Afilio-Ratgeber #47

vom 11.09.2026
Tag des Testaments: Endlich handeln!
Afilio LogoDamit Ihr Wille zählt.
Illustration: Frau unterschreibt ihr Testament am Schreibtisch, Tag des Testaments

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in Theodor Storms Novelle „Die Söhne des Senators“ lässt ein Bruder eine Mauer zwischen den Häusern hochziehen, so dass der andere im Schatten sitzt. Eine „steinerne Gardine“ – errichtet nicht aus Hass, sondern aus verletztem Stolz und Scham. Am Anfang stand nur ein ungeregeltes Erbe. Darin steckt eine wahre Beobachtung: Die höchsten Mauern zwischen Menschen entstehen selten mit Absicht. Sie wachsen aus dem, was wir aufschieben und unausgesprochen lassen. Genau davon handelt diese Ausgabe. Stefan Schmitz zeigt zum Tag des Testaments am 13. September, was passiert, wenn wir unseren Nachlass einfach dem Gesetz überlassen.

Trauerbegleiter Matthias Kopp nimmt in unserer Webinar-Aufzeichnung die Angst vor dem Unausgesprochenen: Wer Trauernden beistehen will, braucht nicht die richtigen Worte – die gibt es ohnehin nicht. Und Christine Frischke porträtiert Elke, die nach dem Tod ihres Freundes keine Mauern hochzog, sondern Türen öffnete: Sie gründete kurzerhand ihre eigene Senioren-WG.

Warum außerdem der Schlaf ab der Lebensmitte so häufig leidet – und was dann wirklich hilft – erklärt Wissenschaftsjournalistin Martina Janning.

Sie möchten diese Ausgabe des Afilio-Ratgebers lieber hören? Hier geht's zur kostenlosen Audio-Version. Außerdem finden Sie hier eine PDF-Version zum Herunterladen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.

Ihr Till Oltmanns
Stefan Schmitz
Frau unterschreibt ihr Testament am heimischen Schreibtisch

Warum es Familien zerstören kann, wenn man sich auf die gesetzliche Erbfolge verlässt und kein Testament macht

Im Grunde wollten die Brüder keinen Streit um das Erbe des Alten. Es hätte noch immer gut gehen können. Bis zu dem Tag, an dem Friedrich die Maurer holte. Sie zogen eine „steinerne Gardine“, wie der ältere der beiden, Christian Albrecht, das Bauwerk an der Grenze ihrer Grundstücke nannte. Sein Gemüt verdunkelte sich noch stärker als sein Büro, das nun im Schatten der gut drei Meter hohen Wand lag.

„Reden wir deutsch mitsammen“, sagte Christian Albrecht. „In jener Sache da draußen auf dem Hof will ich mein Recht und keinen Titel aufgeben!“ Er ersann eine List, um Friedrich zu demütigen. Der aber hatte längst einen Anwalt in Stellung gebracht, der „wie ein Trüffelhund nach verborgen liegenden Prozessen“ jagte.

Erbstreit begleitet die Menschheitsgeschichte

Die Sprache verrät, dass der Konflikt aus dem 19. Jahrhundert stammt. Aber sonst? Alles wie heute: Den Garten sollte erst Friedrich bekommen, dann wollte der Patriarch den Testamentszusatz dazu von der Mutter zerreißen lassen, sie tat das aber erst nach dem Tod des Gatten, was natürlich nicht rechtens war. Unumstritten schien dagegen, was der Alte über den Garten gesagt hatte: „Die Brüder sollen sich darum vertragen.“

So entstehen Kriege. Alles klingt wie aus einem Webinar von Dr. Andreas Lohmeyer, dem mit Afilio verbundenen Notar und Anwalt. Seit Jahren warnt Erbrechtsexperte Lohmeyer: Wer den Familienfrieden über seinen Tod hinaus bewahren will, der muss regeln, was aus seinem Vermögen wird, wenn er tot ist. Und zwar genau. Nicht nur Friedrich und Christian Albrecht aus Theodor Storms Novelle „Die Söhne des Senators“ wäre viel erspart geblieben, wenn es ein klares Testament gegeben hätte.

Kurzvorstellung

Stefan Schmitz

Stefan Schmitz, 61, hat viele Jahre für große Magazine als Politik- und Wirtschaftsjournalist gearbeitet. Jetzt schreibt und redigiert er für den Afilio-Ratgeber und steht uns mit seiner Expertise beratend zur Seite.

Pauschale Regelungen schaffen Konflikte

Oft zerlegen sich Familien völlig, wenn sie sich plötzlich durch das Fehlen eines Testaments in einer Erbengemeinschaft wiederfinden, in der jeder jeden blockieren kann. Betont, so sagt Lohmeyer, wird das Wort Erbengemeinschaft auf „gemein“. Als Hauptschuldigen für Streit und Leid hat er die gesetzliche Erbfolge ausgemacht, die immer dann gilt, wenn der Verstorbene nicht selbst den Nachlass nach seinen Vorstellungen geregelt hat.

In diesen Tagen, am 13. September, ist der Tag des Testaments. Er ist ein Appell, sich endlich zu kümmern. Aber wer beschäftigt sich schon gerne damit, dass er einmal nicht mehr sein wird? Die Deutschen schließen Policen gegen jede Art von Ungemach ab, aber haben mehrheitlich kein Testament. Nach Zahlen des Deutschen Zentrums für Altersfragen hat selbst unter den Menschen in der zweiten Lebenshälfte – die über 46 Jahre alt sind – nur etwas mehr als jeder Dritte seinen Nachlass geregelt. Und das heißt nicht, dass diese Testamente alle wirksam sind oder der letzte Wille mit ihnen auch umgesetzt werden kann. Der aus umfangreichen Daten ermittelte Befund ist zwar schon drei Jahre alt, aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er nicht mehr zutrifft. Wie aus der Studie hervorgeht, haben Verheiratete aus dieser Gruppe gerade mal zu gut 41 Prozent ihren letzten Willen festgehalten. Unter den Unverheirateten mit Partner waren es sogar nur etwas mehr als 27 Prozent – und das bedeutet, dass die Lebensgefährten leer ausgehen.

Jedes Leben ist ein Unikat

Begangen wird der Tag des Testaments vor allem von Hilfsorganisationen, die, wie etwa die evangelischen Landeskirchen und die Diakonie, potentielle Spender darüber informieren, „wie Sie Herzensanliegen über Ihr Leben hinaus unterstützen können“. Dazu muss ein Testament her, wie immer, wenn persönliche Wünsche erfüllt werden sollen. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit; geformt in vielen Lebensjahren, angepasst an die jeweiligen Umstände. Da wäre es naiv anzunehmen, diese ließen sich pauschal durch Bestimmungen erfüllen, die im Kern aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 stammen, verkündet im Reichsgesetzblatt vom 18. August 1896.

„Das Risiko, dass aus einer intakten Familie eine sich immer weiter zerstreitende Erbengemeinschaft wird, ist extrem hoch“, weiß Experte Lohmeyer. Er kann genau vorhersagen, wann bei seinen Vorträgen ein Raunen durch das Publikum geht. Nämlich dann, wenn er erläutert, wann nach den gesetzlichen Regelungen plötzlich die Schwiegereltern oder die Schwägerinnen, womöglich auch Nichten und Neffen als Mitglieder der Erbengemeinschaft über die Eigentumswohnung der Witwe mitbestimmen. Oder wann vom Gericht ein Ergänzungspfleger für die Kinder bestellt werden muss, da die Sanierung des Dachs eine Grundschuld erfordert. „Bis das durch ist, ist das Dach auch durch“, sagt er.

Es geht um mehr als Geld und Gier

Da die amtliche Statistik nur Fälle erfasst, bei denen Steuern anfallen, weiß niemand genau, wie viel Geld in Deutschland verschenkt und vererbt wird. Schätzungen reichen von 200 bis 400 Milliarden Euro pro Jahr. Bei den Summen kann es nicht überraschen, dass ihre Weitergabe Ärger auslöst. Hinzu kommt, dass es um viel mehr geht als um Geld. Es geht um Liebe, Macht, Wertschätzung, Stolz, Rache. Und noch viel mehr.

Bei den Söhnen des Senators spielte die angebliche Bockigkeit des jüngeren Bruders eine große Rolle. Die Erinnerung daran, wie er als Kleinkind mit Sachen geworfen hat, weil er sich nicht fügen wollte. Die materiellen Fragen waren da längst belanglos. Storm hat die Novelle geschrieben, als er schon alt und krank war. Gut möglich, dass das zum versöhnlichen Schluss beigetragen hat. Am Ende feiern die Brüder zusammen ein Gartenfest. Selbst Erbstreitigkeiten, der Erzfeind der Familie, können eben manchmal überwunden werden. Vermieden werden sie am besten durch ein klares und eindeutiges Testament.

Lesetipp: Wie Sie Ihren letzten Willen formvollständig zu Papier bringen, zeigt unsere Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Testament.

Zum Ratgeber „Nachlass und Erbe“

Ohne Testament entscheidet das Gesetz nach veralteten Regeln. Wer erbt, in welchem Anteil, und wer plötzlich mit am Tisch sitzt, hat dann nichts mehr mit Ihren Wünschen zu tun.

Ob Sie Ihr Testament selbst verfassen oder zum Notar gehen: Wir begleiten Sie durch die Fragen, die Sie vorher beantworten müssen.

Hier Testament erhalten


Einfach. Verständlich. Individuell.

Für wen möchten Sie ein Testament erstellen?
(Bitte eine Antwort auswählen)
Weiter
Christine Frischke
Seniorin sitzt lächelnd am gemeinsamen Esstisch der WG

Es gibt kaum noch Haushalte, in denen wie früher mehrere Generationen zusammenleben. Die 73-jährige Elke wollte nach dem Tod ihres Partners nicht allein leben – und hat eine Seniorinnen-WG gegründet. (Symbolbild)

Kurzvorstellung

Christine Frischke

Christine Frischke ist freie Journalistin und lebt in Süddeutschland. Sie arbeitet u. a. für ZEIT Online, Marie Claire, Dein Spiegel und den SWR. Ihr Schwerpunkt sind Geschichten, die nah am Menschen sind: Sozialreportagen, Familien- und Kinderthemen, prägnante Porträts und Interviews mit Tiefe. Durchatmen kann sie am besten bei einem Waldspaziergang oder auf einem Hof im Schwarzwald.

„Mein Freund war gestorben, und auf Dauer wollte ich nicht allein leben“, erzählt Elke. Sie schaute sich Altersheime an, ließ sich sogar auf eine Warteliste setzen. Doch keine der Einrichtungen gefiel ihr wirklich. „Das war nichts für mich“, sagt sie. Da erinnerte sie sich an einen Vortrag des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Henning Scherf, den sie mal auf einer Tagung gehört hatte. Scherf wohnt in Deutschlands wohl bekanntester Senioren-WG und gilt als Vorreiter. Bereits Ende der 1980er-Jahre zog er mit seiner Frau und acht Freunden in ein Haus in der Bremer Innenstadt – und lebt dort bis heute. Bereut hat er diesen Schritt nie. Elke sagte sich: „Ich versuche das einfach mal.“ Und es hat geklappt.

Alle profitieren – nicht nur finanziell

Seit zwei Jahren lebt sie mit zwei etwa gleichaltrigen Frauen in ihrem Haus am Niederrhein. Das ist 180 Quadratmeter groß, zwei Bäder wurden barrierefrei umgebaut. Jede der drei Frauen bewohnt ein großes Zimmer, hat eine eigene Klingel und sogar eine eigene Putzhilfe. Das Frühstück und die anderen Mahlzeiten nehmen sie meist gemeinsam ein. „Das ist aber kein Muss. Wenn sich eine zurückziehen will, ist das in Ordnung“, sagt Elke. Einer ihrer Lieblingsorte im Haus ist der große Wohn-Essbereich. „Das ist unsere Kommunikationszentrale.“ Einmal die Woche kommt ein Trainer, der mit den Frauen ein Fitnesstraining macht – im Sommer im Garten, im Winter drinnen.

Drei ältere Frauen beim gemeinsamen Fitnesstraining an Outdoor-Geräten
Einmal pro Woche trainieren die Bewohnerinnen gemeinsam mit einem Trainer, im Sommer auch draußen. (Symbolbild)

Elkes Mitbewohnerinnen zahlen Miete, während sie sich um die Instandhaltung des Hauses kümmert. Die Nebenkosten teilen sie sich. Außerdem gibt es eine Haushaltskasse für gemeinsame Einkäufe. „Finanziell lohnt sich das für alle“, sagt Elke. Die Vorteile des gemeinsamen Wohnens gehen aber viel weiter: „Man fällt niemandem zur Last und hat immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann.“

Die Nachfrage nach alternativen Wohnformen steigt

Die Frage, wie man im Alter leben möchte, beschäftigt viele Menschen. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2012 für die Körber-Stiftung will der Großteil, 74 Prozent, mit dem Partner oder allein in einem Haus oder einer Wohnung leben. Nur zwei Prozent können sich ein Seniorenheim vorstellen. Für immerhin sechs Prozent kommt eine Senioren-WG infrage. Eine Zahl, die in Zukunft steigen wird, ist Hannah Kramer überzeugt: „Ich glaube, die Generation, die jetzt in Rente kommt, ist offener für diese Wohnform.“

Kramer hat die Vermittlungsagentur „Senioren-WG mit Herz“ gegründet. „Viele Menschen interessieren sich für Senioren-WGs“, sagt sie. „Noch wagen aber wenige den Schritt.“ Sie selbst kam über ihre hundertjährige Großmutter mit dem Thema Altern und Pflege in Berührung. „Alterseinsamkeit und Altersarmut gehen mir emotional gegen den Strich“, sagt sie. Auch Elke zählt zu ihren „Herzensmenschen“, wie Kramer ihre Klientinnen und Klienten nennt.

Über Senioren-WG mit Herz

Senioren-WG mit Herz ist eine 2024 in Mönchengladbach gegründete Vermittlungsagentur. Sie hilft Seniorinnen und Senioren, private Wohngemeinschaften zu gründen, findet passende Mitbewohnerinnen und Mitbewohner und vermittelt bei Bedarf Alltagshilfen oder 24-Stunden-Pflegekräfte.

Porträt von Hannah Kramer, Gründerin von Senioren-WG mit Herz
Hannah Kramer, Gründerin der Vermittlungsagentur Senioren-WG mit Herz, hilft Seniorinnen und Senioren bei der WG-Gründung.

Mitbewohner sollten ähnliche Interessen haben

Kramer unterstützte Elke bei der Suche nach passenden Mitbewohnerinnen. „Das ist der Hauptknackpunkt“, erklärt Kramer. „Eine Immobilie ist meist schnell gefunden, die Matches sind das Problem.“ Man könne ja nicht einfach drei Menschen zusammenwürfeln und in ein Haus packen. Die Interessen und Lebenseinstellungen müssten zueinander passen.

Kramer führt eine Kartei mit Interessenten. Sie trifft jede und jeden persönlich und lässt Fragebögen ausfüllen. Dann trifft sie eine Vorauswahl, wer in einer WG harmonieren könnte. So kam Elke zu ihren zwei Mitbewohnerinnen. Alle drei teilen die Liebe für Kunst und Musik, das verbindet. „Ich habe die Stecknadeln im Heuhaufen gefunden“, sagt sie glücklich. „Von hundert Leuten könnte ich vielleicht mit fünf gut zusammenleben.“

Gute Kommunikation ist wichtig

Natürlich läuft in so einer Wohngemeinschaft nicht immer alles reibungslos. „Man muss Kompromisse machen“, sagt Elke. „Anfangs war es für mich nicht einfach, fremde Leute im Haus zu haben.“ Aber jede der Frauen bringt sich ein: Eine kocht gerne für alle, eine spielt Klavier. Elke übernimmt oft den Einkauf.

Auf Rat von Hannah Kramer kam zum Start der WG regelmäßig ein Coach vorbei. In der Mediation lernten sie, besser miteinander zu kommunizieren. Jetzt halten die drei Frauen wöchentlich einen Stammtisch ab, jede übernimmt einmal den Vorsitz. „Wir sagen zuerst, was gut läuft, und dann, was uns stinkt“, sagt Elke.

Privat organisierte Wohngemeinschaften wie die von Elke sind noch die Ausnahme. Die meisten Senioren-WGs werden von Pflegediensten geleitet oder haben einen Träger wie die Caritas oder die Diakonie. Die Webseite Seniorenwohngemeinschaften.de schätzt, dass es in Deutschland inzwischen über 5000 Senioren-WGs gibt, einige richten sich speziell an Demenzkranke. Geleitete Wohngemeinschaften haben den Vorteil, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner um kaum etwas selbst kümmern müssen. Dafür sind sie meist teurer, weil auch die Verwaltung und Betreuung bezahlt werden müssen.

Professionelle Hilfe statt Umzug ins Heim

Elkes WG kommt noch weitgehend alleine klar. Ein Pflegedienst hilft einer der Frauen morgens beim Waschen. „Wir können alle drei noch Auto fahren“, sagt Elke. Sollte das irgendwann nicht mehr möglich sein, könnten sie vielleicht einen Studenten für Fahrten engagieren oder sich öfters Lebensmittel liefern lassen. Sie jedenfalls hat nicht vor, bald ins Heim zu gehen: „Ich möchte so lange wie möglich daheim wohnen bleiben. Lösungen werden sich finden.“

Lesetipp: Wie Sie der Einsamkeit im Alter aktiv begegnen, lesen Sie in Wenn die Stille zu laut wird: Wege aus der Einsamkeit.

Vergangene Woche war Matthias Kopp in unserem Live-Webinar zu Gast und hat mit uns darüber gesprochen, was Trauer mit Menschen macht. Er begleitet Trauernde seit Jahren als Trauerbegleiter und Coach und hilft ihnen, ihren eigenen Weg durch die Trauer zu finden.

Die Aufzeichnung können Sie sich jetzt kostenlos ansehen. Hinweis: Für Mitglieder gab es im Anschluss eine exklusive Fragen-Runde, diese bleibt exklusiv.

Aufzeichnung: Individuelle Wege durch die Trauer

Mit Matthias Kopp (Trauerbegleiter)

  • Was Trauer mit uns macht und warum es dabei kein „richtig“ gibt
  • Wie Sie trauernde Angehörige begleiten, ohne die passenden Worte suchen zu müssen
  • Warum Trauer keinem festen Ablauf folgt
Jetzt kostenlos ansehen
Martina Janning
Person schläft friedlich und entspannt im Bett

Schlafapnoe, Insomnie, Wechseljahre: Warum der Schlaf ab der Lebensmitte häufig leidet – und was wirklich hilft, von Verhaltenstherapie bis Schlafhygiene.

Kurzvorstellung

Martina Janning

Martina Janning ist freie Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin. Sie berichtet in Text und Film zu Medizin, Umwelt sowie Bauen und Architektur für ARD, WDR und SWR. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Aufklärung über Rheuma: Auf ihrer Website chronischgutleben.com informiert sie Betroffene und Interessierte. Ihr Ratgeber „Rheuma“ erscheint im Oktober 2026 im Verlag Gräfe und Unzer.

Gerade noch schnarcht Sabine Schröder laut vor sich hin. Dann herrscht plötzlich Grabesstille. Ihr Atem setzt aus, sie ringt nach Luft. „Am Anfang fällt es einem selbst gar nicht auf. Mein Partner hat mich darauf aufmerksam gemacht.“

Sabine denkt sich zunächst nicht viel dabei. „Ich stand im Berufsleben und habe nicht so drauf geachtet.“ Doch sie wird immer müder, döst nach der Arbeit im Sitzen ein. „Einmal bin ich mitten im Gespräch mit meiner Tochter einfach eingeschlafen.“ Wegen der ständigen Tagesmüdigkeit geht sie schließlich zum Arzt. Der verordnet ihr eine Zahnschiene. Aber die Beschwerden bleiben, und so überweist er Sabine in ein Schlaflabor.

Diagnose im Schlaflabor

Im Schlaflabor vermessen Sensoren Sabines Nacht. Sie trägt eine Atemmaske und ist an Körper und Kopf verkabelt. „Am Anfang war es schlimm, dann habe ich mich daran gewöhnt.“ Die Daten bringen endlich Gewissheit: Sabine hat eine obstruktive Schlafapnoe.

Ihre Rachenmuskeln erschlaffen im Schlaf zu stark. Dadurch verengen sich die Atemwege immer wieder oder verschließen sich komplett. Die Folge: Der Atem setzt für mehrere Sekunden bis Minuten aus, teils hunderte Male pro Nacht. Der Körper schlägt dann Alarm, das Gehirn wird kurz geweckt, und die Atmung setzt wieder ein.

Weil dieser Kreislauf die ganze Nacht über abläuft, kommt es kaum zu erholsamem Schlaf. Die Folgen zeigen sich tagsüber: extreme Müdigkeit, schwache Konzentration und Gedächtnisprobleme. Dazu kommt ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sekundenschlaf am Steuer.

Schlafprobleme nehmen ab der Lebensmitte zu

Gesunder Schlaf ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Gerade viele ältere Menschen leiden unter Beeinträchtigungen der Nachtruhe. Sabine etwa war 51, als ihre Schlafapnoe diagnostiziert wurde. Etwa jeder Vierte über 60 Jahre leidet daran, Männer häufiger als Frauen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Und obwohl Millionen betroffen sind, ist Apnoe nicht die häufigste Schlafstörung. Es ist die Insomnie, also die Schlaflosigkeit: Wer darunter leidet, liegt abends wach im Bett oder schreckt nachts hoch und schläft schwer wieder ein.

Die neuesten Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, wie sehr Insomnie die Menschen trifft. Jeder dritte Erwachsene in Deutschland schläft schlecht, bei den 45- bis 64-Jährigen sind es sogar noch mehr.

Insomnie in Zahlen

  • Durchschlafstörungen sind am häufigsten: Bei Frauen zwischen 45 und 64 wacht fast jede Zweite mindestens dreimal pro Woche nachts auf, bei Männern derselben Altersgruppe jeder Dritte.

  • Einschlafstörungen betreffen jede fünfte Frau zwischen 45 und 64, bei Männern etwa jeden Siebten.

  • Manche haben beides gleichzeitig – etwa jeder achte Erwachsene.

  • Im hohen Alter nehmen die Probleme weiter zu: Bei Frauen über 80 berichtet fast jede Zweite über häufige Wachphasen, bei Männern gut jeder Dritte.

(Quelle: Robert-Koch-Institut 2026)

Hormonumstellung beeinträchtigt den Schlaf

Frauen spüren besonders die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren. Dann gehen nach und nach die Östrogene verloren. Sie aber stabilisieren den Schlaf und beugen auch nächtlichen Atemaussetzern vor. Das Progesteron sinkt ebenfalls und macht die Nacht unruhiger. Hitzewallungen können den Schlaf zusätzlich unterbrechen. Bei Männern ist es oft eine vergrößerte Prostata, die den Schlaf zerstückelt: Der ständige Harndrang treibt sie nachts immer wieder aus dem Bett.

Das Schlafvermögen sinkt moderat

„Zwischen 40 und 70 nimmt die Schlafmenge pro Dekade um zehn Minuten ab, also pro Jahr eine Minute“, erläutert Prof. Helmut Frohnhofen, Experte für Schlaf im Alter. Das klingt wenig dramatisch. Auch das Einschlafen verändere sich kaum, es sollte unter 30 Minuten liegen. Aber eine große Änderung gibt es: Das Wachliegen in der Nacht nehme mit dem Alter zu. „Das kann sich auf ein bis anderthalb Stunden summieren“, sagt Prof. Frohnhofen.

Er rät zu etwa sieben Stunden Schlaf, „so dass man sich tagsüber frisch, ausgeschlafen und leistungsfähig fühlt“.

Was gegen Schlaflosigkeit hilft

Die meisten Menschen kennen Phasen, in denen sie schlecht einschlafen oder nachts aufwachen. „Etwa wenn es auf der Arbeit besonders stressig ist und man Sorgen mit ins Bett nimmt. Oder nach einem belastenden Ereignis wie einem Todesfall“, erläutert Schlafmediziner Prof. Clemens Heiser.

Zum Glück verschwinden solche Schlafstörungen meistens von selbst wieder. „Aber Sie sollten sich ärztliche Hilfe holen“, sagt er, „wenn die Probleme mindestens dreimal pro Woche auftreten, länger als vier Wochen anhalten und Sie sich tagsüber müde fühlen.“

Die beste Behandlung ist dann meist keine Tablette, sondern eine Verhaltenstherapie. Sie hilft, Gewohnheiten und Gedanken zu verändern, die guten Schlaf verhindern. „60 bis 70 Prozent der Insomnien lassen sich verhaltenstherapeutisch lösen“, sagt Prof. Frohnhofen. Sein Rat: Wer länger als 30 Minuten wach liegt, sollte aufstehen und etwas Ruhiges tun, bis die Müdigkeit kommt. Dadurch lernt das Gehirn, das Bett nur noch mit Schlaf zu verbinden.

Schlaf erhält uns gesund

Gesunder, tiefer Schlaf ist dabei viel mehr als nur eine Art Pause. Er ist es, der uns unsere Leistungsfähigkeit zurückgibt. Tiefschlaf schüttet Wachstumshormone aus, repariert Gewebeschäden und stärkt das Immunsystem. „Auch beim Abnehmen hilft gesunder Schlaf, weil er Hormone steuert, die in den Fettstoffwechsel und das Hungergefühl eingreifen“, erklärt Prof. Heiser. Das Gehirn profitiert ebenfalls: Im Tiefschlaf wird Unwichtiges aussortiert und Neugelerntes dauerhaft gespeichert. Im Tiefschlaf aktiviert das Gehirn zudem seine eigene interne Müllabfuhr und spült schädliche Eiweiß-Reste wie Amyloid aus dem Gewebe. Diese Reinigung schützt speziell vor Alzheimer, der häufigsten Demenzform. Wer zwischen 50 und 70 Jahren dauerhaft weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, hat laut einer britischen Langzeitstudie ein rund 30 Prozent erhöhtes Demenzrisiko.

Auch zu viel Schlaf macht älter

Aber nicht nur zu wenig Schlaf lässt Menschen schneller altern, auch zu viel des Guten schadet. Das zeigte eine Studie der Columbia University in New York. Mit Hilfe von „Altersuhren“ analysierte das Forschungsteam, wie sich die Schlafdauer auf die einzelnen Organe auswirkt. Das Ergebnis: Wer dauerhaft weniger als sechs oder mehr als acht Stunden schlief, hatte fast überall vorzeitig gealterte Organe und ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Das bestätigt Prof. Frohnhofens Faustregel von etwa sieben Stunden.

Der Weg zurück in den Schlaf

Oft ist der Weg zurück zu gesundem Schlaf ausgesprochen schwierig, und manchmal erfordert er eine Umstellung des gesamten Lebens. Auch Sabines Schlafapnoe, die ihr insbesondere den wichtigen Tiefschlaf raubte, erwies sich als komplexes Problem. Damit ihr Atem in der Nacht nicht mehr aussetzt, bekam sie eine Maske für zuhause. Sie erzeugt einen sanften Überdruck, der die Atemwege offenhält und den Sauerstoffgehalt in ihrem Blut stabilisiert.

Aber die Atemmaske bringt eigene Probleme mit sich: Sie bedeckt das ganze Gesicht, drückt im Schlaf, und ihre Haut reagiert empfindlich. „Morgens musste ich erst einmal die wunden Stellen im Gesicht versorgen“, erinnert sie sich.

Und die Maske behandelt nur die Symptome, nicht die Ursache, trotzdem reicht sie oft aus. Doch Sabine hatte Übergewicht, das nach der Trennung von ihrem Partner noch angestiegen war: „Zu meiner körperlich und seelisch schwersten Zeit habe ich 115 Kilo gewogen.“ Als nichts anderes mehr half, entschied sie sich für einen Magen-Bypass: Der Eingriff verkleinert den Magen und leitet einen Teil des Dünndarms um. Das verkürzt den Verdauungsweg, verringert die Essensmenge und die Kalorienaufnahme.

Sabine übersteht die Operation gut. Danach verliert sie 45 Kilogramm, die Atemaussetzer werden seltener, und schließlich verschwindet die Schlafapnoe ganz. „Bei mir lag es am Übergewicht“, erzählt sie. Heute wiegt Sabine 70 Kilogramm, ihre Atemwege arbeiten wieder einwandfrei, die Maske gehört der Vergangenheit an. Nachts tankt sie Kraft für den Tag. „Mir geht es gut“, sagt sie und strahlt.

Ausgeschlafene Frau sitzt morgens lächelnd aufrecht im Bett
Wer nachts gut schläft, startet erholt in den Tag.

Tipps für gesunden Schlaf

  • Gehen Sie morgens ins Freie: Tageslicht unterdrückt die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin und steigert so den Schlafdruck am Abend.

  • Vermeiden Sie helles Blaulicht am späten Abend: Smartphone und TV bremsen die Melatonin-Produktion.

  • Sorgen Sie für Wärme vor dem Schlafengehen: Heiß duschen oder baden weitet die Gefäße, das anschließende Abkühlen schafft einen Schlafreiz. Kalte Füße mit Socken wärmen, das wirkt genauso.

  • Halten Sie das Schlafzimmer kühl: Etwa 18 Grad Celsius sind ideal. Zum Einschlafen senkt der Körper seine Kerntemperatur leicht ab, eine kühle Umgebung unterstützt das.

Lesetipp: Erfahren Sie mehr über das Wechselspiel von Schlaf, Immunsystem und den eigenen Gewohnheiten: Wie guter Schlaf vor Krankheiten schützt.

Im letzten Afilio-Ratgeber (Ausgabe #46) gab es eine neue Runde des Afilio-Quiz. Die Teilnehmer konnten ihr Vorsorge-Wissen testen und eine AfilioPlus-Mitgliedschaft gewinnen. Die Gewinner des letzten Quiz sind:

1. Platz mit 815 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – lebenslang): Florian H.

2. Platz mit 805 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Michael P.

3. Platz mit 791 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 3 Jahre): Dieter L.

Das Afilio-Quiz

Wir gehen in die nächste Runde: Testen Sie Ihr Vorsorge-Wissen und gewinnen Sie!

  • Punkte sammeln für schnelle und richtige Antworten
  • Top 3 gewinnen eine AfilioPlus-Mitgliedschaft
  • Gewinner werden in Ausgabe #48 bekanntgegeben
Quiz starten
Aus der Afilio-Redaktion

Empfehlungen für Sie

Im Redaktionsteam stoßen wir bei unserer Recherche immer wieder auf spannende Inhalte – von Artikeln bis hin zu Filmen. Doch nicht alle schaffen es in den Ratgeber.

Für alle, die gerne noch mehr lesen, schauen und sich inspirieren lassen wollen, sammeln wir hier die Empfehlungen aus unserer Redaktion. Viel Spaß damit!


Buch-Empfehlung

Konstantin Richter: Dreihundert Männer

Philip Harms

„Dreihundert Männer“ von Konstantin Richter, ausgezeichnet mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2026, liest sich spannender als die meisten Romane. Richter erzählt temporeich vom Aufstieg und Fall der „Deutschland AG“: jenem Geflecht aus Banken, Versicherern und Konzernen, das sich vom Kaiserreich bis in die 1990er Jahre gegenseitig stützte und die wirtschaftliche Macht im Land untereinander aufteilte. Nach der Lektüre werden Sie keine Wirtschaftsnachrichten mehr lesen können, ohne an eine Anekdote aus dem Buch zu denken. Wussten Sie etwa, dass Werner von Siemens zwar früh Telefone baute, aber eigentlich meinte, dass sie in Privathaushalten nichts zu suchen hätten? Seine Befürchtung: Die Leute seien nur noch am Quatschen.


Buch-Empfehlung

Irmtraud Tarr: Lebe deine eigene Melodie

Ratgeber-Leser

Irmtraud Tarrs „Lebe deine eigene Melodie“ ist eine Einladung, das Älterwerden nicht als Abbau, sondern als Chance für echte Selbstbestimmung und Freiheit zu begreifen. Mit einer Mischung aus psychologischem Tiefgang und humorvoller Lebensweisheit ermutigt die Autorin dazu, gesellschaftliche Zwänge abzulegen und konsequent den eigenen Rhythmus zu finden. Ein warmherziges Buch für alle, die ihre Lebensmitte aktiv und selbstbewusst gestalten möchten.

Teilen Sie den Artikel