
Der neue Mut der Alten - wie dieser 81-Jährige in die Zukunft tanzt

Als Günther Krabbenhöft noch ein vergleichsweise junger Mann war, so um die 70 Jahre, stand er am U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin und wartete auf die Bahn. Er trug eine Fliege, eine Weste, einen Hut. Eine wirklich außergewöhnliche Erscheinung war er, was auch einem Touristen auffiel, der ihn fotografierte - und mit einem Facebook-Post dazu einen unfassbaren Hype auslöste. Krabbenhöft wurde nach der Bahnfahrt im Sommer 2015 zur weltbekannten Stil-Ikone.
Ein gutes Jahrzehnt später ist er noch immer Opa cool. Wenn man den mittlerweile 81-Jährigen sieht, weiß man: Dieser Mann hat sein Leben in die eigene Hand genommen. Ihn umgibt eine Aura von Freiheit und Lebensfreude, mit der er Hunderttausende Follower auf Social Media begeistert.
Dabei ist Krabbenhöft nicht der einzige sogenannte “Granfluencer”, der es zu Bekanntheit geschafft hat. Tatsächlich erobern viele Menschen noch weit jenseits der 60 Instagram, TikTok und YouTube und beweisen damit, dass Authentizität in jedem Alter wirkt.
Warum sind Granfluencer so erfolgreich?
Das Wort Granfluencer setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern “grandparents” und “influencer”. Es beschreibt ältere Männer und Frauen, die aktiv auf Social-Media-Plattformen sind. Was sie dort posten, ist so verschieden, wie Menschen eben sind. Aber meist geht es um Leidenschaft und Vergangenheit. Um das, was sie erlebt haben, was sie daraus gelernt haben und wofür sie brennen. Das interessiert Junge und Alte gleichermaßen.
Aber woher kommt diese Faszination? Am Anfang steht offenbar die Verwunderung, wenn auf den vermeintlich so jugendlichen Plattformen ein Gesicht mit Falten und Lebensspuren auftaucht. Eine positive Überraschung sei das, sagt Ruth Gehrmann, die im Sonderforschungsbereich Humandifferenzierung an der Universität Mainz arbeitet. Ältere würden, so erklärte sie im ZDF, mit ihren Inhalten zudem Jüngeren die Angst vor dem Altern nehmen und ihnen ein Vorbild geben.
Durch die starke Präsenz bekämen ältere Menschen auch wieder mehr Sichtbarkeit in unserer Gesellschaft. Dies könne Verbindungen schaffen zwischen Generationen, die oft eher wenig miteinander zu tun haben.
Von ländlicher Strenge zum bunten Berlin
Heute trifft man Günther Krabbenhöft gelegentlich spazierend auf den Straßen Berlins – oder tanzend in den Szeneclubs. Dabei sah der Anfang seines Lebens weit weniger lässig aus:
Geboren wurde er 1945 in Hildesheim. In seiner Kindheit und Jugend auf dem Land in Niedersachsen gab es oft Schläge, und er litt an dem Gefühl, nicht dazuzugehören und es seinen Eltern nicht recht machen zu können. Als er 1968 nach Berlin kam, war das auch eine Flucht. Der gelernte Koch arbeitete ein halbes Jahrhundert in den Küchen der Stadt, die ihm neue Freiheiten gab. Trotzdem dauerte es viele Jahre, bis sich der geschiedene Vater einer Tochter, als schwul outete.
Als die Welt ihn 2015 zur Kenntnis nahm, war er jemand, der sich ein eigenes Leben geschaffen hatte; weit ab von dem, was ihm als Kind vorbestimmt schien. Dass er Stil hatte, konnte jeder sehen - so wie der Tourist, der ihn am Kottbusser Tor fotografierte und das Bild hinausschickte in die Welt.
Nur bis Günther Krabbenhöft selbst dieses Bild sah, verging eine ganze Weile. Der Mann, der später Hunderttausende Follower mit seinen Videos und Posts erreichte, hatte damals weder ein Smartphone noch einen Computer. Das hat sich inzwischen geändert. Und es nicht ohne Ironie, dass der Erfolg in virtuellen Welten dazu geführt hat, dass man seinen Weg und seine Sicht auf das Alter nun auch ganz traditionell auf Papier nachlesen kann; in dem 2020 erschienenen Buch „Sei einfach du! – Zum Jungsein bist du nie zu alt“.

“Mit zunehmendem Alter sollten wir mutiger werden”
Günther Krabbenhöft über Mut, Stil und unbekanntes Territorium
Afilio: Herr Krabbenhöft, Sie sind bekannt für Ihren Stil und Ihre Lebensfreude. Warum sollten wir gerade im Alter mutiger werden, uns selbst treu bleiben und auch mal farbenfroh aus der Reihe zu tanzen?
Krabbenhöft: Ich finde, gerade mit zunehmendem Alter sollten wir mutiger werden – wann denn sonst? Irgendwann kommt der Moment, an dem man merkt: Ich muss nicht mehr ständig darauf achten, was andere von mir denken. Jetzt ist die Zeit, das eigene Leben so zu gestalten, wie es sich für mich richtig anfühlt.
Mut heißt für mich nicht nur, bunte Kleidung zu tragen. Mut bedeutet, Neues auszuprobieren, alte Gewohnheiten loszulassen, neugierig zu bleiben, rauszugehen, Menschen zu begegnen und sich auch mit 70, 80 oder 90 noch auf unbekanntes Terrain zu wagen. Jedes Mal, wenn wir etwas Neues lernen oder uns etwas zutrauen, spüren wir: Da ist noch so viel Leben in uns.
Deshalb kann ich nur sagen: Los, Leute – ganz egal, wie alt ihr seid. Traut euch! Es ist ein wunderbares Gefühl, am Ende sagen zu können: ‚Das habe ich noch gemacht. Das habe ich mich getraut. Und ich habe dabei so viel Freude gewonnen.‘
Afilio: Viele Menschen der Generation 60+ zögern, sich auf Social Media oder neue digitale Trends einzulassen. Was hat Ihnen der Schritt in die Online-Welt persönlich geschenkt und warum lohnt es sich, die Berührungsängste abzulegen?
Krabbenhöft: Ich glaube, Neugier kennt kein Alter. Natürlich ist am Anfang vieles ungewohnt, und man fragt sich vielleicht: Brauche ich das überhaupt? Aber ich habe festgestellt, dass die digitale Welt unglaublich viele Möglichkeiten bietet. Sie bringt Menschen zusammen, eröffnet neue Kontakte und gibt einem die Chance, sich auszutauschen, zu inspirieren und selbst inspiriert zu werden.
Ich finde, wir sollten keine Angst vor neuen Entwicklungen haben. Man muss nicht alles perfekt können – wichtig ist nur, den ersten Schritt zu machen. Ich habe selbst erlebt, wie bereichernd es ist, offen zu bleiben und Neues auszuprobieren. Man entdeckt Fähigkeiten an sich, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat.
Afilio: Unser Ratgeber möchte Menschen dabei unterstützen, das Älterwerden aktiv, selbstbestimmt und voller Lebensfreude zu gestalten. Welchen ganz persönlichen Rat möchten Sie unseren über eine Million Leserinnen und Lesern für ein erfülltes Leben im Alter mit auf den Weg geben?
Krabbenhöft: Ich glaube, dass wir freundlicher mit uns selbst sein sollten und uns weniger davon abhängig machen, was andere über uns denken. Das Leben ist zu kostbar, um sich aus Angst oder Gewohnheit klein zu machen. Jeder Tag bietet die Chance, etwas Schönes zu erleben, jemandem ein Lächeln zu schenken oder selbst überrascht zu werden.
Mein Wunsch an alle Leserinnen und Leser ist deshalb: Bewahren Sie sich Ihre Neugier, Ihren Mut und Ihre Freude am Leben. Älterwerden ist kein Stillstand – es kann eine der spannendsten und freiesten Zeiten unseres Lebens sein, wenn wir sie mit offenen Augen und offenem Herzen annehmen.
