Patientenverfügung und Ethik: Überblick über die Debatte

Patienten­verfügung und Ethik: Überblick über die Debatte

Die Patienten­verfügung soll das Recht auf Selbstbestimmung wahren. Doch wie sollen Ärzte handeln, wenn nicht klar ist, was der Betroffene gewollt hätte?

Afilio
Afilio
02.09.2020

Selbstbestimmung vs. ärztliche Fürsorgepflicht?

In der Medizinethik stehen sich zwei – mitunter widersprüchliche – Prinzipien gegenüber: Zum einen besteht eine ärztliche Fürsorgepflicht, nach der ein Arzt alles in seiner Macht Stehende tun muss, um die Gesundheit und das Leben seiner Patienten zu erhalten. Auf der anderen Seite haben die Patienten ein Recht auf Selbstbestimmung: Sie entscheiden, was mit ihrem Körper und ihrem Leben geschieht – auch wenn das bedeutet, in bestimmten Situationen auf lebenserhaltende Maßnahmen zu verzichten.

Medizinisch möglich ist heute vieles: Die Menschen in westlichen Gesellschaften haben nicht nur eine deutlich längere Lebenserwartung, sondern können auch dann noch lange künstlich am Leben erhalten werden, wenn sie z. B. im Koma liegen oder schwer erkrankt sind. Das garantiert aber nicht gleichzeitig eine gute Lebensqualität, sodass manche Patienten unnötig lange leiden. Aus diesem Grund kommt der Patientenautonomie eine so wichtige Rolle zu: Ob Sie immer und unter allen Umständen leben möchten oder ob es Situationen gibt, in denen Sie sich ein Weiterleben nicht vorstellen können, entscheiden nur Sie.

Die Patientenverfügung: Ein Instrument der Selbstbestimmung

Damit Ihr Wille im Ernstfall auch Ärzten, Angehörigen und weiteren Beteiligten bekannt wird, gibt es die Patientenverfügung. Darin halten Sie Ihre Behandlungswünsche für den Fall fest, dass Sie einmal entscheidungsunfähig werden. Seit 2009 sind Patientenverfügungen in Deutschland gesetzlich geregelt und müssen von medizinischem Personal berücksichtigt werden. Wer gegen den Patientenwillen handelt, begeht eine Körperverletzung und macht sich strafbar.

Doch längst nicht alle Patientenverfügungen sind eindeutig formuliert. Das kann dazu führen, dass sie in bestimmten Behandlungssituationen nicht anwendbar sind, sodass Ärzte und Angehörige über den Patientenwillen mutmaßen müssen. Wenn nicht eindeutig ist, was der Betroffene gewollt hätte, stehen Fürsorgepflicht und Selbstbestimmungsrecht häufig im Konflikt miteinander.

Die wichtigsten Kritikpunkte zur Ethik bei Patientenverfügungen

Hand eines Patienten im Krankenhausbett
Patienten­verfügungen mit ungenauen Formulierungen stellen Angehörige und Ärzte vor schwierige ethische Fragen.

Wird eine Patientenverfügung ohne Hintergrundwissen verfasst und nicht personalisiert, entsteht daraus ein häufig ethisches Dilemma für Mediziner, Bevollmächtigte und Betreuer. Denn oft ist nicht klar, auf welche Situationen der Wille des Patienten konkret angewendet werden soll, ob sich der Patientenwille womöglich geändert hat und inwiefern die Verfügung tatsächlich umsetzbar ist.

Immer wieder kommt es z. B. vor, dass Betroffene einfache Formulare zum Ankreuzen für die Patientenverfügung nutzen – dann entsteht im Ernstfall schnell der Verdacht, dass sie sich der Tragweite ihrer Entscheidungen nicht bewusst waren. Und selbst, wer seine Entscheidungen gut abgewogen hat, tappt vielleicht in die Falle, seine Wünsche nicht eindeutig genug zu formulieren. Was zu tun ist, wenn Ärzte und Angehörige oder Betreuer solch ein zweifelhaftes Dokument vorfinden, wird immer wieder debattiert. Die wichtigsten Kritikpunkte haben wir für Sie zusammengetragen.

Interpretation des Patientenwillens

Ist ein Patient erst einmal erkrankt und kann den eigenen Willen nicht mehr selbst äußern, wird oft erst klar, dass die Angaben in der Patientenverfügung nicht eindeutig sind oder sich auf die konkrete Situation nicht anwenden lassen. Dann ist es die Aufgabe von Ärzten und Angehörigen, den Patientenwillen zu interpretieren, was häufig zu großer Verunsicherung führt.

Im Zweifel landet der Fall vor Gericht – so geschehen bei einer Frau, die in ihrer Verfügung lebensverlängernde Maßnahmen pauschal ablehnte. Doch ob sie sich zum Beispiel dessen bewusst war, dass schon eine Magensonde zur künstlichen Ernährung zu diesen Maßnahmen gehörte, erschien fraglich. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied, dass die Patientenverfügung der Frau unwirksam sei. Um wirksam zu sein, müsse sich die Patientenverfügung auf konkrete Lebens- und Behandlungssituationen beziehen.

Änderung des Patientenwillens

Die meisten Menschen verfassen ihre Patientenverfügung, während sie gesund sind und altersbedingte Gebrechen noch in weiter Ferne liegen. Wie genau sie im Falle einer lebensbedrohlichen Erkrankung handeln würden, können sie nicht wissen, bevor sie selbst in eine solche Situation geraten. Der Kritikpunkt aus Sicht der Ethik bei Patientenverfügungen besteht also darin, dass sich die Wünsche im Lauf der Zeit ändern könnten. Je aktueller die Verfügung jedoch ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie dem Willen des Patienten auch in der Situation entspricht, in der er nicht mehr selbst einwilligen kann.

Eine besondere Problematik besteht bei Patienten mit Demenz oder einer psychiatrischen Erkrankung. Bei ihnen lässt sich nur schwer einschätzen, ob sie noch einwilligungsfähig sind oder nicht. Ist beispielsweise eine demente Person augenscheinlich fröhlich und zufrieden mit ihrer Lebenssituation, hat aber in ihrer Patientenverfügung lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt, stellt sich die Frage: Soll nach dem verfügten oder dem im Moment geäußerten Willen gehandelt werden? In solchen Fällen ist eine Vorsorgevollmacht von Vorteil, dank der eine nahestehende Person die Entscheidung treffen kann.

Patientenverfügung und Sterbehilfe

Der Beweggrund vieler Menschen, eine Patientenverfügung aufzusetzen, ist der Wunsch nach einem würdevollen Tod. Sie wollen sich langes Leiden ersparen, indem sie festlegen, dass in einem bestimmten Zustand lebenserhaltende Maßnahmen vermieden und Geräte abgestellt werden sollen. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland zwar verboten. Doch sollten die erlaubten Formen der Sterbehilfe dem Willen des Verfassers entsprechen, sollte er dies in seiner Patientenverfügung unmissverständlich erklären und festlegen, welche Maßnahmen der Palliativpflege er wünscht.

Patientenverfügung eindeutig formulieren – ethische Konflikte vermeiden

Eine Patientenverfügung kann verschiedene ethische Fragen aufwerfen, wenn der Patientenwille nicht eindeutig daraus hervorgeht. Was können Sie konkret tun, um Ihre Patientenverfügung so klar wie möglich zu formulieren? Wir haben einige Tipps für Sie:

  • Informieren Sie sich umfassend über die Bedeutung verschiedener lebensverlängernder Maßnahmen und überlegen Sie dann, welche Sie ablehnen möchten. Lassen Sie sich z. B. vom Hausarzt zur Patientenverfügung beraten.
  • Geben Sie in der Patientenverfügung Ihre Wünsche für konkrete Lebens- und Behandlungssituationen an – so verlangt es die Rechtsprechung. Das Formular für die Patientenverfügung von Afilio entspricht den Urteilen des Bundesgerichtshofes (BGH) zur Patientenverfügung.
  • Legen Sie der Patientenverfügung ein Dokument bei, in dem Sie Ihre Wertvorstellungen und Ihre Auffassung von einem lebenswerten Leben schildern. Falls Sie in eine Situation geraten, die Sie in der Patientenverfügung nicht berücksichtigt haben, können Bevollmächtigte und Betreuer Ihren mutmaßlichen Willen einfacher ermitteln.
  • Aktualisieren Sie Ihre Patientenverfügung regelmäßig, sodass sie jederzeit Ihren momentanen Vorstellungen und Werten entspricht. Es ist problemlos möglich, die Patientenverfügung zu ändern oder zu widerrufen.
  • Setzen Sie eine Vorsorgevollmacht auf, damit im Zweifelsfall eine Person Ihres Vertrauens für Sie entscheiden kann, wenn Sie nicht mehr einwilligungsfähig sind.

Wenn Sie genau wissen, was Sie wollen, und dazu konkrete Angaben machen, ist eine Patientenverfügung ein sehr nützliches Dokument – denn es erhält Ihre Autonomie über Ihre Einwilligungsfähigkeit hinaus.

Mehr Infos finden Sie in unserem Ratgeber: Patientenverfügung: Die wichtigsten Fragen

Das Wichtigste in Kürze:
  • Lehnen Sie in der Patientenverfügung lebenserhaltende Maßnahmen ab, müssen Mediziner Ihren Wunsch respektieren – auch wenn die ärztliche Ethik sie grundsätzlich zum Erhalt des Lebens verpflichtet.
  • Ein ethischer Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten und der Fürsorgepflicht des Arztes kann entstehen, wenn die Patientenverfügung nicht eindeutig formuliert oder in der konkreten Situation nicht anwendbar ist.
  • Auch den Wunsch nach Sterbehilfe können Sie in der Patientenverfügung äußern. Aufgrund ethischer Bedenken ist die aktive Sterbehilfe in Deutschland jedoch nach wie vor verboten.

Häufig gestellte Fragen

Welche Formen der Sterbehilfe sind in Deutschland erlaubt?

Erlaubt sind die passive und die indirekte Sterbehilfe. Bei der passiven Sterbehilfe werden im Einvernehmen mit dem Patienten oder seinen Angehörigen lebenserhaltende Maßnahmen reduziert oder beendet. Bei der indirekten Sterbehilfe werden schmerzlindernde Medikamente verabreicht, die die Lebensdauer verkürzen können. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 26. Februar 2020 ist nun theoretisch auch die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid erlaubt – also z. B. das Besorgen todbringender Medikamente durch einen Arzt, die der Betroffene dann selbst einnimmt. Ob und wie das Urteil in eine neue rechtliche Regelung überführt wird, ist aber noch nicht klar.

Wie kann ich die Sterbehilfe in der Patientenverfügung regeln?

Sie können in Ihrer Patientenverfügung erklären, dass Sie im Fall einer schweren und unheilbaren Krankheit Sterbehilfe im gesetzlich erlaubten Rahmen in Anspruch nehmen möchten. Aktive Sterbehilfe ist somit ausgeschlossen, während passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe und seit Anfang 2020 theoretisch auch die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid erlaubt sind. Lassen Sie sich am besten von einem Arzt Ihres Vertrauens zu diesem Thema beraten und wägen Sie Ihre Entscheidung gründlich ab. Anschließend können Sie in der Patientenverfügung erklären, welche Formen der Sterbehilfe Sie in welchem Krankheitszustand wünschen.

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