Denkanstoß des Monats: Viktor Frankl übers Älterwerden

Philipp Zauner
Vom 12.08.2026

Vor Kurzem bin ich auf einen Ausschnitt eines Gesprächs zwischen dem Bergsteiger Reinhold Messner und dem Psychiater und Philosophen Viktor Frankl gestoßen. Messner stellt darin die Frage: Wie geht man damit um, älter zu werden? Und damit, dass manches, was man liebt, irgendwann nicht mehr möglich ist?

Frankls Antwort überrascht:

„Der Mensch lebt so, dass er alles – alle Taten, die er tut, alle Werke, die er schafft, alle Erlebnisse (alle Erliebnisse, wenn Sie so wollen) – hineinschafft in die Vergangenheit. Denn dort sind sie ja nicht unwiederholbar verloren, sondern sie sind unverlierbar geborgen. Nichts kann man aus der Vergangenheit herausschaffen. Was Sie getan haben, was Sie erlebt haben, das bleibt dort, das kann niemand ausradieren, das kann man ja nicht rückgängig, nicht ungeschehen, nicht unerlebt machen. […] Also ich verstehe eigentlich offen gesagt Ihre Frage nicht. Was heißt das ‘Sie werden nie mehr zum Südpol.’? Ja, Sie haben es getan. Was wollen Sie mehr? Eine Vervielfältigung ins Unendliche tut ja nichts mehr dazu! [...] Sonnige, leuchtende Tage. Nicht weinen, weil sie vergangen sind. Sondern lächeln, weil sie gewesen sind."

Reinhold Messner und Viktor Frankl im Gespräch

Reinhold Messner und Viktor Frankl im Gespräch
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Wir jungen Menschen neigen dazu, ältere zu bemitleiden. Ganz nach dem Motto: „Zum Glück habe ich mein ganzes Leben noch vor mir.“ Und manchmal scheint es umgekehrt ähnlich zu sein: als würden Ältere die Jungen um ihre Zeit beneiden. Frankl schlägt vor, die Perspektive umzudrehen: eigentlich müssten die Jungen die Alten beneiden. Denn ältere Menschen besitzen bereits etwas, das den Jungen noch fehlt: ein Leben voller Jahre, Freuden, Schmerzen, Erlebnissen und „Erliebnissen”, wie Frankl so schön sagt. Für uns Junge ist das alles noch offen und gerade deshalb auch ungewiss.

Vergänglichkeit und Sinn

In seinen anderen Schriften führt Frankl diesen Gedanken zum Älterwerden noch weiter. So ist er der Meinung, dass das Leben seinen Sinn erst durch seine Vergänglichkeit bekommt. Wenn wir unbegrenzt Zeit hätten, gäbe es keinen echten Anlass zu handeln. Keine Dringlichkeit. Keine Bedeutung einzelner Momente. Er argumentiert: dass unsere Zeit begrenzt ist, macht sie wertvoll.

Dass Frankl so über das Leben spricht, bekommt eine besondere Bedeutung, wenn man weiß, unter welchen Umständen seine Philosophie entstanden ist. Frankl entwickelte seine Ideen nämlich nicht im Elfenbeinturm, sondern nach seinen Erfahrungen im Konzentrationslager, wo er seine Eltern, seinen Bruder und seine Frau verlor. Aus dieser Zeit heraus entstand später der Kerngedanke seiner Logotherapie, dass der Mensch selbst im Leid noch eine Freiheit besitzt: die Freiheit, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Ich finde Frankls Gedanken so schön, dass ich ihn hier gerne mit Ihnen teilen möchte. Vielleicht gefällt Ihnen diese Perspektive auch: dass die vergangenen Momente Ihres Lebens nicht „unwiederholbar verloren, sondern unverlierbar in der Vergangenheit geborgen” sind.

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