Patienten­verfügung und Palliativpflege: Selbstbestimmt sterben

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von Christina Horst
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21.09.2020 (aktualisiert: 11.02.2021)
Patientenverfügung und Palliativpflege: Selbstbestimmt sterbenPatientenverfügung und Palliativpflege: Selbstbestimmt sterben
Das Wichtigste in Kürze:
  • Es besteht die Möglichkeit, dass Sie sich in der letzten Lebensphase nicht mehr selbst zu Ihren Behandlungs­wünschen äußern können. Darum sollten Sie rechtzeitig mit einer Patienten­verfügung und einer Vorsorge­vollmacht oder Betreuungs­verfügung vorsorgen.
  • Wer nicht möchte, dass sein Leben um jeden Preis verlängert wird, kann sich auf die Möglichkeiten der Palliativmedizin verlassen: Spezialisierte Teams aus Ärzten, Pflege­rn und Seelsorgern können effektiv seelischen und körperlichen Schmerz lindern.
  • Wichtig sind unmissverständliche Formulierungen in der Patienten­verfügung. Darum sollten Sie sich vom Hausarzt beraten lassen – auch, um über Krankheitsbilder, mögliche Behandlungen und die Möglichkeiten der Palliativpflege gut informiert zu sein.

Darum ist die Patienten­verfügung am Lebensende so wichtig

Sie entscheiden in jeder Lebensphase selbst, welchen ärztlichen und pflegerischen Maßnahmen Sie im Fall einer Erkrankung zustimmen und welchen nicht – auch am Lebensende. Wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Leben um jeden Preis verlängert wird, beispielsweise durch künstliche Ernährung oder Beatmung, sollten Sie dies klar und deutlich kommunizieren. Ärzte, Pflege­r, Ihre Angehörigen und alle weiteren Beteiligten müssen Ihre Wünsche respektieren. Durch die Krankheit selbst oder durch Behandlungs­maßnahmen kann es allerdings dazu kommen, dass Sie nicht mehr äußern können, ob Sie z. B. bestimmte Medikamente erhalten möchten oder welche Form der künstlichen Ernährung und Flüssigkeitszufuhr Sie akzeptieren. Das kann zum Beispiel bei Demenz oder einer schweren Krebserkrankung passieren. Für diesen Fall sollten Sie unbedingt rechtzeitig mit einer Patienten­verfügung vorsorgen.

In dem Vorsorge­dokument können Sie differenziert angeben, welche Maßnahmen Ärzte und Pflege­r in den von Ihnen beschriebenen Behandlungs­situationen ergreifen sollen und welche Sie ablehnen. Das betrifft z. B.:

  • Schmerz- und Symptom­behandlung
  • künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr
  • künstliche Beatmung
  • lebenserhaltende Maßnahmen
  • Wiederbelebung

Wichtig für Sie zu wissen: Auch, wenn Sie sich z. B. für den Fall einer schweren, unheilbaren Krankheit gegen lebenserhaltende Maßnahmen entscheiden, brauchen Sie nicht zu fürchten, dass Sie an ihrem Lebensende leiden. Die Palliativmedizin ist darauf spezialisiert, körperliche und seelische Beschwerden effektiv zu lindern.

So gibt es z. B. sehr gute Möglichkeiten der Schmerzlinderung, die Sie in Ihrer Patienten­verfügung ausdrücklich als erwünscht benennen können. Patienten, die an ihrem Lebensende auf Palliativpflege angewiesen sind, werden von spezialisierten Teams aus Ärzten, Palliativpflegekräften, Seelsorgern und Sozialarbeitern betreut. Die Teammitglieder haben die Aufgabe, den Patienten in der Sterbephase zu begleiten und ihn und seine Angehörigen zu unterstützen – neben der Linderung der körperlichen Beschwerden auch etwa durch zugewandte Gespräche oder Nachtwachen. Das Ziel ist es, die letzte Lebenszeit ganz nach den Vorstellungen und Bedürfnissen des Patienten zu gestalten.

Wenn die Wohnsituation es zulässt, kann Palliativpflege zu Hause oder im Pflege­heim erfolgen. Extra für solche Fälle gibt es sogenannte SAPV-Teams (spezialisierte ambulante Palliativversorgung). Wenn eine Kranken­haus­behandlung erforderlich ist, findet diese entweder auf der Normalstation oder auf der Palliativstation statt. Sollte der Aufenthalt im Kranken­haus nicht erforderlich, eine Betreuung zu Hause aber unmöglich sein, kann der Patient in einem Hospiz gepflegt werden.

Palliativpflege und Sterbehilfe

Wenn der Betroffene es wünscht, können die Palliativpflege-Teams auch Sterbehilfe im gesetzlich erlaubten Rahmen leisten. Aktive Sterbehilfe, also die direkte Tötung einer sterbewilligen Person, ist hierzulande nach wie vor verboten. Legal sind in Deutschland folgende Formen der Sterbehilfe:

  • passive Sterbehilfe – durch das Beenden oder Reduzieren lebenserhaltender Maßnahmen
  • indirekte Sterbehilfe – durch die Gabe von schmerzlindernden Medikamenten, die das Bewusstsein trüben und die Lebensdauer verkürzen können
  • assistierter Suizid (nach Urteil des Bundes­verfassungs­gerichts vom 26. Februar 2020 nicht mehr verfassungswidrig, jedoch noch nicht gesetzlich geregelt) – z. B. durch das Besorgen von todbringenden Medikamenten, die der sterbewillige Patient eigenständig einnimmt

Selbstbestimmt sterben – so werden Ihre Wünsche berücksichtigt

Tipp

Wer sich mit dem Thema Sterbehilfe befasst, stellt sich auch oft die Frage nach der Spende von Organen und Geweben. Auch das Thema Organspende können Sie in der Patienten­verfügung regeln. Außerdem erfahren in unserem Ratgeber, wie Sie das Thema Demenz in der Patienten­verfügung abdecken. Wer eine Krebserkrankung hat, erfährt mehr zum Thema in unserem Beitrag Patienten­verfügung bei Krebs: Ein spezieller Fall.

Ärztin hält beide Hände eines Patienten
Sie können in der Patienten­verfügung angeben, welche Maßnahmen die Palliativpflege ergreifen soll, um die letzte Lebenszeit nach Ihren Wünschen zu gestalten.

Mit dem eigenen Tod setzt sich wohl niemand gerne auseinander. Es ist jedoch von großem Nutzen, wenn Sie sich frühzeitig darüber Gedanken machen, was Ihnen am Ende Ihrer Lebenszeit wichtig ist und welche medizinischen Maßnahmen Sie für sich akzeptieren würden. Denn wenn Sie sich umfassend informiert und Ihre Entscheidungen abgewogen haben, können Sie mit einer Patienten­verfügung Ihr Recht auf Selbstbestimmung auch über Ihre Einwilligungsfähigkeit hinaus wahren.

Ein erster Schritt hin zu einer rechtssicheren Patienten­verfügung ist ein Beratungsgespräch beim Hausarzt. Viele Menschen sind sich nicht sicher, wie z. B. die künstliche Beatmung oder die Reanimation in der Praxis aussieht und welche Konsequenzen so eine Behandlung hat – darum ist es auch schwierig, diesbezüglich eine Entscheidung zu treffen; ganz zu schweigen davon, dass es ohne Hintergrundwissen kaum möglich ist, den eigenen Willen in Worte zu fassen. Das ist jedoch besonders wichtig: Ärzte sind auf konkrete Formulierungen in der Patienten­verfügung angewiesen, um handeln zu können. Der Wunsch, auf „lebenserhaltende Maßnahmen“ zu verzichten, ist z. B. laut den Urteilen des Bundesgerichtshofes (BGH) zur Patienten­verfügung nicht konkret genug – die entsprechende Verfügung wäre im Ernstfall nicht bindend.

Übrigens: Einen Notar brauchen Sie für die Erstellung Ihrer Patienten­verfügung nicht.

Ein wichtiges Kriterium dafür, dass Ihre Wünsche bezüglich der medizinischen Versorgung am Lebensende richtig umgesetzt werden, ist, dass Ihre Patienten­verfügung auf die Situation anwendbar ist, in der über die Behandlungs­maßnahmen entschieden wird. Zwar ist die Gültigkeit der Patienten­verfügung grundsätzlich unbegrenzt, doch wenn sich zwischenzeitlich Ihre Lebensumstände und Ihr Gesundheits­zustand verändert haben, müssen z. B. Ärzte davon ausgehen, dass dies auch Ihre Behandlungs­entscheidungen beeinflusst. Das führt zu Problemen bei der Umsetzung Ihrer Wünsche. Achten Sie also darauf, dass Ihre Patienten­verfügung aktuell bleibt und ändern Sie sie bei Bedarf.

Patienten­verfügung mit Vorsorge­vollmacht oder Betreuungs­verfügung ergänzen

In einer Patienten­verfügung können Sie nicht jeden Fall abdecken. Deshalb ist es wichtig, mit einer Vorsorge­vollmacht eine Vertrauensperson zu bevollmächtigen, die im Zweifel über die medizinische Behandlung entscheiden kann. Sie kann im Ernstfall für die Umsetzung Ihrer Patienten­verfügung Sorge tragen und auch andere Angelegenheiten für Sie regeln, wenn Sie nicht mehr ansprechbar bzw. entscheidungsfähig sind. Falls Sie z. B. Ihre Wünsche bezüglich der Palliativpflege in der Patienten­verfügung nicht konkret genug formuliert haben, müssten Ärzte Ihren Bevollmächtigten bitten, die erforderlichen Entscheidungen zu fällen.

Alternativ oder als zusätzliche Sicherheit können Sie eine Betreuungs­verfügung verfassen. Ein Betreuer wird vom Gericht eingesetzt, wenn es keine Bevollmächtigten gibt oder diese nicht verfügbar sind. Falls Sie in Ihrer Betreuungs­verfügung eine Person für das Amt vorschlagen, wird das Gericht diese bevorzugt zum Betreuer bestellen – vorausgesetzt, sie ist dafür geeignet. Ein Betreuer wird im Gegensatz zu einem Bevollmächtigten vom Gericht kontrolliert.

Tipp: Damit Mediziner sowie Bevollmächtigte bzw. Betreuer auch in Fällen, die Sie nicht explizit in der Verfügung benennen, in Ihrem Sinne handeln können, sollten Sie zusätzlich einen Text über Ihre Wertvorstellungen verfassen: Schildern Sie Ihre Auffassung von einem lebenswerten Leben und einem würdevollen Tod. So ist Ihr mutmaßlicher Wille leichter zu ermitteln und Ärzte müssen nicht entscheiden, ob die Patienten­verfügung oder Ethik vorgehen.

Häufig gestellte Fragen

Kann man beim Hausarzt eine Patienten­verfügung machen?

Sie können Ihre Patienten­verfügung beim Hausarzt erstellen. Auch Hausbesuche sind möglich, falls Sie z. B. aufgrund einer Erkrankung Ihr Zuhause nicht mehr verlassen können. Da die Beratung zur Patienten­verfügung und das Aufsetzen des Dokuments jedoch nicht zu den Leistungen der gesetzlichen Kranken­versicherung gehören, müssen Sie die Gebühren im Normalfall selber tragen. Hier erfahren Sie, welche Kosten für die Patienten­verfügung anfallen. Alternativ können Sie Ihr Dokument mit Afilio kostenlos erstellen und es anschließend von Ihrem Hausarzt unterschreiben lassen.

Ist eine Patienten­verfügung auch ohne Notar gültig?

Ja, eine Patienten­verfügung gilt auch ohne Notar. Das ist auch dann der Fall, wenn Sie Ihr Dokument handschriftlich erstellen. Die Patienten­verfügung muss nur die Unterschrift des Verfassers tragen.

Christina Horst

Christina Horst

Christina Horst war bis Januar 2021 Content Managerin bei Afilio und schrieb vor allem über Vorsorge­themen wie die Patienten­verfügung und die Vorsorge­vollmacht. Zuvor war sie als Online-Redakteurin und Lektorin in Unternehmen und Agenturen sowie als freie Journalistin tätig.

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