Afilio-Ratgeber #51

vom 06.11.2026
Medikamente im Alter – Welche sind wirklich sinnvoll?
Afilio LogoDamit Ihr Wille zählt.
 
Illustration: Ältere Frau mit Wasserglas nimmt eine Tablette, daneben der Titel „Medikamente im Alter: Welche sind wirklich sinnvoll?“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bei Medikamenten gilt: Was in jungen Jahren gut hilft, kann dem Körper im Alter zusetzen – und wer mehrere Präparate parallel nimmt, verliert leicht den Überblick. Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze erklärt in unserem ersten Artikel, welche Wirkstoffe für ältere Menschen ungeeignet sind, wo Sie das nachschlagen können und wie Sie das Thema beim nächsten Arztbesuch ansprechen.

Danach nimmt Stefan Schmitz Sie mit nach Lübeck, wo sich ein Lesekreis gerade gemeinsam durch Thomas Manns „Buddenbrooks” arbeitet. Er zeigt, dass solche Runden weit mehr stiften als Literaturgenuss: Gespräche, Gemeinschaft und manchmal neue Freundschaften.

Zum Schluss geht es um Menschen, die oft zu wenig an sich selbst denken: pflegende Angehörige. Carina Frey zeigt, wie speziell auf sie zugeschnittene Kuren vor der Erschöpfung schützen und wer Anspruch darauf hat. Passend dazu beantwortet Familientherapeutin Ursula Pabsch in einem Highlight Video aus unserer Sendung Afilio Live eine Frage, die viele umtreibt: Müssen Kinder eigentlich ihre Eltern pflegen?

Sie möchten diese Ausgabe des Afilio-Ratgebers lieber hören? Hier geht's zur kostenlosen Audio-Version. Außerdem finden Sie hier eine PDF-Version zum Herunterladen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.

Ihr Till Oltmanns
 
Cornelia Stolze
 
Täglich Medikamente zu nehmen gehört für viele im Alter dazu. (Symbolbild)

Menschen über 65 nehmen oft mehrere Arzneimittel parallel ein. Was viele nicht wissen: Mit zunehmendem Alter verträgt der Körper viele Präparate schlechter als in jüngeren Jahren. Einige sollten deswegen nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen eingesetzt werden. Eine Liste verrät, welche Medikamente das genau sind. Aber Achtung: Bitte keine Arzneimittel auf eigene Faust absetzen! Nutzen Sie die Liste vielmehr als Grundlage für ein Gespräch mit Ihrem Arzt. Auch etliche Apotheken bieten kostenlose Beratungen an, um die Arzneimitteltherapie zu verbessern und offene Fragen zu beantworten.

Worum geht’s?
 
  • Fast jeder dritte Mensch über 65 nimmt fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig ein.
  • Mit dem Alter arbeiten Nieren und Stoffwechsel anders. Eine jahrelang gut vertragene Dosis kann plötzlich zu hoch sein.
  • Die Priscus-Liste nennt Wirkstoffe, die für Ältere potenziell ungeeignet sind, und besser verträgliche Alternativen.
  • Nichts eigenmächtig absetzen: Lassen Sie Ihre Medikamente mindestens einmal im Jahr von Arzt oder Apotheke prüfen.
 

Arzneimittel sollen Beschwerden lindern, Krankheiten in Schach halten und das Leben verlängern. Und oft tun sie das auch: Sie retten unzähligen Menschen das Leben, nehmen Operierten stärkste Schmerzen und schützen vor schwerwiegenden Folgen von Diabetes, Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Doch gerade im Alter können Medikamente selbst zum Problem werden. Denn zahlreiche Arzneimittel können bei Senioren häufiger oder andere Nebenwirkungen auslösen als bei jungen Menschen. Das liegt auch daran, dass viele Ältere wegen chronischer Erkrankungen dauerhaft Arzneimittel einnehmen – oft mehrere parallel. Bei fast jedem dritten über 65-Jährigen sind es fünf Präparate und mehr. Nicht selten umfasst der tägliche Tabletten-Mix sogar zehn, zwölf oder zwanzig verschiedene Mittel.

Anderer Stoffwechsel, andere Wirkung

Aber nicht nur die Anzahl der Präparate macht den Unterschied. Auch der Körper verändert sich im Laufe des Lebens. Der Wassergehalt, die Muskelmasse, der Fettanteil und sogar die Zusammensetzung des Blutes hängen auch vom Alter ab. Zudem lässt die Leistungsfähigkeit der Nieren nach, über die viele Medikamente ausgeschieden werden. Ab dem 40. Lebensjahr nimmt die Nierenfunktion um rund ein Prozent pro Jahr ab. Bei Menschen, die an Bluthochdruck oder Diabetes leiden, verringert sie sich sogar deutlich stärker. Deshalb muss bei vielen Medikamenten, die über die Nieren ausgeschieden werden, mit der Zeit die Dosis reduziert werden.

In der Praxis heißt das: Sogar, wenn Sie ein Medikament seit 20 Jahren in einer bestimmten Dosierung einnehmen, kann es sein, dass Sie dieses mit der Zeit nicht mehr so gut vertragen und auf einmal Nebenwirkungen auftreten, die Sie bis dahin nie hatten.

Allein dadurch, dass das Arzneimittel mittlerweile zu langsam ausgeschieden wird, kann zum Beispiel die bisherige Einnahme von drei Tabletten am Tag zu einer Überdosierung führen. Im Einzelfall kann es sogar sinnvoll sein, ein Arzneimittel ganz abzusetzen, wenn die Nebenwirkungen zu stark sind.

 
Ältere Hände halten mehrere bunte Tabletten und Kapseln
Symbolbild: Je mehr Präparate zusammenkommen, desto wichtiger ist ein regelmäßiger Medikamenten-Check.

Das Problem beginnt oft im Krankenhaus

Gerade Krankenhäuser sind in diesem Zusammenhang ein schwieriger Ort. Zu diesem Schluss kommt unter anderem eine Untersuchung, die die Pharmakologin Petra Thürmann vor wenigen Jahren durchgeführt hat. Die Medizinerin ist Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke und leitet das Philipp-Klee-Institut für klinische Pharmakologie am Helios-Klinikum Wuppertal. Wie wenige andere Mediziner in Deutschland hat sich Thürmann in den vergangenen Jahren um die Aufklärung über Nebenwirkungen verdient gemacht.

In ihrer Studie hatte die Forscherin gemeinsam mit mehreren Kollegen die medikamentöse Behandlung (Medikation) von mehr als 150.000 Seniorinnen und Senioren untersucht. Ein Ergebnis: „Viele alte Menschen schlucken Medikamente, die für sie nicht geeignet sind“, so Thürmann. „30 Prozent der Untersuchten nahmen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus mindestens ein Arzneimittel, das für ältere Menschen potenziell unangemessen ist. 70 Prozent bekamen Medikamente zu lange oder in zu hohen Dosen.“

Potenziell ungeeignete Medikamente: Die Priscus-Liste

Die sogenannte Priscus-Liste zählt die für Menschen über 65 Jahre problematischen, in häufig verordneten Arzneimitteln enthaltenen Wirkstoffe auf. Ärzte sprechen von „potenziell inadäquater Medikation“, kurz PIM. Das bezieht sich vor allem auf Wirkstoffe, die das Risiko für Stürze erhöhen, Schwindel hervorrufen, das Denkvermögen beeinträchtigen oder aber zu einem schnellen Abfall des Blutdrucks führen können. Immer wieder kommt es zu so schweren Komplikationen durch PIM, dass die Betroffenen in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Die erste Version der Priscus-Liste für den deutschen Arzneimittelmarkt erschien 2010. Sie umfasste rund 80 problematische Wirkstoffe. Inzwischen wurde die Liste überarbeitet und ergänzt. Die neue Version enthält 187 PIM, mehr als doppelt so viele Substanzen wie die ursprüngliche Liste, und benennt Alternativen mit weniger Nebenwirkungen. Die Aufnahme in die Liste bedeutet nicht automatisch, dass der Wirkstoff in jedem einzelnen Fall vermieden werden muss – aber besondere Vorsicht ist geboten. Wer ein potenziell ungeeignetes Medikament einnimmt, sollte es auf keinen Fall eigenständig absetzen, sondern mit dem Arzt oder der Ärztin darüber sprechen. Petra Thürmann hat sowohl die Original-Version der Priscus-Liste als auch die Aktualisierung im Jahr 2022 federführend betreut.

Tipp: Kostenlose Broschüre zu Medikamenten im Alter

Die aktuelle Priscus-Liste ist im Internet frei verfügbar. Für Patienten, deren Angehörige und Pflegende sind die darin enthaltenen Tabellen und wissenschaftlich-medizinischen Anmerkungen jedoch häufig mühsam zu erfassen. Deshalb hat das Bundesforschungsministerium eine allgemeinverständliche Broschüre erstellt, die die Priscus-Liste für alle zugänglich macht.

Nach Krankheitsbildern gegliedert, fasst die Broschüre die häufigsten Nebenwirkungen zusammen und nennt Wirkstoffe, die möglicherweise besser verträglich sind. Die Palette reicht von Wirkstoffen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Mittel gegen Diabetes, gegen Schmerzen, gegen Schlaflosigkeit, Ängste, Depression, Parkinson-Syndrome, Unruhe, Gedächtnisstörungen und Aggressivität. Ein Schlagwortregister listet zudem alle relevanten Wirkstoffe alphabetisch auf, die für ältere Menschen als potenziell ungeeignet eingestuft sind. In der Liste finden sich keine Handelsnamen von Arzneimitteln, denn die können je nach Hersteller sehr unterschiedlich sein.

Darüber hinaus finden sich in der Broschüre Informationen zu typischen Nebenwirkungen und deren möglichen Auslösern sowie praktische Tipps. Zum Beispiel den, die gesamte Medikationsliste wenigstens einmal im Jahr gemeinsam mit einem Arzt oder einer Ärztin zu „entrümpeln“. Immer wieder kommt es nämlich vor, dass ein Medikament über Monate und Jahre nur deshalb weiter genommen wird, weil der Arzt vergessen hat, es abzusetzen.

Die Broschüre wurde 2026 aktualisiert. Sie ist kostenlos erhältlich und kann im Internet als PDF-Dokument heruntergeladen werden. Wer möchte, kann sich die Broschüre auch zuschicken lassen. Schriftliche Bestellungen sind zu richten an:

  • Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 50 10 54, 18155 Rostock

  • oder per E-Mail an: publikationen@bundesregierung.de

  • per Fax an: 030 18 10 272 272 11

  • Telefonische Bestellungen über: 030 18 272 272 1

Lesetipp: Warum ein Medikationsplan im Notfall Leben retten kann, lesen Sie in Medikationsplan auf der Notfallkarte.

„Nein“, sagt die systemische Familientherapeutin Ursula Pabsch bei Afilio Live. Warum es trotzdem einen doppelten Boden gibt und was hilft, wenn die eigenen Eltern keine Hilfe annehmen wollen, erklärt sie in sechs Minuten auf unserem YouTube-Kanal.

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Wenn Sie den Kanal abonnieren, verpassen Sie auch die nächste Sendung nicht: am Montag, 16. November, um 18 Uhr mit Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip.

Stefan Schmitz
 
Lesekreis in Lübeck: Ältere Frauen und Männer sitzen mit Büchern im Stuhlkreis, an der Wand der Stammbaum der Familie Mann
125 Jahre „Buddenbrooks“: In Lübeck sprechen Literaturbegeisterte gemeinsam über Thomas Manns Roman. (Foto: Stefan Schmitz)

Kein Smartphone, kein Videocall: In Lübeck tauschen sich Literaturbegeisterte über ihre Lektüre aus. So wie viele Zehntausende im ganzen Land.

Die alte Dame, dem Tod geweiht, stöhnte und flehte: „Was zu schlafen! … Meine Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen …!“ Doch die Ärzte erlösten sie nicht. Sie taten alles, um „das Leben um jeden Preis zu konservieren“. Es wurde eine furchtbare Nacht, bis früh am Morgen über das Gesicht der greisen Konsulin eine „jähe, entsetzte Freude“ huschte und sie verschied.

125 Jahre ist es her, dass Thomas Manns großer Gesellschaftsroman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ erschienen ist, aus dem die Szene stammt. Am Tag des Jubiläums rücken im Herzen von Lübeck knapp zwei Dutzend Menschen Stühle in einen Kreis, um miteinander zu sprechen – über das Buch, über Thomas Mann, aber auch darüber, was der Text ihnen bedeutet und wie aktuell er eigentlich ist. Eine Stunde lang wird niemand ein Smartphone anrühren, nirgendwo klingelt es. Manchmal rascheln ein paar Buchseiten in diesem eher funktionalen Nebenraum des Museumsshops „Buddenbrooks am Markt“.

So wie die Lübecker Thomas-Mann-Fans treffen sich überall im Land Menschen, um über Literatur zu sprechen. Eine Nischenerscheinung ist das gemeinsame Lesen längst nicht mehr. Auch wenn niemand genau weiß, wie viele Lesekreise es in Deutschland gibt, steht fest: Es sind sehr viele. Schätzungen reichen von 30.000 bis 70.000.

In Thomas Manns Heimatstadt wird jeden zweiten Dienstag im Monat ein Teil des monumentalen Werks besprochen. Durch die Runde führt die Chefin des Buddenbrookhauses, Caren Heuer. Sie kennt sich nicht nur aus, sondern lässt auch zu, dass die Teilnehmerinnen und die wenigen Teilnehmer Spaß haben. Etwa wenn eine Frau versucht, die standesbewusste Kopfhaltung nachzumachen, die im Buch beschrieben wird: Kinn auf die Brust, Kopf in den Nacken.

„Gut, dass wir heute eine Patientenverfügung haben“, sagt eine Frau über das mit Liebe zum Detail geschilderte Sterben von Elisabeth „Bethsy“ Buddenbrook, der Konsulin. Eine andere, mit rotem Haar, feiert Bethsys unangepassten Sohn Christian: „Er bricht aus, er lehnt sich auf. Das ist auch eine Kraft.“ Oder ist doch Christians ungleicher Bruder Thomas sympathischer, wie eine sorgfältig frisierte Diskutantin meint? Für einen Herrn mit markanter Brille steht fest: „Es ist eine Einladung, darüber nachzudenken, was Stärke bedeutet.“

Es geht hin und her, stets freundlich und zugewandt. Alle im Raum genießen es, zusammen zu sein und über das Werk und seinen Schöpfer zu sprechen. Thomas Mann, den seine Familie den „Zauberer“ nannte, schaut von den Fotos an der Wand zu. In der Ecke steht gar ein lebensgroßes Pappbildnis des Nobelpreisträgers.

 
Anke Barusic lächelt vor einem lebensgroßen Pappaufsteller von Thomas Mann
Anke Barusic vor dem Pappbildnis von Thomas Mann (Foto: Stefan Schmitz)

Die Teilnehmer halten ihre von intensiver Lektüre gezeichneten Bücher in der Hand, einige in alten Ausgaben, so wie Anke Barusic, die vor über 35 Jahren vorne in ihr Exemplar geschrieben hat: „Ein seltsames Buch!“ Nach der Veranstaltung schlendert die 64-Jährige durch die Lübecker Innenstadt zur Königstraße, wo Hans Wißkirchen, Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft, einen Vortrag hält und sein neues Buch vorstellt. Die Krankenschwester liest viel, anspruchsvolle Sachen, aber auch Krimis, Agatha Christie findet sie toll. Wichtig ist ihr, unter Leute zu kommen und sich mit anderen auszutauschen. „Es macht immer Spaß, diese Menschen zu treffen“, sagt sie über die Runde. „Auch die Kontroversen finde ich super.“

 
Handschriftlicher Eintrag „Ein seltsames Buch!“ von Anke Barusic, datiert Mai 1991
„Ein seltsames Buch!“: Anke Barusics Eintrag in ihrer Ausgabe von 1991 (Foto: Stefan Schmitz)

In zwei Jahren geht sie in Rente. Darauf bereitet sie sich jetzt schon vor, indem sie neue Kontakte knüpft und sich Tätigkeiten sucht, die ihr Sinn geben und anderen helfen. So kümmert sie sich etwa um einen Jungen aus Afghanistan, mit dem sie einmal in der Woche etwas unternimmt.

 
Anke Barusic hält lachend eine abgegriffene Taschenbuchausgabe der Buddenbrooks vor einem schmiedeeisernen Treppengeländer
Anke Barusic mit ihrer alten Buddenbrooks-Ausgabe (Foto: Stefan Schmitz)

Der Verfall der Familie Buddenbrook ist in der Lektüre des Kreises weit fortgeschritten. Noch vor Weihnachten werden die Figuren am Ende des Romans von Tod, Ruin und Psychiatrie eingeholt werden. Aber die gemeinsame Freude an Literatur ist damit nicht vorbei. Im nächsten Jahr werden sie ein anderes Buch lesen. Dr. Heuer lässt sich dazu überreden, schon zu verraten, welches es ist. Kontrovers wird es damit sicher bleiben. Und eingeladen ist jeder, der lesen und diskutieren möchte.

Lesezirkel in jeder Stadt

Im Internet geben Seiten wie mein-literaturkreis.de einen Eindruck von der Szene. Dort finden sich auch Tipps, wie man passende Kreise in der Umgebung entdeckt. Anlaufstellen hierfür sind zum Beispiel Bibliotheken, Buchhandlungen und Volkshochschulen. Oder man gründet selbst einen Kreis, der sich privat trifft – eine wunderbare Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen.

Lesetipp: Wie Sie Schritt für Schritt aus der Einsamkeit herausfinden, lesen Sie in Wenn die Stille zu laut wird.

Im letzten Afilio-Ratgeber (Ausgabe #50) gab es eine neue Runde des Afilio-Quiz. Die Teilnehmer konnten ihr Vorsorge-Wissen testen und eine AfilioPlus-Mitgliedschaft gewinnen. Die Gewinner des letzten Quiz sind:

1. Platz belegt mit 822 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – lebenslang): Elke M.

2. Platz belegt mit 821 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Harald Winter

3. Platz belegt mit 813 Pkt. (Afilio Mitgliedschaft – 5 Jahre): Katharina M.

 
Das Afilio-Quiz

Wir gehen in die nächste Runde: Testen Sie Ihr Vorsorge-Wissen und gewinnen Sie!

  • Punkte sammeln für schnelle und richtige Antworten
  • Top 3 gewinnen eine AfilioPlus-Mitgliedschaft
  • Gewinner werden in Ausgabe #52 bekanntgegeben
Quiz starten
Carina Frey
 
Drei Wochen raus aus dem Alltag: Pflegende Angehörige haben Anspruch auf eine Vorsorge- oder Reha-Kur.

Viele pflegende Angehörige haben das Gefühl, dass ihre Hilfe nicht ausreicht. Und sie noch mehr tun müssten. Das kann auf Dauer krank machen. Um dem vorzubeugen, gibt es Kuren für pflegende Angehörige.

Worum geht’s?
 
  • Pflegende Angehörige haben Anspruch auf eine dreiwöchige stationäre Vorsorge- oder Reha-Maßnahme.
  • Voraussetzung: mindestens sechs Monate Pflege einer Person mit Pflegegrad und gesundheitliche Beschwerden durch die Pflege.
  • Die Ärztin oder der Arzt verordnet die Kur, die Krankenkasse genehmigt sie und organisiert die Versorgung der pflegebedürftigen Person.
  • Lehnt die Kasse ab, bleibt ein Monat Zeit für einen Widerspruch.
 

Machen, machen, machen und doch nie fertig werden. Dieses Gefühl verfolgt Saskia Rehm ständig. Nachts liegt sie wach und denkt: „Ich muss für Mama Suppe vorkochen, ich muss den Arzt anrufen.“ Saskia Rehm, die eigentlich anders heißt, pflegt ihre demenzkranke Mutter. Sie merkt: Ich stehe nur noch unter Strom.

Pflegende Angehörige wie Saskia Rehm sind die Hamster der Nation. Sie laufen und laufen, bis sie irgendwann nicht mehr können. Acht von zehn pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt, die meisten von ihnen durch Angehörige oder andere nahestehende Personen. Wie hoch die Belastung der Angehörigen ist, dokumentiert zum Beispiel der Pflegemonitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK: Die Befragten gaben an, im Mittel 31 Stunden pro Woche zu pflegen. Jede vierte Hauptpflegeperson sagte, die Situation sei „eigentlich gar nicht mehr“ oder „nur unter Schwierigkeiten“ zu bewältigen. Diese Belastung hat gesundheitliche Folgen: Pflegende leiden häufiger unter Rückenschmerzen und Schlafstörungen, Gelenkbeschwerden und Depressionen als Menschen, die nicht in Pflegeverantwortung stehen.

Das Ziel der Kuren: Krankheiten vorbeugen

Um daran etwas zu ändern, haben pflegende Angehörige seit dem Jahr 2012 Anspruch auf eine stationäre Vorsorge- oder Rehabilitationsleistung. Die Kur oder Reha soll verhindern, dass sie krank werden oder sich eine bestehende Krankheit verschlimmert. Allerdings sind die Angebote für pflegende Angehörige immer noch zu wenig bekannt. Im Jahr 2024 nahmen beim Müttergenesungswerk, einem der größten Anbieter, lediglich 416 pflegende Angehörige eine Reha- oder Vorsorgemaßnahme in Anspruch. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr nutzten 50.000 Frauen eine Mutter-(Kind)-Kur und 3.400 Männer eine Vater-(Kind)-Kur – auch, weil es leichter ist, dort einen Platz zu bekommen.

Die Kur oder Reha dauert drei Wochen. Auf dem Programm stehen Therapien, Sport, Entspannung und Stressbewältigung. In Gruppen- und Einzelgesprächen wird die Pflegesituation in den Blick genommen. Viele pflegende Angehörige berichten von Stress und Überforderung, starker Erschöpfung, fehlender Zeit für sich selbst bis hin zur Selbstaufgabe. Gemeinsam mit den Therapeutinnen und Therapeuten besprechen sie, was Kraft raubt und sich ändern lässt.

Saskia Rehm braucht ein paar Tage, bis sie bei der Kur zur Ruhe kommt.

Wenn man im Hamsterrad steckt, nimmt man das hin. Hier habe ich zum ersten Mal meine Situation reflektiert.

– Saskia Rehm

Gesundheitliche Probleme als Folge der Pflege

Die Kur oder Reha muss von einem Arzt oder einer Ärztin verschrieben und von der Krankenkasse genehmigt werden. Voraussetzung dafür ist, dass die Pflegeperson seit mindestens sechs Monaten einen Menschen mit Pflegegrad pflegt. Außerdem müssen die gesundheitlichen Probleme aus den Belastungen der Pflege resultieren. Plötzliche Weinanfälle, das Gefühl „Ich kann nicht mehr!“, häufige Rücken- und Kopfschmerzen: Das alles sind Alarmzeichen, dass der Körper im Notfallprogramm läuft und dringend eine Auszeit braucht. So schwer es fällt, eigene Schwäche zuzugeben: Es ist wichtig, dass der Arzt oder die Ärztin von solchen Beschwerden erfährt.

Die Ärztinnen und Ärzte müssen in der Verordnung darlegen, dass die Beschwerden Folge der Pflege sind und welche Ziele mit der Vorsorge- oder Reha-Maßnahme erreicht werden sollen. Das Attest wird zusammen mit einem Antrag bei der Kasse eingereicht. Dabei holt man sich am besten Hilfe bei einer Kurberatungsstelle oder bei einer Klinik, die Kuren für pflegende Angehörige anbietet.

Die Krankenkasse prüft den Antrag und schickt in der Regel innerhalb eines Monats den Bescheid. Lehnt sie den Antrag ab, hat man einen Monat Zeit, Widerspruch einzulegen. Bewilligt die Krankenkasse die Kur oder Reha, stellt sie eine Liste möglicher Kliniken bereit. Laut Müttergenesungswerk kann die Wartezeit auf einen freien Platz allerdings bis zu einem Jahr betragen.

Zur Kur besser allein

Die Krankenkasse muss sich auch um die Versorgung der pflegebedürftigen Person kümmern und zum Beispiel einen Platz in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung organisieren. Einzelne Kurkliniken bieten an, pflegebedürftige Angehörige mit aufzunehmen. Das Müttergenesungswerk rät davon aber eher ab. Den Fokus einmal ganz auf sich selbst richten zu können, sei wichtig, um langfristig von der Kur profitieren zu können, so eine Sprecherin.

Viele Pflegende verlassen für die Kur oder Reha das erste Mal die Pflegesituation. Und sehen plötzlich: Es geht. Das macht Mut, andere Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Die Frage „Wie lässt sich die Pflege künftig so gestalten, dass sie mich weniger belastet“ ist ein zentrales Thema während der Auszeit.

Forschende der Hochschule Bielefeld befragten 265 pflegende Angehörige, die eine Reha- oder Vorsorgemaßnahme besucht hatten. Die Mehrheit äußerte sich positiv über den Aufenthalt. Die Zeit habe ihnen gutgetan, sie fühlten sich gestärkt und würden wieder mit mehr Lebensfreude durch den Alltag gehen. Vor allem aber hätten sie gelernt, sich mehr um sich selbst zu kümmern und bewusst Pausen zu nehmen.

„Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, mehr tun zu müssen“, sagt Saskia Rehm. „Während der Kur habe ich gemerkt: Diese Aufopferung bringt nichts. Ich muss mich um mich selbst kümmern, sonst kann ich nicht auf Dauer pflegen.“

Zum Ratgeber "Pflege"

Lesetipp: Wer sich während der Kur um Ihre Angehörigen kümmert und welche Leistungen die Pflegekasse dafür zahlt, lesen Sie in unserem Ratgeber Urlaub für pflegende Angehörige.

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