
Geborgen, aber selbstständig – so lebt es sich in einer Senioren-WG

Das Wichtigste in Kürze:
- Senioren-WGs sind eine Alternative zum Alleinleben und zum Pflegeheim: mehr Gesellschaft, geteilte Kosten und gegenseitige Unterstützung im Alltag.
- Die größte Hürde ist nicht die Immobilie, sondern passende Mitbewohnerinnen und Mitbewohner mit ähnlichen Interessen und Lebenseinstellungen.
- Klare Absprachen und regelmäßige Kommunikation, etwa ein wöchentlicher Stammtisch, helfen dabei, Konflikte zu vermeiden.
- In Deutschland gibt es schätzungsweise über 5.000 Senioren-WGs. Die meisten werden von Pflegediensten oder Trägern geleitet, private Gründungen sind noch die Ausnahme.
Es gibt kaum noch Haushalte, in denen wie früher mehrere Generationen zusammenleben. Aber je kleiner die Gemeinschaften werden, desto zerbrechlicher sind sie. Gerade für Ältere ist es eine große Herausforderung, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt. Sie müssen entscheiden, wie sie künftig leben wollen. Die 73-jährige Elke hat für sich eine Antwort gefunden – und eine Seniorinnen-WG gegründet.
„Mein Freund war gestorben, und auf Dauer wollte ich nicht allein leben“, erzählt Elke. Sie schaute sich Altersheime an, ließ sich sogar auf eine Warteliste setzen. Doch keine der Einrichtungen gefiel ihr wirklich. „Das war nichts für mich“, sagt sie. Da erinnerte sie sich an einen Vortrag des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Henning Scherf, den sie mal auf einer Tagung gehört hatte. Scherf wohnt in Deutschlands wohl bekanntester Senioren-WG und gilt als Vorreiter. Bereits Ende der 1980er-Jahre zog er mit seiner Frau und acht Freunden in ein Haus in der Bremer Innenstadt – und lebt dort bis heute. Bereut hat er diesen Schritt nie. Elke sagte sich: „Ich versuche das einfach mal.“ Und es hat geklappt.
Alle profitieren – nicht nur finanziell
Seit zwei Jahren lebt sie mit zwei etwa gleichaltrigen Frauen in ihrem Haus am Niederrhein. Das ist 180 Quadratmeter groß, zwei Bäder wurden barrierefrei umgebaut. Jede der drei Frauen bewohnt ein großes Zimmer, hat eine eigene Klingel und sogar eine eigene Putzhilfe. Das Frühstück und die anderen Mahlzeiten nehmen sie meist gemeinsam ein. „Das ist aber kein Muss. Wenn sich eine zurückziehen will, ist das in Ordnung“, sagt Elke. Einer ihrer Lieblingsorte im Haus ist der große Wohn-Essbereich. „Das ist unsere Kommunikationszentrale.“ Einmal die Woche kommt ein Trainer, der mit den Frauen ein Fitnesstraining macht – im Sommer im Garten, im Winter drinnen.

Elkes Mitbewohnerinnen zahlen Miete, während sie sich um die Instandhaltung des Hauses kümmert. Die Nebenkosten teilen sie sich. Außerdem gibt es eine Haushaltskasse für gemeinsame Einkäufe. „Finanziell lohnt sich das für alle“, sagt Elke. Die Vorteile des gemeinsamen Wohnens gehen aber viel weiter: „Man fällt niemandem zur Last und hat immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann.“
Die Nachfrage nach alternativen Wohnformen steigt
Die Frage, wie man im Alter leben möchte, beschäftigt viele Menschen. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2012 für die Körber-Stiftung will der Großteil, 74 Prozent, mit dem Partner oder allein in einem Haus oder einer Wohnung leben. Nur zwei Prozent können sich ein Seniorenheim vorstellen. Für immerhin sechs Prozent kommt eine Senioren-WG infrage. Eine Zahl, die in Zukunft steigen wird, ist Hannah Kramer überzeugt: „Ich glaube, die Generation, die jetzt in Rente kommt, ist offener für diese Wohnform.“
Kramer hat 2024 die Vermittlungsagentur „Senioren-WG mit Herz“ in Mönchengladbach gegründet. „Viele Menschen interessieren sich für Senioren-WGs“, sagt sie. „Noch wagen aber wenige den Schritt.“ Sie selbst kam über ihre hundertjährige Großmutter mit dem Thema Altern und Pflege in Berührung. „Alterseinsamkeit und Altersarmut gehen mir emotional gegen den Strich“, sagt sie.
Deshalb hilft sie heute Seniorinnen und Senioren, private Wohngemeinschaften zu gründen und vermittelt bei Bedarf Alltagshilfen oder 24-Stunden-Pflegekräfte. Auch Elke zählt zu ihren „Herzensmenschen“, wie Kramer ihre Klientinnen und Klienten nennt.
Über Senioren-WG mit Herz
Senioren-WG mit Herz ist eine 2024 in Mönchengladbach gegründete Vermittlungsagentur. Sie hilft Seniorinnen und Senioren, private Wohngemeinschaften zu gründen, findet passende Mitbewohnerinnen und Mitbewohner und vermittelt bei Bedarf Alltagshilfen oder 24-Stunden-Pflegekräfte.

Mitbewohner sollten ähnliche Interessen haben
Kramer unterstützte Elke bei der Suche nach passenden Mitbewohnerinnen. „Das ist der Hauptknackpunkt“, erklärt Kramer. „Eine Immobilie ist meist schnell gefunden, die Matches sind das Problem.“ Man könne ja nicht einfach drei Menschen zusammenwürfeln und in ein Haus packen. Die Interessen und Lebenseinstellungen müssten zueinander passen.
Kramer führt eine Kartei mit Interessenten. Sie trifft jede und jeden persönlich und lässt Fragebögen ausfüllen. Dann trifft sie eine Vorauswahl, wer in einer WG harmonieren könnte. So kam Elke zu ihren zwei Mitbewohnerinnen. Alle drei teilen die Liebe für Kunst und Musik, das verbindet. „Ich habe die Stecknadeln im Heuhaufen gefunden“, sagt sie glücklich. „Von hundert Leuten könnte ich vielleicht mit fünf gut zusammenleben.“
Gute Kommunikation ist wichtig
Natürlich läuft in so einer Wohngemeinschaft nicht immer alles reibungslos. „Man muss Kompromisse machen“, sagt Elke. „Anfangs war es für mich nicht einfach, fremde Leute im Haus zu haben.“ Aber jede der Frauen bringt sich ein: Eine kocht gerne für alle, eine spielt Klavier. Elke übernimmt oft den Einkauf.
Auf Rat von Hannah Kramer kam zum Start der WG regelmäßig ein Coach vorbei. In der Mediation lernten sie, besser miteinander zu kommunizieren. Jetzt halten die drei Frauen wöchentlich einen Stammtisch ab, jede übernimmt einmal den Vorsitz. „Wir sagen zuerst, was gut läuft, und dann, was uns stinkt“, sagt Elke.
Privat organisierte Wohngemeinschaften wie die von Elke sind noch die Ausnahme. Die meisten Senioren-WGs werden von Pflegediensten geleitet oder haben einen Träger wie die Caritas oder die Diakonie. Die Webseite Seniorenwohngemeinschaften.de schätzt, dass es in Deutschland inzwischen über 5000 Senioren-WGs gibt, einige richten sich speziell an Demenzkranke. Geleitete Wohngemeinschaften haben den Vorteil, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner um kaum etwas selbst kümmern müssen. Dafür sind sie meist teurer, weil auch die Verwaltung und Betreuung bezahlt werden müssen.
Professionelle Hilfe statt Umzug ins Heim
Elkes WG kommt noch weitgehend alleine klar. Ein Pflegedienst hilft einer der Frauen morgens beim Waschen. „Wir können alle drei noch Auto fahren“, sagt Elke. Sollte das irgendwann nicht mehr möglich sein, könnten sie vielleicht einen Studenten für Fahrten engagieren oder sich öfters Lebensmittel liefern lassen. Sie jedenfalls hat nicht vor, bald ins Heim zu gehen: „Ich möchte so lange wie möglich daheim wohnen bleiben. Lösungen werden sich finden.“
