
Die Angst vor dem Sturz: Schwindel im Alter

Als meine Mutter vor zwei Jahren eines Morgens aus dem Bett aufstand, war plötzlich alles anders. Kaum aufgestanden, stürzte sie und fing sich in letzter Sekunde am Schrank ab.
„Alles dreht sich,” sagte sie zu meinem Vater. Sie war damals 68 Jahre alt. Es vergingen Stunden, doch der Schwindel verschwand nicht. Nie zuvor hatte sie so etwas erlebt. Sie konnte nicht stehen oder gehen. An Fahrrad- oder Autofahren war gar nicht zu denken. Was ist das? Und vor allem: Was, wenn das so bleibt? Diese Fragen trieben unsere ganze Familie sofort um.
Noch am gleichen Tag fuhr mein Vater meine Mutter zum Hausarzt. Wir vermuteten das Schlimmste: Stimmt etwas nicht mit Mamas Gehirn? Ein Hirntumor? Ein Infarkt vielleicht?
Doch die ärztliche Diagnose ließ uns aufatmen: „Lagerschwindel. Ganz typisch, dass es so plötzlich auftritt. Es hat irgendwas mit der Ablagerung von Kristallen in meinem Innenohr zutun,” berichtete meine Mutter uns, „Ich soll Gymnastik-Übungen machen, um die Kristalle wieder in die richtige Bahn zu bringen. Dann sollte es sich in ein paar Tagen legen.”
Und das tat es auch. Mit ein paar einfachen Bewegungsübungen und ganz ohne Medikamente war der Spuk schon zwei Tage später wieder vorbei. Meine Mutter hat seitdem zum Glück nie wieder diese Art von Schwindel erlebt.
Leser fragen, Afilio antwortet
Frage von einem anonymen Afilio-Nutzer:
„Könnten Sie bitte das Thema 'Schwindel im Alter und Gangunsicherheit' thematisieren?”
Es trifft jeden Dritten – doch die Gründe sind meist harmlos
Meine Mutter ist mit ihren Beschwerden bei Weitem nicht allein: Laut der Deutschen Hirnstiftung hat schätzungsweise rund jeder dritte Erwachsene in Deutschland schon einmal moderaten bis starken Schwindel erlebt. Menschen über 70 sind dabei etwa dreimal so häufig betroffen. Erhebungen deuten zudem darauf hin, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer.
Viele Betroffene nehmen das einfach so hin und machen sich große Sorgen, dass etwas sehr Schlimmes dahinterstecken könnte – was aus meiner Sicht völlig verständlich ist, wenn der eigene Körper einem schlagartig nicht mehr gehorcht.
Eines ist sicher: Schwindel sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Oft stecken jedoch ganz harmlose Gründe dahinter. Wenn Sie die Ursache des Schwindels verstehen, finden Sie häufig einfache Mittel zur Linderung oder lernen, worauf Sie achten müssen. Damit holen Sie sich ein großes Stück Sicherheit und Lebensqualität zurück in Ihren Alltag.
Unser Gleichgewicht: Eine komplizierte Teamleistung
Unser Gleichgewicht ist eine Meisterleistung des Körpers. Damit wir sicher stehen und gehen können, arbeiten drei Systeme eng zusammen: unsere Augen, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und die Sinneszellen in den Muskeln und Gelenken, die dem Gehirn melden, wo wir uns gerade befinden.
Mit den Jahren verändern sich diese Systeme ganz natürlich. Die Augen werden schwächer, und die Nerven brauchen einen Moment länger für ihre Antwort. Unser Gehirn muss ordentlich schuften, um das alles auszugleichen. Wenn dann noch eine neue Gleitsichtbrille oder ein Medikament dazu kommt, gerät das System schon mal aus dem Takt. Fachleute nennen das „Multisensorischen Schwindel“ – was eigentlich nur heißt: Es sind viele kleine Baustellen, die zusammen für das Schwindelgefühl sorgen.
Karussell oder Boot? Schwindel ≠ Schwindel
Schwindel ist nicht gleich Schwindel. Ihrem Arzt hilft es sehr, wenn Sie ihm genau sagen können, wie es sich anfühlt:
- Dreht sich alles wie im Karussell? Dann liegt die Ursache oft direkt im Innenohr.
- Fühlt es sich eher wie ein Schwanken an oder wie ein kurzes „Absacken“ im Kopf, wie in einem Fahrstuhl? Das liegt oft am Kreislauf oder daran, wie der Körper die Bewegungen steuert.
Besonders im Alter tritt häufig der sogenannte Lagerungsschwindel auf, wie auch bei meiner Mutter. Dabei lösen sich im Innenohr winzige Kalkkristalle und lagern sich an Stellen ab, wo sie nicht hingehören. Das sorgt für kurze, heftige Attacken bei schnellen Bewegungen, etwa wenn man sich im Bett umdreht.
Die gute Nachricht: Dieser Schwindel lässt sich erstaunlich einfach durch ein paar gezielte Bewegungsübungen lindern. Der Gang zum Arzt lohnt sich hier wirklich – das kann ich persönlich bezeugen!
Fünf Tipps für mehr Sturzsicherheit im Alltag
Aus Angst vor einem Sturz bewegt man sich oft weniger – doch genau das verschlimmert die Symptome. Denn unser Kopf und unsere Muskeln brauchen das Training, um das Gleichgewicht fit zu halten.
Sie erleben öfter mal Schwindel? Dann machen Sie so Ihr Zuhause und Ihren Alltag sicher:
- Licht an: Sorgen Sie für helle Lampen, besonders nachts auf dem Weg zum Bad. Wer sieht, wo er hintritt, stolpert seltener.
- Stolperfallen raus: Lose Läufer oder rutschige Teppiche sollten Sie aussortieren oder gut festkleben.
- Zeit lassen: Stehen Sie morgens langsam auf. Bleiben Sie erst einen Moment auf der Bettkante sitzen, damit der Blutdruck hinterherkommt.
- Genug trinken: Wassermangel ist einer der häufigsten Gründe für Schwindel. Stellen Sie sich am besten morgens schon eine Flasche bereit und achten Sie darauf, über den Tag verteilt genügend zu trinken.
- In Bewegung bleiben: Ein kleiner Spaziergang um den Block ist das beste Training. Es gibt auch Kurse zur Sturzprophylaxe, die Ihre Beine kräftigen und nebenbei sogar Spaß machen können.
Wann der Arztbesuch wichtig ist
Gehen Sie bei Schwindel lieber einmal zu viel zum Arzt als einmal zu wenig, besonders wenn er ganz neu auftritt. Der Arzt kann prüfen, ob vielleicht nur Ihre Medikamente neu eingestellt werden müssen. Manchmal hilft auch eine gezielte Physiotherapie. Moderne Schwindelzentren können heute zudem sehr präzise feststellen, woher die Beschwerden rühren.
Aber Achtung: Wenn zum Schwindel plötzlich Sprachstörungen, Lähmungen, heftige Kopfschmerzen oder ein Ohrensausen hinzukommen, bitte auf keinen Fall abwarten! In diesem Fall sollten Sie sich sofort in eine Notaufnahme bringen lassen oder die 112 anrufen, um sicherzugehen.
Wie Sie Betroffenen helfen können
Sie sind nicht selbst betroffen, aber kennen eine Person, die öfter Schwindelattacken erlebt? Auch als Angehöriger können Sie viel tun.
Reden Sie darüber und machen Sie Mut. Ein gemeinsamer Spaziergang oder Kräftigungsübungen geben Sicherheit und nehmen die Angst vor der nächsten Attacke. Meiner Mutter hat es besonders geholfen, ihre Symptome schnell ärztlich abklären zu lassen. Dafür war es sehr wichtig, dass mein Vater sie beruhigt und zum Arzt gefahren hat.
Schwindel ist kein Schicksal, mit dem man sich abfinden muss. Mit ein bisschen Geduld und der richtigen Behandlung steht man meist bald wieder fest mit beiden Beinen im Leben.
Wenn Sie sich weiter über die medizinischen Hintergründe und Behandlungsmöglichkeiten informieren möchten, finden Sie vertiefende und unabhängige Informationen auf den Seiten der Uniklinik Freiburg oder im Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum (DSGZ) am LMU Klinikum München.