaft oder finden spät noch eine neue Liebe. Wir suchen Geschichten, die Mut machen und zeigen: Man muss nicht bleiben, wenn man nicht mehr will.
Thema 2
Schon immer zusammen
Unzertrennlich seit jeher: Wir möchten mit Menschen sprechen, die noch immer mit ihrer ersten Liebe zusammen sind. Wer hat die eine Person gefunden, die es immer war – und bis zum Ende sein wird?
Thema 3
Outing im Alter
Manche Menschen verbergen ein Leben lang, wer sie wirklich sind – und stehen erst im Alter zu sich selbst. Wir suchen Geschichten, die anderen Mut machen, aber auch die Hürden zeigen, die auf diesem Weg liegen können.
Thema 4
Mein Leben mit dem Pflegefall
Wir möchten Menschen sichtbar machen, die oft unsichtbar sind: alle, die Angehörige oder Partner pflegen und Tag und Nacht für sie da sind. Wie ist dieses Leben? Bleibt man aus Liebe – oder weil die Gesellschaft es wie selbstverständlich erwartet?
Passt eines dieser Themen zu Ihrem Leben? Dann schreiben Sie unserer Autorin Eva Goldschald an eva.goldschald@gmx.de – wir freuen uns auf Ihre Geschichte.