
„Wir können sehr viel tun, um ein hohes Alter zu erreichen“

Hundertjährige sind längst keine Ausnahme mehr. In Deutschland lebten Ende 2024 laut Statistischem Bundesamt rund 17 900 Menschen, die 100 Jahre und älter waren. Ihre Zahl ist seit 2011 um knapp ein Viertel gestiegen. Aber was muss man tun, um ein hohes Alter zu erreichen? Und wie weit kann man das überhaupt beeinflussen? Wir fragten die Psychologin und Altersforscherin Daniela Jopp.
Wolffheim: Viele Menschen glauben, Hundertjährige hätten einfach „gute Gene“. Welche Rolle spielt die Genetik, welchen Einfluss hat der Lebensstil?
Jopp: Das ist eine spannende Frage. Lange wurde davon ausgegangen, dass die Genetik gerade für das Erreichen eines hohen Alters eine zentrale Rolle spielt. Es gibt tatsächlich Familien, in denen viele Mitglieder sehr lange leben, deshalb machte man dafür genetische Faktoren aus, ohne aber zu berücksichtigen, dass womöglich auch ein bestimmter Lebensstil innerhalb der Familie weitergegeben wurde. Mittlerweile wissen wir aus Studien und umfangreichen Datenbanken, dass die Genetik zwischen 20 und 25, maximal 30 Prozent ausmacht. Für den Rest sind Lebensstil-Faktoren maßgeblich verantwortlich. Wir können also sehr viel mehr für ein langes Leben tun, als wir erwartet haben.
Wolffheim: Das heißt, Menschen, die 100 und älter sind, haben mehr auf einen gesunden Lebensstil geachtet als andere?
In der Tendenz schon. Sie haben sich gesund ernährt, viele hatten einen eigenen Garten, haben dort Obst und Gemüse angebaut. Sie haben nicht im strengen Sinne Sport getrieben, aber waren viel in Bewegung. Wir haben eine große Studie mit Hundertjährigen in der Schweiz gemacht, die ergab: Die Menschen waren regelmäßig in den Bergen unterwegs, sind gewandert. Sie waren mit Sicherheit keine Couch Potatoes.
Wolffheim: Wie weit bleiben diese Menschen auch im hohen Alter in Bewegung?
Jopp: Das ist unterschiedlich, abhängig auch von ihren körperlichen Einschränkungen. Erstaunt hat uns, dass einige Hundertjährige ganz bewusst Strategien entwickelt haben, um auch im hohen Alter in Bewegung zu bleiben. Ein Hundertjähriger aus Zürich erzählte uns, dass er jeden Tag zum Supermarkt geht, um aus dem Haus zu kommen. Dabei kauft er immer nur drei Sachen ein, um am nächsten Tag wieder einen Anlass zu haben, vor die Tür zu gehen. Er ist da sehr konsequent.
Wolffheim: Sehr alte Menschen müssen damit leben, dass viele Freunde vor ihnen gestorben sind, manchmal auch die eigenen Kinder. Welche Rolle spielt die soziale Einbindung, um ein hohes Alter zu erreichen?
Jopp: Eine große Rolle. Viele Hochbetagte, die wir gesprochen haben, sind in ihrer Familie gut eingebettet, pflegen die Freundschaften, die sie noch haben. Ich denke etwa an einen Hundertjährigen, der zusammen mit seiner Enkelin seine Memoiren aufschreibt. Ein anderer reist mit dem Zug quer durch das Land, um seine Freunde zu besuchen. Es gibt aber auch diejenigen, die wenige Kontakte haben und damit zufrieden sind, sie schöpfen aus sich selbst. In Amerika gibt es dafür das Bild des alten Farmers, der zufrieden ist, seine Ruhe zu haben. Daneben haben wir es aber auch mit Menschen zu tun, die sich tatsächlich einsam fühlen, manche mit wenigen Kontakten, manche aber selbst mit regelmäßigem Austausch. Wichtig finde ich daher, dass die Hausärzte die Betroffenen dazu genauer befragen, eine Art Einsamkeits-Screening machen. Dann kann man zusammen über Möglichkeiten nachdenken, wie sie sozial besser eingebettet werden können.

Wolffheim: Sie haben für Ihre Studien Gespräche mit insgesamt rund 450 Hundertjährigen bzw. ihren Familien geführt. Gibt es Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die Ihnen besonders häufig begegnet sind?
Jopp: Viele Hochbetagte sind sehr neugierig, interessiert am Leben, an der Politik. Sie waren in der Tendenz in ihrem Leben aktiv, die Frauen häufig berufstätig. Was uns besonders erstaunt hat: Viele Hundertjährige, mit denen wir sprachen, haben in ihrem Leben eine bestimmte Leidenschaft entwickelt. Das kann eine Passion für die Wissenschaft oder ein Hobby wie Reisen sein. Sie entwickeln eine ungeheure Energie, um ihre Leidenschaft zu verfolgen, damit werden sie offenbar ein Stück weit ins hohe Alter getragen.
Wolffheim: Haben Sie ein Beispiel?
Jopp: Ich denke etwa an einen Mann, der früher als Biologe an der Uni gearbeitet hat, dann lange Jahre Direktor eines Gymnasiums war. Als Rentner hat er zwölf Jahre an einem Buch geschrieben, das die Bibel für Pflanzenkunde in der Schweiz geworden ist und sich sehr gut verkauft. Wenn man mit ihm vor die Tür geht und er Blumen sieht, fallen ihm regelrecht 20 Jahre seines Alters von den Schultern. Mittlerweile ist er 105.
Wolffheim: Würden Sie Menschen also raten, einer Leidenschaft nachzugehen, um ein hohes Alter zu erreichen?
Jopp: Zumindest scheint das ein Faktor zu sein, der das Altwerden begünstigt. Eine andere Hundertjährige, die wir gesprochen haben, hatte eine große Leidenschaft für Kunst, besuchte gern Ausstellungen. Sie selbst kam aus einer Künstlerfamilie.
Wolffheim: Ein hohes Alter zu erreichen, ist alles andere als selbstverständlich. Haben Sie auch Stolz bei den Betroffenen herausgehört?
Jopp: Ja, aber viele sind auch erstaunt über ihr hohes Alter. Wichtig scheint mir, dass wir bei den meisten eine hohe Lebenszufriedenheit gefunden haben. In unserer Schweizer Studie haben 92 Prozent gesagt, dass sie mit ihrem Leben zufrieden bis sehr zufrieden sind. Das mag auch daran liegen, dass sie dankbar sind, überhaupt so alt werden zu dürfen, vorausgesetzt, sie sind körperlich und geistig nicht stark eingeschränkt. Wenn wir die Hundertjährigen gefragt haben, wie sie sich gesundheitlich fühlen, kam häufig die Antwort: „Mir geht es gut. Was soll ich mich beschweren, die anderen aus meiner Generation sind doch schon tot.“
Wolffheim: Sind Hochaltrige grundsätzlich eher optimistisch?
Jopp: Ja, das haben verschiedene Studien ergeben. Optimismus scheint ein Faktor zu sein, der Langlebigkeit begünstigt. Menschen, die optimistisch sind und einen Sinn in ihrem Leben sehen, haben in der Tendenz ein besseres Immunsystem. Nach Infektionen oder Operationen werden sie schneller gesund als andere.
Wolffheim: Es gibt aber auch die Grantler, die alles negativ sehen und trotzdem uralt werden.
Jopp: Das stimmt. Vielleicht haben sie eine Leidenschaft für das Granteln entwickelt, die ihnen hilft, uralt zu werden. (lacht)
Wolffheim: Haben Menschen, die sehr alt werden, im Durchschnitt weniger mit Krankheiten zu tun als andere?
Jopp: Zumindest konnten wir in einer Studie zeigen, dass sie bestimmte Krankheiten und Einschränkungen später entwickelt haben als der Durchschnitt der Normalbevölkerung. Im Alter von 100 Jahren haben dann alle Hundertjährigen Gesundheitseinschränkungen, zumeist etwa eingeschränktes Hören und Sehen, Probleme mit Gehen und Gleichgewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Was uns fasziniert hat: Wir haben im Blut der Hochaltrigen ungewöhnliche Proteinprofile gefunden, das heißt, ihre Proteine ähneln denen von Menschen, die viel jünger sind als sie, nämlich zwischen 30 und 60 Jahren. In diesen Profilen waren Proteine enthalten, die für Reparaturmechanismen im Körper zuständig sind und zum Beispiel die freien Radikale, die Entzündungen beschleunigen können, einfangen. Eine offene Frage ist, ob Gene für diese positiv wirkenden Proteinprofile verantwortlich sind oder eher der Lebensstil.
Wolffheim: Man könnte erwarten, dass viele Hundertjährige unter Demenz leiden. Was sagt Ihre Forschung?
Jopp: Der Anteil der Demenzerkrankungen war nicht so hoch, wie man für das hohe Alter erwarten könnte. In einer unserer Studien hatten immerhin bis zu 57 Prozent keine oder nur geringe kognitive Einschränkungen. Der Anteil ist höher als in einer unserer früheren Studien, der Heidelberger Hundertjährigen-Studie, in der 54 Prozent ohne bedeutende Einschränkungen waren; die Hundertjährigen dort hatten wir vor zehn Jahren untersucht. Möglicherweise besteht also eine positive Entwicklung, die wir bereits dokumentieren konnten: In Heidelberg haben wir zwei Generationen von Hochbetagten untersucht, eine Gruppe war um 1900 geboren, die andere um 1912. Die Spätergeborenen hatten eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit, der Anteil mit Einschränkungen war geringer. Meine Hoffnung ist, dass auch in Zukunft die kognitiven Fähigkeiten von Generation zu Generation zunehmen.
Wolffheim: Hochaltrige haben oft Schlimmes erlebt, zwei Weltkriege, Hunger und Entbehrungen durchlitten, sind daran aber nicht zerbrochen. Sind diese Menschen resilienter als andere?
Jopp: Vermutlich schon. Sie haben es geschafft, sich ihr Leben lang an Situationen anzupassen, die sie nicht ändern können; das hilft auch im Alter, etwa wenn der Partner stirbt. Hochaltrige haben eine hohe Akzeptanz. Einigen gelingt es, eine Doppelstrategie zu fahren: Sie suchen nach Problemlösungen und können gleichzeitig akzeptieren, wenn es keine Lösungen gibt. Das sind die Super-Coper: Sie versuchen, in ihrem Leben Kontrolle zu behalten, auch wenn ihre Möglichkeiten begrenzt sind. Zum Beispiel bemühen sie sich auch im hohen Alter, durch Übungen ihre Fitness oder ihr Gedächtnis zu verbessern. Oft sagen Hundertjährige auch, dass sie versucht haben, in ihrem Leben maßvoll zu sein, es nicht zu übertreiben. Man solle zwar hart arbeiten, aber den Stress auf einem vernünftigen Level halten und immer wieder das Leben genießen.
Wolffheim: Welche Rolle spielt der Glaube, sind Hundertjährige gottesfürchtiger als andere?
Jopp: Das ist sehr unterschiedlich. Manche sind sehr gläubig und finden tatsächlich Halt in ihrer Religion, für andere spielt der Glaube gar keine Rolle.
Wolffheim: Es gibt eine Reihe von negativen Altersbildern, etwa dass Ältere sich zurückziehen, kein Interesse an Kontakten haben, wunderlich oder eigensinnig werden. Haben diese Altersbilder einen Einfluss darauf, ob jemand alt wird oder nicht?
Jopp: Es gibt einige sehr gute Untersuchungen, die zeigen, dass die Einstellung zum Älterwerden tatsächlich einen Einfluss darauf hat, wie gut Menschen älter werden oder ob sie sogar früher versterben. Deshalb ist es so wichtig, rechtzeitig die negativen Stereotypen gerade gegenüber dem hohen Alter abzubauen, eine positive Perspektive zu altersbezogenen Veränderungen zu entwickeln. Irgendwann ist man selbst alt und sollte dann nicht diese Bilder im Kopf haben. Mich hat immer fasziniert, was man selbst alles tun kann, um gut alt zu werden. Dass man sich bis ins sehr hohe Alter immer noch entwickeln, neue Hobbys entdecken kann.
Wolffheim: Longevity ist im Moment in aller Munde. Gibt es so etwas wie eine Formel für ein langes Leben?
Jopp: Eine magische Formel gibt es nicht, aber einige Eckpunkte sind klar: Man sollte sich zeitlebens um seinen Körper gut kümmern, den braucht man, wenn man so alt werden möchte. Man sollte auf gesunde Ernährung achten, sich regelmäßig bewegen – was sich auch positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt –, ausreichend schlafen, sich zwischendurch immer wieder Ruhe gönnen. Geistige Neugier, Bildung sind wichtig und können davor schützen, eine Demenz zu entwickeln. Hör- und Sehtests sind unbedingt zu empfehlen: Menschen, die schlecht hören, haben ein höheres Risiko, eine Demenz zu entwickeln, weil sie sich unter Umständen zurückziehen. Und natürlich nicht vergessen, das soziale Umfeld auszubauen und seine Beziehungen zu pflegen. Nicht zuletzt hat aber auch die Gesellschaft eine Verantwortung, nämlich für eine gesunde Umwelt und eine altersfreundliche Kultur zu sorgen.
Wolffheim: Kann ein zu starker Fokus auf Langlebigkeit, wie wir ihn gerade erleben, womöglich sogar ungesund sein?
Jopp: Bestimmt. Wenn man zum Beispiel Influencer sieht, die schon mit Anfang 30 über ihre ersten Altersanzeichen sprechen und was man dagegen tun kann, sehe ich das mit einer gewissen Sorge. Zum Älterwerden gehört auch eine gewisse Akzeptanz gegenüber den Veränderungen, die das Altern mit sich bringt, einfach dazu.
Daniela Jopp
Daniela Jopp hat in Berlin Psychologie studiert und über erfolgreiches Altern promoviert. Als Expertin für Hochaltrigkeit leitete sie mehrere Studien über die Lebenssituation von Hundertjährigen, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz (wp.unil.ch/swiss100/de). Die Psychologin lehrt als Professorin an der Universität von Lausanne.

