Warum besuchen wir unsere Liebsten, wenn sie uns nicht mehr erkennen?

Philipp Zauner
Vom 12.08.2026

„Hallo Michael”, flüstert meine Oma. Ich korrigiere sie nicht. Wozu auch? Ich nehme ihre Hand und versuche etwas Smalltalk, lauter belangloses Zeug – wahrscheinlich, weil mir bei größeren Themen die Tränen kommen würden. Es wirkt, als schaue sie an mir vorbei, oder durch mich hindurch. Und doch fühlt es sich ein bisschen an wie früher.

Die Frage ohne eindeutige Antwort

Besuche bei dementen Angehörigen sind so schmerzhaft, weil sie uns mit der Vergänglichkeit konfrontieren – zuerst mit der der Kranken. Aber auch mit unserer eigenen, denn unweigerlich wird uns bewusst, dass auch unsere Erinnerungen und unser Verstand nicht unbedingt für alle Zeiten zu uns gehören.

Warum aber nehmen wir diese Besuche trotzdem auf uns? Ein Freund sagte mir: „Ich glaube, ich mache das aus Pflichtgefühl.“ Meine Mutter meinte: „Dankbarkeit.“ Jede Antwort auf diese Frage enthält etwas Wahres und trotzdem trifft keine den Kern.

Vielleicht deshalb, weil all diese Antworten Gefühle beschreiben und unklar ist, auf wen sich diese Gefühle überhaupt richten. Gelten sie der Person, die gerade vor uns sitzt, oder der, an die wir uns erinnern?

Oma, bist Du es?

Irgendwann fällt fast zwangsläufig dieser Satz: „Sie ist doch gar nicht mehr da.” Und ich verstehe ihn, denn er macht die Situation einfacher. Wenn meine Oma nicht mehr dieselbe Person wäre, dann dürfte ich loslassen und trauern. Aber gegen diesen Gedanken sträubt sich etwas in mir, weil er einen Menschen auf seine geistigen Fähigkeiten reduziert.

Die andere Möglichkeit macht mir allerdings fast noch mehr Angst. Was, wenn sie noch dieselbe wäre? Nicht unverändert. Nicht so wie früher. Aber doch noch genug Mensch – und Oma – , dass sie fühlt, leidet und Nähe braucht. Dass sie sich nicht einfach verabschiedet hat, sondern sich nur meinem Verstehen entzieht.

Ich bin zwischen diesen Gedanken hin- und hergerissen. Vielleicht ist genau das der Punkt: Ich weiß nicht, was stimmt und was nicht. Trotzdem besuche ich sie.

Die Antwort, die schon in der Frage steckt

Ich habe über Identität nachgedacht. Über Erinnerungen. Über den Geist. Darüber, was einen Menschen eigentlich ausmacht. Aber womöglich steckt die Antwort in der Frage selbst. Warum besuchen wir unsere Liebsten? Weil wir sie lieben.

Dieser Satz klingt zunächst banal. Bis man merkt, was er bedeutet.

Was sagt das über Liebe?

Liebe beginnt dort, wo Gewissheit endet – wo sie sich nicht mehr rational begründen lässt. Dort ist sie dann kein simples Gefühl, sondern eine Haltung, die man einnimmt.

An der Demenz wird etwas sichtbar, das im Alltag leicht übersehen wird: Wir begegnen Menschen offenbar nicht als einer Summe von Eigenschaften, sondern als einem Ganzen. Der Philosoph Martin Buber verdichtet diesen Gedanken in einem einzigen Satz: „Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand.“

Da scheint mir die Antwort auf die Frage zu liegen, warum wir unsere Liebsten besuchen: weil wir uns weigern, sie auf das zu reduzieren, was wir von ihnen gerade sehen.

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