Wertvorstellung Patientenverfügung: Darum ist sie wichtig

Wertvorstellung Patienten­verfügung: Darum ist sie wichtig

16.09.2020

Eine Patientenverfügung ist ein wichtiger Teil der Vorsorge für Notfälle: Sie regeln darin vorab, wie Sie ärztlich und pflegerisch behandelt werden möchten, falls Sie sich einmal nicht mehr zu Ihren Wünschen äußern können. Die Festlegungen müssen Sie so genau wie möglich treffen, damit im Ernstfall kein Interpretationsspielraum bezüglich des Patientenwillens besteht – das geht aus mehreren Urteilen des Bundesgerichtshofes (BGH) zur Patientenverfügung hervor. Ärzte sind immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen Patientenverfügungen Fragen offen lassen – z. B. weil Formulare zum Ankreuzen verwendet werden. Doch selbst eine sorgfältig nach den Vorgaben erstellte, rechtssichere Patientenverfügung kann Lücken aufweisen, weil es schlicht unmöglich ist, jedes denkbare Szenario und jede verfügbare Behandlungsmethode zu berücksichtigen. Was also sollen Familienangehörige und Mediziner tun, wenn die Verfügung des Patienten eine bestimmte Behandlungsentscheidung nicht abdeckt?

Wertvorstellungen in der Patientenverfügung als Interpretationshilfe

Sollte Ihre Patientenverfügung im Ernstfall nicht auf die vorliegende Behandlungssituation anwendbar sein, müssen Ärzte Ihren Bevollmächtigten bzw. Betreuer konsultieren: Als Ihr gesetzlicher Vertreter muss er Ihren mutmaßlichen Patientenwillen ermitteln und auf dieser Grundlage entscheiden, ob er in bestimmte ärztliche Maßnahmen einwilligt oder sie untersagt. Das ist in § 1901a BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) geregelt. Weiter heißt es dort:

„Der mutmaßliche Wille ist aufgrund konkreter Anhaltspunkte zu ermitteln. Zu berücksichtigen sind insbesondere frühere mündliche oder schriftliche Äußerungen, ethische oder religiöse Überzeugungen und sonstige persönliche Wertvorstellungen des Betreuten.“

Am einfachsten machen Sie es Ihren Vertrauenspersonen, Betreuern und Ärzten, wenn Sie der Patientenverfügung ein Dokument beilegen, in dem Sie ebendiese persönlichen Wertvorstellungen schildern:

  • Welche Überzeugungen haben Sie zu den in der Patientenverfügung festgehaltenen Entscheidungen bewegt?
  • Was bedeutet für Sie ein lebenswertes Leben?
  • Unter welchen Umständen würden Sie nicht mehr leben wollen?

Angaben wie diese helfen den Personen, die im Ernstfall für Sie entscheiden müssen, denn so müssen sie sich nicht erst auf die Suche nach Anhaltspunkten machen, um den mutmaßlichen Patientenwillen zu ermitteln. Mit einer Werteerklärung in der Patientenverfügung beugen Sie auch Unsicherheit, Zweifeln und Schuldgefühlen bei Ihren Angehörigen vor und machen ihnen die schwierigen Entscheidungen, die in so einer Situation zu treffen sind, wenigstens etwas leichter.

Nicht zuletzt trägt die Wertvorstellung in der Patientenverfügung auch dazu bei, dass schwierige Behandlungsfragen so schnell wie möglich geklärt werden können: Je eher Gewissheit über Ihren Willen besteht, desto eher kann er auch umgesetzt werden.

Muss meine Patientenverfügung meine Wertvorstellungen enthalten?

Eine Patientenverfügung erstellen Sie freiwillig. Deshalb ist es auch nicht vorgeschrieben, die konkreten Behandlungsentscheidungen um Ihre Wertvorstellungen zu ergänzen. Allerdings tun Sie damit nicht nur nahestehenden Personen, sondern auch sich selbst einen Gefallen: Die Schilderung Ihrer Wertvorstellungen trägt dazu bei, dass Ihr Wille auch in schwierigen Behandlungssituationen richtig interpretiert wird. Jeder, der die Patientenverfügung als Instrument der Selbstbestimmung für sich nutzen möchte, sollte also von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

Auch Ärzte sind in der Regel dankbar, wenn über die eigentliche Patientenverfügung hinaus die Wertvorstellungen des Betroffenen in schriftlicher Form vorliegen. Denn für Mediziner wird eine ungenaue Patientenverfügung schnell zu einer Frage der Ethik. Mit einer beigelegten Werteerklärung kann die bevollmächtigte Vertrauensperson oder der vom Gericht eingesetzte Betreuer einfacher eine Entscheidung im Sinne des Patienten fällen und Ärzten und Pflegern entsprechende Anweisungen geben.

Tipp: Viele Menschen fürchten, dass sie an Ihrem Lebensende unnötig leiden müssen. Wer nicht nur die gewünschten und abgelehnten Behandlungsmethoden, sondern auch seine Wertevorstellungen in der Patientenverfügung aufführt, gibt Ärzten und Angehörigen damit auch eine Hilfestellung für die Behandlung am Ende Ihres Lebens. So können alle Beteiligten die Wertvorstellungen aus der Patientenverfügung als Grundlage für die Palliativpflege nutzen.

Formulierungshilfe für Ihre Wertvorstellungen

Was Sie in Ihrer Patientenverfügung festlegen, ist Ihre ganz persönliche Entscheidung. Darum sind vorgefertigte Formulierungen für Ihre Wertvorstellungen ebenso wenig geeignet wie Ankreuzformulare für Ihre Behandlungsentscheidungen. Wir möchten Ihnen hier einige Fragen an die Hand geben, über die Sie sich Gedanken machen können, wenn Sie Ihre Wertvorstellung für die Patientenverfügung verfassen:

Was bedeutet für Sie ein lebenswertes Leben?

  • Möchten Sie möglichst lange oder möglichst intensiv leben?
  • Haben Sie Wünsche, die Sie sich vor Ihrem Tod unbedingt erfüllen möchten?

Wann wäre das Leben für Sie nicht mehr lebenswert?

  • Was wäre das Schlimmste, das Ihnen passieren könnte?
  • Wie gehen Sie mit Leid und Schicksalsschlägen um?

Was wünschen Sie sich im Hinblick auf das eigene Sterben?

  • Was bedeutet für Sie ein würdevoller Tod?
  • Welche Rolle spielen Ihre persönlichen Überzeugungen bzw. Ihr Glaube beim Gedanken an den Tod?

Wie haben Sie Pflegebedürftigkeit, Krankheit und Tod bei anderen Menschen miterlebt?

  • Was möchten Sie in einer vergleichbaren Situation auf keinen Fall erleben?
  • Was wünschen Sie sich in so einer Situation für sich selbst?

Vielleicht hilft es bei der Formulierung Ihrer Werteerklärung, wenn Sie sich die Adressaten vorstellen: Das sind in erster Linie Ihre Angehörigen, insbesondere die Bevollmächtigten bzw. Betreuer, die Ihre Entscheidungen umsetzen sollen, aber auch behandelnde Ärzte, Pflegepersonal und weitere Beteiligte. Doch auch für Sie selbst kann es hilfreich sein, Ihre Ansichten von einem lebenswerten Leben und einem würdevollen Tod niederzuschreiben: So gehen Sie sicher, dass Sie die Entscheidungen in Ihrer Patientenverfügung wirklich durchdacht haben.

Ihre Wertevorstellungen können auch eine Hilfe sein, um Ärzte und Angehörige vor einem ethischen Dilemma zu schützen. Wenn Sie genau schildern, welche Vorstellungen Sie von Ihrem Leben und Sterben haben, machen Sie es ihnen leichter, eine Entscheidung zu treffen. In unserem Ratgeber Patientenverfügung und Ethik: Überblick über die Debatte erfahren Sie mehr zum Thema.

Wertvorstellungen in der Patientenverfügung von Afilio

Wenn Sie Ihre Patientenverfügung mit Afilio erstellen, haben Sie ein Freitextfeld ohne Zeichenbegrenzung zur Verfügung, um Ihre Wertvorstellungen zu schildern – die optimale Ergänzung zu den Behandlungsentscheidungen, die Sie mit Afilio rechtssicher und BGH-konform treffen.

Jetzt Patientenverfügung erstellen

Das Wichtigste in Kürze:
  • In Situationen, die die Patientenverfügung nicht abdeckt, muss der Betreuer des Betroffenen dessen mutmaßlichen Willen ermitteln und auf dieser Grundlage über die ärtzliche Behandlung entscheiden.
  • Eine Erläuterung Ihrer persönlichen Wertvorstellungen, die Sie der Patientenverfügung beifügen, ist in so einer Situation eine wichtige Entscheidungshilfe.
  • Nutzen Sie für Ihre Wertvorstellungen keine vorgefertigten Formulierungen, sondern lieber unsere Fragen oben als Anregung.

Häufig gestellte Fragen

Was muss alles in einer Patientenverfügung stehen?

Welche Behandlungsmaßnahmen Sie möchten oder nicht möchten, liegt selbstverständlich bei Ihnen – darum ist es auch Ihnen überlassen, was Sie alles in der Patientenverfügung regeln. Üblich und empfehlenswert ist es, folgende Bereiche abzudecken:

  • lebenserhaltende Maßnahmen
  • Schmerz- und Symptombehandlung
  • künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr
  • Wiederbelebung
  • künstliche Beatmung
  • Organspende

In unserem Ratgeber Patientenverfügung: Die wichtigsten Fragen finden Sie noch weitere Empfehlungen für den Inhalt Ihrer Patientenverfügung. Wichtig ist, dass Sie Ihre Behandlungsentscheidungen so konkret wie möglich formulieren.

Wie formuliere ich in der Patientenverfügung?

Für Laien ist es nahezu unmöglich, einfach „aus dem Bauch heraus“ konkrete Handlungsanweisungen für Ärzte zu formulieren. Der Bundesgerichtshof hat bereits Patientenverfügungen für unwirksam erklärt, weil sie nicht präzise genug waren. Darum sollten Sie auch keinesfalls einfache Ankreuzformulare nutzen! Ein wichtiger Schritt zu einer rechtssicheren Patientenverfügung ist die ärztliche Beratung, z. B. beim Hausarzt. Bei Afilio erstellen Sie eine Patientenverfügung mit BGH-konformen Formulierungen bequem per Klick.

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