Afilio-Ratgeber #49

vom 08.10.2026
Rente ohne Alarmismus, ein Denkanstoß zum Leben nach dem Tod – und zehn Tipps gegen Demenz
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Illustration: Frau unterschreibt ihr Testament am Schreibtisch, Tag des Testaments

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

über die Pflege wird in Berlin derzeit viel verhandelt – gestemmt wird sie längst: Mehr als 80 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt, von Angehörigen und Helfern. Reporter Jan Rübel hat Familien besucht, die diesen Alltag tragen, und zeigt, was die geplante Reform für sie bedeutet.

Für Sie kann daraus ein sehr konkreter Schritt folgen: Wer für sich oder Angehörige einen Pflegegrad erwägt, stellt den Antrag am besten noch in diesem Jahr – ab 2027 soll die Einstufung strenger werden. Und weil Pflege immer auch die Familie fordert, laden wir Sie herzlich ein: Am Mittwoch, den 28. Oktober um 18 Uhr spricht Familientherapeutin Ursula Pabsch in unserem kostenlosen Expertengespräch darüber, wie Familien mit neuen Rollen und alten Konflikten gut umgehen.

Wie viel Kraft im Älterwerden steckt, zeigen die anderen beiden Geschichten dieser Ausgabe: Leichtathlet Reiner Görtz hat mit 85 Jahren bei der Weltmeisterschaft in Südkorea Gold und Silber in seiner Altersklasse geholt – und verrät, was ihn fit hält, vom Krafttraining bis zur Gemeinschaft in seinem Verein. Und wer Zeit und Geduld zu verschenken hat, erfährt in unserem Artikel über Wunschgroßeltern, wie man Oma oder Opa für einen Nachmittag wird – und dabei selbst Familienanschluss gewinnt.

Sie möchten diese Ausgabe des Afilio-Ratgebers lieber hören? Hier geht's zur kostenlosen Audio-Version. Außerdem finden Sie hier eine PDF-Version zum Herunterladen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.

Ihr Till Oltmanns
 
Jan Rübel
 
Symbolbild: Eine Frau hilft einem älteren Mann zu Hause beim Anziehen seines Pullovers
Für viele Angehörige ist die Pflege zu Hause ein Vollzeit-Job. Die geplante Reform verunsichert sie. (Symbolbild)

Mehr als 80 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden daheim von Angehörigen und Helfern versorgt. Nun soll die Pflegeversicherung neu geordnet werden. Wie kommt das bei den Betroffenen an?

In einem der ausladenden weißen Bürgerhäuser Berlin-Pankows gibt es einen hellen Raum mit hoher Decke und einem schwarzen Loch. Die sieben Leute, die sich an die zu einem Rechteck geschobenen Tische gesetzt haben, sehen es nicht. Aber ihr Gespräch kreist um dieses Loch wie um einen Strudel.

„Mein Bruder vergisst immer mehr“, sagt eine Dame in schwarzem Shirt. „Er macht sein Ding, und ich bin manchmal…“; sie ballt eine Faust. Wenn sie mit dem Rad nach Hause fahre, sagt sie, schreie sie manchmal.

Ihr gegenüber sagt eine Frau im orangen Shirt: „Mir platzt manchmal der Kopf. Aber hab’ jetzt endlich mit meinem Bruder Tacheles geredet. Wenigstens die Arztbesuche mit unserer Mutter übernimmt nun meine Schwägerin. Aber er selber…“

„Es ist ein Vollzeit-Job“

Viele Sätze in diesem Raum enden abrupt, als verschwänden sie irgendwo. In der Gesprächsgruppe für pflegende und sorgende Angehörige bei der „Kontaktstelle PflegeEngagement“ (KPE) in Berlin-Pankow pflegen alle einen ihrer Lieben daheim. „Es ist ein Vollzeit-Job“, sagt eine Frau, sie hat ihr dichtes Haar mit einem Zopf gezähmt. Julia Giese leitet die Gruppe. „Und das kommt auf die Berufe ja nochmal drauf.“ Alle schweigen für einen Moment.

In diesem Raum wird deutscher Alltag verhandelt. Über 80 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden von ihren Angehörigen und ihren Helfern daheim versorgt. Giese weiß, was das heißt: Dauerstress für die Pflegenden.

Nun meldet sich Jule, eine Frau in einem himmelblauen Shirt: „Gestern war ich mit Katrin beim Arzt in der Charité für einen neuropsychologischen Test und zur Auswertung des MRTs: Das Gehirn schrumpft, Alzheimer sei nicht mehr im Frühstadium, sagte er.“ Sie schluchzt. „Sie werden deshalb die Infusionstherapie absetzen.“ Dabei habe das Medikament viele Amyloid-Plaques im Gehirn entfernt. „Das half Katrin sehr, sie konnte sich besser verbal ausdrücken.“ Sie sagt, sie sei heulend raus. Giese schiebt ihr eine Packung Papiertücher zu, auf ihr steht: „La Dolce Vita.“

Die Hilfe der Navigatoren

Die KPE unterstützt pflegende An- und Zugehörige sowie hilfebedürftige Menschen. Ihre Hauptaufgabe ist die Förderung von Ehrenamt und Selbsthilfe. Sie bietet psychosoziale Entlastungsgespräche, Begleitdienste und Freizeitangebote an, um die Lebensqualität zu verbessern und Einsamkeit im Pflegealltag zu reduzieren. Die KPE bilden ein Pilotprojekt seit 2010, das ein Netz um die Pflegenden daheim aufbauen will; es gibt sie in jedem Berliner Bezirk. Träger der KPE hier in Pankow ist der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg KdöR.

„Wir sind Navigatoren“, sagt Giese, als die Runde zu Ende ist und alle anderen schon weg sind. Die KPE werden zu 60 Prozent von den Pflegekassen und zu 40 Prozent vom Land Berlin finanziert. Noch immer ist der Bescheid der Weiterfinanzierung nicht da, „jedes Jahr ein neues Abenteuer“, lächelt Giese müde. Es gebe dieses afrikanische Sprichwort, sagt sie: Zur Erziehung eines Kindes brauche man ein ganzes Dorf. „Das gleiche gilt auch für die häusliche Pflege. Nur bröckelt gerade dieses Netz.“

In der Reform-Baustelle

1995 eingeführt, ist die soziale Pflegeversicherung (SPV) die jüngste Säule der Sozialversicherung. Zur ursprünglichen Teilabsicherung kamen Neuerungen, Pflegeleistungen und Regelungen hinzu – und dennoch schultern die Familien die Hauptlast. Nun wird über Kürzungen debattiert, damit die Kosten unter Kontrolle bleiben.

Die Ausgaben der SPV sind von rund 30 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf knapp 74 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestiegen. Es muss also etwas geschehen. In der Bundesregierung zeigte man sich zunächst in Grundfragen uneins, im Frühsommer zirkulierte dann ein viel diskutierter Referentenentwurf mit zahlreichen geplanten Einschnitten.

Nun hat das Kabinett beschlossen: Bei den Einzahlungen sollen kinderlose Versicherte und Gutverdienende stärker belastet werden – dies indes wird die Finanzierungslücken in den Pflegekassen nicht schließen. Für Menschen in stationärer Pflege sollen die Eigenanteile zumindest nicht steigen. Aber bei der Erstbegutachtung der Pflegebedürftigkeit strebt die Koalition eine Neuausrichtung an. Wer etwa bei dieser durch den Medizinischen Dienst 28 Punkte erreicht, erhält derzeit den Pflegegrad 2; künftig soll dies nur für Pflegegrad 1 reichen, was weniger Leistungen bedeutet.

Ein Eingriff in den Alltag

Außerdem sollen Einzelleistungen gekappt werden, wie zum Beispiel der Entlastungsbetrag: Diese monatliche Pauschale in Höhe von 131 Euro erhalten alle Pflegebedürftigen für Unterstützungsleistungen im Alltag, künftig soll dies für den Pflegegrad 1 wegfallen und für die Grade 2 bis 5 in ein Sozialraumbudget mit diversen Nutzungseinschränkungen übergehen. Konkret bedeutet der aktuelle Entlastungsbetrag zum Beispiel für die Dame im schwarzen Shirt, dass sie ihrem Bruder damit einen Ausflug zur Westernstadt „El Dorado“ in Templin ermöglichen konnte, „er ist doch so ein Cowboyfan“, hatte sie gesagt. Die meisten Familien nutzen den Betrag für Reinigungsdienste, damit im Pflegealltag nicht das Chaos ausbricht. Für die einen ist die Hilfe ein verzichtbarer Luxus, für die anderen eine Chance auf Durchatmen und Erlebnis in einem grauen Meer, von der man noch lange zehrt.

Im Überblick

Das plant die Regierung zur Pflege

Die Bundesregierung hat sich nach langem Streit darauf verständigt, wie die Pflegeversicherung angesichts steigender Kosten stabilisiert werden soll. Über eine grundlegende Reform soll aber zunächst eine Kommission beraten. Der Gesetzentwurf der Regierung sieht unter anderem vor:

  • Der Beitragssatz der Pflegeversicherung soll bei 3,6 Prozent gehalten werden
  • Versicherte ohne Kinder sollen künftig einen höheren Zuschlag zahlen
  • Wie in der gesetzlichen Krankenversicherung soll ein Zuschlag für die Mitversicherung von Ehegatten und Lebenspartnern erhoben werden
  • Durch einen Anstieg der Beitragsbemessungsgrenze werden höhere Einkommen stärker belastet
  • Entgegen den ursprünglichen Plänen wird bei den Rentenversicherungsbeiträgen für pflegende Angehörige nicht gekürzt
  • Der Entlastungsbetrag von 131 Euro im Monat entfällt für den Pflegegrad 1; bei einem höheren Pflegegrad tritt an seine Stelle ein Sozialraumbudget, das stärker zweckgebunden ist
  • Härtere Kriterien bei der Begutachtung sollen es erschweren, einen der Pflegegrade 1 bis 3 zu erreichen

Eine Woche später steht Katrin vorm Kühlschrank ihrer Wohnung und studiert das Innere. Essen fürs Frühstück soll sie rausnehmen, an den Schubladen kleben Zettel wie „unten“, „Mitte“ und „oben“ – je nach der Höhe, in der sie stehen; eine Orientierung dort, wo es immer weniger gibt. Sie zögert. Nimmt einen Plastikbehälter mit Käse raus und stellt ihn wieder zurück. Sie schaut rüber zu Jule, ihre Augen spiegeln ein stummes „Und was jetzt?“.

Diese verdammte Hilflosigkeit

Die Eiweißablagerungen in ihrem Gehirn machten sich 2022 bemerkbar, die Exceltabellen sagten der Bilanzbuchhalterin plötzlich wenig, und sie meinte auf der Straße Leute wiederzuerkennen, die ihr fremd waren. Damals war sie 49. Mit der Diagnose ein Jahr später war sie erstmal platt. „Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein.“ Katrin lacht viel, sie versucht damit Situationen zu überspielen, eine Leichtigkeit soll Kontrolle zeigen, ein Signal, dass sie doch dabei ist. Bleibt nur oft die Hilflosigkeit, die schon zwei Knöpfe am Hemd auslösen können, die Orientierungslosigkeit und das Vergessen, dass sie auch mal essen muss.

„Ich verstehe nicht, warum du keine Depression bei diesem täglichen Frust bekommen hast“, sagt Jule.

„Ach nee“, sagt Katrin.

Die beiden Ehefrauen streicheln sich oft über den Unterarm, sie halten gern ihre Hände, und dies nicht nur zum Halt.

Ein schleichender Verlust von Freiheit

War Katrin früher gern draußen unterwegs, ging sie seit dem Beginn der Demenz mindestens einmal im Monat verloren, dann trieb es sie irgendwohin. Seitdem verlässt sie die Wohnung nicht mehr allein, „das ist blöd“, sagt sie, „aber was soll man machen?“. Wartet dann auf ihre Jule, die als Gymnasiallehrerin für die Pflege ihre Stundenzahl auf 75 Prozent reduzierte und dennoch immer längere Tage hat. Da sind die gemeinsamen Gänge zum Einkauf, zum Arzt, zu Therapien und zum Klo, da warten aber auch die Klausuren, die korrigiert werden wollen; oft sitzt Jule bis eins in der Nacht am Schreibtisch. „Kaltes Wasser auf die Stirn ist super“, sagt sie.

Und dann ist da noch Jules Tochter, die mit ihnen wohnt und bald ein Studium beginnt. Auch sie braucht Aufmerksamkeit, sie lebt mit Asperger-Autismus und einer bipolaren Störung. Jule ist eine Macherin. Eine, die anschiebt. Und der man in den kurzen Momenten eines Besuchs nicht ansieht, dass jede Batterie einmal am Ende ist.

Es klingelt. Zwei junge Frauen vom Begleitservice des Verkehrsverbunds VBB sind an der Tür. Sie werden Katrin mit der S-Bahn zur Ergotherapie begleiten. „Ich finde es krass“, sagt Jule, „wie auf dem Rücken der pflegenden Angehörigen die Kassen saniert werden sollen“. Als Katrin ihre Diagnose bekam, kündigte ihr erstmal die Krankenkasse, da auf Grund ihrer resultierenden Arbeitslosigkeit keine Beiträge mehr bezahlt wurden. „Wenn wir nicht verheiratet wären, hätte ich sie nicht familienversichern können.“

Gut ist es nie

Giese, eine der KPE-Koordinatorinnen, die nun ihren Besuch beim Paar beendet, kennt diese Untiefen. Seit 30 Jahren arbeitet die Krankenschwester und Medizinpädagogin in der Pflege. Sie sagt: „Schon 1996 sprach man vom Pflege-Notstand. Verbessert hat sich seitdem nichts. Im Gegenteil.“

Acht Kilometer südlich empfängt Emmi Zeulner in ihrem Büro im Jakob-Kaiser-Haus. Die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin vertritt für die CSU seit 2013 ihren Wahlkreis Kulmbach im Bundestag. Und ringt um eine Verbesserung der Pflege. „Die öffentliche Debatte konzentriert sich zu stark auf die stationäre Pflege“, sagt die 39-Jährige und schenkt sich ein Glas Wasser ein. „Das Thema Pflege wird zu wenig im politischen Berlin wahrgenommen.“

Die Christsoziale sieht ihre politische Arbeit auf dem Boden der Katholischen Soziallehre. Da seien etwa die Frauen, die vor allem pflegten. „Das sind die Töchter und Schwiegertöchter. Dafür braucht es einen adäquaten Ausgleich und keine Bestrafung bei den Rentenpunkten.“ Zeulner wünscht sich mehr Achtsamkeit, aber auch mehr Effizienz: Sie schlägt eine professionelle Vertretung der Pflege analog der Ärztekammer vor. Denn: „Die Zukunft der Pflege liegt in einem Netzwerk. Dafür sind die Pflegestützpunkte auszubauen, und zwar regelfinanziert.“ Draußen fliegt ein Schwarm Krähen vorbei.

Transformation ist jetzt

Die Pflege in Deutschland wird sich verändern. Allein der demografische Wandel mit immer mehr Gepflegten und weniger Pflegenden verlangt nach Antworten. Das Beschäftigungswachstum in der Pflege wird statistisch gesehen ausschließlich durch ausländische Kräfte getragen, sie bilden mittlerweile das Rückgrat des Systems. Und Institutionen setzen zunehmend KI ein, um die Dokumentationspflichten zu reduzieren. Auch findet Robotik den Eingang in die Pflege; nicht als Ersatz, aber sie entlasten. Kleinroboter interagieren mit Demenzkranken, sie erkennen Mimik und unterhalten Patienten.

„Wir brauchen jeden Strohhalm, um das Netz der Pflege zu bauen“, sagt Giese von der KPE ein paar Tage nach dem Besuch in der Gruppe. „Die Pflegekräfte tun ihr Bestes – die beruflichen und die Angehörigen. Aber es braucht mehr Zeit.“ Sie erzählt von einem an Alzheimer erkrankten Bewohner eines Pflegeheims, der aggressiv wurde, wenn er im Rollstuhl saß. „Erst Wochen später fand das Personal heraus, dass er eine offene Wunde am Gesäß hatte.“

Zeit ist bei der Pflege die härteste Währung. Zumindest Giese und ihre KPE mit den 1343 Klientenkontakten allein im vergangenen Jahr kriegen davon ein wenig: Der Bescheid der Weiterfinanzierung ist endlich da. „Das Abenteuer geht weiter.“

Kurzvorstellung

Jan Rübel

Jan Rübel schreibt als Reporter und Co-Geschäftsführer bei Zeitenspiegel Reportagen seit Jahren über Politik und Soziales. Beides vermischt sich natürlich ständig - und eigentlich immer stellen sich dann Fragen nach den Auswirkungen für die Zukunft der Gesundheit in einer Gesellschaft. Also arbeitet er trotz seines Hintergrunds in der Islamwissenschaft und Nahostgeschichte regelmäßig zu Gesundheitsthemen. Seine Texte finden Sie in verschiedenen überregionalen Medien wie Stern, Spiegel Wissen und Frankfurter Rundschau sowie unter https://www.zeitenspiegel.de/.

 
Mittwoch, 28. Oktober | 18:00 Uhr: Pflege verändert Familien

Mit Ursula Pabsch (Coach & Familientherapeutin)

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Was bedeutet die Pflegereform 2027 für Sie? Wenn Sie oder Familienangehörige einen Pflegegrad beantragen möchten, sollten Sie das am besten noch in 2026 tun:

  • Die Einstufung in einen (höheren) Pflegegrad soll zukünftig erschwert werden.

  • Die gute Nachricht: Wer jetzt noch einen (höheren) Pflegegrad beantragt, wird nach den bisherigen Kriterien bewertet und darf den bewilligten Pflegegrad über 2026 hinaus behalten.

Die Beantragung eines Pflegegrads ist mit Afilio einfach, digital und kostenlos möglich. Dabei geht es u. a. um finanzielle Unterstützung von aktuell 200 € bis zu 2.472 € im Monat, je nach Pflegegrad.*

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*Ab Inkrafttreten der Reform in 2027 werden sich diese Werte ändern. Mehr Informationen hier.

Stefan Schmitz
 
Reiner Görtz im Deutschland-Trikot beim Speerwurf auf der Tartanbahn
Reiner Görtz im Deutschland-Trikot beim Speerwurf auf der Tartanbahn. Foto: Stefan Schmitz

Der 85-jährige Leichtathlet Reiner Görtz erkämpfte sich in Südkorea Gold und Silber bei den Weltmeisterschaften in seiner Altersklasse. Zurück in Deutschland spricht er über den Weg zum Erfolg und einen Schwächeanfall.

Reiner Görtz könnte seiner Sportleidenschaft vor dem Fernseher nachgehen oder auch mal beim Senioren-Lauftreff vorbeischauen. Der 85-Jährige hat es vorgezogen, im August nach Südkorea zu fliegen, um an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften für Altersathleten teilzunehmen. In den Wurfdisziplinen ist er noch richtig gut, das reicht ihm aber nicht. Er trat zum Zehnkampf an. „Beim Stabhochsprung“, erzählt Görtz, „wurde mir schummrig. Drei Höhen bin ich noch gesprungen.“ Als er wieder klar gucken konnte, lag er in den Katakomben des Stadions von Daegu.

Erfahrung und Siegeswillen

Ein Arzt wollte ihm eine Infusion legen, überall kühlten Eispacks seinen Körper. Es war heiß und schwül. Görtz wollte zurück zum Wettkampf. „Ich sage dem Arzt: Ich gehe da jetzt auf eigene Verantwortung raus.“ Er schnappte sich den Speer. „Eine lächerliche Weite, im Training werfe ich mehr.“ Dann kam der abschließende 1500-Meter-Lauf. Görtz schaffte es zum Start, wankte nach vorne und brach nach einer Runde ab. „Ich wollte meine Gesundheit nicht gefährden: Und um gewertet zu werden, reicht es, wenn man startet.“ Zwei Medaillen hängen an diesem Septembertag in Viersen am Niederrhein um seinen Hals. Eine silberne bekam er mit 2322 Punkten als Zweitplatzierter im Zehnkampf. Später noch eine goldene im Stabhochsprung. „Das war auch so eine Geschichte“, sagt er.

 
Reiner Görtz im Deutschland-Trikot mit Gold- und Silbermedaille der Masters-WM in Daegu auf dem Sportplatz
Gold im Stabhochsprung, Silber im Zehnkampf: Reiner Görtz mit seinen WM-Medaillen aus Daegu. Foto: Stefan Schmitz

Teil einer Gemeinschaft

Aber Görtz kommt kaum dazu, sie zu erzählen. Auf dem Gelände des ASV Süchteln klopft ihm dauernd jemand auf die Schulter. Alle beglückwünschen ihn zu seinen Erfolgen im fernen Korea. „Ich habe hier 25 Jahre die Fußballjugend trainiert“, sagt er. „Die kennen mich alle.“ Mit 53 sei er noch schneller gesprintet als die A-Jugendlichen. Ein paar seiner Schützlinge hätten es weit gebracht im Fußball. Einer habe bei Borussia Mönchengladbach mit Stefan Effenberg gespielt und sei heute Trainer im Profifußball. „Wenn der mich anruft, sage ich ihm: Sei ehrlich und gradlinig, wie ich es dir beigebracht habe.“

Man muss sich Reiner Görtz als einen glücklichen Mann vorstellen. Beneidenswert fit, stolz auf seine Erfolge als Altersathlet, bestens eingebunden in eine feste Gemeinschaft. 88 Kilogramm verteilen sich auf 1,76 Meter. „Eigentlich etwas viel, aber ich bin sehr muskulös.“ Morgens fährt er mit seinem Rad oft im Café Piano in Süchteln vorbei. Dort erzählt er dann von Wettkämpfen in Australien, von Flügen nach Tahiti, von Erfolgen mit Schmerzen, bei denen ihm das Publikum zujubelte. „Die haben ja gesehen, dass ich in den Pausen zwischen den Würfen immer im Kreis gehen musste, damit das Bein durchblutet bleibt.“

Ein Kind der Nachkriegszeit

Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst war noch nie sein Ding. Der kräftige Mann wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber er ist ganz bei sich; ein zufriedenes Kind der Nachkriegszeit. Aufgewachsen in Armut, der Vater starb, als er 14 war. Sein Faible für hohe Sprünge, so sagt er, habe auch damit zu tun, dass die Süßkirschen des Nachbarn hinter einer hohen Mauer standen. „Wir hatten ja nichts zu essen.“ Er war einer, der sich besonders anstrengen musste, um an die süßen Früchte des Lebens zu kommen. „Ich habe bekloppte Sachen gemacht“, berichtet er. Tauchunfälle in über 70 Meter Tiefe hat er überstanden und am anderen Ende der Welt als Kameramann Buckelwale beim Kalben gedreht. Reiner Görtz, 85, scheint der beste Beweis dafür, dass den nächsten Tag am sichersten überlebt, wer im Bett bleibt – und die nächsten Jahrzehnte, wer sich aufmacht in die Welt.

Späte Rückkehr zum Leistungssport

Bei der Bundeswehr verdiente er sich als Wehrpflichtiger immer wieder Sonderurlaub für erste Plätze bei Leichtathletikwettkämpfen. Und als er eher durch Zufall bei den Westdeutschen Jugendmeisterschaften 1961 antrat, landete er auch da ziemlich weit vorne. Aber ein Sturz beim Stabhochsprung im Regen beendete seine aktive Karriere für sehr lange Zeit. Als er 60 Jahre alt war, spürte er die Arthrose im Knie und schleppte 94 Kilo mit sich herum. „Ich wurde immer stabiler, es musste was passieren“, sagt er. Also griff er wieder zu Diskus und Speer, zog sich die Spikes an und rannte über die Tartanbahn. Er war 69 bei seinem ersten Zehnkampf. Mit 75 überquerte er auf dem Rad die Pyrenäen.

Görtz mag es nicht, wenn man danach fragt, wie groß denn die Konkurrenz in seinem Alter noch sei. Ihm ist egal, ob noch sieben andere Athleten an den Start gehen oder auch nur drei oder vier. „Mir geht es um meine Leistung.“ Die reicht noch immer, um auf dem Rad frechen E-Bikern ihre Grenzen aufzuzeigen. Einer wollte sich mal an ihm an der Steigung zwischen Süchteln und Dülken vorbeidrängen. „Mach Platz“, habe der Typ gesagt. Aber nicht mit Reiner Görtz: „Da habe ich Gas gegeben.“ Für ihn ist ein Rad mit Elektromotor nichts. Die Frage danach beantwortet er mit dröhnendem Lachen.

Ein Rekord wird bleiben

Natürlich funktioniert der Körper mit 85 Jahren nicht mehr so wie ein paar Jahrzehnte zuvor. Seit einer Thrombose muss Görtz einen Blutverdünner nehmen. Irgendwann wird er zumindest mit dem Wettkampfsport aufhören müssen. Aber es ist nicht so, dass nichts von ihm bleiben wird. Einen Rekord, auch wenn es kein offizieller ist, kann ihm niemand mehr nehmen. Görtz grinst, als ob er gleich wieder ein paar Süßkirschen klauen wird, als er davon erzählt. „Ich habe ihn mit dem 800-Gramm-Speer geworfen – aber in der Altersklasse wird jetzt ein leichterer Speer verwendet. Das ist für die Ewigkeit.“

 
Gold- und Silbermedaille der World Masters Athletics Championships Daegu 2026 auf einem Diskus
Die Medaillen aus Daegu, abgelegt auf einem Diskus. Foto: Stefan Schmitz
Fit im Alter

Die Tipps des greisen Weltmeisters

  1. Krafttraining gegen den Muskelabbau. Görtz trainiert mit 40 Kilogramm schweren Langhanteln. Das ist ziemlich extrem. Aber Übungen mit leichten Gewichten halten die Muskulatur leistungsfähig. Gerade mit zunehmendem Alter werden sie immer wichtiger.
  2. Stabilitätsübungen stärken den Körper auf vielfache Weise. Sie beugen Verletzungen vor, verbessern die Koordination und tragen zu einer aufrechten Körperhaltung bei. „Ein paar Minuten am Tag machen schon einen Unterschied“, sagt Görtz.
  3. Bewegung im Alltag ist der einfachste Weg, seinen Körper in Schwung zu halten. Görtz legt fast alle Wege bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zurück – und stärkt so Herz, Kreislauf und Muskeln.

Lesetipp: Wie ein 81-Jähriger mit Stil und Mut durch Berlin tanzt, lesen Sie in Der neue Mut der Alten.

Im letzten Afilio-Ratgeber (Ausgabe #48) gab es eine neue Runde des Afilio-Quiz. Die Teilnehmer konnten ihr Vorsorge-Wissen testen und eine AfilioPlus-Mitgliedschaft gewinnen. Die Gewinner des letzten Quiz sind:

1. Platz belegt mit 819 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – lebenslang): Norbert L.

2. Platz teilen sich jeweils mit 808 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Jasmin M. und Roman M.

 
Das Afilio-Quiz

Wir gehen in die nächste Runde: Testen Sie Ihr Vorsorge-Wissen und gewinnen Sie!

  • Punkte sammeln für schnelle und richtige Antworten
  • Top 3 gewinnen eine AfilioPlus-Mitgliedschaft
  • Gewinner werden in Ausgabe #50 bekanntgegeben
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Christine Frischke
 
Symbolbild: Ältere Frau pflückt mit einem kleinen Mädchen Äpfel im Garten
Gemeinsam Neues entdecken: Wunsch-Omas und -Opas schenken Familien ihre Zeit. (Symbolbild)

Omas sind großartig, Opas natürlich auch. Sie haben Geduld und Zeit, vermitteln Sicherheit und Erfahrung. Nebenbei entlasten sie die Eltern – und profitieren selbst vom Kontakt zu den Enkeln. Und wenn keine Großeltern da sind? Dann können ehrenamtliche Wunsch-Omas und -Opas einspringen.

Gerlinde aus Stuttgart hat mehr als 60 Enkelkinder. Zumindest, wenn man alle Kinder aus den Familien zusammenzählt, die sie als Wunsch-Oma unterstützt hat. Seit 17 Jahren springt sie ein, wenn Eltern Hilfe brauchen und keine Verwandten in der Nähe leben. Zurzeit besucht sie drei Familien. Jeweils einen Nachmittag pro Woche verbringt die 66-Jährige mit den Kindern. Manche holt sie vom Kindergarten ab, liest ihnen vor oder spielt mit ihnen. Eine Mutter mit Zwillingen begleitet Gerlinde zum Kinderturnen. Einem ihrer Schützlinge schenkte sie zum Geburtstag einen Ausflug zum Flughafen. Manchmal schaukelt sie ein Baby in den Schlaf, während die Mutter die Wäsche macht.

Als Gerlinde zum ersten Mal von den „Wunschgroßeltern“ hörte, arbeitete sie noch als Küchenhilfe in einer Kindertagesstätte. „Ich war allein und hatte die Nachmittage frei, ich fühlte mich sofort angesprochen“, erzählt sie.

Wunschgroßeltern- oder Leihgroßeltern-Projekte gibt es in vielen Städten und Gemeinden. Die Seniorinnen und Senioren schenken Familien, mit denen sie nicht verwandt sind, ihre Zeit. Das entlastet die Eltern – und die Kinder gewinnen eine weitere Bezugsperson. Die geliehenen Großeltern sollen dabei aber bewusst kein Ersatz für eine reguläre Kinderbetreuung sein. Im Vordergrund stehen die gemeinsamen Erlebnisse.

 
Ältere Frau gießt mit einem kleinen Mädchen orangefarbene Blumen im Garten
Zeit haben, zuschauen, mitmachen: Bei Wunschgroßeltern stehen gemeinsame Erlebnisse im Vordergrund. (Symbolbild)

Kinderbetreuung hält geistig fit

Auch die Wunsch-Omas und Wunsch-Opas profitieren. Sie bekommen im besten Fall Familienanschluss – ein Mittel gegen Einsamkeit. Manchmal entstehen Beziehungen, die jahrelang halten. Zudem fand eine Studie des Psychologenverbands American Psychological Association heraus, dass Großeltern, die sich um Kinder kümmern, geistig fitter sind. Sie schneiden bei Gedächtnistests besser ab und haben bessere sprachliche Fähigkeiten.

Wie wichtig ältere Menschen für die Kinderbetreuung sind, unterstreicht eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und des DIW Berlin aus dem Jahr 2022. Sie fragt im Titel „Oma und Opa gefragt?“. Und kommt zu einem klaren Schluss: „Diese Frage muss eindeutig mit einem ‚Ja‘ beantwortet werden.“ Wo leibliche Großeltern fehlen, können ehrenamtliche und professionelle „Großelterndienste“ einen Ausgleich schaffen, heißt es darin.

Gerlinde findet ihre Familien über die „Wunschgroßeltern Stuttgart“. Vor mehr als 30 Jahren gründeten ein paar Frauen sozusagen am Küchentisch den Großelternservice, um Familien in der Großstadt zu entlasten. Heute ist der Dienst Teil der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart.

Wunschgroßeltern gesucht – die Warteliste ist lang

Geleitet wird das Wunschgroßeltern-Büro von Heidemarie Bohn. „Meine Mutter war alleinerziehend“, erinnert sie sich. „Wenn sie arbeiten war, wärmte eine Nachbarin mir mittags das Essen auf.“ Solche Unterstützung möchte sie vermitteln. Davon haben auch die Seniorinnen und Senioren etwas, ist sie überzeugt: „Ich habe selbst sieben Enkelkinder, das ist eine große Bereicherung.“

Der Bedarf ist groß. Mehr als 50 Familien stehen auf Heidemarie Bohns Warteliste. In ihrem Büro liegt ein voller Ordner mit den Anfragen von Eltern, die dringend Unterstützung für ihre Kinder brauchen. Demgegenüber stehen einige wenige Wunschgroßeltern. „Wir bräuchten viel mehr Ehrenamtliche, um allen Familien helfen zu können“, sagt Bohn.

Voraussetzungen: Geduld und Herzenswärme

Wer Wunsch-Oma oder Wunsch-Opa werden möchte, muss ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. In einem Vorgespräch fragt Leiterin Heidemarie Bohn nach der Motivation. „Wunschgroßeltern sollten fit und geduldig sein und Herzenswärme haben“, sagt sie. Regelmäßig erhalten sie Fortbildungen, etwa zur Sicherheit im Straßenverkehr oder Erster Hilfe. Für die geleisteten Stunden bekommen sie eine Aufwandsentschädigung.

Hat ein Wunschgroßelternteil eine Familie aus Bohns Kartei ausgewählt, findet zunächst ein Kennenlerntreffen statt. Danach übernimmt die Seniorin oder der Senior eine Betreuung auf Probe. Nicht immer stimmt die Chemie. Oder die Erwartungen passen nicht zusammen. Einmal sollte Gerlinde auf ein vierjähriges Mädchen aufpassen. Doch das konnte sich nicht von der Mutter trennen. Ein anderes Mal fand Gerlinde zwar einen Draht zur Tochter der Familie, doch der ältere Bruder lehnte sie ab.

Einladung zur Einschulung

Trotzdem überwiegen für die Wunsch-Oma die schönen Begegnungen. Eine ihrer Familien zog nach Norddeutschland. Zur Einschulung luden die Eltern Gerlinde ein. Mit einer anderen Familie, die ebenfalls weiter wegzog, hält sie über WhatsApp Kontakt. Zweimal besuchte sie sie am neuen Wohnort. Als die Familie wieder einmal in Stuttgart war, verabredeten sie sich im Planetarium. „Diese Aufgabe macht mir einfach unglaublich viel Freude“, sagt Gerlinde.

Afilio-Tipp

Buch statt Display

Wer gerne vorliest, für den eignet sich vielleicht ein anderes schönes Projekt: Vorlese-Omas und Vorlese-Opas besuchen Kitas, Schulen oder Bibliotheken. Dort blättern sie mit Kindern in Bilderbüchern, tragen Geschichten vor und sprechen über das Gelesene. Interessierte können sich beispielsweise bei der Lesewelt Hamburg engagieren. Andere Städte haben ähnliche Angebote. Die Stiftung Lesen listet einige Initiativen auf.

Lesetipp: Wie Sie Einsamkeit im Alter aktiv begegnen können, lesen Sie in unserem Ratgeber Wenn die Stille zu laut wird: Wege aus der Einsamkeit.

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