Patienten­verfügung und Ethik: Überblick über die Debatte

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von Christina Horst
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03.09.2020 (aktualisiert: 17.02.2021)
Patientenverfügung und Ethik: Überblick über die DebattePatientenverfügung und Ethik: Überblick über die Debatte
Das Wichtigste in Kürze:
  • Lehnen Sie in der Patienten­verfügung lebenserhaltende Maßnahmen ab, müssen Mediziner Ihren Wunsch respektieren – auch wenn die ärztliche Ethik sie grundsätzlich zum Erhalt des Lebens verpflichtet.
  • Ein ethischer Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten und der Fürsorgepflicht des Arztes kann entstehen, wenn die Patienten­verfügung nicht eindeutig formuliert oder in der konkreten Situation nicht anwendbar ist.
  • Auch den Wunsch nach Sterbehilfe können Sie in der Patienten­verfügung äußern. Aufgrund ethischer Bedenken ist die aktive Sterbehilfe in Deutschland jedoch nach wie vor verboten.

Selbstbestimmung vs. ärztliche Fürsorgepflicht?

In der Medizinethik stehen sich zwei – mitunter widersprüchliche – Prinzipien gegenüber: Zum einen besteht eine ärztliche Fürsorgepflicht, nach der ein Arzt alles in seiner Macht Stehende tun muss, um die Gesundheit und das Leben seiner Patienten zu erhalten. Auf der anderen Seite haben die Patienten ein Recht auf Selbstbestimmung: Sie entscheiden, was mit ihrem Körper und ihrem Leben geschieht – auch wenn das bedeutet, in bestimmten Situationen auf lebenserhaltende Maßnahmen zu verzichten.

Medizinisch möglich ist heute vieles: Die Menschen in westlichen Gesellschaften haben nicht nur eine deutlich längere Lebenserwartung, sondern können auch dann noch lange künstlich am Leben erhalten werden, wenn sie z. B. im Koma liegen oder eine schwere Erkrankung, wie z. B. Krebs haben. Das garantiert aber nicht gleichzeitig eine gute Lebensqualität, sodass manche Patienten im Kranken­haus oder in einem Hospiz unnötig lange leiden. Aus diesem Grund kommt der Patientenautonomie eine so wichtige Rolle zu: Ob Sie immer und unter allen Umständen leben möchten oder ob es Situationen gibt, in denen Sie sich ein Weiterleben nicht vorstellen können, entscheiden nur Sie.

Übrigens: In unserem Beitrag Patienten­verfügung bei Krebs: Ein spezieller Fall erfahren Sie, was Sie bei der Erstellung der Verfügung in Bezug auf eine Krebserkrankung beachten müssen.

Die Patienten­verfügung: Ein Instrument der Selbstbestimmung

Damit Ihr Wille im Ernstfall auch Ärzten, Angehörigen und weiteren Beteiligten bekannt wird, gibt es die Patienten­verfügung. Darin halten Sie Ihre Behandlungs­wünsche für den Fall fest, dass Sie einmal entscheidungsunfähig werden. Seit 2009 sind Patienten­verfügungen in Deutschland gesetzlich geregelt und müssen von medizinischem Personal berücksichtigt werden. Wer gegen den Patientenwillen handelt, begeht eine Körperverletzung und macht sich strafbar.

Doch längst nicht alle Patienten­verfügungen sind eindeutig formuliert. Das kann dazu führen, dass sie in bestimmten Behandlungs­situationen nicht anwendbar sind, sodass Ärzte und Angehörige über den Patientenwillen mutmaßen müssen. Wenn nicht eindeutig ist, was der Betroffene gewollt hätte, stehen Fürsorgepflicht und Selbstbestimmungsrecht häufig im Konflikt miteinander.

Die wichtigsten Kritikpunkte zur Ethik bei Patienten­verfügungen

Hand eines Patienten im Krankenhausbett
Patienten­verfügungen mit ungenauen Formulierungen stellen Angehörige und Ärzte vor schwierige ethische Fragen.

Wird eine Patienten­verfügung ohne Hintergrundwissen verfasst und nicht personalisiert, entsteht daraus ein häufig ethisches Dilemma für Mediziner, Bevollmächtigte und Betreuer. Denn oft ist nicht klar, auf welche Situationen der Wille des Patienten konkret angewendet werden soll, ob sich der Patientenwille womöglich geändert hat und inwiefern die Verfügung tatsächlich umsetzbar ist.

Immer wieder kommt es z. B. vor, dass Betroffene einfache Vorlagen und Muster für die Patienten­verfügung nutzen – dann entsteht im Ernstfall schnell der Verdacht, dass sie sich der Tragweite ihrer Entscheidungen nicht bewusst waren. Und selbst, wer seine Entscheidungen gut abgewogen hat, tappt vielleicht in die Falle, seine Wünsche nicht eindeutig genug zu formulieren. Was zu tun ist, wenn Ärzte und Angehörige oder Betreuer solch ein zweifelhaftes Dokument vorfinden, wird immer wieder debattiert. Die wichtigsten Kritikpunkte haben wir für Sie zusammengetragen.

Vorsicht: Auch bei der Christlichen Patienten­verfügung handelt es sich um ein Ankreuzformular, das Ihre individuellen Wünsche nicht abbildet.

Interpretation des Patientenwillens

Ist ein Patient erst einmal erkrankt und kann den eigenen Willen nicht mehr selbst äußern, wird oft erst klar, dass die Angaben in der Patienten­verfügung nicht eindeutig sind oder sich auf die konkrete Situation nicht anwenden lassen. Dann ist es die Aufgabe von Ärzten und Angehörigen, den Patientenwillen zu interpretieren, was häufig zu großer Verunsicherung führt.

Im Zweifel landet der Fall vor Gericht – so geschehen bei einer Frau, die in ihrer Verfügung lebensverlängernde Maßnahmen pauschal ablehnte. Doch ob sie sich zum Beispiel dessen bewusst war, dass schon eine Magensonde zur künstlichen Ernährung zu diesen Maßnahmen gehörte, erschien fraglich. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied, dass die Patienten­verfügung der Frau unwirksam sei. Um wirksam zu sein, müsse sich die Patienten­verfügung auf konkrete Lebens- und Behandlungs­situationen beziehen.

Änderung des Patientenwillens

Die meisten Menschen verfassen ihre Patienten­verfügung, während sie gesund sind und altersbedingte Gebrechen noch in weiter Ferne liegen. Wie genau sie im Falle einer lebensbedrohlichen Erkrankung handeln würden, können sie nicht wissen, bevor sie selbst in eine solche Situation geraten. Der Kritikpunkt aus Sicht der Ethik bei Patienten­verfügungen besteht also darin, dass sich die Wünsche im Lauf der Zeit ändern könnten. Je aktueller die Verfügung jedoch ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie dem Willen des Patienten auch in der Situation entspricht, in der er nicht mehr selbst einwilligen kann.

Eine besondere Problematik besteht bei Patienten mit Demenz oder einer psychiatrischen Erkrankung. Bei ihnen lässt sich nur schwer einschätzen, ob sie noch einwilligungsfähig sind oder nicht. Ist beispielsweise eine demente Person augenscheinlich fröhlich und zufrieden mit ihrer Lebenssituation, hat aber in ihrer Patienten­verfügung lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt, stellt sich die Frage: Soll nach dem verfügten oder dem im Moment geäußerten Willen gehandelt werden? In solchen Fällen ist eine Vorsorge­vollmacht von Vorteil, dank der eine nahestehende Person die Entscheidung treffen kann.

Patienten­verfügung und Sterbehilfe

Der Beweggrund vieler Menschen, eine Patienten­verfügung aufzusetzen, ist der Wunsch nach einem würdevollen Tod. Sie wollen sich langes Leiden ersparen, indem sie festlegen, dass in einem bestimmten Zustand lebenserhaltende Maßnahmen vermieden und Geräte abgestellt werden sollen. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland zwar verboten. Doch sollten die erlaubten Formen der Sterbehilfe dem Willen des Verfassers entsprechen, sollte er dies in seiner Patienten­verfügung unmissverständlich erklären und festlegen, welche Maßnahmen der Palliativpflege er wünscht.

Patienten­verfügung eindeutig formulieren – ethische Konflikte vermeiden

Eine Patienten­verfügung kann verschiedene ethische Fragen aufwerfen, wenn der Patientenwille nicht eindeutig daraus hervorgeht. Was können Sie konkret tun, um Ihre Patienten­verfügung so klar wie möglich zu formulieren? Wir haben einige Tipps für Sie:

  • Informieren Sie sich umfassend über die Bedeutung verschiedener lebensverlängernder Maßnahmen und überlegen Sie dann, welche Sie ablehnen möchten. Lassen Sie sich z. B. vom Hausarzt zur Patienten­verfügung beraten.
  • Geben Sie in der Patienten­verfügung Ihre Wünsche für konkrete Lebens- und Behandlungs­situationen an – so verlangt es die Rechtsprechung. Das Formular für die Patienten­verfügung von Afilio entspricht den Urteilen des Bundesgerichtshofes (BGH) zur Patienten­verfügung.
  • Legen Sie der Patienten­verfügung ein Dokument bei, in dem Sie Ihre Wertvorstellungen und Ihre Auffassung von einem lebenswerten Leben schildern. Falls Sie in eine Situation geraten, die Sie in der Patienten­verfügung nicht berücksichtigt haben, können Bevollmächtigte und Betreuer Ihren mutmaßlichen Willen einfacher ermitteln.
  • Aktualisieren Sie Ihre Patienten­verfügung regelmäßig, sodass sie jederzeit Ihren momentanen Vorstellungen und Werten entspricht. Es ist problemlos möglich, die Patienten­verfügung zu ändern oder zu widerrufen.
  • Setzen Sie eine Vorsorge­vollmacht auf, damit im Zweifelsfall eine Person Ihres Vertrauens für Sie entscheiden kann, wenn Sie nicht mehr einwilligungsfähig sind.

Wenn Sie genau wissen, was Sie wollen, und dazu konkrete Angaben machen, ist eine Patienten­verfügung ein sehr nützliches Dokument – denn es erhält Ihre Autonomie über Ihre Einwilligungsfähigkeit hinaus.

Mehr Infos finden Sie in unserem Ratgeber: Patienten­verfügung: Die wichtigsten Fragen

Häufig gestellte Fragen

Welche Formen der Sterbehilfe sind in Deutschland erlaubt?

Erlaubt sind die passive und die indirekte Sterbehilfe. Bei der passiven Sterbehilfe werden im Einvernehmen mit dem Patienten oder seinen Angehörigen lebenserhaltende Maßnahmen reduziert oder beendet. Bei der indirekten Sterbehilfe werden schmerzlindernde Medikamente verabreicht, die die Lebensdauer verkürzen können. Nach dem Urteil des Bundes­verfassungs­gericht vom 26. Februar 2020 ist nun theoretisch auch die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid erlaubt – also z. B. das Besorgen todbringender Medikamente durch einen Arzt, die der Betroffene dann selbst einnimmt. Ob und wie das Urteil in eine neue rechtliche Regelung überführt wird, ist aber noch nicht klar.

Wie kann ich die Sterbehilfe in der Patienten­verfügung regeln?

Sie können in Ihrer Patienten­verfügung erklären, dass Sie im Fall einer schweren und unheilbaren Krankheit Sterbehilfe im gesetzlich erlaubten Rahmen in Anspruch nehmen möchten. Aktive Sterbehilfe ist somit ausgeschlossen, während passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe und seit Anfang 2020 theoretisch auch die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid erlaubt sind. Lassen Sie sich am besten von einem Arzt Ihres Vertrauens zu diesem Thema beraten und wägen Sie Ihre Entscheidung gründlich ab. Anschließend können Sie in der Patienten­verfügung erklären, welche Formen der Sterbehilfe Sie in welchem Krankheitszustand wünschen.

Christina Horst

Christina Horst

Christina Horst war bis Januar 2021 Content Managerin bei Afilio und schrieb vor allem über Vorsorge­themen wie die Patienten­verfügung und die Vorsorge­vollmacht. Zuvor war sie als Online-Redakteurin und Lektorin in Unternehmen und Agenturen sowie als freie Journalistin tätig.

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