
Reden wir über das Sterben

Die Trauerbegleiterinnen Verena Brunnbauer und Nicole Honeck haben das Kartenspiel „Sarggespräche“ entwickelt, das einen offeneren Umgang mit dem Tod fördern soll.
Verena ist Bestatterin, Nicole kommt aus dem Kulturbereich. Gemeinsam hat das Paar das Unternehmen Death Positiv gegründet: Sie wollen damit nach dem Vorbild der US-Bestatterin Caitlin Doughty für einen positiven Umgang mit dem Tod werben und Ängste abbauen. Dafür bieten sie unter anderem Trauerreden und Trauerbegleitung an. Zusätzlich sind die beiden Österreicherinnen mit ihrer mobilen Sargbar unterwegs und schaffen Raum für Begegnung und Gespräche.

Wieso braucht es ein Spiel, in dem es um den Tod geht?
Verena: Bei meinen Gesprächen mit Angehörigen habe ich schnell festgestellt, dass die Entscheidungen rund um die Bestattung leichter fallen, wenn man vorher über Tod und Sterben gesprochen hat. Also fing ich an, meinen Kunden und den Leuten auf Veranstaltungen Fragen zu stellen: Zum Beispiel, welche Gefühle werden wach, wenn du an deine erste Verlusterfahrung denkst? Oder: Welche Lieder sollen auf deiner Beerdigung gespielt werden?
Nicole: Die schönste Geschichte war die einer jungen Frau. Sie saß im Zug und hatte das Spiel dabei. Sie spielte es mit zwei fremden Leuten in ihrem Abteil. Für nächstes Jahr ist ein Treffen im Zug ausgemacht. Selbe Zeit, selber Zug. Wieder mit dem Spiel.
Verena: Mir fällt eine aus dem Altenheim ein. Ein Pfleger brachte das Spiel für die Sonntags-Gesprächsrunde mit. Die ersten drei Male waren die Bewohner skeptisch. Ab dem vierten Mal flossen die Gespräche wie von selbst. So hatten die Menschen die Möglichkeit, über den Tod zu sprechen, auch mit den Pflegenden. Die Kinder der Bewohner waren dankbar, dass so jemand über deren Wünsche Bescheid wusste.
Was ist das größte Tabu rund um den Tod?
Nicole: Ich finde, das ganze Thema wird tabuisiert. Es geht um Schmerz, Angst und Verletzung. Dabei kann Tod auch Erleichterung bedeuten. Wenn man offener darüber spricht, kann man sich viel besser vorbereiten. Auch auf bürokratische Dinge wie Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht.
Verena: Einige Freunde fragen mich immer, welche Geschichten ich als Bestatterin erlebt habe. Und dann gibt es andere, die gleich abblocken und gar nicht über den Tod sprechen wollen. Die wollen wir mit unserem Spiel erreichen.

Lasst uns euer Spiel spielen. Starten wir mit der ersten Frage: Habt ihr ausgiebig besprochen, wie und wo ihr beerdigt werden wollt?
Nicole: Ich sehe meine Asche in einer Glitzer-Urne. Einen Teil davon hätte ich gerne in Berlin verstreut, weil ich dort geboren wurde. Der Rest ist mir egal.
Verena: Ein Teil meiner Asche soll nach Athen, weil ich totaler Fan der Stadt bin. Das ist Nicoles Pflicht, mich dorthin zu bringen. Bei der Beisetzung sind mir Lieder von R.E.M. sehr wichtig. Ich denke, ich werde schon von oben mitbestimmen.
Nicole: Ja, da bin ich mir auch ganz sicher. (Lacht)
Verena: Also, dass du Zeichen empfängst?
Nicole: Ja, erinnerst du dich noch an das Begräbnis, auf dem die Familie unbedingt ein Lied abspielen wollte, das der Verstorbene sich gar nicht gewünscht hatte? Während der Trauerfeier klappte es nicht, weil der Player immer eins weiter gesprungen ist, obwohl im Test alles funktionierte.
Gehen wir zur nächsten Frage: Was könnten deine ersten Worte nach dem Tod sein? Diese Frage impliziert irgendwie, dass ihr an ein Leben danach glaubt. Sonst würde man nicht darüber nachdenken.
Nicole: Ich gehe davon aus, dass ich nach meinem Tod von dieser Erdenschwere befreit bin. Ich spüre dann keine Trauer mehr, weil ich jemanden zurücklassen muss, und bin mit allen verbunden. Deshalb lauten meine ersten Worte: Endlich geschafft.
Seht ihr euch an einem richtig guten Ort?
Nicole: Ich glaube, das ist eher ein Gefühl. Wie nach Hause kommen und endlich wieder da sein, wo du eigentlich hingehörst. Meine Oma ist 93 geworden. Zwei Tage bevor sie starb, saß sie im Heim und meinte zu mir: Ich weiß nicht, Niki, soll ich noch weiterleben? Ich meinte: Oma, ganz ehrlich, wenn du noch willst, wirst du sicher auch 103. Wenn du keinen Bock mehr hast, verstehe ich das natürlich auch. Auf jeden Fall wird es dir dort, wo du dann hinkommst, richtig gutgehen.
Verena: Einer sagte mal zu mir, wenn du drüben bist, kannst du nur noch sein und schauen. Total langweilig, dachte ich dann. Das hilft mir in Momenten, in denen ich die Welt etwas satt habe. Wenn ich drüben wirklich nur sein und schauen kann, das ist ja wirklich doof.
Zur dritten Frage: Gibt es etwas, das du in deinem Leben bereust und was du heute anders machen würdest?
Nicole: Direkt bereuen nicht. Vielleicht künftig mit mehr Leidenschaft leben. Ich bin ein eher kontrollierter Typ. Vor allem in Bezug auf Zwischenmenschliches oder in Beziehungen. Ich würde sagen: mehr ausprobieren, ohne sich Gedanken zu machen.
Verena: Selbst wenn man etwas anders gemacht hätte, weiß man trotzdem nicht, ob das dann besser geworden wäre. Bei mir ist es dieses wirklich Genießen. Weniger das Negative sehen und mehr die kleinen Dinge.
Letzte Frage: Wie würde euer letzter Tag auf Erden aussehen?
Nicole: Darüber habe ich mich mal mit einem Fremden unterhalten. Ich meinte zu ihm, wenn ich es mir wirklich aussuchen kann, will ich einfach nur Alltag erleben. Und dann sagt der, naja, kommt auf den Alltag an, oder? In dem Moment war ich so dankbar über meinen Alltag, den ich total genieße.
Verena: An meinem letzten Tag muss die Sonne scheinen, die Wärme ist für mich total wichtig. So ging es mir gestern, als nach dem Sturm die Sonne rauskam, und ich joggen ging. Der Himmel war Wahnsinn. Ich war nur dankbar, dass ich den Himmel jetzt sehen kann.
Nicole: Das sind diese kleinen Dinge, nicht die großen. Sich mit dem Tod auseinandersetzen macht dir wieder bewusst, was wirklich schön ist.
Lesetipp: Wie Sie Ihre Wünsche für die eigene Bestattung verbindlich festhalten, erfahren Sie in unserem Ratgeber Bestattungsverfügung einfach erklärt.
