
Denkanstoß des Monats: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

„Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Mit diesem christlichen Glaubensbekenntnis sind Generationen in Europa aufgewachsen. Die Frage nach einem Leben nach dem Tod war damit schon im Kindesalter beantwortet.
Viele sprechen diese Worte heute noch und meinen sie. Die Mehrheit in unserem Land aber nicht mehr. Das kann man bedauern oder begrüßen. Unbestreitbar ist, was daraus folgt: Wir dürfen anders als unsere Vorfahren selbst beantworten, wie wir zu Tod und Vergänglichkeit stehen. Wir müssen es sogar. Ist alles vorbei, wenn das Blut nicht mehr in den Adern pulsiert? Oder geht es dann erst richtig los?
Als diese Frage vor unserem Webinar mit Trauerbegleiter Matthias Kopp eingereicht wurde, stand sie ganz nackt da: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Kein Katechismus davor, kein Pfarrer danach. Nur jemand, der nach einer Antwort sucht. Aber wo fängt man damit an?
Gibt es mein Leben nach dem Tod?
Meistens fangen wir dort an, wo die alten Antworten aufgehört haben: beim Ort. Gibt es einen Himmel? Ein Jenseits? Ein Nichts? Aber vielleicht ist das schon zu weit gegriffen. Mich interessiert doch, ob es mein Leben nach dem Tod gibt. Muss ich dafür nicht zuerst wissen, was da eigentlich weitergehen soll? Was meine ich, wenn ich „mein Leben“ sage? Meinen Körper? Das, was in ihm denkt und fühlt? Oder noch etwas anderes?
Wenn ich mein Körper bin
Die nüchternste Antwort zuerst. Ich bin dieser Körper. Dieses Gesicht, dieser Herzschlag, dieses Gehirn. Der Tod wird schließlich genau daran festgemacht: Das Herz steht still, das Gehirn zeigt keine Aktivität mehr, ein Arzt notiert die Uhrzeit. Wer sich ausschließlich mit seinem Körper identifiziert, hat die Frage damit beantwortet. Nein. Mein Leben endet mit meinem Tod. Per Definition.
Der griechische Philosoph Epikur fand gerade darin etwas Beruhigendes. Solange ich da bin, schrieb er, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, bin ich nicht mehr. Es gibt also keinen Moment, in dem ich meinem eigenen Tod begegne. Wovor soll ich mich dann fürchten?
Wenn ich meine Seele bin
Die wohl älteste Antwort der Menschheit lautet jedoch anders. Ich bin nicht der Körper, sondern das, was aus ihm herausschaut. Mein Bewusstsein, mein Geist, meine Seele. Der Körper ist nur die Hülle, in der dieses „Ich“ gerade wohnt.
Von dem Körper, den Sie mit sechs Jahren hatten, ist kaum noch etwas übrig. Die meisten Zellen wurden längst ausgetauscht. Die Hirnzellen übrigens auch - und meist auch der Großteil der Gedanken, die dort zuhause sind. Trotzdem sagen Sie „ich“ und meinen denselben Menschen. Jede Nacht schlafen Sie ein, jeden Morgen wachen Sie auf und sind es immer noch. Was ist das, das da gleich bleibt, während sich alles andere verändert? Wer glaubt, dass dieses Ich-Gefühl den Körper überdauert, stellt eigentlich nur eine weitere Frage: Warum sollte ausgerechnet der Tod der erste Bruch sein, den es nicht übersteht?

Die Wissenschaft hat darauf keine Antwort, nur Theorien. Niemand hat je ein Bewusstsein gesehen, auch kein Hirnforscher. Er sieht, wo es im Gehirn leuchtet. Nicht, was da leuchtet. Ich habe schon öfter gehört, dass Menschen die Demenz als Beleg dafür anführen, dass der Geist schon vor dem Tod weg sein kann. Wenn das „Ich“ das Bewusstsein ist, dann zeige die Demenz, dass es verschwinden kann, Stück für Stück, noch zu Lebzeiten. Und dass am Ende eben nichts mehr bleibt. Ich sehe es umgekehrt. Dass wir unsere Liebsten weiter besuchen, obwohl sie uns nicht mehr erkennen, ist für mich der Beweis, dass ein Mensch für uns viel mehr ist als seine geistigen Fähigkeiten. Wir sitzen an dem Bett, halten eine Hand und meinen damit jemanden, der weder sein Körper noch sein Verstand ist.
Wenn ich bin, was ich bewirke
Wer ist es dann, den wir da meinen? Wenn wir über das Leben eines Menschen sprechen, sprechen wir nie über seinen Herzschlag. Und selten über seine Seele. Wir sprechen darüber, was wir mit ihm erlebt haben, wie er gelacht hat, was er uns in einem schweren Moment gesagt hat, wie er den Garten in Ordnung gehalten hat.
Dieses Leben, das wir da beschreiben, liegt nicht mit ihm im Krankenbett. Es ist längst überall. In der Redewendung, die wir von ihm übernommen haben, ohne es zu merken. In der Art, wie wir mit unseren Kindern reden, weil er so mit uns geredet hat. In dem Garten, der immer noch blüht. Sein Leben hat sich in uns und in der Welt niedergelassen.
Wenn „mein Leben“ auch das ist, was ich bewirke, dann findet es nicht nur in mir statt. Es findet dort statt, wo ich etwas verändert habe. In Menschen. In Dingen. In einer Welt, die ohne mich eine andere wäre.
Und an diesen Teil meines Lebens kommt der Tod nicht heran. Denn er ist bereits geschehen. Viktor Frankl, über den ich hier schon einmal geschrieben habe, erzählte darüber, wie wir Momente hineinschaffen in die Vergangenheit: „Dort sind sie ja nicht unwiederholbar verloren, sondern sie sind unverlierbar geborgen.“ Ein Teil meines Lebens liegt demnach längst in Sicherheit.
Eine Frage an die Gegenwart
Vielleicht ist die Frage nach dem Leben nach dem Tod deshalb weniger eine Frage über das Danach als eine über das Jetzt. Womit identifiziere ich mich heute?
Nur mit meinem Körper: Dann endet mein Leben mit meinem Tod. Mit meiner Seele: Dann darf ich hoffen, und niemand kann mir diese Hoffnung nehmen. Mit dem, was ich in der Welt bewirke: Dann geht mein Leben weiter, ganz sicher.
Lesetipp: Wie Loslassen zu Lebzeiten aussehen kann, lesen Sie in Döstädning: Befreit Death Cleaning das Leben?.