
Es geht bei der Rente nicht um Fakten

Der Wirtschaftsjournalist Andreas Hoffmann, selbst Volkswirt und seit Jahrzehnten professioneller Beobachter der Sozialpolitik, hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben: “Die erfundene Bedrohung. Wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt.” Darin attackiert er mit viel Schwung die These, dass die Rentenversicherung ein Sanierungsfall sei und eine grundlegende Reform unumgänglich. Das Buch steht auf der Shortlist für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis, der im Oktober vergeben wird.
Es gibt in Deutschland immer weniger junge Menschen und immer mehr alte. Und diese Alten werden auch noch immer älter. Wie kann das gut gehen?
Es kann wunderbar funktionieren. In Japan zum Beispiel wächst die Wirtschaft, das Land ist innovativ. Und das, obwohl es um Millionen Menschen schrumpft, die Leute im Schnitt noch älter sind als in Deutschland und die Frauen weniger Kinder bekommen. Das zeigt: Es ist nicht die Demografie, die den Sozialstaat aushebelt. Diese ganze Untergangserzählung ist Quatsch.
In der Rentenkommission waren sich aber alle führenden Experten - von links bis rechts und von jung bis alt - einig: Wir brauchen eine ganz grundlegende Reform unserer Rente. Offenbar gibt es doch große Probleme.
Aber das Problem ist nicht die Rente. Als Antwort auf die Herausforderungen reicht es nicht, an der Rente mit 63 herumzuschrauben oder ein neues Gesamtversorgungsniveau zu definieren. Rentenpolitik ist Migrationspolitik, die neue Beitragszahler ins Land lässt. Rentenpolitik ist Frauenpolitik, weil sie ermöglichen muss, dass Mütter mehr arbeiten können. Rentenpolitik ist Produktivitäts- und Innovationspolitik, damit unsere Unternehmen auch in Zukunft genügend Jobs anbieten können, um den Sozialstaat zu finanzieren. Rentenpolitik ist…
….letztlich funktioniert der ganze Sozialstaat nur, wenn die Wirtschaft funktioniert. Und eben nicht, wenn sie es nicht tut.
Damit sie aber funktioniert, muss sich etwas ändern. Wenn wir zu wenige Köpfe haben in diesem Land, was ja viele behaupten: Warum nutzen wir die Köpfe nicht, die wir haben? Wir haben etwa 2,8 Millionen junge Leute zwischen 18 und 32 Jahren, die keine vernünftige Ausbildung haben und um die sich keiner kümmert. Man kann natürlich eine Rentenreform machen. Aber das ist nicht entscheidend, denn die letzten 20 Jahre haben gezeigt, dass die Rente nicht durch kleinteilige Reformen wie die Rente mit 67 oder die Riesterrente gerettet wurde, sondern durch den Arbeitsmarkt und durch Zuwanderung.
Man könnte auch sagen, sie sei durch Glück gerettet worden. Denn ohne dass jemand die Absicht hatte, hat sich der Arbeitsmarkt verändert und es gab Millionen neue Beitragszahler. Aber ist Glück nicht für die Zukunft eine etwas unzuverlässige Strategie gegen schon jetzt erkennbare Herausforderungen?
Es stimmt, dass die Prognosen für die Zukunft nicht schön aussehen. Wahr ist aber auch, dass die Prognosen für die Zukunft immer schlecht ausgesehen haben. Schon in den 1930er Jahren hat der Bevölkerungswissenschaftler Friedrich Burgdorf gesagt, dass Deutschland schrumpfen werde, dass wir Ende des Jahrhunderts nur noch 47 Millionen Deutsche sein werden. Heute leben 84 Millionen im Land. Das Statistische Bundesamt hat 2003 gesagt, dass Deutschland schrumpfe, sei ein unausweichlicher Prozess und nicht zu stoppen. Seit 2010 sind wir um 3,4 Millionen Menschen gewachsen. Was ich damit sagen will, ist, dass niemand die Zukunft kennt.
Der Kanzler scheint da schon eine Vorstellung zu haben, wenn er sagt, die Rente sei auf dem Weg zu einer Basisabsicherung und man solle sich jedenfalls nicht allein auf sie verlassen.
Das muss nicht so sein. Wir haben es in den letzten Jahrzehnten doch geschafft, die Kosten in den Griff zu kriegen. Wir geben vom Bruttoinlandsprodukt einen schrumpfenden Teil für die Rente aus - obwohl wir mehr Rentner haben, die im Schnitt länger leben. Das ist ein weltweit ganz ungewöhnlicher Trend, der übrigens nichts mit der Rente mit 63 zu tun hat. Bei der geht es um nicht mehr als ein Prozent der Rentenausgaben. Sie taugt dazu, die Emotionen anzuheizen, spielt wirtschaftlich aber keine Rolle. Wir müssen uns endlich um die tatsächlichen Probleme kümmern und nicht um die Mythen, die sich um die Demografie ranken. Wir können bis 75 oder 80 arbeiten, trotzdem werden die Chinesen unsere veralteten Verbrennerautos nie wieder kaufen.
Wenn die Rentenreform letztlich nicht entscheidend ist, warum wird dann mit so viel Herzblut um sie gestritten?
Es geht bei der Rente nicht um Fakten. Es geht um Geschichten. Es geht um das Verhältnis der Generationen - und das ist immer sehr emotional. Man kann sehr sachlich über viele Probleme diskutieren. Aber normalerweise sagen die einen, ihr Alten kriegt die Superrenten und jetzt die Rente mit 63 noch als Sahnehäubchen. Die anderen sagen, ihr Jungen habt noch nie richtig gearbeitet, und jetzt hetzt ihr den 65-Jährigen Dachdecker die Leiter hoch. Für die Medien ist das ein Geschenk.
Junge Leute - zum Beispiel aus der eigentlich nicht sehr rebellischen Unionsfraktion im Bundestag - fühlen sich aber ganz real übervorteilt. Sie glauben, dass ihre Generation durch die Rentenpolitik benachteiligt wird gegenüber denen, die heute in Rente sind oder es bald sein werden.
Wo werden denn die jungen Leute benachteiligt heute? Ich kann mich erinnern, dass es solche Berichte schon in den 80er Jahren gab. Der zweite Punkt ist, dass die jungen Leute von heute weniger Rentenbeitrag zahlen als die vor 30 Jahren. Sie sind also weniger belastet worden und nicht mehr, obwohl wir Millionen Rentner mehr haben. Richtig ist, dass die Krankenversicherungsbeiträge und die Pflegebeiträge gestiegen sind - die bezahlen aber auch die Rentner. Was die Alterungskosten angeht, gibt es keine zusätzliche Belastung der jungen Leute.
Die Sorge richtet sich ja auch mehr in die Zukunft. Auf die Zeit, wenn die heute Jungen alt sind. Sie fürchten, dass dann niemand mehr ihre Rente bezahlen wird.
Wie die Zukunft aussieht, wird davon abhängen, welche Innovation, welche Produktivität wir erreichen und wie unsere Wirtschaft da steht. Denn wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, dann nützt die beste Rentenkürzung nichts.
Eltern versuchen ja immer, ihren Kindern mehr Wohlstand und bessere Chancen mitzugeben, als sie von ihren Eltern bekommen haben. Können die heute über 60-Jährigen sagen, dass sie diesem Anspruch insgesamt gerecht geworden sind?
Das ist eine sehr gute und schwierige Frage. Klar, wir haben sicherlich Raubbau an den Ressourcen betrieben. Aber vieles von dem, was heute möglich ist, haben die Boomer erst durchgesetzt. Gesellschaftlich ist vieles vorangegangen. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Boomergeneration vieles von den Werten, die sie erarbeitet hat, auch vererbt. Da geht es um Hunderte Milliarden im Jahr.
Ein Stereotyp ist das Bild vom ergrauten Paar, das an Bord eines Kreuzfahrtschiffes Champagner schlürft.
Viele sogenannte Dokumentationen suggerieren, der klassische Boomer lebe in Saus und Braus und schere sich nicht darum, ob für die Nachfolgenden noch ein bewohnbarer Planet übrig bleibt. Aber es sind sehr unterschiedliche Leute, die die Erde ausplündern. Das hat erstmal nichts mit der Zugehörigkeit zu einer Generation zu tun. Es ist eher eine Frage von arm und reich. Die Geschichte “jung gegen alt” ist schön zu inszenieren, stimmt aber so nicht. Die Welt ist etwas komplexer. Es gibt den Azubi oder den Studenten, der nicht weiß, wie er seine Wohnung finanzieren kann. Es gibt aber auch junge Erben, die in London oder New York studieren und ein Loft im Prenzlauer Berg leer stehen lassen. Bei den Alten ist es ähnlich. Da gibt es großen Reichtum. Aber neun von zehn alleinlebenden Frauen über 65 haben weniger als 2000 Euro brutto im Monat - die jetten nicht von den Malediven nach Mallorca.
Jenseits aller Fragen nach dem Sozialstaat und seiner Finanzierung hat die Alterung der Bevölkerung vielfältige Folgen. Was unterscheidet eine alte Gesellschaft wie unsere von einer jungen Gesellschaft?
Alte Gesellschaften sind gute Gesellschaften, weil sie gut organisiert sind, weil sie einen ausgebauten Sozialstaat haben. Sie sind oft innovativ und haben eine Verwaltung, auf die man sich meistens verlassen kann. Wenn man sich anschaut, wo Innovationen stattfinden, dann finden die in der Regel in alten Ländern statt, weil Innovationen einen institutionellen Rahmen brauchen. Sie brauchen ein gutes Bildungssystem und Rechtssicherheit, Finanzierungsquellen und einen wirkungsvollen Patentschutz. Über all das verfügen ältere Gesellschaften.
Der oder die schlaue 28-Jährige ist also nicht schlecht aufgehoben an einer Universität in einem Land voller Greise?
Davon bin ich überzeugt. Weil die Institutionen in jungen Gesellschaften oft nicht ausreichen, damit Kreativität und Erfindergeist sich auch entfalten und wirksam werden können. Länder wie Afghanistan, Mali oder Nigeria haben eine sehr junge Bevölkerung - aber innovativ sind sie deshalb noch lange nicht. Jugend allein reicht nicht.

