Medikamente im Alter

Cornelia Stolze
Vom 04.11.2026

Menschen über 65 nehmen oft mehrere Arzneimittel parallel ein. Was viele nicht wissen: Mit zunehmendem Alter verträgt der Körper viele Präparate schlechter als in jüngeren Jahren. Einige sollten deswegen nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen eingesetzt werden. Eine Liste verrät, welche Medikamente das genau sind. Aber Achtung: Bitte keine Arzneimittel auf eigene Faust absetzen! Nutzen Sie die Liste vielmehr als Grundlage für ein Gespräch mit Ihrem Arzt. Auch etliche Apotheken bieten kostenlose Beratungen an, um die Arzneimitteltherapie zu verbessern und offene Fragen zu beantworten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Fast jeder dritte Mensch über 65 nimmt fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig ein.
  • Mit dem Alter arbeiten Nieren und Stoffwechsel anders. Eine jahrelang gut vertragene Dosis kann plötzlich zu hoch sein.
  • Die Priscus-Liste nennt Wirkstoffe, die für Ältere potenziell ungeeignet sind, und besser verträgliche Alternativen.
  • Nichts eigenmächtig absetzen: Lassen Sie Ihre Medikamente mindestens einmal im Jahr von Arzt oder Apotheke prüfen.

Arzneimittel sollen Beschwerden lindern, Krankheiten in Schach halten und das Leben verlängern. Und oft tun sie das auch: Sie retten unzähligen Menschen das Leben, nehmen Operierten stärkste Schmerzen und schützen vor schwerwiegenden Folgen von Diabetes, Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Doch gerade im Alter können Medikamente selbst zum Problem werden. Denn zahlreiche Arzneimittel können bei Senioren häufiger oder andere Nebenwirkungen auslösen als bei jungen Menschen. Das liegt auch daran, dass viele Ältere wegen chronischer Erkrankungen dauerhaft Arzneimittel einnehmen – oft mehrere parallel. Bei fast jedem dritten über 65-Jährigen sind es fünf Präparate und mehr. Nicht selten umfasst der tägliche Tabletten-Mix sogar zehn, zwölf oder zwanzig verschiedene Mittel.

Anderer Stoffwechsel, andere Wirkung

Aber nicht nur die Anzahl der Präparate macht den Unterschied. Auch der Körper verändert sich im Laufe des Lebens. Der Wassergehalt, die Muskelmasse, der Fettanteil und sogar die Zusammensetzung des Blut­es hängen auch vom Alter ab. Zudem lässt die Leistungsfähigkeit der Nieren nach, über die viele Medikamente ausgeschieden werden. Ab dem 40. Lebensjahr nimmt die Nierenfunktion um rund ein Prozent pro Jahr ab. Bei Menschen, die an Blut­hochdruck oder Diabetes leiden, verringert sie sich sogar deutlich stärker. Deshalb muss bei vielen Medikamenten, die über die Nieren ausgeschieden werden, mit der Zeit die Dosis reduziert werden.

In der Praxis heißt das: Sogar, wenn Sie ein Medikament seit 20 Jahren in einer bestimmten Dosierung einnehmen, kann es sein, dass Sie dieses mit der Zeit nicht mehr so gut vertragen und auf einmal Nebenwirkungen auftreten, die Sie bis dahin nie hatten.

Allein dadurch, dass das Arzneimittel mittlerweile zu langsam ausgeschieden wird, kann zum Beispiel die bisherige Einnahme von drei Tabletten am Tag zu einer Überdosierung führen. Im Einzelfall kann es sogar sinnvoll sein, ein Arzneimittel ganz abzusetzen, wenn die Nebenwirkungen zu stark sind.

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Ältere Hände halten mehrere bunte Tabletten und Kapseln

Das Problem beginnt oft im Kranken­haus

Gerade Kranken­häuser sind in diesem Zusammenhang ein schwieriger Ort. Zu diesem Schluss kommt unter anderem eine Untersuchung, die die Pharmakologin Petra Thürmann vor wenigen Jahren durchgeführt hat. Die Medizinerin ist Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke und leitet das Philipp-Klee-Institut für klinische Pharmakologie am Helios-Klinikum Wuppertal. Wie wenige andere Mediziner in Deutschland hat sich Thürmann in den vergangenen Jahren um die Aufklärung über Nebenwirkungen verdient gemacht.

In ihrer Studie hatte die Forscherin gemeinsam mit mehreren Kollegen die medikamentöse Behandlung (Medikation) von mehr als 150.000 Seniorinnen und Senioren untersucht. Ein Ergebnis: „Viele alte Menschen schlucken Medikamente, die für sie nicht geeignet sind“, so Thürmann. „30 Prozent der Untersuchten nahmen nach der Entlassung aus dem Kranken­haus mindestens ein Arzneimittel, das für ältere Menschen potenziell unangemessen ist. 70 Prozent bekamen Medikamente zu lange oder in zu hohen Dosen.“

Potenziell ungeeignete Medikamente: Die Priscus-Liste

Die sogenannte Priscus-Liste zählt die für Menschen über 65 Jahre problematischen, in häufig verordneten Arzneimitteln enthaltenen Wirkstoffe auf. Ärzte sprechen von „potenziell inadäquater Medikation“, kurz PIM. Das bezieht sich vor allem auf Wirkstoffe, die das Risiko für Stürze erhöhen, Schwindel hervorrufen, das Denkvermögen beeinträchtigen oder aber zu einem schnellen Abfall des Blut­drucks führen können. Immer wieder kommt es zu so schweren Komplikationen durch PIM, dass die Betroffenen in ein Kranken­haus eingeliefert werden müssen.

Die erste Version der Priscus-Liste für den deutschen Arzneimittelmarkt erschien 2010. Sie umfasste rund 80 problematische Wirkstoffe. Inzwischen wurde die Liste überarbeitet und ergänzt. Die neue Version enthält 187 PIM, mehr als doppelt so viele Substanzen wie die ursprüngliche Liste, und benennt Alternativen mit weniger Nebenwirkungen. Die Aufnahme in die Liste bedeutet nicht automatisch, dass der Wirkstoff in jedem einzelnen Fall vermieden werden muss – aber besondere Vorsicht ist geboten. Wer ein potenziell ungeeignetes Medikament einnimmt, sollte es auf keinen Fall eigenständig absetzen, sondern mit dem Arzt oder der Ärztin darüber sprechen. Petra Thürmann hat sowohl die Original-Version der Priscus-Liste als auch die Aktualisierung im Jahr 2022 federführend betreut.

Tipp: Kostenlose Broschüre zu Medikamenten im Alter

Die aktuelle Priscus-Liste ist im Internet frei verfügbar. Für Patienten, deren Angehörige und Pflege­nde sind die darin enthaltenen Tabellen und wissenschaftlich-medizinischen Anmerkungen jedoch häufig mühsam zu erfassen. Deshalb hat das Bundesforschungsministerium eine allgemeinverständliche Broschüre erstellt, die die Priscus-Liste für alle zugänglich macht.

Nach Krankheitsbildern gegliedert, fasst die Broschüre die häufigsten Nebenwirkungen zusammen und nennt Wirkstoffe, die möglicherweise besser verträglich sind. Die Palette reicht von Wirkstoffen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Mittel gegen Diabetes, gegen Schmerzen, gegen Schlaflosigkeit, Ängste, Depression, Parkinson-Syndrome, Unruhe, Gedächtnis­störungen und Aggressivität. Ein Schlagwortregister listet zudem alle 200 Wirkstoffe alphabetisch auf, die für ältere Menschen als potenziell ungeeignet eingestuft sind. In der Liste finden sich keine Handelsnamen von Arzneimitteln, denn die können je nach Hersteller sehr unterschiedlich sein.

Darüber hinaus finden sich in der Broschüre Informationen zu typischen Nebenwirkungen und deren möglichen Auslösern sowie praktische Tipps. Zum Beispiel den, die gesamte Medikationsliste wenigstens einmal im Jahr gemeinsam mit einem Arzt oder einer Ärztin zu „entrümpeln“. Immer wieder kommt es nämlich vor, dass ein Medikament über Monate und Jahre nur deshalb weiter genommen wird, weil der Arzt vergessen hat, es abzusetzen.

Die Broschüre wurde 2026 aktualisiert. Sie ist kostenlos erhältlich und kann im Internet als pdf-Dokument heruntergeladen werden. Wer möchte, kann sich die Broschüre auch zuschicken lassen. Schriftliche Bestellungen sind zu richten an:

Publikationsversand der Bundesregierung Postfach 50 10 54 18155 Rostock

oder per E-Mail an: publikationen@bundesregierung.de per Fax an: 030 18 10 272 272 11 Telefonische Bestellungen über: 030 18 272 272 1

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Cornelia Stolze

Cornelia Stolze schreibt seit Mitte der 1990er-Jahre als unabhängige Wissenschaftsjournalistin über aktuelle Themen der Medizin, Psychologie und Biotechnologie. Als Naturwissenschaftlerin geht sie den Dingen gerne auf den Grund – wenn nötig, auch investigativ. Ihre Texte und Arbeiten finden Sie u. a. in Zeitschriften und Zeitungen (u.a. Welt, Cicero, DIE ZEIT, Stern), ihren Büchern (u.a. „Verdacht Demenz“) und unter www.corneliastolze.de

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