Ruhestand: Die wichtigsten Antworten aus dem Afilio-Webinar

Till Oltmanns
Vom 19.08.2026

In der Afilio-Show war Peter Lennartz zu Gast, Ruhestandscoach und Autor des Buches „Der ziemlich beste Ruhestand“ mit vielen Tipps für diese Lebensphase. Er war rund 35 bis 40 Jahre in der Wirtschaftsprüfung tätig, ließ sich vor seinem eigenen Ausstieg zum Coach ausbilden und begleitet heute Menschen beim Übergang in den Ruhestand. Die wichtigsten Aussagen im Überblick.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Ruhestand ist der größte planbare Umbruch im Leben: Rollen und Ziele fallen weg, den Sinn müssen Sie selbst setzen.
  • Auf die Honeymoon-Phase folgt häufig ein Loch – mit guter Vorbereitung erreichen Sie die Stabilisierungsphase deutlich schneller.
  • Wie groß der Verlust ausfällt, hängt davon ab, wie viel Ihr Beruf abgedeckt hat: Kontakte, Aufgabe, Verantwortung, Anerkennung, Sinn.
  • Sprechen Sie früh mit Ihrem Partner über Erwartungen – und pflegen Sie soziale Kontakte aktiv, denn von allein entstehen sie im Ruhestand nicht.

Afilio-Show: Ruhestand – wohin geht die Reise

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Warum der Ruhestand der schwierigste Übergang ist

Bis zum Ruhestand ist das Leben von Rollen geprägt, in die man hineinwächst: Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf, Partnerschaft, Kinder, Wohnung, die eigenen Eltern. Im amerikanischen Sprachraum heißt diese Phase „Roles and Goals“. Mit dem Ruhestand endet das – und es beginnt, was dort „Meaning“ genannt wird: Sie müssen Ihrem Leben selbst eine Bedeutung geben.

Genau das hat man 30 oder 40 Jahre lang nicht geübt. Man hat den Beruf gewählt und den Partner, aber nicht diese Freiheit mit Inhalt zu füllen. Lennartz nennt den Übergang deshalb ein „Lifequake“, ein Lebensbeben – abgesehen von schweren Krankheiten und Unfällen der größte Umbruch im Leben eines Menschen.

Die Phasen: erst Honeymoon, dann oft ein Loch

Erst rückt der Ruhestand langsam näher wie ein Schiff auf den Hafen zu, dann macht man alles ein letztes Mal – die letzte Sommerfeier, die letzte Weihnachtsfeier –, gibt den Ausweis ab und verliert den Zugang zum Laptop. Danach folgt zunächst eine schöne Zeit, die Honeymoon-Phase: Reisen, alte Freunde, lange aufgeschobene Projekte, der Garten, die Garage.

Und dann wird es langsamer. Der Garten sieht aus wie ein Schlosspark, und die Frage kommt: Was mache ich jetzt? Aus erster Langeweile wird Missmut, im schlimmeren Fall eine Krise, die auch zu Depressionen führen kann. Wer wieder herauskommt, erreicht die Stabilisierungsphase – die man mit guter Vorbereitung von Anfang an hätte erreichen können.

Was tatsächlich fehlt, ist von Beruf zu Beruf verschieden

Es gibt nicht den einen Ruhestand – vielen fehlt gar nichts. Entscheidend ist, was der Beruf zuvor abgedeckt hat: soziale Kontakte, eine Aufgabe, Verantwortung, Anerkennung, Sinn. Manche Menschen deckten bis zu 80 Prozent dieser Bedürfnisse über ihre Arbeit; sie müssen entsprechend viel kompensieren. Wer den Job vor allem als Einkommensquelle hatte und dort kaum soziale Kontakte pflegte, erlebt einen kleineren Verlust.

Besonders spürbar wird es bei Führungskräften: Mit dem Arbeitsalltag fällt auch eine Bühne weg. Lennartz' Frage dazu lautet: Wer bin ich, wenn niemand mehr klatscht?

Das Alter ist kein Argument

Lennartz hat selbst mit 62 Jahren noch einmal begonnen: Er ließ sich zum Coach ausbilden, gründete ein kleines Unternehmen und veröffentlichte ein Buch.

Dass Alter kein Maßstab ist, zeigen die Beispiele aus dem Webinar: Diana Nyad schwamm mit 64 Jahren in zwei Tagen 178 Kilometer von Kuba nach Florida, im fünften Versuch. Bill Hatfield segelte mit 81 Jahren allein und ohne Stopp um die Welt. Der Schwede Oscar Swahn gewann mit 72 Jahren olympisches Silber im Schießen und ist damit der älteste Medaillengewinner. Umgekehrt gilt das auch: Sam Walton gründete Walmart mit 44, und Louis Braille erfand die Punktschrift mit 15 Jahren.

Partnerschaft: Erwartungen aussprechen, Freiräume behalten

„For better or for worse, but not for lunch“ – das Zitat bringt auf den Punkt, was passiert, wenn man plötzlich rund um die Uhr aufeinandersitzt. Dabei sind die Konstellationen sehr unterschiedlich: Beide hören gleichzeitig auf, einer geht früher und ist erst allein zu Hause, oder ein Partner war ohnehin nicht erwerbstätig.

Lennartz' zwei Ratschläge: Erstens frühzeitig kommunizieren, und zwar konkret über Erwartungen, Wünsche und Träume – häufig gehen die auseinander. Zweitens eine Balance zwischen Nähe und Freiraum finden. Jeder sollte weiterhin ein eigenes Leben führen, schon damit man einander etwas zu berichten hat. Praktisch heißt das auch, Zuständigkeiten zu klären: Einkaufen gern, aber die Küche bleibt mein Revier.

Soziale Kontakte muss man sich erarbeiten

Freunde sind die Menschen, die man nachts um drei anrufen kann – und Lennartz beobachtet, dass Männer sich damit deutlich schwerer tun als Frauen. Er nennt es bewusst Arbeit: Kontakte im Ruhestand entstehen nicht von selbst.

Ein Werkzeug dafür ist die soziale Netzwerkkarte: Wen habe ich in Familie und Verwandtschaft, wen kenne ich von früher, wen möchte ich näher kennenlernen? Rufen Sie einen alten Schulfreund nach 30 Jahren an – die Erfahrung aus seinen Coachings ist, dass sich die Angerufenen freuen. Ebenso gut funktionieren Tätigkeiten, bei denen Kontakte nebenbei entstehen: im Chor singen, ein Sprachkurs an der Volkshochschule, Tanzen, Sport. Wichtig ist dabei: Nicht jeder muss abends in die Kneipe. Es gibt Menschen, für die der ideale Tag Halligalli mit Enkeln und Nachbarn bedeutet, und andere, für die er allein zu Hause stattfindet. Von dem Druck, ein vorzeigbarer „Unruheständler“ sein zu müssen, sollten Sie sich lösen.

Tipp aus dem Webinar: die 168-Stunden-Übung

Jede Woche hat 168 Stunden. Schreiben Sie auf, wie Sie sie in einer normalen Woche verbringen: Schlaf, Hausarbeit, Körperpflege, Medienkonsum, Einkaufen, Sport, Freunde, Verwandtschaft. Was übrig bleibt, ist Ihre freie, ungeplante Zeit.

Als Richtwert nennt Lennartz zwei bis fünf Stunden pro Tag. Liegen Sie darüber, tendiert es in Richtung Langeweile; liegen Sie darunter, ist es schon wieder Stress. Und statt in Ratgebern nach Beschäftigung zu suchen, fragen Sie zuerst: Wofür brenne ich, was sind meine Stärken, was sagen andere über mich? Erst danach entscheidet sich, ob daraus ein Hobby wird, ein Ehrenamt oder eine Tätigkeit auf Projektbasis – etwa als Mentor für Auszubildende im früheren Betrieb.

Einen letzten Rat gibt Lennartz aus eigener Erfahrung: Feiern Sie den Abschied. Bei ihm wurde die Zugangskarte um 18 Uhr abgeschaltet, während er noch im Büro saß – anschließend ging er schön essen und machte zwei Tage später einen Fallschirmsprung, als Sprung ins neue Leben.

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