
Früherkennung von Brustkrebs: Was nutzt das Mammographie-Screening wirklich?

Das Wichtigste in Kürze:
- Das Mammographie-Screening senkt die Brustkrebssterblichkeit nur gering: Innerhalb von rund elf Jahren sterben von 1.000 Frauen 4 statt 5 an Brustkrebs.
- Für eine längere Lebenserwartung oder eine geringere Krebssterblichkeit insgesamt gibt es keinen Nachweis.
- Die oft genannten „20 bis 30 Prozent" beziehen sich auf das relative Risiko und lassen den kleinen Effekt deutlich größer wirken.
- Etwa jede zehnte gesunde Teilnehmerin erhält einen Fehlalarm, manche Frauen werden wegen harmloser Veränderungen unnötig behandelt.
- Ob Sie teilnehmen, bleibt Ihre Entscheidung. Wichtig ist, Nutzen und Risiken zu kennen.
Vor kurzem flatterte mir eine Einladung ins Haus, die auf den ersten Blick wie ein tolles Angebot wirkt. „Sie haben die Möglichkeit, an einer kostenlosen Mammographie-Untersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs teilzunehmen“, hieß es in der beigefügten Info-Broschüre vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Besser noch: Ich muss mich noch nicht einmal um einen Termin kümmern. Den hat schon jemand für mich gemacht: An einem Mittwoch in knapp vier Wochen kann ich um 10:15 Uhr im „Mammobil 2“ auf dem Parkplatz einer ehemaligen Schule in meiner Nähe zur Untersuchung kommen.
Keine Frage – ich möchte natürlich nicht an Brustkrebs sterben. Genauso wenig möchte ich mir irgendwann selbst vorwerfen müssen, dass ich versäumt habe, alles dafür zu tun, dass Brustkrebs frühzeitig bei mir erkannt wird und meine Heilungschancen so gut wie möglich sind.
Doch stimmt es wirklich, dass das Mammographie-Screening „Leben rettet“, wie Medien von der ARD bis zur BILD-Zeitung verkünden? Und was bedeutet es, wenn das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und Ärzteverbände wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung behaupten, dass die Brustkrebs-Todesfälle unter den Frauen, die an dem Programm teilnahmen, laut einer Studie „zwischen 20 und 30 Prozent“ zurückgegangen sind und dass eine Teilnahme am Mammographie-Screening „nachweislich von Nutzen“ ist?
„Systematische Fehlinformationen“
Herzlich wenig, urteilen der Berliner Risiko-Spezialist und Psychologieprofessor Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die Expertin für Data Analytics Katharina Schüller und der Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) Thomas K. Bauer. Sie sehen in den Pressemeldungen einen Fall von „systematischer Fehlinformation“. Vermeintliche Erfolge würden darin überzeichnet und potenzielle Schäden verschwiegen. Das Mammographie-Screening halte schlichtweg nicht, was es verspricht.
Was die wissenschaftlichen Daten wirklich zeigen
In einer Mitteilung auf der Website des RWI erläutert das Team, was die wissenschaftlichen Daten zum Thema wirklich zeigen. Die Wissenschaftler stützen sich dabei auf acht sogenannte randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt rund 600.000 Frauen:
- Lebenserwartung: Eine 2023 in der Fachzeitschrift JAMA veröffentlichte Analyse hat gezeigt, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Frauen, die am Screening teilnehmen, auch nur einen Tag länger leben als jene, die nicht teilnehmen.
- Krebssterblichkeit (alle Arten von Krebs): 2013 stellten Forscher der Organisation Cochrane fest, dass die Gesamtsterblichkeit an Krebs – einschließlich Brustkrebs – in beiden Gruppen gleich ist.
- Brustkrebssterblichkeit: Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt, dass von jeweils 1.000 Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren in einem Zeitraum von etwa elf Jahren rund fünf an Brustkrebs sterben, wenn sie nicht am Screening teilnehmen. In der Screening-Gruppe sind es vier. Doch gleichzeitig stirbt dort im Schnitt eine Frau mehr an einer anderen Form von Krebs. Forscher erklären diesen Effekt damit, dass jede Krebsdiagnose aggressive Folgemaßnahmen nach sich zieht, etwa Operationen, Chemotherapien oder Bestrahlungen. Diese Behandlungen haben teils schwere Nebenwirkungen: So können Strahlen- oder Chemotherapien das Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Krebsarten (z. B. Lungenkrebs) leicht erhöhen. Sterben einige der übertherapierten Frauen später an diesen Folgen, gleicht das den Überlebensvorteil der früh erkannten, echten Krebsfälle in der Gesamtbilanz wieder aus. Diese Tatsache erklärt, warum die Gesamt-Krebssterblichkeit unverändert bleibt (siehe Punkt 2).
- Risiken des Screenings: Neben einer (geringen) Strahlenbelastung gibt es zwei wesentliche Risiken:
- Etwa jede zehnte gesunde Frau erhält ein falsch-positives Ergebnis. Das bedeutet: Sie erhält eine Brustkrebs-Diagnose, obwohl sie gar nicht an Brustkrebs erkrankt ist. Natürlich ist eine solche Diagnose ein Schock. Auch wenn sich nachher herausstellt, dass alles okay ist: Der Fehlalarm ruft sehr reale Ängste hervor. Und das mitunter über Wochen. So lange dauert es nämlich häufig, bis die Entwarnung kommt. Zudem zieht ein solcher Fehlalarm unnötige Untersuchungen nach sich, wie etwa zusätzliche Röntgenuntersuchungen oder eine Operation, bei der unter Vollnarkose Gewebe aus der Brust entnommen wird (Biopsie).
- Einige Frauen erhalten eine Krebsdiagnose, obwohl sie eine sehr langsam oder nicht-fortschreitende Veränderung des Brustgewebes haben, die zu Lebzeiten nie Beschwerden verursacht hätte. Die Folge ist häufig, dass ihnen unnötigerweise Brustgewebe oder gar die vollständige Brust amputiert wird.
Fazit: Mammographie-Screening rettet kein Leben
Die Wissenschaftler um Gerd Gigerenzer kommen in ihrer Analyse zu dem Schluss: „Die beiden entscheidenden Informationen – dass es keinen Nachweis gibt, dass Screening die Lebenserwartung verlängert oder auch die Wahrscheinlichkeit senkt, an Krebs zu sterben – werden Frauen in Deutschland so gut wie nie mitgeteilt.“
Die Verfasser der Info-Broschüre über das Mammographie-Screening widersprechen dem nicht. Tatsächlich sei beim Entwurf der Info-Broschüre über das Mammographie-Screening über Hinweise zum Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit diskutiert worden, teilt der Gemeinsame Bundesausschuss auf Anfrage mit. Doch aufgrund von „in der Nutzerinnentestung aufgezeigten Verständnisproblemen“ sei auf diese Hinweise letztlich „verzichtet“ worden.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) antwortet nicht selbst, sondern verweist an die „Kooperationsgemeinschaft Mammographie-Screening“, die sich im Auftrag der KBV und des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen um die gesamte Thematik kümmere. Die Kooperationsgemeinschaft wiederum sendet zur Beantwortung das Statement eines Medizin-Professors der Universität Münster namens André Krach. Darin räumt Krach ein: „Es ist unstrittig, dass der Einfluss eines Screening-Programms auf die Lebenserwartung bzw. Gesamtsterblichkeit/Gesamtkrebssterblichkeit empirisch kaum zu sichern ist”. Dafür würden Studien mit „unrealistisch großen Fallzahlen benötigt“.
Das hat einen statistischen Grund: Brustkrebs ist zwar eine häufige Krebsart, macht aber bezogen auf alle Todesursachen und auch auf alle Krebstodesfälle zusammen nur einen relativ kleinen Anteil aus. Der Bruchteil an Brustkrebs-Todesfällen, den das Screening verhindert, ist in der Gesamtstatistik so klein, dass er im statistischen Hintergrundrauschen schlicht untergeht.
Auch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) widerspricht der Kritik von Gigerenzer und seinen Kollegen nicht. Man habe den Verlautbarungen vom Juli 2025 „an dieser Stelle nichts hinzuzufügen“. Auf Nachfrage beim BMG stellt sich heraus: Die Aussage, dass die Brustkrebs-Todesfälle bei Frauen, die am Screening teilnehmen, zwischen 20 bis 30 Prozent zurückgehen würden, stammt nicht vom BMG selbst. Das BMG hat sie einfach vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) übernommen, das die damals veröffentlichte Studie zur „Evaluation der Brustkrebsmortalität im deutschen Mammographie-Screening-Programm“ gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium initiiert hatte.
Der Trick mit den relativen Risiken
Doch wie kommt man nun zu der vermeintlich spektakulären Verringerung der Brustkrebssterblichkeit in Höhe von 20 bis 30 Prozent? Diese Zahl ist keineswegs neu. Bereits bei der Einführung des Mammographie-Screenings wurde von der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit dieser Zahl geworben.
Der statistische Trick dahinter ist alt: Man informiert über die relative Reduktion der Brustkrebssterblichkeit. Unterschlagen werden die absoluten Zahlen: Die Sterblichkeit sinkt während elf Jahren von 5 auf 4 unter je 1000 Frauen, also um 1 von 1000, oder um 0,1 Prozentpunkte (siehe Punkt 3).
Statt in absoluten Zahlen präsentiert man diesen Effekt als relative Reduktion von 20 Prozent (von 5 auf 4); teils ist sogar von 30 Prozent die Rede. Diese Darstellungsweise überhöht den winzigen Effekt erheblich.
Ehrliche Kommunikation
Die „20 bis 30 Prozent“ in den Pressemeldungen des Gesundheitsministeriums sind damit nicht nur irreführend. Aus Sicht des Teams um Gigerenzer stellen sie auch einen klaren Verstoß gegen die seit langem geltenden Standards einer fairen Gesundheitskommunikation dar.
Auch die Deutsche Krebshilfe warb in ihren ersten Broschüren mit der relativen Risikoreduktion in Höhe von 20 bis 30 Prozent. Gerd Gigerenzer arbeitete um 2010 mit der Krebshilfe zusammen: Gemeinsam wurden die relativen Risiken – ebenso wie die irreführenden Fünf-Jahres-Überlebensraten – aus dem „Blauen Ratgeber Brustkrebs“ gestrichen und durch verständliche absolute Zahlen ersetzt. Heute finden sich in den Broschüren tatsächlich keine relativen Risiken mehr, und auch über Nachteile wird informiert.
Fragwürdige Hochrechnung
Andere Informationsmaterialien überzeichnen den Nutzen des Screenings jedoch weiterhin. Das zeigt unter anderem die aktuelle Broschüre des Gemeinsamen Bundesausschusses, die auch ich mit meiner Einladung zum Untersuchungs-Termin geschickt bekam.
Dort steht nicht, dass das Screening die Lebenserwartung nicht erhöht. Dort steht auch nicht, dass 1 von 1000 Frauen weniger an Brustkrebs stirbt. Stattdessen heißt es auf Seite 12 der Broschüre: „Von 1000 Frauen werden etwa 3 bis 8 vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt“.
Wie kommt das zustande? „Man rechnete anscheinend den Effekt, der für einen Zeitraum von etwa elf Jahren nachgewiesen ist, linear auf 25 Jahre hoch – ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage“, teilt das Team um Gigerenzer mit. Die einzige Studie, die den Effekt über 25 Jahre verfolgte (mit 100.000 Frauen), fand dagegen keinerlei Rückgang der Brustkrebssterblichkeit durch Screening-Programme.
Kommerzielle Interessen
Doch wie kommt es, dass der Nutzen des Mammographie-Screenings sowohl von der Bundesregierung als auch von Ärzteorganisationen seit Jahren gelobt und gepriesen wird? Auch dafür haben die Forscher um Gigerenzer eine Erklärung: Frauen würden nicht zuletzt deshalb von Anfang an über Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings systematisch in die Irre geführt, „weil das Programm eine milliardenschwere Einnahmequelle für Radiologen, Kliniken und Gerätehersteller ist“.
Karl Lauterbach gesteht mangelnden Nutzen ein
Mit ihrer Kritik stehen die Wissenschaftler nicht allein. Tatsächlich erhielten sie vor einigen Jahren aus einer überraschenden Richtung Zustimmung: 2002 war der damalige Gesundheitsexperte der SPD und spätere Gesundheitsminister Karl Lauterbach maßgeblich an der Einführung des Mammographie-Programms beteiligt. Zwölf Jahre später räumte er gegenüber dem Magazin Spiegel ein: Es sei an der Zeit, den Brustkrebscheck neu zu bewerten. „Alle neuen Erkenntnisse sprechen in der Tendenz gegen das Screening.“
Ich habe mich bisher gegen das Mammographie-Screening entschieden. Trotzdem kann ich jede Frau gut verstehen, die daran teilnehmen möchte. Wichtig ist aus meiner Sicht nur, dass Institutionen wie das Bundesgesundheitsministerium, die Kassenärztliche Vereinigung und auch Medien wie die ARD endlich die dafür maßgeblichen Fakten vollständig und unverzerrt wiedergeben.
Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie unsicher sind, ob eine Teilnahme am Mammographie-Screening für Sie sinnvoll ist, sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt. Knoten oder andere Veränderungen an der Brust sollten Sie unabhängig vom Screening zeitnah ärztlich abklären lassen.
