Wenn die Stille zu laut wird: Wege aus der Einsamkeit

Henrike Buss
Vom 12.08.2026

Die Uhr tickt. Es ist so leise, dass man das Blut in den Ohren rauschen hört. Und die eigenen Gedanken kreisen. Meist um Dinge, die in der Vergangenheit passiert sind. Der Blick auf das Telefon: Stille. Vielleicht ist etwas im Briefkasten? Man kann ja mal nachschauen. Doch es sind nur Rechnungen. Also zurück auf den Lesesessel.

Was ist das für ein Gefühl, das man bei Einsamkeit verspürt? „Einsamkeit ist so eine große Leere. Ein Vakuum in einem, was vorher ausgefüllt war,” sagt Eva Lang. Sie hat vor einigen Jahren ihren Lebensgefährten verloren, der, wie sie es sagt, früher diese Leere mit seiner Präsenz und Ausstrahlung ausgefüllt hat. Auch von vielen Freunden und Freundinnen musste sie schon Abschied nehmen.

Für sie fühlt sich ihre Einsamkeit nach Ohnmacht an. „Ich höre immer wieder man ist wie amputiert. Man ist wie durchgeschnitten oder zerstückelt. Man ist nicht mehr ganz”, so beschreibt sie den Austausch mit anderen Betroffenen über dieses Gefühl.

Sie ist fest entschlossen, herauszukommen aus ihrer Einsamkeit, doch sie weiß: Man muss sich selbst helfen. Von außen kann man sich nur Hilfe zur Selbsthilfe holen. Ihre ganze Geschichte, sowie die von einigen weiteren Betroffenen, können Sie sich in der SWR-Doku „Im Alter einsam? Muss nicht sein" anschauen.

Einsamkeit ist für viele Menschen eine harte Realität, ganz besonders im Alter. Wir von Afilio finden, dass dieses Thema enttabuisiert werden sollte. Deshalb haben wir eine Spezialistin befragt und praktische Wege zusammengetragen, die dabei helfen können, wieder mehr Verbundenheit im Alltag zu finden.

Einsamkeits Studie

Die Perspektive einer Psychologin

Frau Deiß ist psychologische Psychotherapeutin und arbeitet als Stationspsychologin auf einer Intensivstation in Berlin. Auf der Intensivstation verdichtet sich das Leben auf das Wesentliche. Im Interview gibt sie uns Einblicke in ihre tägliche Arbeit und die menschliche Psyche.

Afilio: Frau Deiß, warum ist Einsamkeit für uns eigentlich so schmerzhaft?

Frau Deiß: Das kann man unter Anderem damit begründen, dass wir ein Gegenüber brauchen, um uns selbst besser zu spüren. Anders ausgedrückt: Ein 'Ich' gibt es eigentlich nur, wenn es auch ein 'Du' gibt. Das fängt schon als Baby an, wenn sich das Kind im Glanz der Augen der Mutter sieht. Ohne diese Verbindung zur Außenwelt kann eine tiefe Angst entstehen, sich selbst zu verlieren. Wenn wir ganz allein sind, fehlt uns manchmal der Spiegel.

Auf der Station merke ich oft, dass Patienten gar nicht über ihr Leid und ihre Krankheit sprechen wollen. Sie berichten aus ihrem Leben, von ihrem Job oder ihrer Familie. Sie möchten zurück in ihre Rollen als Mutter, Vater oder Kollege schlüpfen und nicht nur “der Patient” sein.

Doch diese Rollen funktionieren am Besten in Bezug zu anderen Menschen. Komplette Einsamkeit kann uns das Verständnis für die vielen Rollen nehmen, die wir während des Lebens innehaben. Dadurch können wir manchmal vergessen, wer wir eigentlich sind.

Afilio: Unterscheidet sich die Einsamkeit in der Klinik von der zu Hause?

Frau Deiß: Im Kranken­haus ist der Verlust der Autonomie (Selbstbestimmung) extrem belastend. Man kann oft nicht einmal entscheiden, wann man isst oder trinkt. Zu Hause kann man sich vielleicht noch mit Handarbeit oder einem Spaziergang von der Einsamkeit ablenken. In der Klinik fallen diese Strategien weg. Man ist völlig auf die Menschen angewiesen, die da sind.

Wir sehen oft, dass Patienten in eine Hilflosigkeit rutschen, wenn niemand da ist, der sie und ihre Vorlieben kennt. Angehörige sind hier wie Advokaten. Sie wissen zum Beispiel, dass der Patient eine bestimmte Limonade mag oder gerne klassische Musik hört.

Zudem ist es für die Genesung entscheidend, ein Ziel zu haben, zu dem man zurückkehren möchte. Wer zurück zu den Menschen möchte, von denen er geliebt wird, hat ein viel stärkeres 'Hin-zu-Ziel' als jemand, der nur weg von den Schmerzen will.

Afilio: Was macht eine Begegnung 'echt' – reicht das Gespräch über das Wetter, oder brauchen wir mehr Tiefe, um uns verbunden zu fühlen?

Frau Deiß: Wichtig ist vor allem, was eine Person in diesem Moment braucht. Reicht es einfach, nicht allein zu sein? – Dann genügt das Gespräch über das Wetter.

In den meisten Krisensituationen haben Menschen aber ein anderes Bedürfnis: Sie wollen sich 'gefühlt fühlen', also verstanden in ihrem Gefühl. Erst dann wird eine Begegnung echt. Es geht gar nicht darum, das Leid sofort 'wegzumachen' oder den perfekten Ratschlag zu geben.

Wenn ein Patient sagt: 'Da muss ich jetzt ganz allein durch', versuchen Außenstehende oft schnell zu trösten: 'Aber wir sind doch alle da'. Das hilft meistens nicht. Viel besser ist es zu verstehen und zu sagen: 'Ja, das fühlt sich gerade nach einem verdammt einsamen Kampf an'. In diesem Moment fühlt sich der Mensch wirklich gesehen.

Es reicht oft schon zu merken, dass da jemand ist, dem es wichtig ist, mich zu begreifen. Das schafft die größte Verbundenheit.

Gewolltes Alleinsein vs. ungewollte Einsamkeit

Stille und Alleinsein können jedoch auch erholsam sein. Wir wollten wissen, wie man den Unterschied erkennt und wann das Alleinsein belastend wird.

Afilio: Woran merken wir, dass gewolltes Alleinsein in Einsamkeit umschlägt?

Frau Deiß: Gewolltes Alleinsein fühlt sich gut an, Einsamkeit nicht. Der Umschlagpunkt ist oft erreicht, wenn das vermeintlich gewollte Alleinsein dazu dient, etwas zu vermeiden. Beispielsweise Konflikte oder unangenehme Emotionen.

Wenn ich merke, dass ich zwar gewollt allein bin, aber eine negative Leere empfinde, ist es Zeit für eine Art Detektivarbeit. Man muss hinter die eigenen Gedanken schauen und das eigene Alleinsein überprüfen.

Andersherum funktioniert es auch: Wenn eine Freundin die Verabredung absagt, denken wir oft sofort: 'Die will mich nicht sehen'. Das ist eine negative Verzerrung. Hier hilft es zu fragen: 'Geht es gerade darum, dass ich mich einsam fühle, weil ich nicht alleine sein möchte? Oder weil mir jemand abgesagt hat?'

Die eigene Interpretation kann man selbst ins Positive umschreiben: 'Vielleicht hat sie heute einfach keine Kraft. Ich kann die Zeit für ein schönes Bad nutzen.' Dann merke ich, dass ich mich plötzlich gar nicht mehr einsam fühle, sondern ganz zufrieden allein bin. Das ist Arbeit, aber sie lohnt sich.

Afilio: Kann man lernen, sich in Momenten der Einsamkeit selbst zu stützen?

Frau Deiß: Was wir uns zunutze machen können ist, dass unser Gehirn kaum zwischen der Realität und der Vorstellung unterscheidet. Wenn ich zum Beispiel in einer schweren, einsamen Situation weiß: Meine Mutter liebt mich und wäre gerne bei mir, aber sie ist krank und kann nicht bei mir sein – dann kann ich mir vorstellen, wie sich diese Liebe anfühlt, wie sich mich in den Arm nimmt und was sie zu mir sagen würde.

Bei genau solchen Vorstellungen versuche ich oft, Patienten zu unterstützen. Theoretisch kann das aber auch jede Person lernen und diese inneren Bilder als Kraftquelle nutzen. Damit fällt das Alleinsein leichter. Es ist eine Form der Beziehung zu sich selbst, die man kultivieren kann.

Leser fragen, Afilio antwortet

Frage von einem anonymen Afilio-Nutzer:

„Könnten Sie über Treffpunkte für Senioren schreiben?”

Die Kraft der kleinen Begegnung

Wie Eva Lang eingangs auf ihrem Weg heraus aus der Einsamkeit reflektierte: Äußere Hilfe kann nur den Weg zur Tür weisen. Doch hindurch gehen muss man selbst. Um Ihnen diesen ersten Schritt zu erleichtern, haben wir einige niedrigschwellige Möglichkeiten zusammengetragen.

Denn der erste Schritt muss nicht immer gleich ein Vereinseintritt sein. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, viel aus kleinen Alltagsbegegnungen zu ziehen:

  • Die „Dritte Orte“-Strategie: Der regelmäßige Besuch eines Cafés, einer Bibliothek oder eines Wochenmarkts eignet sich wunderbar als sozialer Ankerpunkte ohne Druck oder Verpflichtungen. Idealerweise setzt man sich hier kleine, aber klare Ziele, zum Beispiel einen Besuch pro Woche.
  • Achtsame kleine Begegnungen: Wie Frau Deiß bereits erwähnte, kann schon ein kurzes Gespräch mit dem Nachbarn oder der Kassiererin das Wohlbefinden steigern, wenn man das Bedürfnis hat, nicht allein zu sein. Wichtig ist, dass man in diesen Momenten präsent ist und sie bewusst wahrnimmt.
  • Nachbarschaft aktivieren: Starten Sie mit einem einfachen „Hallo“ und kleinen Gesprächen mit Ihren Nachbarn. Nehmen Sie etwas Anteil an dem Leben anderer. Vielleicht entwickelt sich daraus eine Regelmäßigkeit. Auch Plauderbänke (in vielen Kommunen installiert) führen oft zu spontanen Treffen ohne feste Termine.
  • Haustier oder Natur als Begleiter: Ein Haustier lindert Einsamkeit sofort und bringt Menschen ins Gespräch. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass damit auch Verantwortung einhergeht. Alternativ bieten sich zum Beispiel Parkbank-Besuche mit Natur-Beobachtungen an – all das bietet einfache Einstiege in Gespräche.

Für die, die mehr wollen

Wenn Sie bereit sind, mehr zu wagen und sich tiefere Begegnungen wünschen, die über einen Plausch hinaus gehen, gibt es auch dafür viele Möglicheiten:

  • Mehrgenerationenhäuser: Bundesweit gibt es 530 Häuser mit offenen Treffs, Kreativkursen und Sportangeboten für Jung und Alt. Ob sich auch in Ihrer Nähe eines dieser Häuser befindet, können Sie hier online ganz leicht herausfinden. Es handelt sich dabei um eine Initiative des Bundesministeriums.
  • Digitale Live-Veranstaltungen: Für Menschen, die nicht mehr mobil genug sind, um Treffen aufzusuchen, gibt es digitale Angebote wie zum Beispiel die Gute Stunde – interaktive Online-Kulturveranstaltungen für alle, die Lust auf Kunst und Kultur haben. Ihr Angebot, das von Künstlern und Kulturschaffenden gestaltet wird, ist vor allem auf ältere Menschen zugeschnitten.
  • Ehrenamtliche Plaudereien: Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich, indem sie sich zum Plaudern anbieten.
    • Silbernetz ist beispielsweise ein Anbieter für kostenlose, anonyme und vertrauliche Telefongespräche.
    • Ehrenamtliche Besuche bieten zum Beispiel das DRK oder Malteser an.
  • Kommunale Projekte: Es gibt überall in Deutschland lokale Projekte gegen Einsamkeit. Suchen Sie einfach online nach „Aktionsplan gegen Einsamkeit“ und den Namen Ihres Wohnorts, um Angebote in Ihrer Umgebung zu finden. Oft sind diese kostenlos und es lohnt sich, sie auszuprobieren.
  • Junge Menschen helfen bei Technik-Herausforderungen: Für viele ältere Menschen steht eine technische Barriere zwischen ihnen und dem Weg aus der Einsamkeit. Deswegen bieten einige junge Menschen ihre Hilfe an, indem sie zum Beispiel in der Smartphone-Sprechstunde von youngcaritas Fragen klären und Ängste nehmen.

Wenn auch Sie sich manchmal einsam fühlen, dann sollten Sie wissen: Viele andere Menschen fühlen sich genau wie Sie und würden sich sehr über eine Begegnung mit Ihnen freuen. Wie unsere Beispiele zeigen, können sowohl kleine als auch mutige Schritte das Lebensgefühl wieder auf eine neue Ebene bringen.

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