
Den Organspendeausweis auf der Haut

Über 30.000 Menschen tragen bereits das Organspende-Symbol als Tätowierung. Aber wie kommt es ans Handgelenk? Ein Besuch im Berliner Atelier Peony
Sie trägt schon den Mundschutz und die Stirnlampe, hat die Tätowiermaschine in der Hand – da stutzt Pauline, und auch wenn man ihr Gesicht kaum erkennen kann, verströmt sie Empathie und Zuneigung.
„Hast du Kinder, Sophie?", fragt sie die Frau, die ihren Arm etwas unsicher in das Licht der Lampe streckt und der sie gerade ein Organspende-Tattoo stechen will.
Sophie: „Ja, zwei."
Pauline: „Mach dir keine Sorgen. Das hier merkst du kaum."
Für Sophie ist das Organspende-Tattoo, das sie an diesem Augusttag im Berliner Atelier Peony bekommt, die erste Tätowierung. Und wohl auch die letzte.
Für Pauline ist es das 406. Mal, dass sie genau dieses Tattoo sticht.
Ausweis und Register
Um ihre Bereitschaft zur Organspende zu dokumentieren, haben mehr als 25 Millionen Menschen in Deutschland einen Organspendeausweis. Auf dieser Seite können Sie ihn ausfüllen und herunterladen. Wer ihn nicht selber ausdrucken möchte, kann ihn auch kostenlos als Plastikkarte bestellen. Zudem ist es seit einigen Jahren möglich, sich in ein Online-Register eintragen zu lassen. Dies hat den Vorteil, dass die Informationen sofort von Ärztinnen und Ärzten abgerufen werden können.
Diese Möglichkeit ist auch automatischer Bestandteil der Afilio-Notfallkarte, die unter anderem rechtssichere Angaben über die Bereitschaft zur Organspende enthält.
Das „Opt.Ink"-Tattoo der „Jungen Helden" ist rechtlich nicht bindend – aber ein sehr deutlicher Hinweis auf den Willen des Trägers, der Angehörigen die Zustimmung zur Organentnahme erleichtert.

Tausende warten auf ein Organ
Man kann sich schwer vorstellen, dass die beiden Frauen in einem Café die Köpfe zusammenstecken. So verschieden sind sie. Pauline – ganz in schwarz und mit ein paar rötlichen Farbakzenten im Haar – trägt eine große, spinnenartige Tätowierung am Hals; Sophie verströmt von der Brille bis zu den Birkenstocks so ziemlich das Gegenteil von Rebellion.
Aber es gibt etwas, das sie verbindet. Sie wollen dazu beitragen, dass es mehr Organspenden in diesem Land gibt. Dass nicht länger über 8000 Menschen auf ein Organ warten müssen – und viele hundert jedes Jahr sterben, weil sie nicht rechtzeitig eines bekommen. 633 Patienten in Deutschland waren das allein im Jahr 2025.
Deutschland liegt zurück
Deutschland liegt im europäischen Vergleich bei der Organspende im hinteren Mittelfeld. Deutlich höhere Transplantationsraten erreichen Länder wie Spanien und Österreich. Nach vorläufigen Zahlen des weltweiten Organspende-Registers Irodat für 2025 liegt die Zahl der Spender pro Million Einwohner auch in Belgien, Tschechien, Portugal oder Italien rund drei Mal so hoch wie in der Bundesrepublik.
„Das war knapp."
Sophie erzählt, wie ihr Vater eine Herzmuskelentzündung verschleppte, wie die Krankheit nicht erkannt und immer schlimmer wurde. Sie hätten ihm sogar Asthma-Spray gegen die Luftnot gegeben. Als die richtige Diagnose endlich kam, brauchte er – mit gerade 48 Jahren – ein neues Herz. „Es war gut, dass er so jung war", sagt Sophie. Das habe dazu beigetragen, dass er eines der knappen Spenderorgane bekommen habe. Heute, auf den Tag genau, sei das 23 Jahre her. „Das war ganz knapp."
Dem gespendeten Organ habe der Vater zu verdanken, dass er die Geburt seiner Enkel habe erleben können. Aber nicht nur er habe profitiert: „Uns wurden einfach viele Jahre mit meinem Papa geschenkt, und dafür werden wir alle immer dankbar sein!"
Um an ihn und seinen Spender zu erinnern, wünscht sich die 43-Jährige ein kleines Herz neben dem Organspende-Symbol. Pauline klappt das Tablet auf und schiebt auf dem Bildschirm die beiden Elemente hin und her. Das Herzchen hat unten eine winzige Öffnung, es sieht fast fröhlich aus. „Gefällt dir das?“, fragt Pauline. „Oder eher so.”

Ein unmissverständliches Statement
Das „Opt.Ink" genannte Organspende-Tattoo selbst ist nur ein paar Zentimeter groß und ausgesprochen schlicht, entworfen vom südkoreanischen Künstler Gara und in Deutschland verbreitet vom Verein „Junge Helden". Zwei Halbkreise schieben sich zu einem Ganzen zusammen. Was getrennt war, ist nun eins. Mehr als 30.000 Menschen tragen es bereits als Werbung für das „Geschenk des Lebens", wie die „Jungen Helden" die Organspende nennen. Auf ihrer Webseite kann man erfahren, wo es das Tattoo gibt – und wo und wann es von Überzeugungstäterinnen wie Pauline umsonst gestochen wird.
Weit mehr Menschen wären bereit, ihre Organe zu spenden, als es am Ende tatsächlich tun. Das liegt vor allem daran, dass längst nicht jeder zu Lebzeiten eindeutig seinen Willen äußert – und die Angehörigen mit einer Entscheidung für die Entnahme verständlicherweise zögern, wenn sie nicht genau wissen, was der Tote sich gewünscht hat. „Man beschäftigt sich erst damit, wenn man selbst betroffen ist", sagt Sophie. Bei ihr sei das vor der Krankheit des Vaters ganz ähnlich gewesen, aber inzwischen habe in ihrer Familie jeder einen Organspendeausweis.
Zustimmung oder Widerspruch
Ob die aktive Zustimmung ausreicht, um Spender zu identifizieren, ist seit langem umstritten. Im Bundestag gibt es einen neuen Anlauf, das Verfahren zu ändern – dann würde jeder nach seinem Tod Organspender, der dies nicht zu Lebzeiten aktiv abgelehnt hat. Frei von Problemen ist auch diese Widerspruchslösung nicht. Aber es muss etwas geschehen. In Spanien etwa kommen pro Jahr auf eine Million Einwohner etwa 50 Organspender. In Deutschland waren es nach den Zahlen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit im Jahr 2025 11,8.
Entscheidung oder Widerspruch
In Deutschland können einem Toten nur Organe entnommen werden, wenn er selbst oder – stellvertretend für ihn – seine Angehörigen dem zugestimmt haben. Um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger dazu zu bewegen, sich aktiv zu entscheiden, verschicken die Krankenkassen regelmäßig Informationsmaterial und Ausweisvordrucke.
Die wichtigste Alternative zu dieser Regelung ist die auch in Deutschland immer wieder diskutierte Widerspruchslösung. Gerade befasst sich der Bundestag mit einer neuen Initiative für diesen Weg. Danach wird grundsätzlich jeder Organspender, der sich nicht bewusst dagegen entschieden hat. In vielen Ländern mit besonders hohen Spenderzahlen wird so verfahren.
Auf einem Festival ist Sophie erstmals dem Organspende-Tattoo begegnet, die „Jungen Helden" hatten dort einen Stand, an dem Pauline tätowiert hat. Seitdem wuchs in ihr der Wunsch, auch so eine Tätowierung zu tragen. Sie will etwas nach außen zeigen. Deshalb soll das Tattoo auch nicht an irgendeiner unauffälligen Stelle verborgen werden.
Aber wo soll es hin? Die beiden Frauen entscheiden sich für knapp über dem Handgelenk. Lange steht Sophie mit dem erstmal nur aufgemalten Symbol und dem kleinen Herzchen vor dem Spiegel. Sie schaut, wie es wirkt, aus welchen Perspektiven man es sehen kann. Ob es aus einer Richtung vielleicht komisch oder verstümmelt aussieht oder wie ein Relikt der letzten Mahlzeit. „Vielleicht ein Mü weiter hinten", sagt sie vorsichtig. Die Stille danach klingt wie: Es geht ja nie wieder weg.

Sichtbar und doch dezent
Als Pauline die Vorlage an der richtigen Stelle platziert hat, legt sich Sophie auf eine Liege. Am Kopfende ist der Entwurf eines riesigen Rückentattoos zu sehen. Mit prächtigen Blumen am unteren Ende, die für die Pobacken der Kundin gedacht sind. „Die Frau ist gerade verbeamtet worden", sagt Pauline – und beide lachen.
Sophie ist etwas aufgeregt, aber völlig kontrolliert – und Pauline macht es ihr so leicht wie möglich. „Dauert nur fünf Minuten", flötet sie. „Mit Herzchen sechs." Die Szene könnte nicht friedlicher sein.

Als alles fertig ist, dreht und wendet Sophie den Arm. Sie weiß nicht, was ihr Vater sagen wird, der nichts von ihrer Entscheidung weiß und ziemlich konservativ ist. Die Arbeitskollegen werden sich nicht wundern, denn sie kennen die Qualitätsmanagerin seit vielen Jahren – und auch ihre Verbindung zur Organspende.
Irgendwann kommt ihr Mann in den Laden, um sie abzuholen. Sie sieht ein bisschen erleichtert aus. Und sehr zufrieden.
Lesetipp: Alles Wichtige zu Ablauf, Ausweis und Register finden Sie in unserem Ratgeber Organspende – das sollten Sie wissen.
Über 150.000 Organtransplantationen seit 1963
Seit vielen Jahren werden in Deutschland Organe entnommen und implantiert. Profitiert haben über die Jahrzehnte mehr als 150.000 Menschen. Im Einzelnen wurden zwischen 1963 und 2024 eingesetzt:
- 98.798 Nieren
- 30.435 Lebern
- 15.140 Herzen
- 8.074 Lungen
- 4.355 Bauchspeicheldrüsen
- 121 Därme
