Afilio-Ratgeber #50

vom 23.10.2026
Brustkrebsmonat – Was die Mammographie wirklich bringt
Afilio LogoDamit Ihr Wille zählt.
 
Illustration: Frau unterschreibt ihr Testament am Schreibtisch, Tag des Testaments

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

dies ist die 50. Ausgabe des Afilio-Ratgebers. Zum kleinen Jubiläum haben wir ein Dankeschön für Sie vorbereitet: Alle Mitglieder aus unserer Redaktion haben ihren persönlichen Lieblingsartikel ausgewählt und erzählen, warum gerade dieser sie bewegt hat. Die Sammlung zum Herunterladen und Ausdrucken finden Sie hier.

Der Oktober ist Brustkrebsmonat, überall ist deshalb von Früherkennung die Rede. Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze nimmt das zum Anlass, genauer hinzusehen – ausgelöst durch eine Einladung zum Mammographie-Screening in ihrem eigenen Briefkasten: Was zeigen die Studien wirklich über Nutzen und Risiken der Untersuchung? Ihre Antwort fällt differenzierter aus als manche Schlagzeile und hilft, diese sehr persönliche Entscheidung gut informiert zu treffen.

Außerdem in dieser Ausgabe: Wolfgang Doster hat mit fast 80 Jahren die Künstliche Intelligenz für sich entdeckt – sie berät ihn beim Einrichten, fährt mit ihm Auto und verschaffte ihm sogar ein Treffen mit Albert Einstein. Christine Frischke erzählt seine Geschichte und zeigt, wie der Einstieg gelingt. Und im Interview mit Eva Goldschald erklären die Trauerbegleiterinnen Verena Brunnbauer und Nicole Honeck, wie ihr Kartenspiel „Sarggespräche“ hilft, über den Tod ins Gespräch zu kommen – erstaunlich leicht und manchmal sogar mit einem Lachen.

Sie möchten diese Ausgabe des Afilio-Ratgebers lieber hören? Hier geht's zur kostenlosen Audio-Version. Außerdem finden Sie hier eine PDF-Version zum Herunterladen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.

Ihr Till Oltmanns
 
 
Unsere Lieblingsartikel zum Jubiläum

50 Ausgaben, viele Geschichten, die uns selbst bewegt haben. Hier sind unsere Lieblingsartikel – zum Herunterladen und in Ruhe Lesen.

Sammlung herunterladen
Cornelia Stolze
 
Symbolbild: Ältere Frau lächelt in einer Arztpraxis, eine Ärztin legt ihr die Hand auf die Schulter
Frauen zwischen 50 und 75 werden alle zwei Jahre zum Screening eingeladen. Doch wie groß ist der Nutzen wirklich? (Symbolbild)
Worum geht’s?
 
  • Das Mammographie-Screening senkt die Brustkrebssterblichkeit nur gering: Innerhalb von rund elf Jahren sterben von 1.000 Frauen 4 statt 5 an Brustkrebs.
  • Für eine längere Lebenserwartung oder eine geringere Krebssterblichkeit insgesamt gibt es keinen Nachweis.
  • Die oft genannten „20 bis 30 Prozent" beziehen sich auf das relative Risiko und lassen den kleinen Effekt deutlich größer wirken.
  • Etwa jede zehnte gesunde Teilnehmerin erhält einen Fehlalarm, manche Frauen werden wegen harmloser Veränderungen unnötig behandelt.
  • Ob Sie teilnehmen, bleibt Ihre Entscheidung. Wichtig ist, Nutzen und Risiken zu kennen.
 

Vor kurzem flatterte mir eine Einladung ins Haus, die auf den ersten Blick wie ein tolles Angebot wirkt. „Sie haben die Möglichkeit, an einer kostenlosen Mammographie-Untersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs teilzunehmen“, hieß es in der beigefügten Info-Broschüre vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Besser noch: Ich muss mich noch nicht einmal um einen Termin kümmern. Den hat schon jemand für mich gemacht: An einem Mittwoch in knapp vier Wochen kann ich um 10:15 Uhr im „Mammobil 2“ auf dem Parkplatz einer ehemaligen Schule in meiner Nähe zur Untersuchung kommen.

Keine Frage – ich möchte natürlich nicht an Brustkrebs sterben. Genauso wenig möchte ich mir irgendwann selbst vorwerfen müssen, dass ich versäumt habe, alles dafür zu tun, dass Brustkrebs frühzeitig bei mir erkannt wird und meine Heilungschancen so gut wie möglich sind.

Doch stimmt es wirklich, dass das Mammographie-Screening „Leben rettet“, wie Medien von der ARD bis zur BILD-Zeitung verkünden? Und was bedeutet es, wenn das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und Ärzteverbände wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung behaupten, dass die Brustkrebs-Todesfälle unter den Frauen, die an dem Programm teilnahmen, laut einer Studie „zwischen 20 und 30 Prozent“ zurückgegangen sind und dass eine Teilnahme am Mammographie-Screening „nachweislich von Nutzen“ ist?

„Systematische Fehlinformationen“

Herzlich wenig, urteilen der Berliner Risiko-Spezialist und Psychologieprofessor Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die Expertin für Data Analytics Katharina Schüller und der Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) Thomas K. Bauer. Sie sehen in den Pressemeldungen einen Fall von „systematischer Fehlinformation“. Vermeintliche Erfolge würden darin überzeichnet und potenzielle Schäden verschwiegen. Das Mammographie-Screening halte schlichtweg nicht, was es verspricht.

Was die wissenschaftlichen Daten wirklich zeigen

In einer Mitteilung auf der Website des RWI erläutert das Team, was die wissenschaftlichen Daten zum Thema wirklich zeigen. Die Wissenschaftler stützen sich dabei auf acht sogenannte randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt rund 600.000 Frauen:

  1. Lebenserwartung: Eine 2023 in der Fachzeitschrift JAMA veröffentlichte Analyse hat gezeigt, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Frauen, die am Screening teilnehmen, auch nur einen Tag länger leben als jene, die nicht teilnehmen.
  2. Krebssterblichkeit (alle Arten von Krebs): 2013 stellten Forscher der Organisation Cochrane fest, dass die Gesamtsterblichkeit an Krebs – einschließlich Brustkrebs – in beiden Gruppen gleich ist.
  3. Brustkrebssterblichkeit: Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt, dass von jeweils 1.000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren in einem Zeitraum von etwa elf Jahren rund fünf an Brustkrebs sterben, wenn sie nicht am Screening teilnehmen. In der Screening-Gruppe sind es vier. Doch gleichzeitig stirbt dort im Schnitt eine Frau mehr an einer anderen Form von Krebs. Forscher erklären diesen Effekt damit, dass jede Krebsdiagnose aggressive Folgemaßnahmen nach sich zieht, etwa Operationen, Chemotherapien oder Bestrahlungen. Diese Behandlungen haben teils schwere Nebenwirkungen: So können Strahlen- oder Chemotherapien das Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Krebsarten (z. B. Lungenkrebs) leicht erhöhen. Sterben einige der übertherapierten Frauen später an diesen Folgen, gleicht das den Überlebensvorteil der früh erkannten, echten Krebsfälle in der Gesamtbilanz wieder aus. Diese Tatsache erklärt, warum die Gesamt-Krebssterblichkeit unverändert bleibt (siehe Punkt 2).
  4. Risiken des Screenings: Neben einer (geringen) Strahlenbelastung gibt es zwei wesentliche Risiken:
    1. Etwa jede zehnte gesunde Frau erhält ein falsch-positives Ergebnis. Das bedeutet: Sie erhält eine Brustkrebs-Diagnose, obwohl sie gar nicht an Brustkrebs erkrankt ist. Natürlich ist eine solche Diagnose ein Schock. Auch wenn sich nachher herausstellt, dass alles okay ist: Der Fehlalarm ruft sehr reale Ängste hervor. Und das mitunter über Wochen. So lange dauert es nämlich häufig, bis die Entwarnung kommt. Zudem zieht ein solcher Fehlalarm unnötige Untersuchungen nach sich, wie etwa zusätzliche Röntgenuntersuchungen oder eine Operation, bei der unter Vollnarkose Gewebe aus der Brust entnommen wird (Biopsie).
    2. Einige Frauen erhalten eine Krebsdiagnose, obwohl sie eine sehr langsam oder nicht-fortschreitende Veränderung des Brustgewebes haben, die zu Lebzeiten nie Beschwerden verursacht hätte. Die Folge ist häufig, dass ihnen unnötigerweise Brustgewebe oder gar die vollständige Brust amputiert wird.

Fazit: Mammographie-Screening rettet kein Leben

Die Wissenschaftler um Gerd Gigerenzer kommen in ihrer Analyse zu dem Schluss: „Die beiden entscheidenden Informationen – dass es keinen Nachweis gibt, dass Screening die Lebenserwartung verlängert oder auch die Wahrscheinlichkeit senkt, an Krebs zu sterben – werden Frauen in Deutschland so gut wie nie mitgeteilt.“

Die Verfasser der Info-Broschüre über das Mammographie-Screening widersprechen dem nicht. Tatsächlich sei beim Entwurf der Info-Broschüre über das Mammographie-Screening über Hinweise zum Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit diskutiert worden, teilt der Gemeinsame Bundesausschuss auf Anfrage mit. Doch aufgrund von „in der Nutzerinnentestung aufgezeigten Verständnisproblemen“ sei auf diese Hinweise letztlich „verzichtet“ worden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) antwortet nicht selbst, sondern verweist an die „Kooperationsgemeinschaft Mammographie-Screening“, die sich im Auftrag der KBV und des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen um die gesamte Thematik kümmere. Die Kooperationsgemeinschaft wiederum sendet zur Beantwortung das Statement eines Medizin-Professors der Universität Münster namens André Karch. Darin räumt Karch ein: „Es ist unstrittig, dass der Einfluss eines Screening-Programms auf die Lebenserwartung bzw. Gesamtsterblichkeit/Gesamtkrebssterblichkeit empirisch kaum zu sichern ist”. Dafür würden Studien mit „unrealistisch großen Fallzahlen benötigt“.

Das hat einen statistischen Grund: Brustkrebs ist zwar eine häufige Krebsart, macht aber bezogen auf alle Todesursachen und auch auf alle Krebstodesfälle zusammen nur einen relativ kleinen Anteil aus. Der Bruchteil an Brustkrebs-Todesfällen, den das Screening verhindert, ist in der Gesamtstatistik so klein, dass er im statistischen Hintergrundrauschen schlicht untergeht.

Auch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) widerspricht der Kritik von Gigerenzer und seinen Kollegen nicht. Man habe den Verlautbarungen vom Juli 2025 „an dieser Stelle nichts hinzuzufügen“. Auf Nachfrage beim BMG stellt sich heraus: Die Aussage, dass die Brustkrebs-Todesfälle bei Frauen, die am Screening teilnehmen, zwischen 20 bis 30 Prozent zurückgehen würden, stammt nicht vom BMG selbst. Das BMG hat sie einfach vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) übernommen, das die damals veröffentlichte Studie zur „Evaluation der Brustkrebsmortalität im deutschen Mammographie-Screening-Programm“ gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium initiiert hatte.

Der Trick mit den relativen Risiken

Doch wie kommt man nun zu der vermeintlich spektakulären Verringerung der Brustkrebssterblichkeit in Höhe von 20 bis 30 Prozent? Diese Zahl ist keineswegs neu. Bereits bei der Einführung des Mammographie-Screenings wurde von der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit dieser Zahl geworben.

Der statistische Trick dahinter ist alt: Man informiert über die relative Reduktion der Brustkrebssterblichkeit. Unterschlagen werden die absoluten Zahlen: Die Sterblichkeit sinkt während elf Jahren von 5 auf 4 unter je 1000 Frauen, also um 1 von 1000, oder um 0,1 Prozentpunkte (siehe Punkt 3).

Statt in absoluten Zahlen präsentiert man diesen Effekt als relative Reduktion von 20 Prozent (von 5 auf 4); teils ist sogar von 30 Prozent die Rede. Diese Darstellungsweise überhöht den winzigen Effekt erheblich.

Ehrliche Kommunikation

Die „20 bis 30 Prozent“ in den Pressemeldungen des Gesundheitsministeriums sind damit nicht nur irreführend. Aus Sicht des Teams um Gigerenzer stellen sie auch einen klaren Verstoß gegen die seit langem geltenden Standards einer fairen Gesundheitskommunikation dar.

Auch die Deutsche Krebshilfe warb in ihren ersten Broschüren mit der relativen Risikoreduktion in Höhe von 20 bis 30 Prozent. Gerd Gigerenzer arbeitete um 2010 mit der Krebshilfe zusammen: Gemeinsam wurden die relativen Risiken – ebenso wie die irreführenden Fünf-Jahres-Überlebensraten – aus dem „Blauen Ratgeber Brustkrebs“ gestrichen und durch verständliche absolute Zahlen ersetzt. Heute finden sich in den Broschüren tatsächlich keine relativen Risiken mehr, und auch über Nachteile wird informiert.

Fragwürdige Hochrechnung

Andere Informationsmaterialien überzeichnen den Nutzen des Screenings jedoch weiterhin. Das zeigt unter anderem die aktuelle Broschüre des Gemeinsamen Bundesausschusses, die auch ich mit meiner Einladung zum Untersuchungs-Termin geschickt bekam.

Dort steht nicht, dass das Screening die Lebenserwartung nicht erhöht. Dort steht auch nicht, dass 1 von 1000 Frauen weniger an Brustkrebs stirbt. Stattdessen heißt es auf Seite 12 der Broschüre: „Von 1000 Frauen werden etwa 3 bis 8 vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt“.

Wie kommt das zustande? „Man rechnete anscheinend den Effekt, der für einen Zeitraum von etwa elf Jahren nachgewiesen ist, linear auf 25 Jahre hoch – ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage“, teilt das Team um Gigerenzer mit. Die einzige Studie, die den Effekt über 25 Jahre verfolgte (mit 100.000 Frauen), fand dagegen keinerlei Rückgang der Brustkrebssterblichkeit durch Screening-Programme.

Kommerzielle Interessen

Doch wie kommt es, dass der Nutzen des Mammographie-Screenings sowohl von der Bundesregierung als auch von Ärzteorganisationen seit Jahren gelobt und gepriesen wird? Auch dafür haben die Forscher um Gigerenzer eine Erklärung: Frauen würden nicht zuletzt deshalb von Anfang an über Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings systematisch in die Irre geführt, „weil das Programm eine milliardenschwere Einnahmequelle für Radiologen, Kliniken und Gerätehersteller ist“.

Karl Lauterbach gesteht mangelnden Nutzen ein

Mit ihrer Kritik stehen die Wissenschaftler nicht allein. Tatsächlich erhielten sie vor einigen Jahren aus einer überraschenden Richtung Zustimmung: 2002 war der damalige Gesundheitsexperte der SPD und spätere Gesundheitsminister Karl Lauterbach maßgeblich an der Einführung des Mammographie-Programms beteiligt. Zwölf Jahre später räumte er gegenüber dem Magazin Spiegel ein: Es sei an der Zeit, den Brustkrebscheck neu zu bewerten. „Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz gegen das Screening.“

Ich habe mich bisher gegen das Mammographie-Screening entschieden. Trotzdem kann ich jede Frau gut verstehen, die daran teilnehmen möchte. Wichtig ist aus meiner Sicht nur, dass Institutionen wie das Bundesgesundheitsministerium, die Kassenärztliche Vereinigung und auch Medien wie die ARD endlich die dafür maßgeblichen Fakten vollständig und unverzerrt wiedergeben.

Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie unsicher sind, ob eine Teilnahme am Mammographie-Screening für Sie sinnvoll ist, sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt. Knoten oder andere Veränderungen an der Brust sollten Sie unabhängig vom Screening zeitnah ärztlich abklären lassen.

Lesetipp: Welche Untersuchungen zur Brustkrebs-Früherkennung Ihnen ab welchem Alter zustehen und was Sie selbst vorbeugend tun können, lesen Sie in unserem Ratgeber Brustkrebsfrüherkennung und Vorbeugung.

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Christine Frischke
 
Symbolbild: Älterer Mann mit weißem Bart schaut lächelnd auf sein Smartphone, daneben ein Laptop
Ob Navi, Chatbot oder Bildgenerator: Für viele Ältere wird KI zum Alltagshelfer. (Symbolbild)

Mit fast 80 Jahren hat Wolfgang Doster eine neue Begleiterin an seiner Seite – die Künstliche Intelligenz. Sie fährt mit ihm Auto, berät ihn als Inneneinrichterin und verhalf ihm zu einem Treffen mit Albert Einstein. An KI-Lernorten teilt er sein Wissen mit anderen.

„Ich habe mich natürlich mit KI über Ihre Person erkundigt“, sagt der 78-Jährige gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist ein fester Bestandteil seines Lebens. Auch im Auto fährt sie immer mit.

Zum einen nutzt Doster wie die meisten ein Navigationssystem, in seinem Fall Google Maps. Um trotz Staus und Unfällen die optimale Route zu finden, wertet das System jede Menge Echtzeitdaten aus. Doch Doster lässt Google Maps zusätzlich Fremdenführer spielen. Entdeckt er unterwegs eine alte Burg, fragt er laut und deutlich: Was ist das für ein Bauwerk? Die KI antwortet. Oder er lässt sich die Sehenswürdigkeiten des nächsten Ortes aufzählen.

Technikbegeistert war Wolfgang Doster schon immer. Sein Vater war Elektromeister, er selbst arbeitete bis zur Rente als Informatiker. Im Grunde hat Doster nur darauf gewartet, dass Maschinen auf Befehl Texte schreiben, Bilder erzeugen oder menschenähnliche Gespräche führen können. Ihn fasziniert, was viele andere in seinem Alter abschreckt oder einschüchtert.

Der KI-Chatbot hilft sogar bei der Einrichtung

An diesem Morgen hat er mit dem KI-Chatbot ChatGPT eine Menükarte für das Bürger-Café erstellt, in dem er sich engagiert. Auf Französisch, weil sie Besuch aus der französischen Partnerstadt erwarten. „Ich musste ein paar Mal nachjustieren, bis alles gepasst hat“, sagt er. Jetzt sind auf der Karte sowohl das Logo des Cafés als auch das Rathaus der Partnerstadt zu sehen.

 
Illustrierte französische Getränkekarte mit Kaffeetassen, Bürger-Café und historischem Rathaus
Mit ChatGPT gestaltet: die französische Getränkekarte für das Bürger-Café, im Hintergrund das Rathaus der Partnerstadt.

Auch bei der Wohnungseinrichtung half ihm die KI. Als seine Frau und er neue Esszimmerstühle kauften, waren sie unschlüssig, welches Polster sie wählen sollten. Doster fotografierte den Essplatz, die Stühle und die Polstermuster. „Dann ließ ich die KI Bilder erstellen, die unseren Tisch mit den neuen Stühlen und verschiedenen Polstern zeigen“, erzählt er. So fiel dem Ehepaar die Entscheidung am Ende leicht.

Außerdem unterstützt ihn die KI beim Ausfüllen von Behördenanträgen, beim Vergleichen von Handwerker-Angeboten oder beim Verstehen von Beipackzetteln.

Von Offliner bis Silver Geek

Für Doster ist die KI ein großes Geschenk. Er überlässt das Experimentieren nicht den Jungen. Man könnte ihn als „Silver Geek“ bezeichnen, als technikbegeisterten Senior. Der Begriff stammt aus einer Studie der Körber-Stiftung, die untersucht hat, wie sehr ältere Menschen sich am digitalen Wandel beteiligen.

Laut der Studie zählen 17 Prozent der über 50-Jährigen zu den „Silver Geeks“. Sie glauben, dass technologische Fortschritte das Leben erleichtern. Ihnen stehen 14 Prozent Offliner gegenüber, die Technik wie Internet, Computer oder Handys skeptisch sehen. Die Mehrheit der älteren Bevölkerung bewegt sich zwischen diesen beiden Polen.

 
KI-generiertes Porträt eines älteren Mannes am Schreibtisch mit Laptop und Schriftzug „Silver Geek“
Der Begriff „Silver Geek“ gefiel Wolfgang Doster so gut, dass er die KI ein entsprechendes Bild von sich erzeugen ließ.

Dass KI alle Generationen betrifft, betont auch Alexander Engel. Er ist Projektleiter des Kompetenznetzwerks KI & Alter, das von der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen initiiert wurde und von der Bundesregierung gefördert wird. Das Netzwerk bringt Akteure aus Bildung, Praxis, Forschung, Entwicklung und Wirtschaft zusammen. Das Ziel sind alltagsnahe KI-Anwendungen, die älteren Menschen einen sicheren und selbstbestimmten Umgang mit der Technologie ermöglichen.

KI-Anwendungen durchdringen längst den Alltag

„Künstliche Intelligenz umfasst alle Anwendungen und Technologien, die etwas tun, was wir Menschen als intelligent empfinden“, erklärt Engel. Wichtig dabei ist: „Sie ist nicht wirklich intelligent, sondern funktioniert nach Wahrscheinlichkeiten.“

Entkommen können Menschen der KI im Alltag kaum noch. Intelligente Algorithmen beeinflussen, was wir in sozialen Medien lesen oder welche Produkte uns Online-Shops vorschlagen. Wir tragen die KI in Smartphones, Smartwatches und Fitnessarmbändern mit uns herum. Intelligente Saugroboter halten unsere Wohnungen sauber.

Lernorte bringen Älteren die KI-Werkzeuge näher

Das Kompetenznetzwerk unterstützt über 60 Lernorte in Deutschland, die älteren Menschen technische Entwicklungen näherbringen. Eine Landkarte auf der Webseite zeigt, wo sie zu finden sind. Die Angebote reichen von Smartphone-Sprechstunden über Vorträge zu KI-Werkzeugen wie ChatGPT bis hin zu Workshops mit Fensterputzrobotern.

Wolfgang Doster engagiert sich in seiner Heimat ebenfalls in einem solchen Lernort. Im Familienzentrum Dornstadt in Baden-Württemberg organisiert er Vorträge und Seminare. Mal werden KI-Tools vorgestellt, mal geht es um Video- und Bilderzeugung. Auch Risiken und Fehlerquellen werden angesprochen.

„Datenschutz und Datensicherheit gehören zu den Top-Themen, die ältere Menschen bewegen“, sagt Alexander Engel vom Kompetenznetzwerk. Auch Desinformationen, Fake News, werden immer wieder diskutiert.

Risiken kennen, Ängste abbauen

Zeichnet der Sprachassistent in der Wohnung heimlich Gespräche auf? Nutzen KI-Firmen meine Daten für Trainingszwecke? Solche Sorgen halten Engel zufolge viele davon ab, neue Technologien auszuprobieren. Aufgabe der Lernorte sei es, auf Risiken hinzuweisen, aber eben auch Ängste abzubauen. „Ziel ist es, dass Menschen lernen, ihr Risiko selbst einzuschätzen“, sagt Engel.

„Wichtig ist, die Scheu zu verlieren“, weiß „Silver Geek“ Doster aus Erfahrung. In seinen Workshops lässt er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einladungskarten mit KI gestalten oder Fotos erzeugen. Er selbst präsentiert gerne ein Bild, das ihn in einer Umarmung mit Albert Einstein zeigt. Zuletzt hat der Senior sogar ein kleines Preisgeld ausgeschrieben. Seine Teilnehmer sollten mithilfe der KI ein herbstliches Fünf-Gänge-Menü zusammenstellen, inklusive einer Menükarte. Den Gewinner ließ er – natürlich – von der KI ermitteln.

 
KI-generiertes Gemälde: Wolfgang Doster und Albert Einstein umarmen sich vor einer Tafel mit Formeln
Ein Treffen, das es nie gab: Mit KI ließ sich Wolfgang Doster in einer Umarmung mit Albert Einstein darstellen.
Tipps vom Silver Geek

So finden Sie den Einstieg

  • Einfach mal ausprobieren: Chatbots wie ChatGPT sind in den Basisversionen meist kostenlos. Über die Webseite Duck.ai lassen sich verschiedene KI-Modelle anonym testen. Dort werden Chats nicht dauerhaft gespeichert oder für Trainingszwecke genutzt.
  • Wolfgang Doster hat sich Übungen für solche Chatbots überlegt. Drei Beispiele:
    • Ein Märchen oder Abenteuer für die Enkel schreiben lassen.
    • Ein Geburtstagsgedicht formulieren lassen.
    • Ein Rezept aus den Resten im Kühlschrank vorschlagen lassen.
  • Die Broschüre „Künstliche Intelligenz sicher nutzen“ des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik listet elf Handlungsempfehlungen für den Umgang mit KI auf. Sie rät unter anderem dazu, keine sensiblen Daten wie die Postadresse oder Passwörter in den Anwendungen zu teilen.
  • Einen guten Einstieg in das Thema bietet auch der Ratgeber „Künstliche Intelligenz im Alltag älterer Menschen“ der BAGSO. Er ist digital abrufbar oder kann kostenfrei als Print-Ausgabe bestellt werden.
  • Mit der App „Flora Incognita“ der TU Ilmenau kann man bei einem Spaziergang die Pflanzen am Wegesrand bestimmen.
  • Die App „BirdNet“ der TU Chemnitz erkennt Vogelstimmen.

Lesetipp: Was Künstliche Intelligenz in der Pflege leisten kann, lesen Sie in unserem Artikel Wie Künstliche Intelligenz die Pflege verändert.

Im letzten Afilio-Ratgeber (Ausgabe #49) gab es eine neue Runde des Afilio-Quiz. Die Teilnehmer konnten ihr Vorsorge-Wissen testen und eine AfilioPlus-Mitgliedschaft gewinnen. Die Gewinner des letzten Quiz sind:

1. Platz belegt mit 825 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – lebenslang): Tilmann A.

2. Platz belegt mit 819 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Elke M.

3. Platz belegt mit 816 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 3 Jahre): Steffen S.

 
Das Afilio-Quiz

Wir gehen in die nächste Runde: Testen Sie Ihr Vorsorge-Wissen und gewinnen Sie!

  • Punkte sammeln für schnelle und richtige Antworten
  • Top 3 gewinnen eine AfilioPlus-Mitgliedschaft
  • Gewinner werden in Ausgabe #51 bekanntgegeben
Quiz starten
Eva Goldschald
 
Die Trauerbegleiterinnen Verena Brunnbauer und Nicole Honeck lachen gemeinsam
Verena Brunnbauer und Nicole Honeck wollen mit ihrem Spiel „Sarggespräche“ das Reden über den Tod leichter machen. Foto: Victoria, dotsnboxes.de

Die Trauerbegleiterinnen Verena Brunnbauer und Nicole Honeck haben das Kartenspiel „Sarggespräche“ entwickelt, das einen offeneren Umgang mit dem Tod fördern soll.

Verena ist Bestatterin, Nicole kommt aus dem Kulturbereich. Gemeinsam hat das Paar das Unternehmen Death Positiv gegründet: Sie wollen damit nach dem Vorbild der US-Bestatterin Caitlin Doughty für einen positiven Umgang mit dem Tod werben und Ängste abbauen. Dafür bieten sie unter anderem Trauerreden und Trauerbegleitung an. Zusätzlich sind die beiden Österreicherinnen mit ihrer mobilen Sargbar unterwegs und schaffen Raum für Begegnung und Gespräche.

 
Mobile Sargbar aus Holz mit Spielkarten, Rosen und „Every Dream Has An End“-Schriftzug
Mit ihrer mobilen Sargbar sind Verena Brunnbauer und Nicole Honeck unterwegs und laden zum Gespräch über den Tod ein. Foto: Victoria, dotsnboxes.de

Wieso braucht es ein Spiel, in dem es um den Tod geht?

Verena: Bei meinen Gesprächen mit Angehörigen habe ich schnell festgestellt, dass die Entscheidungen rund um die Bestattung leichter fallen, wenn man vorher über Tod und Sterben gesprochen hat. Also fing ich an, meinen Kunden und den Leuten auf Veranstaltungen Fragen zu stellen: Zum Beispiel, welche Gefühle werden wach, wenn du an deine erste Verlusterfahrung denkst? Oder: Welche Lieder sollen auf deiner Beerdigung gespielt werden?

Nicole: Die schönste Geschichte war die einer jungen Frau. Sie saß im Zug und hatte das Spiel dabei. Sie spielte es mit zwei fremden Leuten in ihrem Abteil. Für nächstes Jahr ist ein Treffen im Zug ausgemacht. Selbe Zeit, selber Zug. Wieder mit dem Spiel.

Verena: Mir fällt eine aus dem Altenheim ein. Ein Pfleger brachte das Spiel für die Sonntags-Gesprächsrunde mit. Die ersten drei Male waren die Bewohner skeptisch. Ab dem vierten Mal flossen die Gespräche wie von selbst. So hatten die Menschen die Möglichkeit, über den Tod zu sprechen, auch mit den Pflegenden. Die Kinder der Bewohner waren dankbar, dass so jemand über deren Wünsche Bescheid wusste.

Was ist das größte Tabu rund um den Tod?

Nicole: Ich finde, das ganze Thema wird tabuisiert. Es geht um Schmerz, Angst und Verletzung. Dabei kann Tod auch Erleichterung bedeuten. Wenn man offener darüber spricht, kann man sich viel besser vorbereiten. Auch auf bürokratische Dinge wie Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht.

Verena: Einige Freunde fragen mich immer, welche Geschichten ich als Bestatterin erlebt habe. Und dann gibt es andere, die gleich abblocken und gar nicht über den Tod sprechen wollen. Die wollen wir mit unserem Spiel erreichen.

 
Hand hält eine Karte des Spiels „Sarggespräche“ mit Sarg-Motiv in einer Gesprächsrunde
Eine Karte, eine Frage: Das Spiel „Sarggespräche“ bringt Menschen über den Tod ins Gespräch. Foto: Julia Wesely/Performancebrunch

Lasst uns euer Spiel spielen. Starten wir mit der ersten Frage: Habt ihr ausgiebig besprochen, wie und wo ihr beerdigt werden wollt?

Nicole: Ich sehe meine Asche in einer Glitzer-Urne. Einen Teil davon hätte ich gerne in Berlin verstreut, weil ich dort geboren wurde. Der Rest ist mir egal.

Verena: Ein Teil meiner Asche soll nach Athen, weil ich totaler Fan der Stadt bin. Das ist Nicoles Pflicht, mich dorthin zu bringen. Bei der Beisetzung sind mir Lieder von R.E.M. sehr wichtig. Ich denke, ich werde schon von oben mitbestimmen.

Nicole: Ja, da bin ich mir auch ganz sicher. (Lacht)

Verena: Also, dass du Zeichen empfängst?

Nicole: Ja, erinnerst du dich noch an das Begräbnis, auf dem die Familie unbedingt ein Lied abspielen wollte, das der Verstorbene sich gar nicht gewünscht hatte? Während der Trauerfeier klappte es nicht, weil der Player immer eins weiter gesprungen ist, obwohl im Test alles funktionierte.

Gehen wir zur nächsten Frage: Was könnten deine ersten Worte nach dem Tod sein? Diese Frage impliziert irgendwie, dass ihr an ein Leben danach glaubt. Sonst würde man nicht darüber nachdenken.

Nicole: Ich gehe davon aus, dass ich nach meinem Tod von dieser Erdenschwere befreit bin. Ich spüre dann keine Trauer mehr, weil ich jemanden zurücklassen muss, und bin mit allen verbunden. Deshalb lauten meine ersten Worte: Endlich geschafft.

Seht ihr euch an einem richtig guten Ort?

Nicole: Ich glaube, das ist eher ein Gefühl. Wie nach Hause kommen und endlich wieder da sein, wo du eigentlich hingehörst. Meine Oma ist 93 geworden. Zwei Tage bevor sie starb, saß sie im Heim und meinte zu mir: Ich weiß nicht, Niki, soll ich noch weiterleben? Ich meinte: Oma, ganz ehrlich, wenn du noch willst, wirst du sicher auch 103. Wenn du keinen Bock mehr hast, verstehe ich das natürlich auch. Auf jeden Fall wird es dir dort, wo du dann hinkommst, richtig gutgehen.

Verena: Einer sagte mal zu mir, wenn du drüben bist, kannst du nur noch sein und schauen. Total langweilig, dachte ich dann. Das hilft mir in Momenten, in denen ich die Welt etwas satt habe. Wenn ich drüben wirklich nur sein und schauen kann, das ist ja wirklich doof.

Zur dritten Frage: Gibt es etwas, das du in deinem Leben bereust und was du heute anders machen würdest?

Nicole: Direkt bereuen nicht. Vielleicht künftig mit mehr Leidenschaft leben. Ich bin ein eher kontrollierter Typ. Vor allem in Bezug auf Zwischenmenschliches oder in Beziehungen. Ich würde sagen: mehr ausprobieren, ohne sich Gedanken zu machen.

Verena: Selbst wenn man etwas anders gemacht hätte, weiß man trotzdem nicht, ob das dann besser geworden wäre. Bei mir ist es dieses wirklich Genießen. Weniger das Negative sehen und mehr die kleinen Dinge.

Letzte Frage: Wie würde euer letzter Tag auf Erden aussehen?

Nicole: Darüber habe ich mich mal mit einem Fremden unterhalten. Ich meinte zu ihm, wenn ich es mir wirklich aussuchen kann, will ich einfach nur Alltag erleben. Und dann sagt der, naja, kommt auf den Alltag an, oder? In dem Moment war ich so dankbar über meinen Alltag, den ich total genieße.

Verena: An meinem letzten Tag muss die Sonne scheinen, die Wärme ist für mich total wichtig. So ging es mir gestern, als nach dem Sturm die Sonne rauskam, und ich joggen ging. Der Himmel war Wahnsinn. Ich war nur dankbar, dass ich den Himmel jetzt sehen kann.

Nicole: Das sind diese kleinen Dinge, nicht die großen. Sich mit dem Tod auseinandersetzen macht dir wieder bewusst, was wirklich schön ist.

 

Lesetipp: Wie Sie Ihre Wünsche für die eigene Bestattung verbindlich festhalten, erfahren Sie in unserem Ratgeber Bestattungsverfügung einfach erklärt.

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