Trauer: Die wichtigsten Antworten aus dem Afilio-Webinar

Afilio
Vom 07.10.2026

Im Afilio-Webinar zum Thema Trauer war Matthias Kopp zu Gast, zertifizierter Trauerbegleiter und Dozent für Trauer und Spiritualität an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Zum Thema kam er nicht über eine Ausbildung, sondern über das eigene Leben: 2012 starb seine Frau mit 44 Jahren nach sechs Jahren Krebserkrankung, drei minderjährige Kinder blieben zurück. Seit 2014 begleitet er Trauernde, zunächst ehrenamtlich im Hospiz, heute hauptberuflich. Rund 100 Fragen hatten die Teilnehmer vorab eingereicht. Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Trauer ist keine Krankheit, sondern die Selbstheilung des Körpers nach einem Verlust – vergleichbar mit einer Wunde, die sich schließt und vernarbt.
  • Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern, nur den Weg, der zu Ihnen passt. Bei einem schweren Verlust dauert es laut Studien meist zwei bis fünf Jahre.
  • Wenn Kopf und Herz unterschiedlich fühlen, ist das normal. „Durch" ist man erst, wenn Verstand, Herz und Sinnempfinden wieder im Gleichklang sind.
  • Das Schlimmste, was das Umfeld tun kann, ist nichts zu tun. Besser: Unsicherheit zugeben, Mitgefühl zeigen und konkrete Hilfe anbieten, die nur ein Ja oder Nein braucht.
  • Schuldgefühle sind eine Trauerblockade – sie halten im Kopf fest, Trauer löst sich aber nur im Gefühl.

Webinar: Trauer – wie geht man richtig mit ihr um?

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Was Trauer eigentlich ist

Kopps Antwort auf die Eingangsfrage ist klar: Trauer ist nicht das Problem, sondern die Lösung des Problems. Der Anlass ist ein Verlust, der uns Sicherheit, Schutz und Geborgenheit entreißt – eine offene Wunde. Und wie bei jeder Verletzung weiß der Körper, was er braucht, damit sie heilt: Erst schließt sich die Wunde, dann bildet sich eine Haut, später eine Narbe.

Genau das passiert in der Trauer. Rückzug oder Aktionismus, Weinen, Wut, Zorn oder Niedergeschlagenheit – die Reaktionen sind so vielfältig wie ein Blumenstrauß, haben aber immer dasselbe Ziel: den Körper wieder in Balance zu bringen. Dafür braucht es vor allem Vertrauen in die eigene Körperintelligenz – und, wo möglich, Begleiter, die sagen: Es ist gut, was du tust, nimm den Kopf raus und geh deinem Gefühl nach.

Gibt es ein richtiges und ein falsches Trauern?

Ein Falsch gibt es laut Kopp durchaus: die Trauer mit einem Pflaster zuzukleben und das Thema damit für erledigt zu erklären. Oder zu glauben, man wende Konzept A bis Z an und sei dann durch. Es gibt kein Breitband-Antibiotikum gegen Trauer, kein Buch und kein Medikament, das für alle wirkt – dafür hängt sie zu sehr an der eigenen Lebensgeschichte.

Ein Richtig gibt es dagegen nicht, nur den für Sie passenden Weg. Ihn herauszufinden ist die eigentliche Aufgabe: Was bringt mich mit meinen Gefühlen wieder in eine Grundbalance?

Wenn Kopf und Herz auseinanderliegen

Eine Teilnehmerin schrieb: Ihre Mutter sei mit 101 Jahren friedlich zu Hause gestorben, sie habe ihre Hand gehalten. Der Kopf wisse, dass alles gut war – aber die Mutter hinterlasse keine Lücke, sondern einen Krater.

Das sei völlig normal, so Kopp. Der Verstand sagt: Mit 101 Jahren, warum darf ich jetzt traurig sein? Das Herz sagt etwas anderes. Und es wechselt ständig: Mal ist der Kopf im Reinen und das Herz nicht, mal umgekehrt. Dieses Hin und Her macht einen fast verrückt und ist eine der großen Geduldsproben der Trauer. Durch ist man erst, wenn alle drei Ebenen – Verstand, Herz und das, was Kopp den Geist oder das Sinnhafte nennt – wieder im Gleichklang sind und jede sagt: Es ist okay. Darauf kann man warten. Man kann es aber auch beschleunigen, indem man aktiv daran arbeitet.

Wie lange dauert Trauer?

Eine Regel gibt es nicht. Den Verlust des Partners kann jemand schnell akzeptieren, ein anderer knabbert zwei Jahrzehnte daran. Für einen schweren Verlust nennen wissenschaftliche Studien zwei bis fünf Jahre, bis man wieder gut weiterleben kann. Kopps Erfahrung aus hunderten Begleitungen: Wer verspricht, nach einem Jahr sei alles vorbei, sei nicht ehrlich. Realistisch sind zwei bis vier Jahre.

Wann Trauer zur Krankheit wird

Trauer ist per se keine Krankheit – das betont Kopp ausdrücklich, auch wenn sich viele Trauernde psychisch angeschlagen fühlen oder vom Umfeld als „komisch" wahrgenommen werden. Es gibt aber einen Punkt, an dem sie es werden kann: Wenn sich über längere Zeit die ganze Welt nur noch um den Verlust dreht, wenn man mit schweren Gedanken aufsteht, den Tag über „Was wäre wenn" und Schuldfragen kreist und mit denselben Gefühlen wieder ins Bett geht – und aus dieser Schleife nicht mehr herausfindet. Dann spricht man von anhaltender oder pathologischer Trauer, und dann rät Kopp zur Hilfe eines Psychiaters oder Psychologen.

Die Größenordnung: 5 bis 10 Prozent der Trauernden rutschen in diese Form hinein. Das heißt umgekehrt, 90 bis 95 Prozent bewältigen ihre Trauer – mit oder ohne Unterstützung.

Was sagt man Trauernden?

Die zweite große Gruppe der eingereichten Fragen kam von Menschen aus dem Umfeld. Eine Teilnehmerin schrieb, die Floskel „herzliches Beileid" habe bei ihr schon als Kind Unverständnis ausgelöst – und doch seien Worte wichtig. Was also sagen?

Kopp räumt ein, dass Trauernde enorm verletzlich sind: Ein falsches Wort, und sie ziehen sich zurück. Das Umfeld kann also leicht etwas falsch machen. Viel schlimmer ist aus seiner Erfahrung aber, gar nichts zu tun – die Straßenseite zu wechseln, so zu tun, als hätte man nichts gewusst. Das vermittelt Trauernden das Gefühl, gemieden zu werden.

Seine Empfehlung für alle, die unsicher sind: nicht ausweichen, keinen langen Brief schreiben müssen, sondern hingehen und sagen: „Ich habe gehört, dass dein Mensch gestorben ist. Ich weiß nicht, was ich sagen soll – aber ich wollte dir sagen, dass ich es gehört habe und dass es mir wahnsinnig leid tut." Damit gibt man die eigene Unsicherheit offen zu, versteckt sich nicht und zeigt Mitgefühl. Kein Trauernder erwartet die perfekten Worte. Was er erwarten darf, ist das Signal: Ich bin bei dir.

Konkrete Hilfe anbieten statt nach dem Befinden fragen

Ein Teilnehmer fragte, ob er seine 90-jährige Mutter, die den Vater 25 Jahre gepflegt hatte, auf ihre Trauer ansprechen soll. Kopp, dessen eigener Vater eine Woche vor dem Webinar gestorben war, antwortete aus der aktuellen Situation heraus: Seine Mutter frage er jeden Tag, wie sie geschlafen hat. Das ist eine konkrete Frage, die sie beantworten kann. „Wie geht es dir mit deiner Trauer?" wäre eine Woche nach dem Tod viel zu früh – da ist alles Achterbahn und Chaos. Trauer ist zutiefst intim, und oft führt der Weg über Umwege.

Dasselbe gilt für praktische Hilfe. Statt „Wie geht’s dir?" lieber: „Ich kann gut Rasen mähen. Darf ich deinen Rasen mähen?" Kopps Nachbarin fragte nach dem Tod seiner Frau, ob sie jede Woche einen Kuchen vor die Tür stellen dürfe – kein Gespräch, aber ein Schokoladenkuchen, und es brauchte nur ein Ja. Gerade in der ersten Zeit sind Trauernde zu nicht viel mehr fähig als zu Ja oder Nein. Solche Angebote zu machen und auch ein Nein zu akzeptieren, ist eine sehr gute Form der Unterstützung.

Die ersten Tage und Wochen

„Mein Vater ist heute von uns gegangen. Ich fühle eine nie gekannte Leere und unsagbaren Schmerz", schrieb ein Teilnehmer am Vorabend des Webinars. Kopps Antwort: Gefühle in einer Intensität zu erleben, die man nie zuvor gekannt hat – Ohnmacht, Leere, Verzweiflung –, ist ein gesundes Zeichen dafür, dass die Trauer da ist. Beunruhigender wäre es, gar nichts zu spüren.

Sein Rat, soweit es geht: das Gefühl nicht wegdrücken, nicht mit Alkohol ertränken, sich nicht totarbeiten, sondern es durchlaufen lassen. Dann wird es mit der Zeit weniger, wie ein Fass, das sich langsam leert. Dafür braucht es gerade am Anfang Menschen, die das mit aushalten. Gemeinschaft gibt Halt, in Gemeinschaft fließen Emotionen leichter – die Tränen laufen lassen, die Wut herausschreien.

Die Achterbahnfahrt der ersten Zeit folgt eigenen Regeln: Eben noch geht es einem gut, fünf Minuten später haut es einen komplett aus der Kurve. Das macht Trauer so erschöpfend, und das ist eine Zeit lang das neue Normal. Es bleibt nicht so, aber es schleicht sich nur langsam aus.

Die Trauerfeier überstehen

Eine Teilnehmerin fragte, wie sie die Trauerfeier und Beisetzung ihres eigenen Kindes überstehen soll. Kopp wollte ausdrücklich keine Wertung vornehmen, welche Trauer schwerer wiegt – jeder Verlust kann einen komplett umhauen. Zur Trauerfeier selbst berichtete er von einer Erfahrung, die er als Angehöriger, Freund und Begleiter immer wieder gemacht hat: Es entsteht eine besondere Stimmung, fast so, als wäre der Verstorbene dabei und würde den Rahmen halten. Die Kraft scheint von außen zu kommen, man fühlt sich getragen – und es geht besser, als man je gedacht hätte. Dazu kommt die Gemeinschaft der vielen Trauernden vor Ort.

Seine praktischen Tipps: unterstützende Personen rechts und links an die Seite holen, denen man Aufgaben gibt. Einen Plan A für den Idealfall machen und einen Plan B für den Fall, dass einen die Emotionen überwältigen – wer fängt mich dann auf, ändert sich der Ablauf? Das Durchspielen gibt Sicherheit. Und wenn möglich, die Feier mitgestalten, etwa mit einer Rede. Das ist eine Form der Selbstermächtigung und bringt im Trauerprozess nachhaltig weiter.

„Ich habe bis heute nicht getrauert"

Ein Teilnehmer schrieb, seine Verlobte sei im Sommer 2025 zu Hause an Krebs gestorben; er habe bis heute nicht getrauert, niemanden zum Reden und sei mit den Nerven am Ende.

Getrauert hat er sehr wohl, so Kopp – wir trauern ab dem Moment des Verlusts, oft schon ab der Diagnose, nehmen es aber nicht immer wahr. Was häufig passiert: Im ersten Jahr funktioniert man, weil man funktionieren muss, und gibt den Emotionen keinen Raum. Oder es fehlt der Mut, weil man nicht weiß, was dann mit einem passiert. Beides ist normal. Dass er nun mit den Nerven am Ende ist, kann ein gutes Zeichen sein: Der Körper meldet, dass er endlich Zeit und Raum braucht.

Was es braucht, ist ein Ventil. Die einen weinen, die anderen sind wütend, wieder andere brauchen plötzlich viel Sport, Musik oder Kreativität. Die Trauer muss irgendwo heraus. Kopp empfiehlt hier eine Begleitung, um das eigene Ventil zu finden. Anlaufstellen gibt es viele: professionelle Trauerbegleiter, Hospizvereine in ganz Deutschland, die neben der Sterbebegleitung oft Trauergruppen und Einzelberatung anbieten, sowie Sozialeinrichtungen wie Caritas oder Malteser.

Schuldgefühle – und die Erlaubnis, wieder zu leben

Mehrere Fragen drehten sich um Schuld. Eine Teilnehmerin hatte ihre Eltern, die in diesem Sommer kurz nacheinander starben, bei 550 Kilometern Entfernung gefühlt zu selten gesehen. Kopp nennt Schuld eine der größten Trauerblockaden: Entweder ich trauere, oder ich bleibe in meiner Schuld hängen. Schuld lässt sich schnell konstruieren – hätte der Arzt besser aufgepasst, hätte ich näher gewohnt. Doch wer in der Schuld bleibt, bleibt im Kopf und versucht dort etwas zu lösen, das sich nur im Gefühl lösen lässt. Seine Gegenfrage im Coaching: Was würden Ihre Eltern Ihnen jetzt sagen? Würden sie Ihnen irgendetwas vorwerfen? Kein Gericht würde sie verurteilen – sie verurteilt sich nur selbst.

Die andere Seite der Schuldgefühle: Viele fühlen sich schuldig, wenn sie wieder Freude empfinden oder einen neuen Partner finden. Auch hier stellt Kopp eine Gegenfrage: Was würde sich der Verstorbene für Sie wünschen? Noch nie habe er gehört: dass ich mein Leben lang traurig in der Ecke sitze. Im Gegenteil – oft gibt es sogar die ausgesprochene Erlaubnis. Es gibt im Andenken an einen Verstorbenen nichts Schöneres, als trotz des Verlusts noch ein schönes Leben zu führen.

Vortrauern bei schwerer Krankheit und Demenz

Kann man sich auf einen absehbaren Tod vorbereiten? Kopp kennt die Situation selbst: Als seine Frau 2006 erkrankte, war der Krebs hochaggressiv, und ihm war klar, dass es nicht mehr um die Krankheit, sondern um den Tod ging. Die Zeit nutzte er, um den Haushalt zu übernehmen und beruflich kürzerzutreten – auch wenn er den Tod gedanklich immer wieder wegschob.

Ab der Diagnose ist man in Trauer. Vortrauern heißt vor allem, das Sterben gemeinsam vorzubereiten: besprechen, wie der andere seine Bestattung möchte, einen würdevollen Abschied finden, Missverständnisse ausräumen, Offenes klären. In diesem Tun liegt viel Heilung, und was man jetzt klärt, fällt einem später nicht in Form von „Hätte ich doch damals" auf die Füße. Wie die Trauer nach dem Tod dann wird, bleibt dennoch eine Blackbox – sie kann Erleichterung bringen oder schwerer werden als gedacht.

Demenz, Koma oder fortschreitende Erkrankungen wie Parkinson und MS beschreibt Kopp als permanente Trauerfälle: Man sieht die Fähigkeiten des anderen schwinden, wie ein Sterben in Zeitlupe, und verabschiedet sich stückweise. Dass keine Kommunikation mehr möglich ist, um Wichtiges zu klären, macht es zusätzlich schwer. Umso wichtiger ist, das als Trauer einzuordnen und ihr Raum zu geben – weinen, wütend und verzweifelt sein zu dürfen, und sich mit Sehnsucht an das zu erinnern, wie es früher war.

Ein zweites Leben – in jedem Alter

Ob es nicht schwer sei, das Thema Trauer zum Beruf zu machen und ständig an der eigenen Wunde zu kratzen? Nein, sagt Kopp. Den Verlust seiner Frau habe er transformiert, auch durch diese Arbeit – im Weitergeben liege für ihn viel Heilung. Nach dem ersten Leben komme ein zweites, das man leben darf. Eine 88-Jährige habe ihn kontaktiert, die eigentlich nur noch gehen wollte; durch den Austausch fand sie den Mut für einen Neuanfang und erlebt heute mit einem 90-Jährigen ihren zweiten Frühling. Es gibt in keinem Alter einen Grund, nicht noch einmal Freude und Leichtigkeit zu erleben.

Was ihn selbst angetrieben hat, war die klare Aufforderung seiner Frau, zu Lebzeiten und darüber hinaus: Geh in dein Leben, lass dich nicht gehen, mach was draus.

Lesetipp: Welche Phasen Trauer durchläuft und wo Sie Anlaufstellen finden, lesen Sie in Trauer verarbeiten: Hilfe zur Trauerbewältigung.

Die Aufzeichnungen aller vergangenen Webinare finden Sie auf unserer Webinar-Übersicht.

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